„Manchmal müssen die Leute erst auf die Nase fallen“: Interview mit Dr. Werner Kissling, Leiter des Centrums für Disease Management am Uniklinikum rechts der Isar

Der Arzt für Psychiatrie fordert vor allem mehr Selbstachtsamkeit: Um einen Burn-Out zu vermeiden bedarf es eines Frühwarnsystems. Überhöre der Betroffene entsprechende Signale, gehe irgendwann gar nichts mehr. Um wieder auf die Beine zu kommen, müssten Erkrankte ihren kompletten Lebensstil ändern und bisweilen auch ihr Ego etwas zähmen. Im Interview spricht der Mediziner außerdem über Rennpferde und wirft einen optimistischen Blick in die Zukunft.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind Leiter des Centrums für Disease Management am Uniklinikum rechts der Isar. Welche Leistungen bietet Ihr Institut an und welche sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Dr. Werner Kissling: Wir behandeln Menschen mit Burn-Out, Depression oder Schizophrenie stationär und ambulant. Derzeit ist das Thema psychische Gesundheit am Arbeitsplatz sehr präsent und wird stark nachgefragt. Etwa 20 unserer Mitarbeiter sind jeden Tag damit beschäftigt, Führungskräfte von Unternehmen in punkto Gesundheitsmanagement zu beraten. In den vergangenen vier Jahren haben wir rund 15.000 Führungskräfte geschult. Als Universität versuchen wir außerdem zu erforschen, was die Ursachen für psychische Störungen am Arbeitsplatz sind und wie man als Unternehmen darauf reagieren kann.

MEDIEN-MONITOR: Burn-Out ist ein medizinisch unklarer Terminus. Was genau versteht man darunter?

Kissling: Das ist eine schwierige Frage, denn die Diagnose Burn-Out ist noch gar nicht offiziell anerkannt. Die Weltgesundheitsorganisation gibt einen großen Katalog heraus, in dem alle Krankheiten aufgelistet sind. Dort wird genau definiert, was etwa unter Bluthochdruck oder Diabetes zu verstehen ist. So einen Katalog gibt es auch für psychische Störungen. Man kann in ihm beispielsweise nachlesen, dass sich eine Schizophrenie durch Verfolgungsideen kennzeichnet. In diesen Katalog hat es das viel zitierte Burn-Out-Syndrom noch nicht geschafft. Wenn man zum Beispiel gefragt wird, wie häufig ein Burn-Out auftritt, muss man immer im Hinterkopf behalten, dass noch keine allgemeingültige Definition existiert. Deshalb gibt es auch sehr unterschiedliche Zahlen zur Häufigkeit von Burnout.

MEDIEN-MONITOR: Durch welche Symptome macht sich ein Burn-Out bemerkbar?

Kissling: Nach den Worten seines Entdeckers ist das Burn-Out-Syndrom ein körperlicher und seelischer Erschöpfungszustand, den ein Mensch erlebt, der über längere Zeit einer Überforderungssituation ausgesetzt war. Meistens passiert so etwas bei der Erwerbsarbeit, aber es kann auch eine Mutter treffen, die ein krankes Kind hat und vielleicht noch eine demenzkranke Großmutter pflegen muss. Ein Burn-Out erleiden fast immer Menschen, für die Arbeit eine überwertige Wichtigkeit bekommen hat. Wenn sie dann mit unlösbaren Aufgaben oder schwierigen Führungskräften konfrontiert sind, streiken Körper und Geist. Oftmals kündigt sich ein Burn-Out über Monate an. Ein typisches Frühwarnzeichen ist zum Beispiel ein Ohrgeräusch. Auch Magen-Darm-Probleme und Schlafstörungen fallen in diese Kategorie. Zudem werden Gefährdete gereizter. In diesem Stadium kann man noch reagieren. Wenn das Burn-Out jedoch voll ausgebrochen ist, geht nichts mehr. Die Leute können dann oft nicht einmal mehr aus dem Bett aufstehen.

