Hilton Talk – Digitale Empörungsdemokratie: Die erregte Gesellschaft im 21. Jahrhundert

München, 25.11.2013 – Vom Internet-Guru über den Reputationsmanager bis hin zum streitbaren Publizisten und überzeugten Katholiken. Im Rahmen der 19. Ausgabe des Hilton Talks diskutierte Moderator Michael Märzheuser vor rund 90 geladenen Gästen mit drei Experten über die Auswirkungen der freien Meinungsäußerung im Internet auf unsere Gesellschaft. Zum Fluch und Segen von Twitter, Facebook und Co. äußerten sich Internet-Guru Ossi Urchs, der Reputationsmanager Christian Scherg sowie der Publizist und Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV Martin Lohmann.

Den Kunden zuhören, mit ihren Sorgen respektvoll und sachlich umgehen, von den Kunden lernen und diese aktiv in die Problemlösung mit einbinden. Wenn Unternehmen im Internet von einer Welle der Empörung, einem so genannten „Shitstorm“ überrollt werden, sollten sie genau diese Ratschläge befolgen, so Ossi Urchs. Für den Internet-Guru bedeutet die Digitalisierung unserer Gesellschaft mehr Chancen als Risiken. Chancen sieht Urchs vor allem für Unternehmen darin, über die sozialen Medien als Plattform völlig neue Business-Konzepte zu entwickeln. Konzepte, die es den Unternehmen für kleines Geld möglich machen, Prozesse wie die Messung, Kontrolle und Relevanz von Werbemaßnahmen und Kundenwünschen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Die enormen Umwälzungen in unserer Gesellschaft, ausgelöst durch das digitale Zeitalter, sieht der Internet-Guru ähnlich gravierend wie zur Zeit der europäischen Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert. „Fangt endlich an, selbst und neu zu denken“, so Urchs im Gespräch mit Michael Märzheuser.

Um sich für einen möglichen „Shitstorm“ zu rüsten, empfiehlt Reputationsmanager Christian Scherg seinen Kunden, bereits im Vorfeld namhafte Experten zu engagieren, die im Ernstfall für das betroffene Unternehmen sprechen. Ist die Welle der Empörung bereits losgetreten, sollte diese in eigene Kanäle geleitet und gesteuert werden. Dort können die Auswirkungen später selbst aus dem World Wide Web gelöscht werden denn, „das Internet vergisst nicht“, so Scherg. Für den Berater für Online-Strategien stellt sich im Zusammenhang mit der freien Meinungsäußerung im Internet auch die Frage nach moralischen Werten. Das deutsche Rechtssystem biete gegen Rufmord im Internet bisher keinen Schutz. Neben der Forderung nach mehr Verantwortung für Politik und Medien setzt sich Scherg auch für die Einführung eines Unterrichtsfachs „Medienkunde“ ein, um vor allem junge Menschen mit den Mechanismen der massenhaften Vernetzung im Internet vertraut zu machen.

Einen „Shitstorm“ am eigenen Leib erlebte der streitbare Publizist und überzeugte Katholik Martin Lohmann. Auslöser dieses Sturms der Entrüstung im Internet waren seine öffentlichen Äußerungen zu Themen wie Abtreibung und Homo-Ehe. Über verschiedene Kanäle im Internet wurde er wegen seiner konservativen Haltung diffamiert und beleidigt. Im Sinne der Wahrheit fordert Lohmann gerade von den Medien deshalb mehr Verantwortung. Auch die Politik sieht Lohmann aufgrund der immer schneller, direkter und schärfer werdenden Kritik in den sozialen Medien gefordert. „Um diese richtig einzuschätzen, bedarf es einer gesunden Streitkultur, die gepflegt und geübt gehört“, so Lohmann. Neben seinem Appell für ein schulisches Unterrichtsfach „Medienkunde“ fordert Lohmann auch die Verankerung ethischer Werte im Rahmen der journalistischen Ausbildung in Deutschland.