„Unser Konzept ist im Prinzip ein High-Tech-Tante-Emma-Laden.“ Gespräch mit Dr. Rudolf Haberleitner, Unternehmer und Firmensanierer

Der österreichische Unternehmer und Sanierer Dr. Rudolf Haberleitner wollte nicht nur vielen Schleckerfilialen neues Leben einhauchen, sondern auch das Konzept des Nahversorgers wiederbeleben. Doch sein Unternehmen musste ein Sanierungsverfahren beantragen, da durch massiven Widerstand der Gewerkschaft die erforderliche Finanzierung nicht aufgestellt werden konnte. Bei seinem Engagement spielten neben wirtschaftlichen auch soziale Aspekte eine Rolle. So sollten seine Dayli-Märkte auch an Sonntagen insbesondere im ländlichen Raum die Möglichkeit bieten, einzukehren und lokaler Treffpunkt zu werden. Im Interview spricht der promovierte Betriebswirt vor dem Sanierungsfall über Vorbilder für seine Märkte, Widerstände gegen sein Projekt – und darüber, warum er Konkurrenz nicht fürchtet.

MEDIEN-MONITOR: Können Sie uns Ihr Konzept kurz erklären?

Dr. Rudolf Haberleitner: Wir haben Schlecker Österreich mit 292 Betriebsstätten in Italien, Belgien-Luxemburg mit 30 Filialen, Polen mit 180 Filialen und Österreich mit 900 Filialen übernommen in einer Situation, wo das Unternehmen bereits insolvent war und der Insolvenzverwalter einen Tag nach Übernahme die Insolvenz beantragen wollte. Man hatte nur noch 30 Prozent Regalfüllung, aber 5.700 Mitarbeiter beschäftigt, die jeden Monat Gehälter bekommen. Aber ich habe mir dieses Konzept sehr gut überlegt und dann genau sechs Wochen für die Übernahme gebraucht. Nicht mehr. Da hat mir sicherlich meine Erfahrung geholfen von fast 35 Jahren Berufspraxis.

MEDIEN-MONITOR: Als Sanierer sind Sie immer wieder ein Einsteiger…

Haberleitner: Ja, es hat mir einen riesen Spaß gemacht. Unser Konzept baut darauf auf, dass wir die Lebensqualität der Menschen verbessern wollen. Das ist ein sozial-humanitärer Gedanke. Wenn sie heute irgendwo auf dem Land wohnen, oder auch in einem Randbezirk, dann haben sie das Problem, dass sie ohne Auto eigentlich nicht mehr einkaufen können. Außer sie wohnen zufällig neben irgendeinem Markt. Das heißt, jeder, der heute kein Auto hat, oder nicht Auto fährt oder einfach nicht mehr Auto fahren will…

MEDIEN-MONITOR: … oder ältere Menschen…

Haberleitner: … auch junge, die noch keinen Führerschein haben, sind heute nicht in der Lage, selber einkaufen zu gehen. Das Thema hat mich wirklich neugierig gemacht. Wir haben uns die Schlecker-Standorte angeschaut und festgestellt, dass es dort keine Einkaufsmärkte gibt. Wenn ich aber dem Kunden alles anbiete, was er wirklich für das tägliche Leben benötigt, dann braucht er nicht mehr mit seinem Auto in die Märkte hinauszufahren und dafür zusätzliches Geld für das Benzin ausgeben. Wir haben dann sehr kurzfristig eine gute Werbegruppe zusammengestellt, die die Marke ‚Dayli‘ entwickelt hat und außer den Drogeriewaren noch weitere fünf Produktgruppen hinzugefügt: Lebensmittel und Convenience-Produkte – der Trend geht immer weiter zu Fertiggerichten, Fertigprodukten – Wäscheartikel, Modeartikel, Consumer-Elektronik, Dienstleistungen, wie Post shop, home office, diverse Beratungen, etc. Dazu gibt es unser sogenanntes ‚Dayli-Bistro‘. Jeder kann zu uns kommen um zu frühstücken oder Mittag zu essen. Und das Bistro bringt die Leute wieder zusammen, es werden Erfahrungen ausgetauscht. Und der letzte, der wichtigste Punkt ist für uns der ‚Super-Dayli‘. Das ist ein riesiger Touchscreen, wo sie bis zu 200.000 Produkte kaufen können. 200.000, das sind mehr als sie heute in einem Shopping Center finden. Das heißt jeder, der in der Nahversorgung steht ist wirklich versorgt, weil er alles kaufen kann, was er überhaupt braucht in seinem Leben ohne im Auto unterwegs sein zu müssen. Mit diesem Gerät können Sie aber auch alles verkaufen, was Sie nicht mehr brauchen und bekommen sofort dafür den Kaufpreis an der Kasse ausgehändigt.

