„Für Fundamentalopposition gibt es in diesem Land keine Stimmung“: Gespräch mit Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter, Ordinarius für Politikwissenschaft an der Universität Passau und Direktor der Akademie für Politische Bildung in Tutzing

MEDIEN-MONITOR: Kann man die SPD noch als Volkspartei bezeichnen?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Was ist eine Volkspartei? Die Politiker machen es sich oft einfach, indem sie sagen, eine Volkspartei muss eine bestimmte Prozentmarke der Wählerstimmen erreichen. Das heißt im Klartext: Der jeweilige politische Gegner definiert, wann eine Partei noch eine Volkspartei ist. Das ist natürlich Unsinn. Eine Volkspartei ist eine Partei, die versucht, alle sozialen Schichten in der Bevölkerung anzusprechen. Dass die SPD nach wie vor in allen Schichten der Bevölkerung Wähler hat, ist gar keine Frage. Dass sie aber im Wesentlichen in den klassischen sozialdemokratischen Milieus Wählerstimmen verloren hat, ist die eigentliche Problematik. Von den einstigen SPD-Wählern haben natürlich viele der Linkspartei ihre Stimme gegeben. Sehr viele sind enttäuscht. Doch diese Wähler sind wieder zurück zu gewinnen – nicht heute, aber vielleicht übermorgen. Insofern kann man sich über die SPD Sorgen machen, aber man soll nicht meinen, dass bereits das Sterbeglöcklein zu läuten sei – auch wenn das manches CDU- oder CSU-Mitglied gerne hätte. Wenn Sie das bayerische Wahlergebnis aus dem Gesamtergebnis der Union herausrechnen, dann ist die CDU mit etwa 27 Prozent übrigens auch nicht mehr viel größer als die SPD. Beide großen Parteien haben Probleme, die eigenen Stammwähler, sofern es so etwas noch gibt, zu mobilisieren. Beide haben außerdem Probleme, über die 30-Prozent-Marke zu kommen. Deswegen rede ich von einem Erosionsprozess. Ich rede nicht davon, dass die Zeit der Volksparteien vorbei ist und sie dem Untergang geweiht sind.

MEDIEN-MONITOR: Worin lagen die Ursachen für das desaströse Ergebnis der SPD?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Die Ursachen liegen eigentlich in einer heroischen Tat der SPD, nämlich in dem Versuch während der zweiten Regierung Schröder, die sozialen Sicherungssysteme zu reformieren. Im Grunde war dies eine gemeinwohlorientierte, patriotische Aufwallung. Hartz IV und Rente mit 67 waren Reaktionen auf den demographischen Wandel. Wir wissen, dass wir bis zum Jahr 2050 etwa 15 bis 20 Millionen Menschen unserer Bevölkerung verlieren. Da können die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr so funktionieren, wie sie es noch tun. Ich suche vergeblich einen CDU-Kanzler, der so hart in die Sozialpolitik eingegriffen hätte. Das Zerrinnen der eigenen Gefolgschaft war die Folge der SPD-Politik unter Schröder. Wir sehen jetzt aber, dass die SPD nicht radikal, aber doch sukzessive versucht, diese Politik Schritt für Schritt zu korrigieren.

MEDIEN-MONITOR: Was bedeutet die Erosion der SPD für die Bundesrepublik Deutschland, aber auch für den Parlamentarismus? Stichwort: Schwache Opposition.

