„Wir haben genügend Lebensmittel, um 14 Milliarden Menschen zu ernähren.“ ‒ Gespräch mit Stefan Kreutzberger, Freier Journalist, Autor und Medienberater

Aktuellen Prognosen zufolge wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf 10 Milliarden anwachsen. Nach Aussagen der Agrarkonzerne müssten 70 Prozent mehr Lebensmittel produziert werden, um alle Menschen ernähren zu können. Den einzigen Weg dorthin sieht die industrielle Landwirtschaft im Einsatz von Chemie, Gentechnik und Massentierhaltung. Stefan Kreutzberger hat sich mit seinem Kollegen, dem Dokumentarfilmer Valentin Thurn, auf die weltweite Suche nach anderen zukunftsfähigen Lösungen für die Nahrungsmittelproduktion, die Mensch und Tier respektieren und die knappen Ressourcen schonen, begeben. Im preisgekrönten Buch „Harte Kost. Wie unser Essen produziert wird – Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt“ blicken Sie auf die Geschichten, die hinter unseren Lebensmitteln stehen und stellen mit Blick auf die Zukunft fest: „Wir können etwas verändern. Wenn wir es wollen.“

MEDIEN-MONITOR: Sie haben im Jahr 2011 mit Ihrem Co-Autor Valentin Thurn das Buch „Die Essensvernichter“ veröffentlicht. Seit dieser Zeit beschäftigen Sie sich ganz intensiv mit dem Thema der Lebensmittelproduktion. Wie kam es dazu?

KREUTZBERGER: Eigentlich habe ich mich schon früher mit der Lebensmittelproduktion beschäftigt. Und zwar seit der Expo 2000, wo ich als Journalist Themen bearbeitet habe, die sich mit zukünftiger Ernährung beschäftigten. Besonders beeindruckend für mich waren Projekte mit indigenen Völkern im brasilianischen Regenwald, die dort Waldwirtschaft betreiben und den Boden nicht zerstören, sondern wieder neu aufbauen. Diese Projekte habe ich mir mit mehreren Journalisten zusammen angeschaut, um herauszufinden, wie nachhaltig diese eigentlich sind. Die Expo stand ja damals erstmalig unter dem Schlagwort Nachhaltigkeit. Allerdings waren mehrere der Projekte, die wir in den folgenden Jahren bereist hatten, aus unterschiedlichen Gründen gar nicht mehr existent. In Ecuador war der Grund beispielsweise der Ausbau der Öl-Pipeline. Die haben wir abgefahren und geschaut, was das für Auswirkungen auf den Regenwald und die lokale Bevölkerung hat. Das war sehr erschreckend. Daraufhin sagte ich mir, da muss man als Reporter auch Position beziehen. Das war für mich ein wichtiger Punkt, Dinge nicht nur zu beschreiben, sondern tatsächlich auch zu einer Kategorisierung und Wertschätzung von sowohl negativen als auch positiven Elementen zu kommen. Und das zieht sich wie ein Handlungsstrang durch mein späteres Wirken.

MEDIEN-MONITOR: Warum geht es genau in Ihren Büchern?

KREUTZBERGER: In dem Buch „Die Essensvernichter“ von 2011 hatten wir uns als erste Journalisten und Multiplikatoren in Deutschland mit dem Thema „Lebensmittelverschwendung“ intensiv auseinander gesetzt. Während der Recherchen stellten wir fest, dass es so gut wie keine wissenschaftliche Untersuchung oder politische Aufarbeitung zu dem Thema gab. Da haben wir gesagt, da müssen wir jetzt ran und das Buch gemacht. Valentin Thurn hat zudem noch den Kinofilm „Taste the Waste“.gedreht. Das hat die Republik wachgerüttelt. Unsere Arbeit führte dazu, dass die damalige Landwirtschaftsministerin eine eigene Studie über Lebensmittelverschwendung in Auftrag gegeben hat und viel darüber diskutiert wurde. Und tatsächlich hat der Bundestag dann beschlossen, dass dieser Wahnsinn bis zum Jahr 2020 um die Hälfte reduziert werden soll. Das ist natürlich ein gewaltiger Schritt, dass ein kleiner Journalist so etwas bewegen kann. Man sieht also, dass wenn man die richtigen Worte und Themen findet, sehr viel Betroffenheit schaffen, aber auch Energien freisetzen kann, etwas zu verändern.
Lebensmittelvernichtung zu stoppen ist allerdings nur ein Aspekt. Für uns ging es im Weiteren darum zu schauen, wie nachhaltig Ernährungskonzepte für die Zukunft gestaltet sein müssen. Wie soll die Menschheit, die tatsächlich auf 10 Milliarden anwachsen wird, ernährt werden? Aber nicht die 10 Milliarden sind das Problem. Wir haben jetzt schon, vom Energiefaktor her gesehen, genügend Lebensmittelproduktion, um 14 Milliarden Menschen zu ernähren. Auch die Flächen auf der Welt sind ausreichend genug. Nicht die Quantität ist also das Problem, sondern die Verteilung. Vor diesem Hintergrund haben wir uns dem Thema Hunger zugewandt.