Rudolf Haberleitner

„Wenn nicht etwas in den nächsten Jahren passiert, dann fährt der gesamte Handel an die Wand, weil viele Leute gar nicht mehr einkaufen gehen können“ urteilt Dr. Rudolf Haberleitner, Unternehmer und Firmensanierer.

MEDIEN-MONITOR: Erzählen Sie uns über Ihre schwierigsten Projekte als Firmensanierer.

Haberleitner: Ich bin ein Unternehmenssanierer, der nur dann saniert, wenn das Unternehmen noch nicht insolvent ist d.h. noch nicht de jure insolvent ist. Es kann de facto insolvent sein, das ist ja die Notwendigkeit, aber dann saniere ich. Das größte stille Verfahren habe ich in Deutschland gemacht, ein Unternehmen, das hatte damals 52 Milliarden DM Umsatz und 18 Milliarden Miese. Den Namen darf ich jetzt nicht sagen, weil es ein stilles Verfahren war. Ich habe zum Beispiel den Joop-Konzern aus der Masse des insolventen Wünsche-Konzerns geholt und verkauft, oder den Junghans- Konzern für einen meiner Klienten gekauft und saniert. Das waren wirklich schwierige Projekte.

MEDIEN-MONITOR: Und wie sehen nun Ihre weiteren Pläne in Deutschland aus?

Haberleitner: Momentan ist der Plan so, dass wir in den fünf Ländern, in denen wir schon sind – Österreich, Italien, Polen, Belgien, Luxemburg – alles umrüsten auf das neue Dayli-Konzept. Und in Deutschland beginnen wir im Sommer dieses Jahres. Wir werden im Juni/Juli die ersten Concept-Stores eröffnen um zu prüfen, wie es angenommen wird. Und danach werden wir den Roll-out in Deutschland machen. Da werden heuer 400 Shops eröffnet, diese haben wir bereits festgestellt und wir müssen nur noch die Mietverträge unterschreiben. Das machen wir aber erst dann, wenn die Concept-Stores tatsächlich das gebracht haben, was wir uns in unseren Budgets vorgestellt haben.

MEDIEN-MONITOR: Wie viele Filialen sind geplant?

Haberleitner: Rund 2.500 bis Ende 2016. Das ist unser Plan. In Österreich hat weder ein Politiker, noch irgendjemand von der Gewerkschaft auch nur eine Frage gestellt: Können wir Ihnen behilflich sein? Gibt es ein Problem? Können wir irgendetwas tun? Aber in Deutschland haben sich Ministerpräsidenten persönlich bei mir gemeldet. In Deutschland wird man wirklich unterstützt, wenn man so viele Arbeitsplätze – zwischen 10.000 und 15.000 – generiert. Ich muss sagen, das Unternehmerklima das ich hier vorfinde, das taugt mir mehr. Eindeutig.

MEDIEN-MONITOR: In Deutschland haben wir Drogeriemärkte, die bieten bereits Lebensmittel an. Was unterscheidet Dayli von den Konkurrenten? Wie wollen Sie sich in Deutschland behaupten?

Haberleitner: Also dm, Rossmann, die Drogeriemärkte sind ja nicht unsere Konkurrenten. Der Drogeriebereich ist bei uns nur mehr 50 Prozent von unserem Gesamtsortiment. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich möchte jetzt hier nicht vermessen klingen, aber mit unserem Konzept haben wir keine Konkurrenz derzeit. Wenn nicht etwas in den nächsten Jahren passiert, dann fährt der gesamte Handel an die Wand, weil viele Leute gar nicht mehr einkaufen gehen können.

MEDIEN-MONITOR: Der Chef der Drogeriekette dm erklärte neulich in einem Manager Magazin-Interview: ‚Dayli wird es definitiv schwer haben, jetzt noch auf dem Markt Fuß zu fassen‘. Das nehmen Sie ganz locker?

Haberleitner: Ich kenne Götz Werner nicht persönlich. Er ist aber ein toller Bursche und er hat auch wirklich was aufgestellt, das muss man neidlos anerkennen. Aber ich muss eines sagen, seine Aussage verstehe ich nicht ganz, weil wir wirklich keine Konkurrenz von ihm sind. Und deshalb nehme ich das locker. Ich gehe sehr viel in Shops und schaue auch die Konkurrenz an. Seit dm mit seinem ganzen Sortiment bei Amazon ist, können sie sich in den Läden sehr gut bewegen weil niemand mehr drin ist. Und darüber muss er nachdenken.

