„Wir müssen nicht in völligen Pessimismus verfallen“ ‒ Gespräch mit Christian von Sydow, Jurist und Mitglied der Amerikanischen Handelskammer

Christian von Sydow ist Wirtschaftsjurist und Partner bei „McDermott Will & Emery“, einer global aktiven Anwaltskanzlei mit Hauptsitz in Chicago. Als Experte für Gesellschaftsrecht, M&A, Privat Equity und Restrukturierung berät und vertritt er hochkarätige nationale und internationale Mandanten. Neben seinen beruflichen Tätigkeiten engagiert er sich stark für die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Unter anderem ist er Vorsitzender des Regionalkomittees Bayern der „Amerikanische Handelskammer“ und gilt somit als kompetente Stimme in Bezug auf die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen. Über seine Einschätzung, wie die Wahl die Weltwirtschaft beeinflussen wird und was die Europäer nun erwartet, berichtet er beim Hilton Talk.

MEDIEN-MONITOR: Amerika hat gewählt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Wahlergebnis?

VON SYDOW: Da möchte ich mit einer Anekdote einsteigen. Wir haben am 23. Juni – am Abend vor dem Brexit – im Garten des Amerikahauses einen Jazz-Barbecue gemacht. Der Abend war meine persönliche „Remain Party“. Ich war der festen Überzeugung, dass wir ein knappes Votum für Europa bekommen werden. Anlässlich der Wahl am 8. November hatten wir mit dem Amerikahaus im Bayerischen Landtag eine Wahlparty. Es waren 1200 Menschen zu Gast, darunter viele Mitglieder der amerikanischen Handelskammer. Ich war der Auffassung, dass die Wahl klar für Hillary Clinton ausgehen würde. Wir haben an dem Abend unter den Gästen eine Umfrage gemacht: 82 Prozent der Teilnehmer haben für Hillary Clinton gestimmt. Ich gehörte zu diesen 82 Prozent. Insofern hat uns das Ergebnis überrascht. Sicherlich können und müssen wir mit jeder Administration leben. Die Amerikanische Handelskammer unterstützt und fördert gegenüber jeder Administration das deutsch-amerikanische Wirtschaftsverhältnis. Deswegen werden wir mit Interesse beobachten, was die neue Administration tut.

MEDIEN-MONITOR: Gibt es auch erfahrene Politiker in Trumps Reihen?

VON SYDOW: Der neue Stabschef Reinve Priebus ist eingefleischter Republikaner. Mit Mitt Romney (Kandidat der Republikanischen Partei für die Präsidentschaftswahl 2012, Anmerk. der Redaktion) war er bei Trump. Sie haben darüber gesprochen, ob Romney womöglich der nächste Außenminister wird. Es gibt also nicht nur kontroverse oder unerfahrende Personen, die Mitglied der neuen Administration werden. Es gibt viele bewährte Politprofis der Republikaner. Dan Coats zum Beispiel als ehemalifer Botschafter der USA in Deutschland ist Direktor der Nachrichtendienste geworden. Wir müssen also nicht in Pessimismus verfallen. Anders gilt m.E. für Personen wie Steve Bannon. Ihn und seinen Einfluss wird man genau beobachten müssen. Dennoch: Meine erste Reaktion Enttäuschung, nicht Zufriedenheit. Die Amerikanische Handelskammer, AmCham Germany, wird sich auf jeden Fall – wie die letzten 113 Jahre auch – mit Präsident Trump arrangieren und wird daran arbeiten, ein positives wirtschaftliches Verhältnis zu fördern.

MEDIEN-MONITOR: Steht Trump in der Tradition von Ronald Reagan?

VON SYDOW: Wenn man auf die Kapitalmärkte schaut: Die haben nach der Wahl keine schockartige Reaktion gezeigt, sind nicht abgestürzt, sondern haben positiv reagiert. Sicherlich ist zunächst das Urteil berechtigt: Wir haben mit Trump einen Mann aus der Wirtschaft als Präsident, der wirtschaftsfreundlich regieren wird. Er sagt klar ‘America Fist‘. Das ist eine Sichtweise, die von der Amerikanischen Handelskammer mit Sorge betrachtet wird. Wir sind der Auffassung, dass ein freier Handel zwischen Europa, Amerika und Deutschland das Beste auch für die USA ist. Deutschlands Straßen fahren viele. Wir benutzen im Internet, in der Telekommunikation, und in allen Tech-Bereichen amerikanische High-Tech-Geräte. Die USA leben davon, dass diese Technologie hierher exportiert wird, dass Dienste von US Unternehmen hier genutzt werden und Gebühren dafür gezahlt werden. Deswegen wird auch eine konservative Administration unter Donald Trump daran arbeiten müssen, dass weiterhin ein freier Handels- und Warenverkehr stattfindet.