MEDIEN-MONITOR: Was war für Sie bei den Recherchen zum Buch „Harte Kost“ besonders alarmierend?

KREUTZBERGER: Es war für mich eine neue und erschreckende Erkenntnis, dass die Zahlen mit denen die Medien und auch die Hilfsorganisationen oder die Vereinten Nationen arbeiten, geschönt sind. Man redet derzeit davon, es gäbe 769 Millionen Menschen die auf der Welt hungern würden. Allerdings stimmt das hinten und vorne nicht. Man hat einfach im Jahre 2011 die Berechnungsgrundlagen geändert. Und zwar die Kilokalorienzahl, die ein Mensch mindestens benötigt, um sich ausreichend ernähren zu können. Die hat man einfach gesenkt. Wenn ich die Rechnung so ansetze, hungern einfach nicht mehr so viele, nämlich 25 Millionen Menschen weniger. Und dann kommt noch hinzu, dass die Definition von Hunger sich darauf bezieht, dass man mindestens ein Jahr am Stück hungern muss. All diejenigen, die nur ein halbes Jahr oder kürzer aufgrund von Klimakatastrophen oder kriegerischen Auseinandersetzungen hungern, gehen nicht in diese Statistik ein. Wenn man nur die ursprünglichen Berechnungsgrundlagen der Vereinten Nationen heranzieht, dann haben wir weit über ein Milliarde hungernde Menschen. Dazu kommen noch zwei Milliarden Menschen, die unter sogenanntem verstecktem Hunger, also Mikronährstoffdefiziten, leiden. Damit haben wir schon mal drei von sieben Milliarden die hungern und dazu kommt noch die nicht erfasste Grauzone. So müssen wir ehrlich sagen, dass es fast der Hälfte der Menschheit dreckig geht. Und die andere Hälfte lebt auf deren Kosten!

MEDIEN-MONITOR: Die Lebensmittelindustrie ist auch ein Beispiel dafür, welche Auswüchse der ständige Drang nach Effizienz und Ertrag zur Folge hat. Auch in Ihrem Buch „Harte Kost“ werden Beispiele genannt.

