„Die Hälfte der Menschheit muss sich einen neuen Job suchen“: Gespräch mit Prof. Dr. Gunter Dueck, Cheftechnologe bei IBM

Naturwissenschaftler gelten als nüchtern abwägende, von der Rationalität beherrschte Geistesmenschen. Doch auch sie beschäftigen sich mit Fragen, die über das Erkenntnisinteresse ihrer Wissenschaft hinausgehen. Prof Dr. Gunter Dueck war nach seiner Habilitation 1981 für fünf Jahre Professor der Mathematik an der Universität Bielefeld bevor er 1887 an das Wissenschaftliche Zentrum der IBM in Heidelberg wechselte. Eine neue Theorie der Nachrichtenidentifikation brachte ihm 1990 den Prize Paper Award der IEEE Information Theory Society ein. Heute arbeitet Gunter Dueck in den Bereichen Strategie und Cultural Change an der technologischen Ausrichtung der IBM. Er ist Präsidiumsmitglied der Gesellschaft für Informatik sowie der Deutschen Mathematiker Vereinigung. In seinen satirisch-philosophischen Büchern schreibt er über das Leben, die Menschen und Alltagsprobleme von Managern.

MEDIEN-MONITOR: Wie wird man Cheftechnologe und Vordenker bei IBM?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ich bin von der Dienststellung her eigentlich Distinguished Engineer. Da dies jedoch kein Deutscher versteht, habe ich zu meinem Chef gesagt, dass ich ab jetzt ‚Cheftechnologe’ sage – so einfach war das.

MEDIEN-MONITOR: Wie sieht Ihr Aufgabenbereich bei IBM aus?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ich war zunächst fünf Jahre Professor für Mathematik und bin dann zur IBM ins ’Research’ gegangen. Ich habe damals einen Weltwissenschaftspreis für Nachrichtentechnik gewonnen. Und damit wird man bei IBM gleich Direktor. Dann habe ich mir über alle möglichen Dinge – den Arbeitssinn und die Zukunft – Gedanken gemacht. Und so langsam immer mehr den Mund dazu aufgemacht. Manches ist sehr fundamentalkritisch, z.B. zum Shareholder-Value. Manche Leute suchen ja nicht den Sinn, sondern den Shareholder-Value. Heute ist das Management sehr weit weg von den Mitarbeitern, da die Manager meistens nur die Zahlen anschauen, „Dankeschön“ sagen und dann wieder gehen. Das finde ich grässlich und deshalb fange ich an, kritisch zu werden. Denn das Leben hat keinen Sinn, wenn man das ganze Jahr gearbeitet hat und am Ende kommt der Chef und sagt „Dankeschön“ und das war dann alles.

MEDIEN-MONITOR: Was sind die größten globalen Herausforderungen?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ich glaube, dass wir an einem Tiefpunkt der konjunkturellen Entwicklung sind. Als ich klein war, haben sechzig Prozent der Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet; heute sind es zwei Prozent. Die Leute sind in ihrem Elend zu irgendwelchen Automobilfabriken gelaufen, um dort durch das Fegen von Fabriken ihr Geld zu verdienen. Ihr Verdienst war dann teilweise höher als der eines Landarbeiters. Das ist für die Leute damals nicht schlimm ausgegangen, hat aber einen unheimlichen Umsturz gebracht. Heute sagt man: Die doofen Deutschen verdienen soviel wie nie und maulen den ganzen Tag. Aber das ist nicht der Punkt, sondern die Hälfte der Leute muss sich einen neuen Sinnraum oder einen neuen Beruf suchen. Das hat mit allen möglichen Nöten, Umzügen und Umstellungen zu tun, die für viele sehr, sehr schwierig sind. Dieser Zustand nähert sich jetzt dem Ende, indem der Computer neue Dinge macht, die vorher nicht gingen – ebenso wie früher der Traktor. Im Augenblick baut man durch Computer oder Nachrichtentechnologie Infrastrukturen über das Internet auf. Es entstehen jetzt ganz neue Berufe, durch die es dann in zehn Jahren zu einem reißenden Aufschwung kommt.

