„Nicht alles, was Wohlstand ausmacht, ist berechenbar“: Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher

Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher, Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik an der Hochschule für Philosophie München sowie Vorsitzender der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ der Deutschen Bischofskonferenz

MEDIEN-MONITOR: Welchen Wert hat das Sozialkapital für unsere Gesellschaft? Wie lässt es sich abschöpfen?

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Sozialkapital lässt sich immens schwer berechnen. Nicht alles, was Wohlstand ausmacht, ist berechenbar. Investitionen in Bildung fördern die Fähigkeit von Menschen, Komplexität zu bewältigen und nicht fundamentalistische Defensivhaltungen einzunehmen, sondern offen aufeinander zuzugehen. Bildung ist eine wichtige Voraussetzung, um Zukunftsherausforderungen zu bewältigen. Ein zweiter wichtiger Autor in dieser Debatte, der US-amerikanische Soziologe James Coleman, hat in den 80er Jahren seine berühmte Studie „Sozialkapital in der Bildung von Humankapital“ veröffentlicht. Darin untersuchte er Mitte der achtziger Jahre die Schulabbrecherraten in öffentlichen und privaten Schulen in den USA. Coleman kam zu dem interessanten Ergebnis, dass die Schulabbrecherraten in kirchlichen Schulen signifikant niedriger sind, als in anderen Schulen. Er hat ausgeschlossen, dass dies am höheren Einkommen der Eltern in Privatschulen liegt. Vielmehr sind die enge Elternbegleitung und die durchgängige Wertevermittlung in einer lebendigen Gemeindestruktur für die niedrigere Abbrecherrate verantwortlich. Diese beiden Faktoren begünstigen das Sozialkapital. Die Bildung ist also eine wichtige Ressource, um das Sozialkapital abzuschöpfen.

MEDIEN-MONITOR: Welchen „Charakter“ hat denn unsere Gesellschaft?

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Bestimmte Aspekte lassen darauf schließen, dass das Sozialkapital in Deutschland durchaus gut ist. Zu nennen sind hier Sozialpartnerschaft, Mitbestimmungsrechte und auch die sozialen Sicherungssysteme – bei allem Reformbedarf. Aber wir brauchen auch neue Formen der Zusammenarbeit, etwa zwischen Unternehmen und Staat, zwischen Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen oder zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Beispiel Integration: Die ganze Debatte um Parallelgesellschaften zeigt, dass wir eine Bildungsproblematik haben. Es besteht die Gefahr, dass sich einzelne Subgesellschaften bilden, die überhaupt nicht mehr in Bezug zueinander stehen. Der Austausch zwischen verschiedenen Gruppen und Religionen ist ein ganz wichtiger Teil des Sozialkapitals.

MEDIEN-MONITOR: Wären wir vom Wirtschaftswachstum weniger abhängig, wenn wir über ein höheres Sozialkapital verfügen würden?

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Diese Frage ist direkt nicht so leicht zu beantworten, es gibt jedoch offensichtliche Verbindungen. Für die Wohlfahrtssicherung ist das Sozialkapital beispielsweise eine grundlegende Voraussetzung. Vergegenwärtigen Sie sich das Beispiel der Grameen-Bank: Hier helfen sich verschiedene Gruppen – meist sind es Frauen – mit Krediten. Die Rückzahlquote beträgt beeindruckende 99 Prozent. Das hat sehr viel mit Verlässlichkeit und Sozialkapital zu tun. Von solchen Quoten träumen manche Kreditabteilungen in Banken wahrscheinlich. Doch diese Frauengruppen entwickeln nicht nur ökonomische Fähigkeiten, sie setzen auch soziale Veränderungsprozesse in Gang. Die Frauen werden sehr viel selbständiger. Als ich ein Dorf in Indien besucht habe, machte ich eine unglaubliche Erfahrung: Die Frauen dort haben nicht nur für ihren Dorfladen gespart, sondern auch angefangen, landwirtschaftliche Tätigkeiten zu übernehmen. Fünf Jahre vorher hatten sie noch nicht einmal den Mut, in der Öffentlichkeit zu sprechen.

MEDIEN-MONITOR: Wie sozial muss Wirtschaft sein?

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Unternehmen sind zunächst einmal keine Wohltätigkeitsorganisationen. Auf der anderen Seite müssen Unternehmen nicht dem Paradigma der Gewinnmaximierung folgen. Das zeigt die Sozialkapitaldebatte. Wenn wir die Zieldimension des Wirtschaftens in den Blick nehmen, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Worauf richten wir das Wirtschaften aus? Hier gibt es nach wie vor immense Defizite. In manchen Bereichen haben wir aus der Krise relativ wenig gelernt. Die berühmten Boni-Zahlungen befinden sich in schwindelerregenden Rekordhöhen. Zudem entwickelt die Finanzbranche ganz neue Eigenheiten. So sind mittlerweile auch lebensnotwendige Güter wie Nahrungsmittel Spekulationsgegenstand. Deshalb muss sich die Gesellschaft die Frage neu stellen: Was ist der Zweck des Wirtschaftens? Wenn wir diese Dimension in den Blick nehmen, dann sind Wirtschaft und Soziales eng beisammen.