„Der Burn-Out-Betroffene ist meist der Letzte, der seine Erkrankung wahrnimmt.“ Dr. Werner Kissling empfahl, Frühwarnzeichen ernst zu nehmen, um einem Burn-Out rechtzeitig entgegen zu steuern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MEDIEN-MONITOR: Welche Charaktere und Berufsgruppen sind besonders gefährdet?

Kissling: Man denkt ja immer, dass vor allem der dynamische Jungmanager aus der Consulting-Branche, der von Flugsteig zu Flugsteig hechelt, betroffen wäre. Laut Krankenkassenstatistik erleiden am häufigsten aber Frauen zwischen 40 und 55 Jahren einen Burn-Out. Diese arbeiten nicht unbedingt immer in Führungspositionen. Bei Menschen mit einem höheren sozialen Status, der oftmals mit einer Führungsposition korreliert, wird aber statistisch häufiger ein Burn-Out diagnostiziert. Wenn der Zusammenbruch eingetreten ist, sieht es von außen oft so aus, als ob dies über Nacht passiert wäre. Die Betroffenen können die Fassade oft relativ lange aufrecht erhalten. Kollegen sind häufig überrascht.

MEDIEN-MONITOR: Die Welt-Gesundheitsorganisation WHO nennt beruflichen Stress eine der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts. Weshalb macht zu viel Arbeit krank?

Kissling: Das muss man relativieren. Es stimmt sicher nicht, dass sich die Arbeitsbedingungen dramatisch verschlechtert haben. Bauern zum Beispiel haben früher hart gearbeitet und hatten Angst, dass die Ernte nicht für den Winter reicht. Im Vergleich dazu ist die heutige 35-Stunden-Woche keine unzumutbare Arbeitsbelastung. Früher war aber der Körper stärker gefordert. Wirbelsäule, Muskeln und Lungen sind krank geworden. Heute sitzen wir zumeist vor dem Computer, müssen multitaskingfähig und ständig erreichbar sein. Daher sind eher Geist und Seele gefordert. Die Arbeitsbedingungen sind nicht schlechter geworden, sie haben sich nur verändert. Vielleicht sind wir darauf nicht richtig vorbereitet.

MEDIEN-MONITOR: Können wir uns denn mit den neuen Arbeitsbedingungen arrangieren? Ursprünglich waren wir doch alle Jäger und Sammler und nun sitzen wir vor dem Computer.

Kissling: Es ist nicht der Computer, der uns krank macht. In unseren Trainings weisen wir immer wieder darauf hin, dass das Blackberry auch einen Knopf hat, den man ausschalten kann. Mich erinnert die ganze Diskussion um die neuen Medien ein bisschen  an die Einführung der Eisenbahn in Deutschland vor 175 Jahren. Als damals die erste Strecke zwischen Fürth und Nürnberg eröffnet wurde, fuhr die Dampflokomotive 25 Stundenkilometer schnell. Damals wurde das als beängstigend schnell empfunden. Das schnelle Vorbeifahren des Zuges, so fürchtete man, führe bei den Zuschauern zu ernsthaften Krankheiten wie Schwindel oder geistiger Unruhe und deshalb müsse die Eisenbahn verboten werden. Alles Neue macht uns erst mal Angst.

MEDIEN-MONITOR: Wird die Burn-Out-Gefahr übertrieben?

Kissling: Was wirklich besorgniserregend ist: Die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen haben dramatisch zugenommen. Burn-Out ist jedoch nur ein kleiner Teil davon. Laut AOK-Statistik und Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts erkranken nur etwa 0,5 Prozent der Angestellten an diesem Syndrom und auch von allen Fehltagen gehen nur 0,5 Prozent auf das Konto des Burn-Outs. Aber wenn man die Gesamtheit der psychischen Erkrankungen betrachtet – dazu gehören beispielweise Depression, Angst und Sucht – dann haben die Fehltage in den letzten zehn bis zwölf Jahren tatsächlich um etwa 80 Prozent zugenommen. Das zwingt die Firmen, etwas zu tun. Denn ein Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern hat dadurch jährliche Produktivitätsverluste in einer Größenordnung von rund zwei Millionen Euro.