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Eine schwache Opposition haben wir ja schon länger. Ich denke, dass die gesellschaftliche Entwicklung für Oppositionsparteien nicht förderlich ist. Die Bevölkerung glaubt, dass sich alle Parteien auf die Mitte zubewegen. Die einzige Ausnahme ist die Linkspartei. Das heißt: Für Fundamentalopposition gibt es in diesem Land keine Stimmung. Für oppositionelles Verhalten im Parlament muss man sich gelegentlich sehr künstlich Themenfelder heraussuchen und ist daher froh, dass es die Themen Klimawandel und innere Sicherheit gibt. Hier können sich die Parteien noch auseinander differenzieren. Auch das Thema Sozialpolitik hat wieder Zugkraft bekommen. Grundsätzlich haben wir die Zeiten einer heroischen Opposition seit langer Zeit aber hinter uns. Die Frage geht eigentlich weit darüber hinaus: Was bedeutet es, dass wir eine verfestigte Tendenz zum Fünfparteiensystem, mit der CSU zum Sechsparteiensystem, mit einer einzementierten Maximalposition von 30 Prozent besitzen? Und selbst diese 30 Prozent waren für die SPD bei dieser Wahl ein Wunschtraum. Früher hieß es immer: 40 Prozent, dafür sind die beiden Großen gut. Die Zeiten in denen sich eine große und eine kleine Partei einander annähern und die Regierung mit relativ überschaubaren Verhältnissen bilden, neigen sich dem Ende entgegen. Schwarz-Gelb könnte zum letzten Mal eine solche Konstellation sein. „Jamaika“ oder die „Ampel-Koalition“ sind möglicherweise die Modelle der Zukunft. Dies hätte zur Folge, dass klare Führungslinien schwieriger zu formulieren sind. Auf der anderen Seite gibt es jedoch die Tendenz, dass das Formulieren klarer Führungslinien immer wichtiger wird. Denn wir leben in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft zunehmend pluralisiert und individuelles Nutzenkalkül beim Wahlverhalten den Ausschlag gibt. Doch welche Aussagen sollen die großen Parteien produzieren, wenn sie alle Schichten der Bevölkerung ansprechen wollen? Sie setzen sich also automatisch der Gefahr der Widersprüchlichkeit aus. Demzufolge ist die beste Strategie offenbar jene von Angela Merkel: Man sagt weder vor noch nach der Wahl deutlich, was man will. So kann man keine Widersprüche produzieren und bleibt Volkspartei, wenn auch mit nur 27 Prozent. Wo eine klare Führungslinie fehlt, fehlt aber auch eine klare Oppositionslinie. Ich spitze bewusst ein wenig zu.

MEDIEN-MONITOR: Wie werden es die Sozialdemokraten in Zukunft mit den Linken halten?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Ich habe nach der Bundestagswahl gedacht, dass es einen raschen Ruck nach links geben wird. Doch ich habe am Wahltag beobachtet, wie sich die alten Zugpferde Müntefering und Steinmeier am Nachmittag abgesprochen haben – ab 16 Uhr wissen sie ja, wie die Wahl ausgeht. Ich glaube, sie wollten diesen Linksruck von vornherein verhindern. Ich habe erwartet, dass die Koalitionsbildungen in den drei offenen Landtagssituationen eine deutliche Tendenz zu rot-rot signalisieren werden. All diese Erwartungen sind nicht eingetreten. In den Landtagen hat man im Grunde alle Konstellationen ausprobiert. Es gibt also keine eindeutige Linie. Und das, was man jetzt von der SPD auf dem Parteitag und aus dem Mund der Protagonisten hört, bedeutet nicht, dass es einen klaren Kurs auf die Linke zu geben wird. Der würde außerdem bedeuten, dass die SPD zum Teil utopische Postulate übernehmen müsste. Insofern wird die SPD eine eigenständige Linie fahren.

MEDIEN-MONITOR: Ist Rot-Rot also keine Option für die Zukunft, auch im Hinblick auf die Bundestagswahl 2013?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Es fällt im Augenblick schwer, über personalpolitische Entwicklungen zu reden. Ich sage es aber doch, mit allem Respekt und aller Zurückhaltung: Solange Lafontaine bei der Linken eine Rolle spielt, ist eine rot-rote Annäherung nicht zu erwarten – auch nicht bei Andrea Nahles. Die demoskopischen Daten beweisen, dass rot-rot nicht populär ist. Und noch ist es in der Demokratie so, dass selbst abgehobene Parteieliten nicht ganz am Volk vorbei agieren können. Koalitionsaussagen können sich an der Wahlurne zudem als schädlich erweisen. Ob sich das bis 2013 wesentlich ändert, weiß ich nicht. Die Krise ist ja beim Volk noch nicht angekommen. Angela Merkel redet seit dem 28. September ganz anders als vorher. Wir haben mehrere Dinge gemacht, um die Auswirkungen der Krise zu übertünchen. Das Kurzarbeitergeld wurde verlängert, die Arbeitslosenstatistik geschönt. Wir haben jetzt schon ein bis zwei Millionen mehr als wir zählen und wir werden erheblich mehr Arbeitslose bekommen. Ob in einer solchen Situation große Experimente mit umstrittenen Koalitionsbildungen möglich sind? Da habe ich meine Zweifel. Vielleicht liege ich aber auch daneben.

