Bruder Natanael Ganter

„Wenn ich heute umziehe passt mein Hab und Gut in einen Kofferraum“. Gespräch mit Natanael Ganter OFM, Franziskanerbruder

Vom Werbekaufmann zum Ordensbruder, vom hektischen Agenturalltag ins Kloster. Diesen ungewöhnlichen Weg schlug Natanael Ganter ein, nachdem er zufällig im Internet auf die Geschichte des Heiligen Franziskus von Assisi gestoßen war. Im Interview spricht der Ordensmann über die schwierige Annäherung an Gott, alltägliche Klischees über das Klosterleben und seine Erwartungen an Papst Franziskus I.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind eigentlich gelernter Werbekaufmann und haben als Anzeigenleiter und auch als Wahlkampfleiter gearbeitet?

Natanael Ganter: Das war damals im Regionalwahlkampf im Kreis Heilbronn für die SPD und zu Zeiten, wo die Partei keinen guten Stand hatte.

MEDIEN-MONITOR: Irgendwann verloren Sie das Interesse an Ihrer Arbeit. Was hat Sie an der Werbewelt gestört?

Ganter: Ich war in Holland zu Besuch und hatte mit meiner Kamera eine ganz tolle Aufnahme gemacht von einer Polderlandschaft. Das sind diese klassischen grünen Wiesen, eine Windmühle, wie man es sich vorstellt. Die habe ich mit einem Teleobjektiv fotografiert und ich musste mir Mühe geben, das Bild so hinzubekommen, wie es aussehen sollte. Direkt neben mir ging nämlich eine vierspurige Verkehrsstraße vorbei. Wenn ich mit der Kamera zur Seite ging, hatte ich gleich ein Industriegebiet im Hintergrund. Also musste ich sehr genau hinschauen, um den richtigen Winkel zu finden. Ich denke, diese Situation ist vergleichbar mit der Arbeit in einer PR-Agentur. Gegenüber dem Kunden muss ich meine Arbeit immer wieder ins rechte Bild rücken und meinen Standpunkt vertreten. Aber nicht jede Firma steht immer toll da. Ich musste ständig aufpassen, dass ich im Bild bleibe. Und das war mit der Zeit ein bisschen anstrengend. Ich habe die Ehrlichkeit vermisst bei dieser Arbeit.

MEDIEN-MONITOR: Nun wird man ja nicht Ordensbruder von heute auf morgen. Wie kamen Sie dazu, diesen neuen Weg zu gehen?

Ganter: Es war im Prinzip eine total verrückte Idee. Ich bin im Internet über die Biografie vom Heiligen Franziskus gestoßen. Ich war – auch aus Steuergründen – zu der damaligen Zeit aus der Kirche ausgetreten, schon ein paar Jahre lang, weil mich Kirche und Glaube überhaupt nicht mehr interessiert hatten. Und dann stolpere ich über die Biografie dieses reichen Kaufmannssohns. Franziskus hatte die Idee, ein weltlicher Ritter zu werden, es zu etwas zu bringen in seinem Leben. Er kam aber durch schlimme Kriegserfahrungen zu der Erkenntnis nach dem Evangelium zu leben und sein ganzes Tun und Handeln in den Dienst Gottes zu stellen. Für ihn war der absolute Verzicht auf jede Form von materiellem und geistigem Besitz verbindlich. Da fand ich für mich eine Parallele und stellte mir im Prinzip die gleichen Fragen wie der Heilige Franziskus es getan hatte: Wie kann man Karriere machen? Wie kann man Geld verdienen? Wie kann man es zu Ruhm und Ansehen bringen? Alles, von was man so träumt. Und ich kam an den Punkt zu sagen, es muss noch andere Ziele geben im Leben. Ich war Anfang 30, hatte vielleicht auch ein bisschen eine Midlife-Crisis, habe als Single gelebt und habe mich gefragt, wie es weiter geht.

Bruder Natanael Ganter

„Mein Ziel ist es – und das ist total schwer – in der Gegenwart zu sein. Das heißt, nicht in der Zukunft zu leben, sondern wirk­lich da zu sein.“ Natanael Ganter OFM, Franziskaner­bruder.

MEDIEN-MONITOR: Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert Ordensbruder zu werden?