KREUTZBERGER: Wir haben eine Fülle von Beispielen dafür. Die Massentierhaltung, die mittlerweile auch in Ländern wie Indien angekommen ist, ein Land, das eigentlich traditionell eine vegetarische Kultur hat und nie Fleisch konsumiert hat. Jetzt gibt es dort die größten Schlachtbetriebe von Hühnchen, mit deutschem Know-how versehen. Das sind fürchterliche Entwicklungen. Ein weiteres Beispiel sind so genannte Hybridpflanzen. Sie kennen vielleicht den Weltmarkt von Saatgut. Hier wird ganz geschickt verkauft. Wenn ich die Biodiversität über alle Sorten runterfahre, kann ich mir Patente auf bestimmtes gezüchtetes Saatgut reservieren und den Markt bestimmen. In Indien gab es traditionell 3000 verschiedene Reissorten, die Gott sei Dank noch in Saatgutbanken vorhanden sind. Auf der anderen Seite findet der Massenanbau nur mit zwei Hybridsorten statt und die werden größtenteils von deutschen Firmen entwickelt. Der größte Saatguthersteller in dem Bereich in Deutschland ist Bayer, der daran forscht, wie man die Patente auf dem indischen Markt so sichern kann, dass nur noch ihre Produkte verkauft werden. Aber es ist natürlich nicht nur das Saatgut. Das könnte man ja wieder neu anbauen, indem man die Samen vom Vorjahr nimmt. Der Clou an diesen Hybridpflanzen ist jedoch, dass das nicht funktioniert. Diese werden genetisch verändert und die ursprünglichen Formen von weiblich und männlich gibt es dadurch nicht mehr. Was zur Folge hat, dass diese Zwitterpflanze quasi explodiert und im ersten Jahr bis zu 40 Prozent mehr Ertrag bringen kann, aber dann ausgepowert ist und die nächsten Jahre nichts mehr abwirft. Deshalb muss das Saatgut jedes Jahr neu gekauft werden. Dazu kommen Schädlinge, die sich gern auf diese Pflanzen stürzen. Dafür bieten die großen Hersteller natürlich gleich das richtige Herbizid dazu. Somit sind die Bauern abhängig gemacht. Und das führte in Indien sogar dazu, dass hunderttausende Bauern Selbstmord begangen haben. Ein weiteres erschreckendes Beispiel sind die planetaren Grenzen. Wissenschaftler haben neun verschiedene Grenzen identifiziert. Es sind noch nicht alle genauestens untersucht, aber man hat bereits festgestellt, dass drei Grenzen fürchterlich überschritten sind: die Artenvielfallt, der Klimawandel und der Stickstoffeintrag in die Atmosphäre.

MEDIEN-MONITOR: Steigende Weltmarktpreise treiben viele Familien in den Entwicklungsländern in Verschuldung, Hunger und Knechtschaft. Warum erfolgt keine staatliche Intervention gegen Nahrungsmittelspekulation?

KREUTZBERGER: Das ist zunächst einmal eine zweischneidige Geschichte. Auf der einen Seite sind die Lebensmittelpreise viel zu niedrig – gerade auch in Deutschland im Vergleich mit anderen europäischen Ländern. Dass man einen Kilo Schweinefleisch für 2,30 Euro bekommt geht eigentlich gar nicht. Auf der anderen Seite muss man daher fordern, dass die Preise steigen und die Landwirte angemessene Preise erhalten, damit sie ordentliches Getreide, Obst und Fleisch produzieren können. Ein Milchpreis für 23 Cent pro Liter? Das ist an die Wand gefahrene Landwirtschaftspolitik! Dafür kann man keine Milch herstellen. Aber das ist auch eine der Folgen des Raubtierkapitalismus, der mit den Preisen jongliert. Wenn andererseits durch Spekulation an der Börse der Preis von Mais und Getreide gezielt innerhalb von Monaten verdoppelt wird und die Entwicklungsländer gezwungen sind auf dem Weltmarkt einkaufen zu müssen, um ihre eigene Bevölkerung zu ernähren, dann können die das nicht mehr bezahlen. Das ist natürlich eine unethische und katastrophale Entwicklung. In der Folge haben viele, die diesen Zusammenhang hergestellt haben, auch die Welternährungsorganisation, eine ganz starke Rüge an die Weltfinanzmärkte ausgesprochen. Einige Finanzakteure – wie zum Beispiel die Deutsche Bank – haben daraufhin versprochen, sie würden keine Anteile mehr an Nahrungsspekulationsfonds in ihren Portfolios halten. Und das war auch gut so. Bloß vor ein paar Jahren haben sie dann eine eigene Studie in Auftrag gegeben und behauptet, diese Zusammenhänge seien doch alle gar nicht beweisbar und machen nun weiter wie bisher. Wenn man das heikle Thema der Welternährung Finanzjongleuren überlässt, kann das eben nicht gut enden.

MEDIEN-MONITOR: Was muss sich am derzeitigen System in der Lebensmittelproduktion ändern?