MEDIEN-MONITOR: Schauen wir uns die Union, den zweiten großen Verlierer der Bundestagswahl, genauer an. Die CDU musste ihr schlechtestes Ergebnis seit den 50er Jahren hinnehmen, die CSU fuhr mit 42,6 Prozent ebenfalls ein schlimmes Ergebnis ein. Seit 1949 war die Partei nicht mehr so schwach. Was sind die Gründe für dieses schlechte Abschneiden?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Ich weiß nicht, ob ehrliche Wahlergebnisse schlimme Wahlergebnisse sind. Wenn ich mir die Dinge in Bayern ansehe, stelle ich schlicht und einfach die These auf, dass die CSU auch aufgrund innerer Entwicklungen, aufgrund von Fehlentscheidungen der Staatsregierung und aufgrund von Übermütigkeiten, die 2003 entstanden sind, verloren hat. Das Wahlergebnis von 2003 ist in der Spitze als Zwei-Drittel-Ergebnis interpretiert worden, obwohl man 250.000 Wählerstimmen verloren hat. Die zwei Drittel kamen zustande, weil die anderen Parteien noch weniger Wähler mobilisieren konnten. Das war kein eigener Verdienst. Im Grunde hat da ein Angekränkelter die Verabreichung einer kurzfristigen Medizin mit Heilung verwechselt. Daraufhin wurde eine Politik inszeniert, die erhebliche Gruppen in der Bevölkerung verunsichert hat. Mir fällt in diesem Zusammenhang eine Pressemitteilung der CSU-Landtagsfraktion ein. Die begann mit dem Satz: Bevor man an Schulen das Büchergeld einführt, soll man erst einmal darüber nachdenken. Das war ein hervorragender Satz. Der hätte auch für die Einführung des G8 gelten sollen. Ich habe eine Tochter, die Gymnasiallehrerin ist. Der hat man den neuen Lehrplan für das G9 gleichzeitig mit der Information über die Einführung des G8 ausgeliefert. So wurde Politik gemacht. Dann kamen andere Querelen und Personalentscheidungen hinzu. Die Entwicklung des Freistaats an die ökonomische Spitze der Republik ist ein riesengroßes Verdienst der CSU, aber die Gesellschaft verändert sich. Ich glaube, dass die Wähler, die die CSU verloren hat, so schnell nicht wieder zurückkommen. Was die CDU betrifft: Sie hat eher ein Problem mit ihrem Stammwählerpersonal, das sich in der Wischi-Waschi-Politik der Union nicht mehr wieder erkennt. Das ist wieder sehr holzschnittartig formuliert. Die CDU hat nichts mehr erschüttert als die zeitweise diskutierte Möglichkeit, Friedrich Merz könnte eine eigene Partei gründen. Wenn er das Sitzfleisch dazu gehabt hätte, wäre das wahrscheinlich eine ziemlich große Herausforderung für die CDU geworden. Bei der CDU liegt es mehr an der Enttäuschung des konservativen Milieus und an der Unfähigkeit, andere Wähler zu mobilisieren. Das wiederum liegt im Trend der zunehmenden Distanz der Wähler zu Parteien und Politik.

