„Die Natur kennt keine Steuern.“ – Gespräch mit Bernd Hückstädt, Mitbegründer der Gemeinwohl-Währung Gradido

Die Finanzkrise ist vielleicht die größte Chance der Menschheit, denn das alte Geldsystem löste einen Interessenskonflikt zwischen Wirtschaft und Natur aus. Diese Auffassung vertritt Bernd Hückstädt. Für ihn ist die Natur einfach genial. Er sagt: „Wenn wir im Einklang mit den Naturgesetzen handeln, werden wir weltweit Wohlstand und Frieden erleben.“ Hückstädt stellt sich die Frage, warum in unserer Welt gleichzeitig Überproduktion und Armut herrschen und wie dieses Problem letztendlich zu lösen ist. Als Lösungsansatz hat er mit Gradido eine alternative Gemeinwohl-Währung mitentwickelt.

MEDIEN-MONITOR: Herr Hückstädt, Sie haben seit rund 15 Jahren nach dem perfekten Geldsystem geforscht. Wie hat alles begonnen und was für Schlüsse ziehen Sie daraus?

HÜCKSTÄDT: Genaugenommen habe ich vor 55 Jahren als kleiner Junge begonnen, ich wusste es nur noch nicht. Damals habe ich Fragen gestellt, die anders waren, als die Fragen meiner Altersgenossen. Warum gibt es diesen großen Unterschied zwischen Arm und Reich? Warum werden Lebensmittel weggeworfen, wenn woanders Menschen hungern? Ich habe damals keine richtigen Antworten bekommen. Ich war dann auch erst mal beschäftigt, meine berufliche Karriere in Gang zu bringen, bis sich dieser Gedanke immer weiter aufgedrängt hat. Die Frage nach dem Warum hat sich dann geändert in die Frage nach dem Wie. Ich bin bei meinen Überlegungen nie zu einem befriedigenden Ergebnis gekommen, bis dann der Impuls kam, immer mehr in die Natur zu gehen. Dort habe ich interessante Beobachtungen gemacht, die sich von unserem Wirtschaftsleben stark unterscheiden. Fangen wir mit etwas ganz banalem an: Ich habe im Wald kein Finanzamt gefunden. Die Natur kennt keine Steuern. Die lebendige Natur kennt auch keine negativen Zahlen. An einem Apfelbaum können 100, 200 Äpfel hängen. Aber hat jemand schon mal einen Baum gesehen, an dem Minus 100 Äpfel hängen? Der Baum lebt in einer Symbiose mit vielen anderen. Alles hilft sich, damit er Äpfel produzieren kann. Und das macht er jedes Jahr. Wenn das alle machen, hätten wir ständiges Wachstum, es gäbe immer weniger Raum auf der Erde. Dafür gibt es den Kreislauf des Lebens. Der Natur ist es egal, ob der Apfel von einem anderen genutzt wird, oder ob er einfach runterfällt, schrumpelt und wieder der Natur zugeführt wird. Diesen Kreislauf gibt es überall. Alles ist zyklisch, vom Atom bis hin zur Galaxie. Die Natur macht das, wovon Wirtschaftsleute träumen: unendliches Wachstum. Aber auf begrenztem Raum gehört dazu auch die ständige Vergänglichkeit.

MEDIEN-MONITOR: Was bedeutet das für unser Wirtschaftssystem?

HÜCKSTÄDT: Unser Wirtschaftssystem funktioniert ja offenbar nicht. Zwei Drittel der Menschheit leben unter der Armutsgrenze, jeden Tag verhungern 25000 Menschen. Damit müsste die Tagesschau eigentlich jeden Tag aufmachen. Alle zwei Generationen gibt es einen Crash. Das kann ein Wirtschafts- oder Finanzcrash sein, kann aber auch ein Weltkrieg sein. Auch Kriege hängen mit dem nicht-funktionierenden Wirtschaftssystem zusammen, weil wir in einen solchen Konkurrenzkampf kommen. Wenn es um das gemeinsame Überleben der Menschheit geht, sollte es aber nicht zu einem Wettkampf gegeneinander kommen, sondern wir sollten kooperieren, wie es die Natur auch macht

MEDIEN-MONITOR: Steht Deutschland tatsächlich vor einem Finanzkollaps?

HÜCKSTÄDT: Deutschland ist ja nicht allein. Die Kette reißt am schwächsten Glied. Aber wenn wir nichts ändern, ist ein Crash mit mathematischer Sicherheit abzusehen.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben mit Gradido ein neues Geld- und Wirtschaftsmodell nach dem Vorbild der Natur ins Leben gerufen. Was darf man sich darunter vorstellen?