MEDIEN-MONITOR: Aber stimmt es Sie nicht bedenklich, dass Ihre zukünftigen Wettbewerber nicht das Schlecker-Netz übernommen haben?

Haberleitner: Da gibt es eine ganz einfache Erklärung. Die Schlecker-Shops waren alle in einer Größenordnung zwischen 150 und 400 qm. Es gibt kein Modell am Markt, das mit so kleinen Shops umgeht. Aber es sind sehr wohl einige übernommen worden, weil diese etwas größer waren und einfach gepasst haben. Aber die Konkurrenz hat es lieber gesehen, dass Schlecker dicht macht und haben sich im Geist schon alle Kunden aufgeteilt. Und die hat das natürlich irrsinnig gestört, dass wir gekommen sind und plötzlich wieder was Neues gemacht haben.

MEDIEN-MONITOR: Mit wie viel Investitionen rechnen Sie in Deutschland? Wie viele Millionen nehmen Sie in die Hand?

Haberleitner: Also wir investieren heuer 114 Millionen Euro und in Deutschland ist das nicht so viel, das sind insgesamt 26 Millionen in 400 Shops.

MEDIEN-MONITOR: Eine Tageszeitung charakterisierte Ihre Pläne als Mischung aus ‚Wagemut und Größenwahn‘. Treffen Sie derartige Kommentare?

Haberleitner: Nein. Wagemut verstehe ich ja, weil sich viele Leute einfach die Dimensionen nicht vorstellen können. Größenwahn… den verstehe ich nicht. Das, was ich begonnen habe kann ich sehr genau beurteilen und ich habe bis heute noch immer keine Bankschulden. Wir haben nur ganz normale Lieferanten­schulden und auch nur deshalb, weil ich boykottiert werde von den Warenkreditversicherern. Da tut anscheinend auch der Handel das Notwendige um alles unter Kontrolle zu halten, ich sage das mal ganz locker. Aber wir kommen durch und wir haben gestern mit einem großen deutschen Unternehmen einen Vertrag abgeschlossen.

MEDIEN-MONITOR: In einem Handelsblatt-Interview erklärten Sie, dass es Ihnen beim Projekt ‚Dayli‘ nicht nur ums Geld verdienen geht. Welche Ziele treiben Sie noch an?

Haberleitner: Das ist gut ausgedrückt, weil derzeit zahlen wir nur rein, machen noch keine Gewinne. Das Unternehmen wird erstmalig im August einen positiven cash flow machen. Es wäre falsch, wenn ich sagen würde, das interessiert mich nicht. Auch mit 68 hat man noch Spaß daran, Geld auszugeben. Aber der Hauptgrund war – und ich bitte Sie, dass Sie mir das glauben – ich möchte in meinem Leben noch etwas machen, was eine soziale Komponente hat. Und deshalb habe ich ein Konzept gemacht, das die Lebensqualität der Menschen verbessert.

MEDIEN-MONITOR: Wäre Dayli auch eine Idee für die USA?

Haberleitner: Dayli hat in den USA begonnen. Einer meiner Gedanken war aus den USA gekommen – 7-Eleven kennen Sie – ich habe fünf Jahre in den USA gelebt. Ich bin heuer nochmals dorthin gefahren und wollte mir den Store Nr. 1 in Virginia ansehen. Der hat noch immer keinen Fußboden drin, die Kühlschränke stehen schräg, neben dem Kühlschrank stehen Benzinkanister. Aber draußen stehen die Doppelreihen von Leuten. Das ist ein echter Nahversorger, der Milch und Benzin verkauft. Obwohl 7-Eleven im Vergleich zu unserem Konzept rudimentär ist. Unser Konzept ist im Prinzip ein High-Tech-Tante-Emma-Laden.

MEDIEN-MONITOR: Durch Schlecker haben Tausende ihren Arbeitsplatz verloren. Welche Lehren ziehen Sie daraus?

Haberleitner: Es haben 58.000 Menschen zwanzig Jahre lang einen Arbeitsplatz gehabt und Geld verdient. Herr Schlecker war meines Erachtens ein Erfinder und ein genialer Typ. Er hat nicht alles falsch gemacht. Und ich glaube ich weiß, warum er in Deutschland Pleite gegangen ist, das hatte nichts mit dem Geschäft zu tun.

MEDIEN-MONITOR: Sondern? Dürfen Sie darüber sprechen?

Haberleitner: Das hängt dem Vernehmen nach mit unzähligen Mietverträgen zusammen, die er abgeschlossen hatte, die aber in der Wirtschaftskrise nicht geöffnet werden konnten. Aber es hatte nichts zu tun mit dem normalen Geschäftsbetrieb. Schlecker hatte ein Unternehmen ohne zeitgemäßes Controlling geführt und wahrscheinlich ist ihm irgendwann mal der Überblick verloren gegangen. Das war sicherlich ein Thema. Aber ich kann aus dem Schleckerthema keine Lehren ziehen, weil das, was er falsch gemacht hat, das habe ich bei vielen anderen Unternehmen richtig gemacht.