Ganter: Die Entscheidung kam ja nicht von heute auf morgen. Mein Umfeld war zunächst ich. Ich habe mich zunächst selber für verrückt erklärt und habe gar nicht glauben können, dass ich mich als aus der Kirche Ausgetretener für einen katholischen Heiligen begeistere. Ich habe das längere Zeit mit mir herumgetragen, bevor ich ganz vorsichtig beim Orden angerufen habe. Ich habe niemandem davon erzählt. Das war dann wirklich so eine Phase, in der ich Kontakt hatte zu den Franziskanern, wo ich immer ein Wochenende mitgemacht habe und heimlich auf eine Assisi-Fahrt gegangen bin – Franziskus stammt aus Assisi – um mal seine Lebenswirklichkeit anzuschauen, ohne meinem Freund und meiner Familie etwas zu erzählen. Erst als ich ins Kloster gegangen bin, habe ich ihnen meinen Entschluss mitgeteilt.

MEDIEN-MONITOR: Wie wird man Ordensbruder?

Ganter: Die Grundvoraussetzungen um überhaupt in einen Orden eintreten zu können, sind ziemlich heftig. Man muss mindestens zwanzig Jahre alt sein, eine abgeschlossene Ausbildung haben. Man muss unverheiratet sein oder zumindest nicht mit Alimenten behaftet sein. Man muss schuldenfrei sein! Wenn man sich überlegt, wie einfach das den Jugendlichen und jungen Erwachsenen gemacht wird, sich schnell zu verschulden. Eigentlich schon eine hohe Hürde.

MEDIEN-MONITOR: Wie kommen Sie mit Ihrer neuen Rolle zurecht? Wie kann man sich die Ausbildung vorstellen zum Ordensmann?

Ganter: Das erstreckt sich über Jahre, das ist keine Entscheidung von heute auf morgen, man nähert sich an den Orden an, verbringt mal ein Wochenende, lernt die Brüder kennen, macht eine Gebetszeit mit… Das war für mich neu, ich musste erst mal das ‚Gegrüßet seist du, Maria‘ lernen. Ich hatte aber am Anfang einen Spickzettel, von dem ich es ablesen konnte. Und das ist ein ganz langsamer Prozess. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sagt, ich trau mich jetzt und dann beginnt das sogenannte Postulat. Das ist der Punkt, an dem man sein ganzes Hab und Gut verschenkt, seine Wohnung auflöst, seine Firma aufgibt, sein Bankkonto auflöst, sein Auto verkauft. Und das war dann der Punkt, an dem ich gesagt habe: jetzt springe ich ins kalte Wasser. Das kann auch schief gehen, man macht das Postulat ein Jahr lang und hat Gast-Status. Man wohnt ein Jahr im Kloster, arbeitet mit, schaut was die Brüder arbeiten, wie sie so drauf sind …

MEDIEN-MONITOR: … und umgekehrt genauso, Sie werden ja auch beobachtet…

Ganter: Richtig, ich werde auch beobachtet: passt der zu uns, wie fügt der sich ein? Der Orden hat kein Interesse an jungen Leuten, die hier ihren Vorruhestand suchen. Am Ende dieses Jahres fand die Einkleidung statt. Ich durfte zum ersten Mal unser Gewand, wir sagen Habit dazu, tragen.

MEDIEN-MONITOR: Wie fühlt man sich im Habit?

Ganter: Das ist total locker. Es ist auch ein bisschen cool, weil man auffällt auf der Straße. Wobei man nicht mehr auffällt als irgendein Punker oder ein New-Wave-Gothic-Typ mit seinem schwarzen Mantel und seinen toupierten Haaren. Die Leute schauen einmal hin und das war es dann. Aber es ist mir schon mal passiert, dass Kinder gesagt haben: ‚Hey, schau mal, Luke Skywalker‘.

MEDIEN-MONITOR: Star Wars!