KREUTZBERGER: Da ist tatsächlich das Wachstumsparadigma das Schlimme. Die Vereinten Nationen sagen, dass die Produktion um 70 Prozent gesteigert werden müsste, um alle so zu ernähren, wie sie es bisher gewohnt sind. Und das auch im Hinblick darauf, dass sich Entwicklungsländer weiterentwickeln und auch Fleisch essen wollen. Wenn alle so viel Fleisch essen wie wir, dann kommt man aber auch mit 70 Prozent Steigerung nicht hin. Daraus folgt die Forderung, dass man sich besser und ausgewogener ernähren, deutlich weniger Fleisch konsumieren und anders produzieren muss, als man es bislang tut. Das Paradigma, den amerikanischen Weg zu gehen, in riesigen Monokulturen unter einem massiven Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln, das geht auf gar keinen Fall so weiter. Obwohl der Deutsche Bauernverband das gut heißt und auch in Zukunft haben möchte, ist das nicht der richtige Weg. Sondern der wäre, gerade in der Landwirtschaft, klein strukturierter und regionaler zu produzieren und dafür neue Absatzwege und einen neuen Regionalmarkt zu schaffen. Ich war gerade auf einem Kongress der Regionalbewegung in Nordrhein-Westfalen. Die Geschäftsführerin der Bewegung möchte gerne lokale Bäcker, Metzger und Schlachter unter Artenschutz stellen, weil es die bald nicht mehr geben wird. Sie sterben aus, weil sie durch Großstrukturen kaputt gemacht werden. Zwar stoßen Regionalvermarkter schnell an ihre Grenzen und können nicht auf Masse produzieren. Aber das wollen diese auch nicht. Es könnten aber viele solcher Strukturen gezielt gefördert werden und damit könnte man wegkommen von der Massenproduktion. Und das nicht nur in Deutschland, sondern gerade auch in den Entwicklungsländern. Mein Kollege Valentin Thurn war in Malawi und hat von dort berichtet, wie in kleinbäuerlichen Strukturen tatsächlich die Zukunft liegt und der Hunger durch den Anbau mehrerer verschiedener Feldfrüchte bekämpft werden kann. Das ist vom Welternährungsbericht her gesehen übrigens auch die einzige sinnvolle Möglichkeit.

MEDIEN-MONITOR: Es gibt immer wieder Skandale um die Aufzucht von Tieren. Warum gibt es kein globales System um umwelt- und sozialverträgliche Produktionen zu bewerten und zu kontrollieren?

KREUTZBERGER: Das frage ich mich auch. Ich weiß nicht, warum es das nicht schon längst gibt. Es bestehen natürlich einzelne Vorgaben und Richtlinien, zumindest auf europäischer Ebene. Was man auch immer von dem EU-Biosiegel halten mag, es ist das erste umfassende grüne Regulierungswerk im Lebensmittelbereich, das es geschafft hat, klare Definitionen zur Produktion und zur Vermarktung von Lebensmitteln herauszugeben. Das gibt es sonst in keinem anderen Bereich. Das war ein großer politischer Erfolg der grünen Bewegung in Europa und ist auch bislang der einzige geblieben. Dann gibt es Definitionen, die weltweit anerkannt sind, beispielsweise vom Fairen Handel. Aber auch der Faire Handel krankt an mangelnder Transparenz. Die Standards wurden mittlerweile aufgeweicht. In den USA gibt es beispielsweise ein „Light Fair Trade“. Da ist nur 10 Prozent Fair Trade drin. In Deutschland ist der Anteil nun bei Schokolade runter auf 20 Prozent, wo es ursprünglich eigentlich mindestens 50 Prozent sein sollten. Wir sehen, wenn man sich mit gutem Willen auf den Massenmarkt begibt und da natürlich auch Wachstum haben will, kommt man schon schnell in Teufelsküche. Das kann auch nicht der richtige Weg sein.

MEDIEN-MONITOR: Sie gehen in Ihrem Buch davon aus, dass wir in 35 Jahren 10 Milliarden Menschen auf dieser Welt haben werden. Schon heute gibt es unendlich viel Leid und Hungersnöte. Was kann der Einzelne tun, damit wir gemeinsam diese Mammutaufgabe meistern können?