MEDIEN-MONITOR: Wie könnte ein gerechter Welthandel ausschauen?

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Kein Industrie- und kein Schwellenland hat sich sofort den Außenmärkten geöffnet. Alle Patentrezepte, die wir in der WTO den armen Ländern präsentieren, sind Wege, die wir selbst nie gegangen sind. Wir benötigen auf der einen Seite verlässliche Rahmenbedingungen, auf der anderen Seite müssen wir jenen Ländern ausreichend Spielräume überlassen, die das entsprechende ökonomische Niveau noch nicht erreicht haben. Für einen gerechten Welthandel brauchen wir also vor allem gerechte Verfahren. Zu WTO-Verhandlungen reisen beispielsweise die reichen Länder mit Delegationen von bis zu 200 Experten an und die armen Länder Sub-Sahara-Afrikas schicken ein bis zwei Personen, die in der Regel mit der Materie völlig überfordert sind. Wir müssen also in der Lage sein, international faire Rahmenbedingungen zu schaffen.

MEDIEN-MONITOR: Die globalen Märkte wachsen immer mehr zusammen. Mit dem Internet ist man in einer Sekunde am anderen Ende dieser Welt. Per Knopfdruck werden Milliarden transferiert…

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Das ist völlig richtig. Die Entwicklung führt auch zur Frage: Können wir Wohlstand für alle schaffen? Ich glaube, wir sind uns einig, dass dies die Zielsetzung ist. Doch geben wir den Entwicklungsländern wirklich eine faire Chance? Es gibt bestimmte Bereiche, in denen wir dies evident nicht tun. In diesem Zusammenhang sei auf die Landwirtschaft verwiesen, den aus der ethischen Perspektive wichtigsten Bereich, weil es um Nahrungsmittelproduktion geht. Wir begehen eine Gerechtigkeitsverletzung, wenn wir unsere Exporte hoch subventioniert auf die Weltmärkte werfen und vielen ärmeren Ländern dadurch die Märkte kaputt machen. Denn diese kommen im Subventionswettlauf nicht mit.

MEDIEN-MONITOR: Welche Rolle spielt das Sozialkapital bei den zentralen Herausforderungen der Gegenwart? Ich denke an Klimawandel, Wirtschaftskrise, Integration…

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Ich versuche einen Bogen zu schlagen von der ökologischen zur sozialen Frage. Diese möchte ich an einer Metapher veranschaulichen, die wir in einem Report zu Klimawandel, Entwicklung und Gerechtigkeit eingeführt haben: Stellen wir uns vor, dass zehn Personen in einer Wüste wandern. Die zehn haben einen gemeinsamen Wasserkanister, der jedoch bereits zu zwei Dritteln leer getrunken ist und zwar von drei der zehn Wanderer. Unschwer zu erkennen: Die drei stehen für die Industrieländer. Wie teilt die Gruppe nun den knappen letzten Wasseranteil auf? Die drei kommen auf eine geniale Idee und sagen: Wir teilen den Rest zu gleichen Teilen untereinander auf. Die anderen sieben sagen jedoch: Das ist kein faires Angebot, darauf lassen wir uns nicht ein. Wir fordern den gesamten Rest! Die drei wiederum erklären: Da machen wir nicht mit! Und sie streiten und streiten und kommen zu keiner Einigung. Die Geschichte beschreibt im Grunde die Situation, in der wir uns während der Klimaverhandlungen befinden. Die Grundidee des Sozialkapitals wäre: Die zehn einigen sich und sagen, wir machen uns gemeinsam auf den Weg und finden die nächste Oase, wo das Wasser nicht mehr knapp ist. Dazu müssen sie kooperieren, Vertrauen entwickeln und Mechanismen entwickeln, mit Hilfe derer alle den Weg zur Oase finden. Und natürlich müssen die drei, die bisher den größten Wasseranteil getrunken haben und damit eine höhere Verantwortung tragen, einen Masterplan entwickeln, wie alle zehn zur Oase kommen.