MEDIEN-MONITOR: Was sind die größten Stressfaktoren im Beruf?

Kissling: Das ist je nach Branche und je nach Individuum unterschiedlich. Ursache eines Burn-Outs ist, dass ein Mensch über längere Zeit die Anforderungen nicht erfüllen kann und dadurch in eine Dauerstress-Belastung gerät. Vorgesetzte können es sich bisweilen nicht erklären, warum gerade dieser Mitarbeiter einen Burn-Out erlitten hat. Denn der Mitarbeiter sei gar nicht der Fleißigste gewesen. Andere, die nicht erkranken, hätten den Burn-Out eigentlich eher „verdient“. Es kommt aber immer darauf an, ob die Belastung für dieses Individuum zu hoch ist. Der objektive Maßstab spielt da keine Rolle.

MEDIEN-MONITOR: Welche Faktoren begünstigen ein Burn-Out?

Kissling: Ein Grundfehler ist, dass die Menschen zu wenige kurze Pausen machen. Firmen, wie Microsoft oder Google, ermuntern ihre Mitarbeiter geradezu, solche Pausen zu machen. Auf jedem Stockwerk stehen dort Kickertische oder Entspannungssessel. In Deutschland habe ich hingegen schon Firmen erlebt, die mit dem Betriebsrat ein Jahr lang um die Einführung einer zusätzlichen fünfminütigen Pause gestritten haben. Als Burn-Out-Experte muss ich sagen: Das ist total verfehlt. Denn fünf Minuten Pause an der richtigen Stelle bringen dem Unternehmer viele Prozent mehr Produktivität. Auch der Führungsstil ist von Bedeutung und die Wertschätzung des Mitarbeiters. Die Leute erkranken nicht immer nur an zu viel Arbeit.

MEDIEN-MONITOR: Wie wirkt sich Lob auf Mitarbeiter aus?

Kissling: Wenn man seine Leute lobt, sind sie zufriedener, haben weniger Stress und die Produktivität steigt. Ebenfalls wichtig sind Transparenz der Unternehmensentscheidungen und Gestaltungsfreiheit. Wenn man den Mitarbeitern ein wenig mehr Gestaltungsspielraum lässt und ihnen nicht alle fünf Minuten auf den Füßen steht, kann viel Stress vermieden werden. Der Mensch reagiert da ähnlich wie ein Rennpferd. Das würden Sie auch nicht 24 Stunden lang peitschen. Es muss sich auch ausruhen und Nahrung zu sich nehmen. Erst dann kann es wieder gute Leistungen bringen.

MEDIEN-MONITOR: Es gibt ein neues Phänomen, das nennt sich „sozialer Jetlag“. Menschen, die darunter leiden, arbeiten zu Zeiten, in denen ihr Körper eigentlich Ruhe bräuchte. Eine Folge hiervon kann wiederum der Burn-Out sein. Warum ist es so wichtig, dass wir unseren eigenen Biorhythmus ernst nehmen?