MEDIEN-MONITOR: Die USA sind der wichtigste Auslandsabnehmer für deutsche Waren. Donald Trump setzt auf Protektionismus. Glauben Sie, dass solche Maßnahmen die Abwanderung US-amerikanischer Arbeitsplätze ins Ausland beenden kann und welche Auswirkung hätte das auf die US-Wirtschaft?

VON SYDOW: Die USA stellen zusammen mit Europa 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung dar. Wir exportieren 115 Milliarden dorthin, die Amerikaner 60 Milliarden hierher. Deutschland und USA sind extrem wichtige, vernetzte Handelspartner. Das wird sich nicht über Nacht ändern. Ich glaube nicht, dass plötzlich der große Protektionismus ausbrechen wird und diese starke Beziehung über Nacht aufhört. Ich glaube allerdings, dass Trump sich bemühen wird, Wirtschaftsprogramme aufzulegen, um die amerikanische Wirtschaft besonders zu fördern. Seine Wirtschaftsprogramme sollten dabei helfen, Bildung, Ausbildung und Infrastruktur zu entwickeln. er das tut, dann tut er Gutes für Amerika. Das würden wir uns wünschen.

MEDIEN-MONITOR: Trump setzt auf niedrige Zinsen und Deregulierung. Ist das für Sie zukunftsweisend?

VON SYDOW: Wir hatten während der Obama Administration und insbesondere nach der Finanzkrise ein heftiges Einsetzen von Regulierungen, insbesondere des Finanzsektors. Nachdem wir gesehen haben, welche Schwierigkeiten eine starke Regulierung hervorgerufen hat, ist das eine vertretbare Gegenreaktion eines politischen Systems. In diesem Bereich wird es immer Pendelbewegungen geben. Manche Regulierung ist vielleicht über die Stränge geschlagen, so dass eine mäßige Deregulierung angebracht ist. Aber wir sollten nicht wieder in vergleichbare Situationen zurückkehren, wie jene, welche die großen Banken- und Wirtschaftskrisen ausgelöst haben.

MEDIEN-MONITOR: Trump setzt auf Steuersenkungen.

VON SYDOW: Eine Steuersenkung muss finanziert werden. Trump wird, wenn er Steuern senken möchte, auf der anderen Seite schauen müssen, woher er das Geld bekommt. Er kann nicht grenzenlos die Schulden Amerikas erhöhen. Deswegen wird es natürliche Grenzen geben. Eine Reform des Steuerrechts ist etwas, was wir in allen Ländern ständig erleben. Das ist auch nötig. Politik kann über das Steuerrecht starken Einfluss nehmen und gestalten. Insofern ist es ein positiver Ansatz der neuen Regierung, dass sie sich fragt „Was können wir tun?“ Das wird auch Trump tun.

MEDIEN-MONITOR: Fracking hat die Rohölpreise massiv gesenkt und auch Amerika weitestgehend unabhängig von Saudi-Arabien und anderen erdölexportierenden Ländern gemacht. Welche Rolle wird Fracking in Amerika weiterhin spielen?

VON SYDOW: Amerika hat durch seine Liberalität, was das Fracking angeht, erheblich Einfluss gehabt auf die Rohstoffpreise. Die sind in Amerika und auch für uns erheblich gesunken. Deswegen ist zu erwarten, dass die Amerikaner diesen Weg weitergehen. Ich persönlich bin der Auffassung, dass Themen wie Klimapolitik weiter zentral sein müssen. In der zweiten Amtszeit hat Obama mit der Unterstützung des Pariser Klimaabkommens maßgeblich zur Verbesserungen des Klimas beigetragen. Wir hoffen und arbeiten daran, dass die Vernunft siegt und auch eine republikanische Administration den Klimaschutz als wichtig erkennt.

MEDIEN-MONITOR: Tesla und Apple sind gerade dabei die Automobilindustrie zu revolutionieren. Glauben Sie, dass sich Audi, Mercedes oder BMW dagegen zur Wehr setzen können?