MEDIEN-MONITOR: Die Firmenkultur bei Schlecker wurde sehr oft kritisiert, das wissen Sie auch. Achten die Konsumenten heute stärker auf die Firmenkultur von Unternehmen?

Haberleitner: Schlecker hatte im Grunde keine Unternehmenskultur. Er war der einzige Geschäftsführer in der ganzen Welt, es hat keinen zweiten Geschäftsführer neben ihm gegeben. Es hat eine Linie gegeben von Prokuristen, die darunter waren. Die überhaupt nichts zu sagen hatten, die mussten nur arbeiten und ich habe über Schlecker ein geflügeltes Wort von meinen Leuten gehört, das sagt alles aus: ‚Denken tue ich in diesem Unternehmen, ihr habt zu arbeiten. ‚ Das ist mir überall bestätigt worden, auch in Deutschland. Er hat die Leute überhaupt nicht selbst agieren lassen. Die Leute mussten arbeiten und erhielten ihr Geld. Aber er hat sie gut bezahlt, er hat sie besser bezahlt als die anderen Handelsbetriebe.

MEDIEN-MONITOR: Modernes Sklaventum mit guter Bezahlung.

Haberleitner: Mit den Betriebsräten hatte ich einige Kämpfe, ohne Betriebsvereinbarungen ist da nichts gelaufen. Das war schon schlimm, das stimmt.

MEDIEN-MONITOR: Sofern gewünscht, tragen Ihre Mitarbeiter die Einkaufstüten sogar ins Haus. Muss der moderne Drogeriemarkt sozialer agieren als früher?

Haberleitner: Ja, natürlich.

MEDIEN-MONITOR: Zuletzt geriet ihr Unternehmen in die Schlag­zeilen, weil die Geschäfte ‒ das ist Ihr großer Wunsch – auch sonntags öffnen sollten, die Gewerkschaften sperren sich dagegen. Weshalb wollen Sie am Sonntag öffnen?

Haberleitner: Also das Thema der Sonntagsöffnung ist überhaupt nur ein Reizthema in Österreich und in Bayern. Es gibt nirgendwo mehr keine Sonntagsöffnung. Und in Wien ist ein Einkaufstourismus entstanden nach Bratislava…

MEDIEN-MONITOR: In Bayern geht man sonntags noch in die Kirche…

Haberleitner: Ja, das tun wir auch. Also es gibt nur Österreich und Bayern, wo die Sonntagsöffnung ein wirkliches Thema ist. Ich muss sagen, dieser Ärger ist vollkommen unnötig. Es wird nur noch Monate dauern oder vielleicht 1-2 Jahre, dann ist das sowieso vorbei. Das ist nicht zu halten. Für uns war die Sonntagsöffnung aus zwei Gründen Teil des Konzeptes. Die Marktforschung sagt, dass die Menschen wirklich am Sonntag einkaufen gehen wollen weil sie Zeit haben. Das ist die soziale Komponente, weil man die Lebensqualität erhöhen kann. Und der zweite Punkt war ganz klar ein kommerzieller Aspekt. Wenn wir so viel investieren in die Sache, dann müssen wir mehr Deckungsbeitrag einfahren und der Sonntag ist der stärkste Tag der Woche.

MEDIEN-MONITOR: Vielleicht kann man bei Ihnen dann auch kleine Kruzifixe einkaufen…

Haberleitner: In Mariazell können sie das wirklich. Wir haben einen Dayli-Shop in dem großen Wallfahrtsort in der Steiermark und da können sie Kruzifixe kaufen.

MEDIEN-MONITOR: Wo steht Dayli in einem Jahr?

Haberleitner: In einem Jahr hat Dayli statt ungefähr 1.350 Filialen circa 1.900 Filialen. Aber 2016 sind es 5.000 Filialen. Und in einem Jahr – wir werden heuer profitabel sein – werden wir die Stores umgebaut haben und wir werden wissen, wie das angenommen wird. Wir sind alle sehr überzeugt davon und ich habe wirklich die besten Leute. Das kann kaum schief gehen, wenn wir vernünftig arbeiten, trotz der Gegenströmungen. Der Handel arbeitet voll gegen uns. Aber wir stehen das durch.

MEDIEN-MONITOR: Herr Dr. Haberleitner, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 05. Juni 2013 in München vor der Insolvenz der Dayli-Märke im Juli 2013.