Ganter: Ja, wie bei Star Wars oder Matrix – ein Mann mit Rock ist ja schon irgendwie cool. Ich hatte den Habit schon zwei Wochen vorher bekommen. Die Kutte hing während dem Postulat in meinem Zimmer und das hat sich schon so angefühlt, wie einen Autoschlüssel bekommen zu haben und noch nicht damit fahren zu dürfen. Dann war endlich die Einkleidung und es ging die etwas härtere Zeit los. Als Novize in einem Orden beschäftigt man sich ganz stark mit Gott und für mich war Gott wirklich noch ein Thema. Ich habe mir gedacht, die Organisation ist toll, aber mit dem ‚Chef‘ habe ich noch ein bisschen meine Probleme. In der Zeit des Noviziates setzt man sich mit Gott und seinem eigenen Leben auseinander. Das war eine wahnsinnig erfüllende Zeit. Total anstrengend, da das klassische Klosterleben in Klausur doch sehr reglementiert ist. Das ist heute nicht mehr ganz so streng, aber es bedarf da schon einer Einübung: Gebetsformen einzuüben, etwas was man eher verloren hatte.

MEDIEN-MONITOR: Rituale durchaus…

Ganter: Ja, und auch dieses ‚Alleinsein‘, dieses Meditieren. Also wer mal Zen-Meditation gemacht hat: Zwanzig Minuten auf dem Höckerchen zu sitzen und nur vor sich hin zu gucken, nichts dabei zu denken. Zen ist eine Meditationsform, die es in der Kontemplation auch im Katholischen gibt, nicht nur in der asiatischen Spiritualität.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben sich ganz bewusst für den Franziskanerorden entschieden, deren Mitglieder in strikter Armut leben. Vermissen Sie niemals materielle Annehmlichkeiten?

Ganter: Das ist eine spannende Frage. Teil der Gelübde als Franziskaner ist tatsächlich die Armut und das ist auch das Ideal von Franziskus. Die Armut, und vor allem sich für die Armen einzusetzen, ist Teil unserer Berufung. Und da gehört es dazu, sich selber arm zu machen und alles her zu geben. Wenn ich heute umziehe passt mein Hab und Gut in einen Kofferraum von einem PKW.

MEDIEN-MONITOR: Mit dem Anti-Materialismus stehen Sie im Gegensatz zu einem Kommerzialisierungszeitgeist. Der US-amerikanische Philosoph Prof. Michael Sandel beklagt in seinem Buch ‚Was man für Geld nicht kaufen kann‘ die moralischen Grenzen des Marktes, etwa den Einzug des Marktdenkens in sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens. Wie stehen Sie als Franziskaner zu diesem allgegenwärtigen Marktdenken?

Ganter: Aus Sicht der heutigen Werte mit Markt- und Konsumdenken ist das Ordensleben eine Konfrontation, es ist eine Herausforderung an den Zeitgeist. Es ist aber nicht nur die Armut, sondern mehr: Ich habe ständig meine Gelübde an meinem Strick, den ich statt eines Gürtels trage. Darin sind drei Knoten und die stehen für die Armut, für die Ehelosigkeit und für den Gehorsam. Das sind drei Dinge, die total unaktuell sind. Zum einen Armut. Das zweite ist die Ehelosigkeit, die Keuschheit, das sind zwei Komponenten: das eine ist das ehelose Leben d.h., ich entscheide mich, auf Frau und Familie zu verzichten und in einer Bruderschaft zu leben. Das andere ist das Zölibat, also der Verzicht auf einen Partner, auf Sexualität. Das ist im Prinzip auch die totale Herausforderung an die Gesellschaft, die immer mehr pornografiert wird. Wo man im Nachmittagsprogramm schon irgendwelche entblößten Hintern und Brüste sieht. Also hier wirklich zu sagen, es ist Teil von meinem Leben auf Sex zu verzichten, ist in unserer heutigen Zeit ein absoluter Affront. Und das dritte, der Gehorsam. Das heißt jetzt nicht dieser Kadavergehorsam: wenn mein Chef sagt ’spring‘, dann spring ich hoch. Sondern ‚Gehorsam‘ heißt im Orden aufeinander hören, sich etwas sagen zu lassen von den anderen Brüdern. Auch in der heutigen Gesellschaft ein klarer Gegenentwurf zu den gängigen Werten, wo es oftmals um einen Egotrip geht.

MEDIEN-MONITOR: Sie verantworten die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für den Franziskanerorden. Und da kam der neue Papst auf die Idee, sich nach dem Heiligen Franziskus zu benennen. Wirkt sich das auf die Pressearbeit im Orden aus?