MEDIEN-MONITOR: Kommen wir auf das geringe Wahlinteresse zu sprechen. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 71 Prozent. Ist das einfach nur Politikverdrossenheit? Oder steckt da mehr dahinter?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Auf der einen Seite verstehe ich die Sorge, die aus dieser Frage spricht. Sie ist natürlich dadurch gespeist, dass wir Mitte der 70er Jahre eine Wahlbeteiligung von 91 Prozent hatten. Übrigens hatten wir Mitte der 70er Jahre auch eine Zustimmung zu den beiden großen Volksparteien von 91,2 Prozent. Seither geht es bergab. So wenig Zustimmung wie jetzt hatten wir noch nie. Natürlich ist es ein Signal, wenn die Wahlbeteiligung in Ostdeutschland um zehn, in Westdeutschland um sechs Prozent zurückgegangen ist. Aus dem Abrutsch von 91 auf 70 Prozent kann man große Klagen über Demokratieverdrossenheit und ähnliche Dinge ableiten. Diese sind zum Teil auch berechtigt, weil die Deutschen seit alters her sagen, Wahlrecht sei so etwas wie Wahlpflicht. Blicke ich aber auf andere Demokratien, dann stelle ich fest, dass in Amerika der Messias Obama mit 53 Prozent Wahlbeteiligung gewählt wird, dass in Großbritannien Wahlbeteiligungen zwischen 50 und 58 Prozent bei den Unterhauswahlen üblich sind, dass die Paradedemokratie Schweiz bei Referenden und Nationalratswahlen eine Wahlbeteiligung von 50 Prozent hat und dass die Franzosen bei ihrem ersten Wahlgang eine Wahlbeteiligung von 59 Prozent haben. Also sind wir im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht. Jenseits des nicht ganz harten Indikators Wahlbeteiligung ist jedoch der Vertrauensschwund und die zunehmende Distanz zur Politik das Hauptproblem. Das Vertrauen in die Politik, in die Parlamente, in die Bundesregierung ist zwischen 1995 und 2005 im Schnitt um mehr als die Hälfte gesunken. Die Wertschätzung gegenüber der Demokratie als beste Staatsform hat sich um 20 Prozent nach unten entwickelt. 2005 konnten sich 22 Prozent der Menschen aus Ostdeutschland vorstellen, es gebe eine bessere Staatsform als die Demokratie.

MEDIEN-MONITOR: Kommen wir noch zu den Gewinnern der Wahl: Was waren die Gründe für die Siege der kleineren Parteien?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Der Grund dafür ist, dass das Volksparteienkonzept viele Wähler deswegen nicht mehr überzeugt, weil sie sich in diesem „Catch-All-Angebot“ nicht mehr wieder finden. Warum gewinnt die FDP so stark hinzu? Sie gewinnt deswegen 15 Prozent, weil ein Mensch, der bürgerrechtlich, partizipatorisch, liberal und wirtschaftsdynamisch orientiert und mittelständisch ist, sich in der FDP besser bedient und repräsentiert fühlt als in einem SPD- oder CDU-Angebot, in dem sich dieses Profil hinter vielen anderen verbergen muss. Der Pluralisierungsprozess und der wachsende Anspruch, sich selbst mit wesentlichen Positionen in einer Partei wieder finden zu wollen, sind für den Erosionsprozess der Volksparteien verantwortlich. Das ist eine Entwicklung, die uns meines Erachtens nicht mehr verlässt.