Kissling: Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, dass Dauerstress erzeugt wird, wenn wir auf Dauer nicht auf unsere innere Uhr hören und das kann einen körperlich und psychisch krank machen. Mitarbeiter in der Consulting-Branche bekommen oft eine Million Flugkilometer im Jahr zusammen, arbeiten 16 Stunden am Stück. Ihnen fehlen oft Ruhepausen und Schlaf. Schlaf ist aber ein ganz billiges, präventives Mittel, um psychische Störungen wie auch Burn-Out zu vermeiden. Die Gesundheitsindustrie, die sich inzwischen um das Burn-Out entwickelt hat, „entdeckt“ aber immer wieder neue Phänomene. Ich habe kürzlich im Verwaltungsbereich eine Schulung gemacht. Dort hörte ich wiederholt die Frage: Gibt es eigentlich auch ein Bore-Out? Es scheint tatsächlich Menschen zu geben, die aus irgendwelchen Gründen so wenig zu tun haben, dass dies bei ihnen zu Stress führt

MEDIEN-MONITOR: Ist Burn-Out ein internationales Phänomen oder eher in der westlichen Gesellschaft beheimatet?

Kissling: Die Deutschen sind auch hier Weltmarktführer. Burn-Out ist in manchen Ländern gar nicht bekannt und fast nirgends als medizinische Diagnose anerkannt. Bei uns wird inzwischen ja ein richtiger Medien-Hype um das Burnout veranstaltet. Doch das Burn-Out ist andererseits auch ein nützlicher Türöffner, der den Unternehmern und Managern erlaubt, sich dem wichtigen Thema psychische Gesundheit ohne Angst um Stigmatisierung zu widmen. Quantitativ und aus wissenschaftlicher Sicht ist das Burn-Out-Syndrom als eigene Einheit aber nicht besonders relevant.

MEDIEN-MONITOR: Warum erkranken Frauen häufiger an Burn-Out als Männer?

Kissling: Frauen erkranken z.B. auch doppelt so häufig wie Männer an Depressionen, die ja ein dem Burn-Out verwandtes und besser definiertes Krankheitsbild darstellen. Das könnte mit den Hormonen zusammen hängen. Wenn sich der weibliche Körper nach der Geburt hormonell wieder umstellt, dann kann das z.B. eine Depression auslösen. Die höheren Zahlen könnten aber auch mit der Doppelbelastung zusammenhängen. Viele berufstätige Frauen haben zu Hause auch noch 80 bis 90 Prozent des Haushaltes am Hals und geraten dadurch in eine krankmachende Dauerstresssituation

MEDIEN-MONITOR: Welche Branchen sind vom Burn-Out am stärksten betroffen?

Kissling: Das Gesundheits- und Sozialwesen. Auch die öffentliche Verwaltung ist stark betroffen. Das produzierende Gewerbe eher weniger. Wenn man körperlich hart arbeitet bekommt man eher Muskel-Skelett Erkrankungen, wenn die Arbeit psychisch stresst wird man eher psychische Störungen bekommen.

MEDIEN-MONITOR: Welche Behandlungsoptionen haben Burn-Out-Erkrankte und welche Behandlungen empfehlen Sie?

Kissling: Es reicht sicher nicht aus, wenn man sich nur ausschläft. Das hat einen sinnvollen Anfangseffekt, aber es bringt nichts, wenn die Leute danach erholt zurück in die Arbeit gehen und nach kurzer Zeit die gleichen Fehler im Arbeits- und Lebensstil begehen wir vor dem Burnout. Nach der anfänglichen Erholungsphase ist das Hauptziel der Burn-Out-Therapie deshalb, dass der Mensch lernt, in Zukunft nicht wieder in eine Überforderungssituation zu geraten. Er muss Frühwarnzeichen erkennen und Selbstachtsamkeit erlernen. Ohrgeräusche, Schlafstörungen, Magen-Darm-Beschwerden und Gereiztheit sind Anzeichen, die man rechtzeitig erkennen muss, damit man dann versuchen kann, den Stresslevel zu reduzieren.

MEDIEN-MONITOR: Kann der Stress auch aus privaten Situationen entstehen?