VON SYDOW: Ich veranstalte einmal im Jahr eine große Konferenz im Bayerischen Hof zum Thema grenzüberschreitende Unternehmenskäufe. Ich versuche regelmäßig, Vertreter der Automobilindustrie und Vertreter der IT-Industrie zum Thema `Autonomes Fahren´ einzuladen. Die sind alle so mit den Themen beschäftigt, und damit, wie sie den Verkehr der Zukunft sicherer gestalten können, dass die Autobauer bisher abgesagt haben. Die sind völlig konzentriert auf diese Zukunftsthemen. Das Positive ist, dass diese Zukunftsthemen durch IT-Konzerne von der Westküste Amerikas angestoßen wurden. Das Gute der Globalisierung ist der weltweite Wettbewerb. Wenn die deutsche Automobilindustrie fürchten muss, dass das autonome Fahren an der Westküste in den USA erfunden wird, dann muss sie umdenken und reagieren. Das haben sie intensiv getan.

MEDIEN-MONITOR: Was macht Sie so sicher?

VON SYDOW: Ich fahre momentan das Golf VII Modell. Da ist schon sehr viel Technologie in Richtung autonomes Fahren verarbeitet. Neulich fuhr ich entlang der Industrie- und Handelskammer in München. Plötzlich machte mein Golf eine Vollbremsung, ohne dass ich selber gebremst habe. Mein Auto identifizierte eine Metallplatte im Boden als etwas den Verkehr Behinderndes. Die deutsche Automobilindustrie arbeitet also am autonomen und sicheren Fahren. Ich meine, wir müssen nicht in Pessimismus verfallen, dass künftig BMW, Mercedes oder VW keine Rolle mehr spielen. Ich meine, dass Wettbewerb und Kooperation beim Auto sehr viel Positives auslösen wird. Der Wettbewerb zwischen den Technologiefirmen an der Westküste der USA und Wolfsburg oder München ist eine gute, belebende, positive Sache.

MEDIEN-MONITOR: Trump lehnt transatlantische Handelsabkommen kategorisch ab. Hat TTIP überhaupt noch eine Chance?

VON SYDOW: Es gibt bei Verhandlungen von internationalen Verträgen immer Hochs und Tiefs. Im Moment gibt es keinen Grund, optimistisch zu sein, dass wir mit TTIP wesentlich weiterkommen. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass TTIP der richtige Weg ist. Und da wird die Trump Administration ein kurzfristiger Rückschlag sein. Aber die Idee als solches ist grandios und sie wird sich durchsetzen. Vielleicht erst nach vier Jahren wieder. Vielleicht noch eine beruhigende Aussage: Nach zwei Jahren wird der Kongress neu gewählt. Das wird die erste Kontrolle der Trump Administration an der Wahlurne sein. Wenn das amerikanische Volk zu der Überzeugung kommt, Trump richtet zu viel Schaden an, dann endet die Übermacht der Republikaner im Kongress schnell. Möglicherweise geht die republikanische Mehrheit schon bei den nächsten Kongresswahlen verloren.

MEDIEN-MONITOR: Die USA sehen sich einem zunehmend selbstbewusstem China gegenüber. Wie bewerten Sie dahingehend den Importstopp von Trump?

VON SYDOW: Auch dort wird er eine Lernkurve durchmachen. Der größte Inhaber von amerikanischen Staatsanleihen ist die Volkrepublik China. Sie sind damit im großen Stil Kreditgeber für ein amerikanisches ‘deficit spending‘. Deswegen wird Trump nicht frei schalten und walten können gegenüber China. Das Land verdient in seiner wirtschaftlichen Entwicklung Respekt. Ich bin zuversichtlich, dass Präsident Trump das lernen wird.

MEDIEN-MONITOR: Wird sich die USA gegen China zu verteidigen wissen?

VON SYDOW: Ich habe großes Vertrauen in die amerikanische Kraft, sich selber zu regenerieren. Obama wird in vielfältiger Beziehung als großer Präsident in die amerikanische Geschichte eingeht. Eines seiner Themen war, das Land zu re-industrialisieren. Er hat genau beobachtet, wie die Deutschen das zum Beispiel mit der Ausbildung machen. Es gibt starke Initiativen, ein ähnliches duales System in Amerika zu etablieren und damit die Ausbildung zu verbessern. Auf dieser Basis wird eine republikanische Verwaltung aufsetzen können und weitermachen: Sie sorgt damit in erlaubter Weise dafür, dass Arbeitsplätze in Amerika entstehen, dass das Land re-industrialisiert wird. Und sich nicht alle Arbeitsplätze nach China verlagern. Das ist eine erlaubte politische Reaktion, die stattfindet. Das ist nicht gegen China gerichtet. Eine Belebung der Industrie und der industriellen Arbeit in den USA wird einem intensiven Handel zwischen China, Amerika und Europa fördern und intensiveren. Wer Fabriken in den USA baut, braucht dazu Maschinen. Die können deutsche Firmen liefern.

MEDIEN-MONITOR: Herr von Sydow, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Christian von Sydow führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 23. November 2016 in München.