„Du musst aus einem Lichte fort ins andere gehen“ ‒ Gespräch mit Otto Greither, Inhaber der Salus-Unternehmensgruppe, Bio-Botschafter und Deutschlands dienstältester aktiver Firmenchef

90 Jahre und immer noch verliebt in seinen Beruf: Otto Greither prägt den deutschen Mittelstand als dienstältester aktiver Firmenchef. Seit 70 Jahren ist er geschäftsführender Gesellschafter des Naturarzneimittel-Herstellers Salus. Die zerbombte Produktionsstätte seiner Eltern in München baute er gemeinsam mit seinem Bruder Hans und Freunden nach dem Krieg wieder auf und etablierte Salus als Weltmarktführer der Reformwarenbranche. Vom Wirtschaftsmagazin Capital und der Umweltstiftung WWF wurde er zum „Öko-Manager des Jahres“ gewählt. Greither ist nicht nur Vater von sechs Kindern, sondern kann auch seine 400 Mitarbeiter zum Familienkreis zählen. Denn am Firmensitz im oberbayerischen Bruckmühl ist ihm jeder Mitarbeiter ans Herz gewachsen. Wie man es soweit bringt und warum es so wichtig ist, eine treue Mannschaft hinter sich zu haben, erzählt der „Bio-Botschafter“ beim Hilton Talk.

MEDIEN-MONITOR: Herr Greither, Sie sind vor Kurzem 90 Jahre alt geworden. Was wünscht man sich da zum Geburtstag?

GREITHER: Dass es so weitergeht. So lange einem das Leben noch Spaß macht, man nicht krank ist und man noch etwas bewegen kann, wüsste ich nicht, warum ich jetzt aufhören möchte. Ich habe eine Ferienwohnung in Frankreich, aber nach vier Wochen wird mir dort stinklangweilig, dann möchte ich wieder etwas tun. Und dann komme ich auch gern wieder zurück.

MEDIEN-MONITOR: Wie halten Sie sich fit? Was ist ihr Geheimrezept?

GREITHER: Das ist kein Geheimnis. Wenn man fit sein will, muss man sich bewegen und vernünftig leben. Ich bin kein Kostverächter, ich esse auch Fleisch, aber nicht zu viel. Und wenn ich merke, ich setzte ein bisschen zu viel an, dann esse ich wieder etwas weniger. Das funktioniert immer recht gut. Ich mache täglich Sport, das fängt morgens im Bett schon an. Ich mache jeden Morgen ein paar hundert Bauchschnellen. Mein Vater hat das einem Indianer in Amerika abgeschaut, der sich immer einen dicken Stein auf den Bauch legte, weil er selbst Botenläufer war und so kein Seitenstechen bekam. Mein Vater hat daheim dann ein Gerät dafür entwickelt. Das musste ich als Fünfjähriger auch schon benutzen. Seit ich in die Jahre gekommen bin, mache ich es täglich, weil ich merke, dass es mir gut tut. Außerdem gehe ich jeden Morgen schwimmen. Wenn ich dann ins Büro komme, fühle ich mich gut durchtrainiert. Zum Frühstück gibt es dann einen Kräutertee, mittags eine Tasse Kaffee und – wenn ich es schaffe – eine Viertelstunde Schlaf. Danach gehe ich wieder an die Arbeit bis abends um sieben Uhr. Am Abend dann eine Halbe alkoholfreies Bier und danach noch einen Kräutertee.

MEDIEN-MONITOR: Gibt es bei Ihnen auch mal ein Schlückchen Alkohol?

GREITHER: Natürlich. Nach dem Essen trinke ich gern mal einen Enzian, der ist richtig rass. Da fühle ich mich dann richtig wohl. Ich bin aber kein Alkoholiker.

MEDIEN-MONITOR: Sie führen jetzt seit 70 Jahren die Geschäfte bei Salus. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