Kissling: Ja. Burn-Out-Kandidaten sind auch im Privatleben häufig überambitioniert. Ich habe Manager erlebt, die 16 Stunden am Tag gearbeitet haben und dann in ihrer Freizeit nicht nur gejoggt, sondern Marathon gelaufen sind. Und die Kinder sollten am besten alle Nobelpreisträger werden. Es ist ein schwieriger Punkt in der Therapie, wenn man dem Patienten vermitteln muss, dass er sich zu sehr nur über seine Leistung definiert und sich ständig unerreichbare Ziele setzt. Manche kommen aber auch in eine Überforderungssituation, weil sie ihre Arbeit nicht richtig organisieren können. Bei einem Burn-Out hilft daher vor allem die Verhaltenstherapie. Man lernt von einem Psychotherapeuten die Umorientierung des Lebens- und des Arbeitsstils. Das ist nicht ganz einfach. Wenn Sie einem Menschen, der ständig an seinem Blackberry hängt, das Telefon wegnehmen, schrumpft das aufgeblasene Ego erstmal wieder auf Normalniveau und das kann vorübergehend weh tun.

MEDIEN-MONITOR: Wie gehen die Patienten mit der Burn-Out-Erkenntnis um?

Kissling: Der Burn-Out-Betroffene ist meist der Letzte, der seine Erkrankung wahrnimmt. In der Regel merkt es die Ehefrau, sofern vorhanden, relativ früh. Doch sie findet meist kein Gehör bei ihrem Gatten. Durch unsere Schulungen wollen wir dazu beitragen, dass die Burn-Out-Neigung eines Angestellten dann zumindest dem Vorgesetzten auffällt. Er muss erkennen, wenn der Mitarbeiter stets bis 20 Uhr im Büro bleibt, seine privaten Aktivitäten reduziert, von Ohrgeräuschen und anderen Stresssymptomen berichtet und Überstunden nicht abfeiert. Wenn der Betroffene in dieser Phase es selbst schafft umzusteuern, braucht er oft gar nicht in Therapie und kann das Burn-Out vermeiden. Manchmal müssen die Leute aber erst auf die Nase fallen, weil sie zu leistungsorientiert sind und es ohne einen solchen Schock nicht begreifen, dass sie etwas ändern müssen. Ähnlich ist es übrigens beim Herzinfarkt: Die Menschen hören oft erst nach ihm auf zu rauchen.

MEDIEN-MONITOR: Was ist, wenn die Warnzeichen nicht erkannt werden?

Kissling: Ein Burn-Out kann den Betroffenen durchaus sechs bis zwölf Monate aus dem Arbeitsprozess nehmen. Deshalb investieren die Firmen gut, wenn sie ihre Führungskräfte entsprechend schulen, Warnzeichen bei sich selbst und bei ihren Mitarbeitern zu erkennen und dann entsprechend zu handeln. Unterm Strich spart das der Firma auch viel Geld.

Aus Sicht der Führungskraft ist der Burn-Out-Kandidat natürlich ein sehr nützlicher Mitarbeiter, der nicht nein sagen kann und das nächste Projekt auch noch gerne übernimmt. Wenn man den Leistungsträger aber zu sehr belastet, wird man ihn irgendwann z.B. wegen eines Burn-Outs – für längere Zeit verlieren. Doch gerade in den höheren Etagen der Unternehmen sind diese Zusammenhänge noch nicht so bekannt und es wird den Führungskräften oft schwer gemacht, einen Mitarbeiter zu entlasten, bevor er sein Burn-Out bekommt

MEDIEN-MONITOR: Wie gut stehen die Chancen, dass ein Burn-Out-Erkrankter geheilt wird und gesund bleibt?

Kissling: Wenn der Betroffene etwas ändern will und professionelle Hilfe in Anspruch nimmt liegen die Heilungschancen bei fast 90 Prozent. Wenn er sich nach dem Burn-Out aber nur kurz schüttelt und den Zusammenbruch wie einen bedauerlichen Betriebsunfall hinnimmt, dann ist ein Rückfall wahrscheinlich. Von Unternehmensseite hören wir immer wieder, dass Führungskräfte, die ein Burn-Out überwunden haben, hinterher sogar bessere Führungskräfte sind als vorher. Sie können dann nicht nur ihre eigenen Leistungsgrenzen besser einschätzen, sondern auch die ihrer Mitarbeiter.