Ganter: Das hat sich insofern ausgewirkt, dass plötzlich die Medien ein bisschen genauer hinschauen auf uns. Und auch, dass die Leute neugierig sind und wissen wollen, was hat es mit Franziskus auf sich. Franziskus steht für diese Option für die Armen, für die soziale Gerechtigkeit. Franziskus steht auch für interreligiösen Dialog und für einen guten Umgang mit Finanzen. Dieser Name Franziskus ist für mich nicht einfach nur ein Name, sondern Franziskus ist ein Programm.

MEDIEN-MONITOR: Also die Überbetonung der Leistung, darauf möchte ich gerne noch mal das Augenmerk richten. Eine immer höher getaktete Arbeitswelt, dieses zunehmende Effizienzdenken treibt immer mehr Menschen in den Ausstieg. Was fehlt den Menschen heutzutage aus Ihrer Sicht?

Ganter: Also provokant gesagt: vielleicht fehlen tatsächlich ein paar Werte.

MEDIEN-MONITOR: Werte können ja auch Geld oder ein Ferrari sein.

Ganter: Genau darauf haben wir hingearbeitet. Aber dadurch findet in der Gesellschaft eine Verrohung statt und damit einhergehend ein Verlust der christlichen Tugenden wie Nächstenliebe oder Demut.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben ein Gelübde abgelegt: ehelose Keuschheit und Gehorsam. Haben Sie nie den Wunsch verspürt, doch eine Familie zu gründen? Wie stehen Sie zum Zölibat?

Ganter: Dieser Entschluss für ein Ordensleben ist schon eine Lebensentscheidung. Es ist eine Entscheidung, die sich nach und nach vollzieht. Und ich persönlich bin noch nicht am Ende dieser Entscheidung angekommen. Bei mir steht nämlich – im nächsten Jahr vielleicht – die sogenannte feierliche Profess bevor. Das ist der Punkt, an dem ich mich nach 7 bis 9 Jahren Ordenszugehörigkeit endgültig dafür entscheide, mein Leben im Orden zu verbringen. Ich habe sozusagen noch eine Ausstiegsklausel und treffe in jedem Jahr mehr oder weniger die Entscheidung: ‚Steige ich aus oder bleibe ich dabei‘.

MEDIEN-MONITOR: Vermissen Sie etwas?

Ganter: An diesem Entscheidungspunkt muss ich mich natürlich immer festlegen, bleibe ich dabei oder gehe ich oder mache ich das jetzt endgültig. Ich bin jetzt gerade auf dem Weg, mich für diese Entscheidung festzulegen. Was bei uns dazu kommt ist eben das Zölibat, also die ehelose Keuschheit, die finde ich zumindest im Ordensleben absolut sinnvoll. Wir sind ja eine Gemeinschaft von Männern – unser Jüngster ist 25, der Älteste 94 – und da wäre es sicher schwierig, wenn Frauen oder Freundinnen dabei sind. Dann hätten wir eher eine 68er Kommune. Für’s Ordensleben finde ich es sinnvoll, auch mit der Begründung, dass man seine Liebe, die man sonst seiner Familie oder einer einzelnen Person schenken würde, in das Gemeindeleben und karitative Projekte investiert. Wenn Sie das Zölibat ansprechen, das betrifft eher die Weltpriester. Da weiß ich nicht, wie sinnvoll das tatsächlich ist. Da könnte ich mir das wirklich nach dem Vorbild der evangelischen Kirche vorstellen. Allerdings haben die evangelischen Pfarrer statistisch die höchste Scheidungsrate.

MEDIEN-MONITOR: Was ist heute Ihre wesentliche Triebfeder? Und was vermissen Sie am meisten aus Ihrer früheren Tätigkeit?

Ganter: Mein Ziel ist es – und das ist total schwer – in der Gegenwart zu sein. Das heißt, nicht in der Zukunft zu leben, sondern wirklich da zu sein. Und die Triebfeder ist das Gefühl, dass ich den Weg gehe, der zu mir passt, meinen Weg. Durch das Ordensleben habe ich die Möglichkeit in der Gegenwart zu leben.

MEDIEN-MONITOR: Bruder Ganter, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 05. Juni 2013 in München.