GREITHER: Sehr viel. Vor allem der Markt. Am Anfang war es nur wichtig, Waren zu erzeugen. Die Kunden sind mit dem Lastwagen zu uns gekommen. Wir hatten überhaupt keine Probleme mit dem Verkauf. Die Währungsreform war für uns dann ein ganz schlimmer Schlag. Eigentlich der Tiefpunkt in meinem Leben. Ich hatte damals ja schon 30 Angestellte. Wir hatten vom einen Tag auf den anderen nichts mehr, was wir verkaufen konnten. Es gab Kunden, die haben 10000 Pakete Tee gehortet als Währungsreserve. Die wollten mir den Tee dann zurückverkaufen. Das war ein großer Schock. Dann musste man lernen zu verkaufen. Da musste die Werbung herhalten. Wir haben neue Teesorten geschaffen und auf den Markt gebracht. Mit dem letzten Geld haben wir Prospekte drucken lassen und über die Reformhäuser verteilt. Auf diese Weise haben wir mit den neuen Produkten dann einen ziemlichen Umsatzsprung machen können. Die alten waren erst mal tabu. Man muss immer neu und innovativ sein, das habe ich dabei gelernt. Man muss immer besser sein als scheinen und erreichen, dass man in seinem Fach an der Spitze der Qualitätsschöpfung steht. Wenn ich auf etwas stolz bin, dann darauf, dass ich in den 70 Jahren, die ich die Firma führe, nie eine Gewerkschaft und nie einen Betriebsrat gebraucht habe. Jeder konnte zu mir kommen. Lohnerhöhungen habe ich automatisch gemacht und ich war immer besser, als die gewerkschaftlichen Forderungen. Mir ist das viel wert, wenn ich weiß, ich habe hier Mitarbeiter um mich, die mich auch mögen. Mein Grundspruch ist immer, dass ich meine Mitarbeiter so behandle, wie ich auch behandelt werden möchte.

MEDIEN-MONITOR: Ihre Mitarbeiter sind Ihnen sehr ans Herz gewachsen. Sie bilden jedes Jahr Nachwuchskräfte aus und übernehmen auch einen Großteil…

GREITHER: Ich habe sehr früh angefangen Mitarbeiter auszubilden. Die heutigen Leiter der einzelnen Abteilungen sind alles ehemalige Auszubildende. Die sind jung in diese Positionen gerutscht, daher haben wir auch kaum Stellenausschreibungen. Ich bin sehr zufrieden damit, weil ich die Leute von der Pike auf kenne. Die durchlaufen bei uns im Haus alle Abteilungen. Ich glaube, wer bei uns war, hat was gelernt.

MEDIEN-MONITOR: Unter einem Fachkräftemangel leidet Salus demnach eher nicht…

GREITHER: Nein. Wir haben sogar eine eigene Schlosserei, eine eigene Schreinerei, eigene Maler, eigene Maurer. Insofern sind wir sehr breit aufgestellt. Ich selber bin auch handwerklich etwas ausgebildet.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben nach dem Krieg zusammen mit ihrem Bruder Hans und Freunden Ziegel für Ziegel wieder aufgebaut. Was unterscheidet die Gründerzeit damals von heute?

GREITHER: Man musste umlernen vom Produzenten zum Verkäufer. Die Leute müssen wissen, dass wir nur Spitzenqualität verarbeiten. Unser Einkäufer bekommt nicht gesagt, er müsse möglichst billig einkaufen, sondern er muss Spitzenqualität kaufen. Weil nur so können wir überstehen. Das ist für mich ein Leitspruch.

MEDIEN-MONITOR: Explodierende Energiekosten bereiten unserem Mittelstand zunehmend Probleme. Wie geht man bei Salus mit dem Thema Energie um?

GREITHER: Wir haben unsere Dächer mit Solartechnik ausgerüstet und haben mehrere Wasserkraftwerke.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind ein überzeugter Gegner von Agro-Gentechnik. 2010 haben Sie dazu den Salus-Medienpreis ausgelobt, der kritische Beiträge zur Agro-Gentechnik prämiert. Warum?

GREITHER: Für mich war die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl 1985 ein einschneidendes Erlebnis. Wir konnten dann keine Kräuter mehr bekommen, die nicht verstrahlt waren. Die Regierung hat als Höchstwert 600 Becquerel für uns festgelegt, die in einem Lebensmittel enthalten sein dürfen. Wir hatten Heidekrautblüten aus der Lüneburger Heide, die hatten über 3000 Becquerel, auch die Pflanzen aus dem Alpenraum hatten über 1000 Becquerel. Also wo kriege ich noch Kräuter her, die nicht verstrahlt sind? Das hat mich veranlasst, in Chile eine Farm zu kaufen, um dort unbelastete Kräuter anzubauen. Für mich war schon immer klar, dass ich im Essen keine Chemie dabei haben will. Die Gen-Technik ist etwas, was man viel länger untersuchen müsste.

MEDIEN-MONITOR: Welche unternehmerischen Tugenden sind für Sie die wichtigsten?

GREITHER: Ich habe mal einen interessanten Spruch gelesen. Mensch, so du etwas bist, so bleibe doch ja nicht stehen. Du musst aus einem Lichte fort ins andere gehen. Ich glaube, das gehört zu einem Unternehmer dazu, dass er nicht immer nur dieselben Pillen macht, die schon sein Ur-Großvater gemacht hat. Es muss immer weitergehen.

MEDIEN-MONITOR: Herr Greither, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Otto Greither führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 20. Mai 2015 in München.