MEDIEN-MONITOR: Es gibt Stimmen im linken Lager, die das Ende des Wohlfahrtsstaates und Sozialabbau voraussagen. Ist es in den nächsten Jahren denkbar, dass es in unserem Land zu sozialen Revolten kommen könnte, dass eine große Masse auf die Straße geht, gegen schwarz-gelb demonstriert und vielleicht sogar radikal werden könnte?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Es ist schon allein deswegen nicht denkbar, weil unser aller Kanzlerin die Parole ausgegeben hat: es passieren keine sozialen Kahlschläge. Der zweite Punkt ist aber: Wie tiefgehend kann man sich wirtschaftliche und arbeitsmarkttechnische Einbrüche vorstellen. Da kann man in beiden Fällen nicht optimistisch sein. Die Lösung der Finanzkrise ist nicht in Sicht. Was da manche Banker und Wirtschaftspolitiker betreiben ist im Grunde die Vorbereitung der nächsten Blase. Ich höre aus der mittelständischen Industrie viel Negatives. Ich höre zum Beispiel aus Niederbayern, dass in manchem Betrieb gearbeitet wird, aber keine Löhne mehr bezahlt werden. Die Leute nehmen das hin, in der Hoffnung, das Unternehmen zu erhalten und nach zwei bis drei Monaten wieder etwas zu kriegen. Der Hauptpunkt ist jedoch: Solange der Sozialstaat funktioniert – und das ist der große Unterschied zur Weimarer Republik – solange können wir uns Protestdemonstrationen vorstellen, aber keine sozialen Unruhen, die diese Republik aushebeln. Es ist ja auch ganz interessant, dass wir auf der Rechten keine nennenswerte Resonanz haben. 1,5 Prozent NPD-Wähler in dieser ökonomischen Situation sind ein Witz. Natürlich haben wir in Ostsachsen unter den jungen Männern zehn Prozent NPD-Wähler. Das gilt aber eben nicht für die Republik insgesamt. Ich rechne also nicht mit Hungeraufständen und ich rechne nicht mit dem Geruch von Suppenküchen in Deutschland, wie in der Weimarer Republik. Ich glaube aber, dass man sich Gedanken machen muss über die Umstellung der Finanzierung dieses Systems und über die Umstellung der Lebensweisen – auch hinsichtlich der Frage, ob wir die These aufrecht erhalten können, dass Demokratie abhängig von einem ständig funktionierenden Wachstum sei. Wenn überhaupt, wird es ein geringeres geben. Ob wir in der Öffentlichkeit schon Folgebereitschaft für diese Diskussion haben, weiß ich nicht.

MEDIEN-MONITOR: Solange Geld da ist – so habe ich Sie verstanden – und dieses Geld in die richtigen Kanäle fließt, um letztendlich den sozialen Wohlstand in unserem Land zu finanzieren, brauchen wir keine großen Ängste haben. Noch einmal zur Kanzlerin: Manche sprechen ja von einer sozialdemokratisierten Angela Merkel. Wie kommt Frau Merkel klar mit den neoliberalen Ansätzen der FDP? Wird sie in Zukunft damit zu kämpfen haben, liegt da Konfliktpotential in der Regierung?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Ich will zum Einleitenden noch kurz eine Bemerkung machen. Sie sprachen vom sozialen Wohlstand. Wir müssen zwischen Wohlstand und Problemgruppen unterscheiden. Wir müssen uns die Frage nach einer halbwegs gestaltenden Sozialpolitik stellen, welche die Distanz zwischen Wohlstand und Problemgruppen nicht derart zuspitzt, dass die Radikalisierung an der Wahlurne wächst. Das ist eine große Herausforderung. Und eine noch größere ist es, den Deutschen zu vermitteln, dass die Art der sozialen Absicherung, die wir bisher haben, nicht zukunftsträchtig ist und dass hier Reparaturen stattfinden müssen. Schröder hat sie gemacht, mit schrecklichen Konsequenzen für sich und seine Partei. Die Union hat sie 2005 versprochen, mit der schrecklichen Konsequenz, an der Wahlurne abgestraft zu werden. Die Leute wollen das nicht. Was ich aber von der Politik und der Kanzlerin erwarte, ist, dass man den Leuten erklärt, warum man welche Maßnahme mit welcher Hoffnung initiiert. Diese kommunikative Bringschuld hat in den letzten zehn Jahren kein Politiker realisiert. Da liegen meines Erachtens riesige Kommunikationsprobleme. Seit der Wahl sehen wir, dass eine klare Linie nicht formuliert wird. Man hat erwartet, dass bei der Klausur in Meseberg der Weg sichtbar wird. Doch nach der Klausur haben wir erfahren, dass alles schön war und harmonisch, dass sich das Kabinett jetzt besser versteht und dass man persönliche Beziehungen aufbaut. Ich halte das zwar für wesentlich, aber es ist keine Problemlösung. Der Koalitionsvertrag besteht aus Ankündigungen, Eventualitäten und Vorbehalten. Andererseits: Keine Regierung wird in den ersten vier Monaten Beschlüsse fassen, die ihre Niederlage bei der nächsten Wahl besiegeln. Ein wenig Steuerermäßigung wird es geben. Aber ob es die große Steuerreform gibt und wie wir mit der Staatsverschuldung umgehen, ist noch nicht klar.