KREUTZBERGER: Man kann und sollte tatsächlich jetzt etwas tun. Es ist noch nicht zu spät. Nämlich indem man sich loslöst von den gegenwärtigen Strukturen. Gewerkschaften sollten beispielsweise begreifen, dass der Klimawandel auch entscheidend ist für die Arbeits- und Hungerproblematik und nicht wie wild weiter auf der Braunkohleproduktion rumreiten. Man muss gemeinsam anders denken lernen. Da gibt es bereits verschiedene Zukunftsschmieden, die das tun, den Kopf freimachen und sich loslösen von alten Zwängen. Und dann gibt es Einige, die schon viel selbst umsetzen. Aktivisten, die mit gutem Beispiel vorangehen und in recht kurzer Zeit Änderungen herbeiführen können, interessanterweise sowohl von unten als auch von oben. Ein Beispiel dafür ist die Stadt Andernach am Rhein, die auf Grund der Initiative von wenigen Engagierten in der Stadtverwaltung nun beginnt umzudenken. Auf vielen Flächen, die in der Stadt brach liegen oder bislang mit Zierpflanzen bestückt sind, werden nun Nutzpflanzen angebaut, von Tomaten, über Kartoffeln bis hin zum Obst. Und dies frei für alle Bürger. Andernach nennt sich jetzt selbst „die essbare Stadt“. Dadurch ist sie mittlerweile Tourismusmagnet geworden und viele Kommunen eifern diesem Beispiel nach. Es gibt weitere praktische Stellschrauben: Wenn wir allein die Lebensmittelverschwendung nur halbieren, könnten wir die Hungernden auf dieser Welt statistisch gesehen dreimal ernähren. Jeder kann anfangen weniger Lebensmittel wegzuschmeißen oder Lebensmittel mit anderen zu teilen, bevor er sie wegwirft. Diese Idee haben wir als Bewegung ins Leben gerufen und sie nennt sich „foodsharing“.

MEDIEN-MONITOR: Könnten Sie darauf noch etwas genauer eingehen.

KREUTZBERGER: Wir starteten mit sogenannten Essenskörben überzähliger Lebensmittel, die man selbst zusammenstellt und dann über unsere Internetplattform in der Nachbarschaft öffentlich macht und verschenkt. Die werden dann von Interessierten direkt abgeholt. Und das hat sich schnell weiterentwickelt. Aufgrund der Idee sind viele Leute aktiv geworden. Es gibt mittlerweile 13.000 „Food-Saver“ in Deutschland. Das sind größtenteils junge Leute, zumeist aus dem studentischen Milieu, die ein bis zwei Mal die Woche Lebensmittel von großen Betrieben oder Restaurants abholen, die sonst in die Tonne geschmissen würden. Das Essen wird dann in Kindergärten, Schulen, Altenheime oder studentische WGs verteilt. Das läuft wunderbar, mittlerweile sogar schon international. Wir bekommen Anfragen aus Österreich, der Schweiz, Italien und sogar Japan. Da ist Lebensmittelverschwendung auch ein großes Problem. Dort gibt es einen noch fanatischeren Frischewahn als hier in Deutschland.

MEDIEN-MONITOR: Eine weitere Vereinigung, die Sie mit ins Leben gerufen haben ist „Taste of Heimat“.

KREUTZBERGER: Das geht in die Richtung der Regionalbewegung. Wir wollen all diejenigen, die von Veränderungen in der landwirtschaftlichen Produktion betroffen sind, zusammenbringen: – derjenige der produziert, derjenige der konsumiert und diejenigen die dazwischen sitzen, um alles zu strukturieren. Die sollen an einen Tisch zum Austausch und gemeinsamer Planung zusammenkommen und einen sogenannten Ernährungsrat gründen. Das Modell der „Foodcouncil“ läuft in den USA und in Frankreich schon hervorragend und ist besonders in strukturschwachen Gebieten ideal. Die US-amerikanische Stadt Detroit ist ein Beispiel, dass dies funktionieren kann. Das wollen wir jetzt in der Region Köln als Beispiel und Pilotprojekt in Deutschland starten.

MEDIEN-MONITOR: Herr Kreutzberger, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Stefan Kreutzberger führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 25. November 2015 in München.