MEDIEN-MONITOR: Sie sprechen vom Global-Deal, den sie mitentwickelt haben…

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Der Global-Deal ist im Grunde der Masterplan, der aufzeigt, wie die zehn zur Oase kommen. In diesem Kontext stellen sich mehrere Gerechtigkeitsfragen. Zunächst ist völlig klar: Die zehn müssen ihren Treibhausgas-Ausstoß extrem reduzieren. Um die Emissionsminderung hinzubekommen, brauchen wir so etwas wie ein globales Regime bzw. ein globales Handelssystem mit Emissionsrechten. Zudem benötigen wir eine weltweite Technologiepartnerschaft, um die Energieversorgung effizienter zu gestalten. Bereits jetzt sind Klimaschäden aber nicht mehr zu vermeiden. Deswegen müssen sich die zehn auch darauf einigen, wie sie sich gegenseitig unterstützen können, um die schon jetzt nicht vermeidbaren Schäden zu bewältigen. Letztlich müssen sie sich noch auf den Schutz der tropischen Wälder einigen. Denn Länder wie Brasilien, Indonesien oder Kongo stehen vor einem Dilemma: Wenn sie die Wälder abholzen, können sie Tropenhölzer exportieren und damit Devisen erwirtschaften. Deshalb brauchen wir einen Ausgleichsmechanismus und müssen die Wälder als globales Gemeingut verstehen und schützen. Diese Maßnahmen, die zugleich ergriffen werden müssen, bezeichnen wir als Global-Deal für Klimaschutz und Entwicklung. Diese Vernunft müssen die zehn in der Wüste aufbringen.

MEDIEN-MONITOR: Wir haben wohl keine andere Chance…

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Wir sind dazu verdammt, zu kooperieren. Andernfalls werden wir die zentralen globalen Herausforderungen, wachsende Komplexität und unabsehbare Systemgrenzen, niemals meistern können!

MEDIEN-MONITOR: Neues Thema: Sinkt das Sozialkapital einer Gesellschaft, wenn ihre Autoritäten in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten? Man denke z.B. an die zahlreichen Rücktritte von Politikern in der letzten Zeit, an die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche und das Versagen der Wirtschaftselite.

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Eliten haben immer eine Vorbildfunktion und tragen Verantwortung. Verschiedene Studien zeigen, dass Menschen fast nie isoliert handeln, sondern sich immer an Leitbildern orientieren. Die Gier der Finanzmärkte und die Discount-Mentalität der Konsumenten – Stichwort: „Geiz ist geil!“ – sind die zwei Seiten einer Medaille. Beides gehört zusammen. Deswegen müssen wir andere Leitbilder entwickeln. Momentan ist es so, dass wir unseren Status in der Gesellschaft über den Besitz eines spezifischen Autos oder unseren Urlaubsaufenthalt definieren. Wir müssen es schaffen, positive gesellschaftliche Leitbilder zu entwickeln, und dieses Statusdenken in eine andere Richtung lenken. Einen hohen Status könnte zum Beispiel derjenige haben, der sein Gebäude energieeffizient saniert. Es gibt eine wunderbare Initiative eines kleinen Start-Up-Unternehmens: Dieses will Klima-Zertifikate unter dem Label Certified Coolness verkaufen. Es muss also cool werden, das Klima zu schützen.

MEDIEN-MONITOR: Wenn Sie Deutschland in punkto Sozialkapital im internationalen Vergleich bewerten würden: Wo stünde unser Land?

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Das ist sehr schwierig. Aber auch die Sozialkapital-Untersuchungen zeigen, dass die skandinavischen Länder weit vorne liegen. Das hat auch etwas damit zu tun, dass dort die Ungleichheit der Einkommensverhältnisse geringer ist. Diese Länder haben eine ausgeprägte wohlfahrtsstaatliche Tradition. Es sind auch nicht umsonst die Länder, die in der Entwicklungshilfe vorne stehen und eine vergleichsweise offene und offensive Integrationspolitik betreiben. Es gibt viele Aspekte, die dieses Bild abrunden. Ich glaube, dass Deutschland im Vergleich gar nicht so schlecht dasteht und vermutlich einen durchaus guten Mittelfeldplatz belegt.

MEDIEN-MONITOR: Die letzte Frage: Angenommen, Sie säßen für eine neue Partei am Kabinettstisch der Bundesregierung, welche Reformen würden Sie als Erstes umsetzen?

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher: Das Ziel muss ein weltweit einheitlicher CO2-Preis sein. Wir müssen es schaffen, das europäische Emissionshandelssystem sektoral zu erweitern. Nicht nur die Unternehmen, sondern jeder Konsument muss in das System einbezogen werden. Wir sollten uns die Idee vom Emissionshandelssystem trotz gewisser Schwächen im EU-Raum nicht ausreden lassen, sondern dieses System weiterentwickeln. Damit könnten wir auch eine positive Botschaft an andere Regionen der Welt senden.

MEDIEN-MONITOR: Herr Prof. Wallacher, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 18. November 2010 in München.