MEDIEN-MONITOR: Was bedeutet schwarz-gelb für die Zukunft unseres Landes, für die Zukunft unserer Demokratie?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Schwarz-gelb ist eine Koalition wie jede andere. Sie ist nicht sozialrevolutionär, sie ist keine Garantie dafür, dass wir unsere Probleme lösen. Sie ist auch keine Garantie dafür, dass nach vier Jahren alle zufrieden sind. Ich glaube nicht, dass schwarz-gelb uns den Ansatz einer entschiedenen politischen Führung zeigen wird. Ich denke, dass die Dame an der Spitze nicht das Faible für eine entschiedene politische Führung hat. Sie ist sehr stark damit beschäftigt, sich selbst abzusichern, um mich mal ganz vorsichtig auszudrücken.

MEDIEN-MONITOR: Wer ist das nicht?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Ach, ich habe eine Pensionsberechtigung. Schwarz-gelb bedeutet für das Schicksal der Demokratie direkt wenig. Indirekt könnte es eine Sicherung jener Paradigmen bedeuten, auf denen diese Republik beruht – im Sinne von Ludwig Erhards Definition der sozialen Marktwirtschaft. Das ist nicht die Definition, die wir in 40 Jahren daraus gemacht haben. Denn Ludwig Erhard sah im Zentrum der sozialen Marktwirtschaft den tätigen Menschen. Es gibt ein schönes Bild eines bekannten Wirtschaftswissenschaftlers. Der hat die soziale Marktwirtschaft folgendermaßen beschrieben: Die Marktwirtschaft fordere von den Athleten am Trapez Hochleistung. Darunter spanne sie das absichernde Netz. Es ist aber nicht im Sinne der Veranstaltung, dass die Akrobaten sich müßig im Netz versammeln, sagte Walter Geigant. Die Koalitionsvereinbarung zu den Gesundheitskosten bedeutet den Einstieg zu mehr Selbstverantwortung. Wenn es so bleibt, werden die Individuen zusätzliche Belastungen selbst bewältigen müssen. Das ist ein Gedanke, der im angelsächsischen Bereich völlig klar zu Tage liegt. Mit der deutschen Tradition von Vater Staat und kollektiven Sicherungssystemen, welche die Abfederung möglichst vieler individueller Lebensrisiken leisten sollen, ist er nicht in Einklang zu bringen. Insofern kann man sagen: Bei all dem, was vage geblieben ist, hat die neue Regierung den einen oder anderen Ansatz geäußert, der zu einer grundsätzlichen Veränderung von Paradigmen führen kann – hin zu dem, was soziale Marktwirtschaft eigentlich bedeutet hat. Ich glaube nicht, dass die Koalition dafür geeignet ist, die weltwirtschaftlichen Krisen zu bereinigen. Ich glaube bestenfalls, dass man im Rahmen dessen, was global passiert, mit bescheidenen Mitteln in Deutschland Entwicklungen und Fehlentwicklungen gestalten und abfedern kann. Mehr erwarte ich von dieser Koalition nicht. Jeder demoskopische Befund zeigt uns, dass die deutsche Öffentlichkeit für Reformen sehr bereit ist, unter der Voraussetzung, dass sie selber davon nicht betroffen ist. Das ist das Problem. Und man kann von Regierenden nicht erwarten, dass sie sich selber zur Disposition stellen. Die Leute sind nicht bereit, zu opfern. Aber ich sage noch einmal: es ist ihnen auch nicht erklärt worden, wozu diese Opfer gut sind und zu welchem Ende sie führen. Wir kriegen die Politik, die wir verdienen.

MEDIEN-MONITOR: Angenommen Sie säßen am Kabinettstisch: Was würden Sie Frau Merkel raten?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter: Ich würde ihr raten, zu einem ehrlichen und glaubwürdigen Umgang mit der politischen Öffentlichkeit zurückzufinden. Denn mir scheint, dass wir einen politisch-medialen Komplex haben, der im Grunde mehr auf Inszenierung als auf Problemerkenntnis und Problemlösung abzielt.

MEDIEN-MONITOR: Herr Prof. Oberreuter, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 19. November 2009 in München.