MEDIEN-MONITOR: Warum sehen Menschen in ihrer Arbeit immer weniger einen Sinn?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ich habe untersucht, was der mögliche Sinnraum von verschiedenen Berufsgruppen sein könnte. Es ist so, dass bestimmte Charaktertypen bevorzugt in bestimmte Berufsgruppen gehen. Daher dürfte man bestimmte Berufsgruppen nicht so rüde umändern wie das jetzt bei Ärzten der Fall ist. Diese sollen ja eigentlich helfen, müssen aber in Bürokratie machen und die Leute wegen der Effizienz schlechter behandeln. Dadurch wird die Gesundheitsbehandlung sinnlos, obwohl Ärzte sich doch den Beruf ausgesucht haben, um Menschen zu helfen. Natürlich kann man soweit heruntersparen, dass man mehr Geld verdient, aber alle Leute brennen aus – und das sind heute ziemlich viele. Ich schätze, dass ca. ein Drittel der Leute im Arbeitsleben einen Schaden hat. Mein Sohn hat bei dieser Aussage vehement protestiert und gesagt, ich sei zu negativ. Aber ich sagte ihm, er solle mal hundert Personen, die er persönlich kennt, aufschreiben. Dann haben wir angestrichen, wer drogensüchtig, magersüchtig oder vergewaltigt worden ist. Wer ist ein Workaholic, hatte einen Bandscheibenvorfall oder Hörsturz? Er machte eine Liste und kreuzte ein paar Leute an und sagte dann auch sehr schnell: „Wir lassen das lieber!“ Da hilft es auch nicht, den Leuten zu sagen, sie seien dumm oder ihr Leben sei sinnlos und sie müssten Stresstraining machen. Die Leute sollen einfach keinen Stress kriegen, denn das ist das Gesündeste. Bevor wir uns ständig behandeln lassen, sollten wir die Arbeitswelt einmal so ändern, dass man nicht behandelt werden muss.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben in einem Ihrer Bücher einen radikalen Weltverbesserungsvorschlag gemacht.

Prof. Dr. Gunter Dueck: Mein Vorschlag ist, dass man alle Leute, die Intelligenz bei der Arbeit aufwenden, sofort entlässt, da das Management erst dann versteht, wie schlecht ihre Prozesse sind. Das Problem ist, dass das Management jeden Tag eine Reorganisation macht und sich immerzu was ausdenkt; d.h. wir stellen uns jetzt besser gegen den Kunden auf. Die Mitarbeiter seufzen und sagen, dass das so nicht ginge und machen ihre alte Arbeit so weiter und das kostet dann. Das Management meint anschließend, die Reorganisation war toll und hat etwas bewirkt, wir sehen den Effekt und deswegen ist der Shareholder- Value gestiegen. Aus diesem Grund machen sie dann gleich am nächsten Tag wieder eine Reorganisation.

MEDIEN-MONITOR: Läuft es in der Politik nicht auch so?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ja, in der Politik ist das genau dasselbe. Ich werde als Innovator immer gefragt, wie viel Prozent der Innovation eigentlich gelingen. Ich wurde z.B. gefragt, ob ich wisse, dass nur 50 Prozent aller Erfindungen gelängen. Ich sagte, dass ich das wisse, und ich stelle deswegen immer Gegenfragen, inwieweit Gesetzesvorlagen gelingen. Wie viele Reorganisationen gelingen? Wie viele Fusionen gelingen? Wo ist die Milliarden-Synergie? Und ich habe dann mal sehr satirisch gesagt, dass wir im Grunde genommen ziemlich viel Unsinn machen. Also habe ich radikal gefordert, man müsste alle Intelligenz wegmachen und konsequent eine ‚gefakte‘ Welt haben. Man kocht nur noch aus Kochbeuteln, was bei den normalen Restaurants heute auch schon so ist. Der gekaufte Kuchen ist besser als der selbstgebackene. Und wenn der Papst einfach fünfzig Predigten schreibt, welche dann in der Kirche durch Karaoke vorgelesen werden, dann steigt überall die Intelligenz der Predigten an und man braucht keine Amateurintelligenz mehr in der Kirche. Ich bin einmal alle Berufsgruppen durchgegangen und habe festgestellt, dass man eigentlich nicht viel machen muss. Das Gesundheitssystem kann ich auf ca. zwanzig Prozent der Kosten herunterfahren, indem man den Patienten dazu verpflichtet, die Diagnose selber mitzubringen.

MEDIEN-MONITOR: Woran erkennt man Mitarbeiter mit hohem Potenzial?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Schwer zu sagen, aber ich erkenne das, glaube ich, an den Augen. Ich bin seit 25 Jahren als Jurymitglied in der Auswahl für die IBM-Studienstiftung und soll immer beurteilen, wer zu dem einen Prozent der Hochbegabten gehört.

MEDIEN-MONITOR: Was ist für Sie die beste Erziehungswelt, um das Optimale aus dem Menschen herauszuholen?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ich denke, dass man die Menschen ein bisschen so sein lässt, wie sie sind und sie dann als Einzelmenschen vernünftig fördert. Das bekomme ich sowohl im Betrieb als auch in der Uni hin, auch wenn die meisten Lehrer sagen, das ginge nicht. Es gibt so eine gewisse Gleichmacherei, die sehr viel Stress macht, da alle ihre Festplatte mit dem gleichen Abiturwissen füllen müssen. Manche Menschen sind eher schöpferisch tätig, andere reißen lieber Bäume aus und wieder andere beschränken sich eben auf Pflichtlernen – und das sollte man besser koordinieren.