HÜCKSTÄDT: Gradido steht für „gratitude“, „dignity“ und „donation“. Wir haben gemerkt, dass wir von der alten Bezahlwirtschaft eine Brücke brauchen zu einer hoffentlich irgendwann existierenden Schenkwirtschaft, wo jeder das macht, was seine Lebensaufgabe ist, und man vielleicht kein Geld mehr braucht. Das liegt aber noch weit in der Zukunft. Es geht darum, eine Brücke zu schaffen, die menschlich und im Einklang mit der Natur ist. Das Geld soll dabei gleich gerichtete Anreize bezüglich Ökonomie und Ökologie bieten. Denn dann sind die Entscheidungsträger in der Wirtschaft nicht mehr zerrissen. Der Name Gradido steht auch für den Vorschlag eines neuen Währungssystems. Es geht darum, im Einklang mit der Natur eine Währung zu schaffen, die funktioniert wie die Natur, die Ökonomie und Ökologie zusammenbringt und im Einklang mit unseren menschlichen Bedürfnissen ist. Sie muss einem Kreislauf von Werden und Vergehen folgen, sonst gibt es eine zwanghafte Vergänglichkeit. Es wird ja selten die Frage gestellt, wo unser Geld herkommt. Unser Geld ist zu 97 Prozent Giralgeld, das heißt Geld, das auf Girokonten geschaffen wurde: also Geldschöpfung durch Schulden. Das Gesetz der Bilanz sagt, die Summe der Guthaben muss gleich der Schulden sein. Das bedeutet aber, wenn es auf der einen Seite einen guten Kaufmann gibt, der mehr einnimmt als er ausgibt, muss es auch irgendwo jemanden geben, der mehr ausgibt als er einnimmt. Weil es systembedingt nicht anders geht. Das bedeutet, dass es für jeden Euro Guthaben auch irgendwo einen Euro Schulden geben muss. Das Geld fließt immer mehr zu den besten Kaufleuten dieser Welt. Ungefähr ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt 99 Prozent des Geldes. Das bedeutet, die 99 Prozent der anderen müssen sich die dazugehörigen Schulden teilen. Damit wir das nicht merken, haben die Staaten die Schulden übernommen. Wir haben in Deutschland rund 25000 Euro Staatsschulden pro Kopf. Wenn der Staat keine Schulden hätte, hätte jeder von uns diese Schulden auf seinem Konto. Dann würde es eine Revolution geben, wie schon Henry Ford gesagt hat.
Das derzeitige Geld wird also geschöpft durch Schulden. Das führt zu den katastrophalen Zuständen, die wir auf der Welt haben. Die Natur dagegen schöpft durch das Leben. Auch Gradido wird durch das Leben geschöpft – durch jeden Menschen.

MEDIEN-MONITOR: Wie muss man sich das Gradido-System dann konkret vorstellen?

HÜCKSTÄDT: Ein Gradido hat ungefähr den Wert von einem Euro. 3000 Gradido werden von jedem Menschen pro Monat geschöpft. Die ersten 1000 sind für ein aktives Grundeinkommen vorgesehen, aufgrund bedingungsloser Teilhabe. Das bedeutet, dass jeder Mensch das Recht hat, sich in die Gemeinschaft einzubringen und zwar nach seinen Neigungen und Fähigkeiten. Die Gesellschaft wird ihm helfen, seine Talente zu entdecken. Mit dieser ersten Geldschöpfung hätten wir auf einen Schlag Vollbeschäftigung. Das wären für jeden Menschen zwei Stunden Arbeit am Tag. Das Zweite ist das Staatseinkommen, das für jeden Menschen geschöpft wird. Das hat den riesigen Vorteil, dass jeder Staat pro Kopf gleich viel Staatseinkommen hat. Das Dritte ist der Ausgleichs- und Umweltfonds, der uns zumindest finanziell hilft, den enormen Schaden, den wir an der Erde angerichtet haben, wieder zu reparieren, soweit das möglich ist. Dadurch wird Umweltschutz der lukrativste Wirtschaftszweig. Damit würden nur noch biologisch wertvolle Produkte konkurrenzfähig am Markt sein. Die anderen Unternehmen können auf biologische Produktion umstellen und werden dabei sogar durch den Fonds unterstützt. Zurück zur Vergänglichkeit: Wenn wir wissen, dass Vergänglichkeit Naturgesetz ist, dann planen wir sie gleich im System mit ein. Dann ist sie keine Katastrophe mehr. Übrigens sind auch Kriege eine zwanghafte Form der Vergänglichkeit. Wenn wir die Schuldgeldschöpfung abschaffen und stattdessen eine natürliche Ökonomie des Lebens einführen, wird es keine Armut und keine Kriege mehr geben.

MEDIEN-MONITOR: Herr Hückstädt, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Bernd Hückstädt führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 26. November 2014 in München.