MEDIEN-MONITOR: Was kann man tun, wenn man Warnzeichen an sich selbst feststellt?

Kissling: Ideal wäre es, wenn jeder von uns ausreichend Selbstachtsamkeit aufbringen würde. Dem eigenen Auto bringt man ja auch Achtsamkeit entgegen. Wenn es beim eigenen BMW knirscht und kracht, würde keiner von uns sagen, da muss der BMW jetzt durch, schließlich hat er mich ja viel Geld gekostet. Wenn Sie immer später aus dem Büro kommen, Ohrgeräusche wahrnehmen, nachts dreimal aufwachen, sollten Sie sich fragen: Wo kommt dieser Dauerstress her und wie kann ich ihn reduzieren? Von Bedeutung ist auch das Resilienz-Training. Man sollte erkunden, auf welche Art und Weise man die eigenen Batterien wieder so weit aufladen kann, dass unvermeidlicher Stress nicht gleich ins Burn-Out führt. Ich empfehle regelmäßige Pausen, Hobbys, Sport, Familie und Sozialkontakte. Wir ermuntern unsere Workshopteilnehmer immer, sich auf einem Blatt Papier ihr soziales Netzwerk aufzuzeichnen. Wenn als Kontaktpersonen nur der Chef und die Schwiegermutter angeführt werden, ist das eindeutig zu wenig.

MEDIEN-MONITOR: Glaubt man den Fachleuten, dann ist die Stimmung in den deutschen Büros heuer so schlecht, wie seit langem nicht mehr. Hat das etwas mit der ständigen Kontrollwut zu tun und mit dem Dokumentationswahnsinn?

Kissling: Ich kann diese Einschätzung nicht bestätigen. Wir sind sehr viel in Unternehmen unterwegs und die Stimmung ist dort nicht schlecht. Trotzdem gibt es ein paar Kritikpunkte. Die ständige Erreichbarkeit zum Beispiel ist oft gar nicht nötig. Volkswagen hat jetzt eine Betriebsvereinbarung geschlossen. Eine halbe Stunde nach Dienstschluss dürfen dort keine dienstlichen SMS und E-Mails mehr über den Server verschickt werden. Die Telekom hat ähnliche Vereinbarungen getroffen. Jedes Unternehmen und jede Führungskraft kann also selbst präventiv viel tun.

MEDIEN-MONITOR: Wir haben über die ständige Erreichbarkeit, die Globalisierung und die schnell getaktete Arbeitswelt gesprochen. Wird sich die Problematik in den nächsten Jahren ver- oder entschärfen?

Kissling: Ich bin eher optimistisch dass wir das Problem in den nächsten fünf Jahren noch besser in den Griff bekommen. Wenn wir uns das Beispiel Rückenbeschwerden anschauen, da gab es vor 30 Jahren auch den einen oder anderen Unternehmenslenker in der Automobilbranche der gesagt hat, „die Mitarbeiter sollen sich nicht so anstellen, wenn man Autos produziert muss man eben ab und zu schwer heben“. Wem die Bandscheibe heraussprang, der war dann eben für diesen Beruf nicht hart genug. Heute heben die Mitarbeiter am Band schwerste Lasten mit dem kleinen Finger, weil entsprechende technische Vorrichtungen existieren, die ihnen das Heben erleichtern. Etwas Ähnliches wird mit Stressbelastungen passieren: In einigen Jahren werden wir gelernt haben, besser mit Stress umzugehen und den einen oder anderen Stress auch präventiv zu vermeiden. Es gibt keinen Grund für Alarmismus. Ich denke, wir kriegen das schon hin.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 21. November 2012 in München.