MEDIEN-MONITOR: Haben wir ein Stück weit unsere Intuition verloren?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Es gibt keine Intuition. Die Schulerziehung füllt wirklich nur die Festplatte. Diese anderen Dinge wie soziale oder emotionale Intelligenz lernt man später, zum Beispiel als Manager mit Schwierigkeiten. Das Leben ist hart. Auch IBM sucht Leute mit sozialer und emotionaler Intelligenz. In einem Leserbrief hat mir neulich jemand geschrieben, dass es wichtig sei, zwischen sensitiv und sensibel zu unterscheiden. Das heißt, dass man mit dem Gefühl oder dem Instinkt Dinge wahrnimmt, ohne gleich zurückzuhauen. Es gibt ja die zwei Seiten: Erstmal muss man die Dinge verstehen und dann wird sofort darauf gehandelt. Das muss entkoppelt werden, damit man die Dinge richtig fühlt, aber nicht gleich loshaut oder -schreit, sondern einfach angemessen reagiert. Das bedeutet viel Übung und ich denke, dass man sich mindestens zehn Jahre selber mental begleiten muss, bis man sich langsam ändert. Es wird immer so getan, als ob man das wie eine Diät in zwei Tagen lernen könnte.

MEDIEN-MONITOR: In einem weiteren viel beachteten Buch beschreiben Sie eine ganzheitliche Betrachtungsweise des wahren Menschen. Können Sie uns einige Beispiele nennen?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ich habe die These aufgestellt, dass es drei bis vier verschiedene Menschenarten gibt, die verschiedene Philosophien, Religionen und Auffassungen haben. Ich sehe es als Akademiker nicht als meine Aufgabe an, eine überkrönende Theorie zu entwickeln, sondern ich sage vielmehr: Gebe jedem seine Religion, die ihm passt, damit er sich gut fühlt. Der Bergsteiger bekommt sein Glück – auch wenn er abstürzen sollte, aber das war es dann halt. Es ist einmal eine Studentin auf mich zugekommen, die mir erklärte, dass sie einer dieser Bauchmenschen sei und die Hälfte ihrer Familie vollkommen glücklich mit vierzig Jahren gestorben wäre, da bei ihr alle so seien. Entweder beim Bergsteigen oder beim Autorennen, aber das sei Leben – das hat mich schwer beeindruckt. Das ist, wie wenn man am Hockenheimring steht, wo alles laut ist und man das Gefühl hat, man müsse jetzt mitfahren. Daraus ziehe ich den Schluss, dass man jeden Menschen so behandeln muss, wie er ist.

MEDIEN-MONITOR: Ist Gott für Sie als Mathematiker existent?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ich persönlich habe aber sehr wenig Beziehung zu Gott gehabt und bei mir kommt das eher mit zunehmendem Alter. Ich habe dann etwas sehr Fieses gemacht und in einem Buch ein Kapitel geschrieben: Gott existiert, ob es ihn gibt oder nicht. Das ist der einzige gültige Gottesbeweis, der mit echter Mathematik geschrieben wurde. Die Argumentation ist, dass, wenn Sie ein konsistenter, in sich stimmiger, harmonischer Mensch sind, als Folge daraus ein großes Zufriedenheitsgefühl in Ihnen ist – was man dann je nach Menschenart Sinn oder Glück nennt. Eine gute Antwort wäre: Das muss Gott sein. Dann lebe ich mit Gott und kann nicht unterscheiden, ob dieser real da ist oder sich in mir gebildet hat. Ich vertrete jetzt den Standpunkt, dass es mir egal ist. Ich kann damit leben, dass er in mir ist und ich muss mir die Frage nicht stellen, ob er real da ist. Das bringt mir nichts. Die Leute, die sich mit dieser Frage beschäftigen, finden ja auch keine Antwort auf diese Frage.

MEDIEN-MONITOR: Was macht für Sie persönlich den Sinn des Lebens aus?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ich würde es so beschreiben: Leben ist, wenn man versucht, Quelle zu sein. Das hat mit dem „Haben und Sein“ zu tun. Denn die meisten Leute versuchen ja, etwas zu bekommen, etwas zu holen oder eine Karriere zu machen. Man sollte sich an diesem Punkt denken „Ich bin Quelle“ im Sinne von „Ich sammle nicht Wissen, sondern ich lebe und helfe einfach so aus mir heraus“. In dem Fall stellt sich nicht die Frage „Wo kommt die Energie her?“ Denn wenn ich Quelle bin, ist die Energie einfach da, sie ist unendlich. Sie kommt aus mir. Die anderen sind eher vergleichbar mit Vampiren, sie holen sich die Energie woanders.

Medien-Monitor: Herr Prof. Dueck, vielen Dank für das Gespräch?

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 9. Mai 2007 in München.