„Skandale sind ein Korrektiv“: Gespräch mit Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur sueddeutsche.de

Die Süddeutsche Zeitung ist nicht nur Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung. Sie war auch die treibende Kraft bei der Aufdeckung manchen politischen Skandals. Im Mai 2000 wurde »Deutschlands Leitmedium Nummer eins« (Studie Journalismus in Deutschland) indessen selbst von einem Skandal erschüttert, als bekannt wurde, dass das SZ-Magazin gefälschte Prominenten-Interviews veröffentlicht hatte. Hans-Jürgen Jakobs, Leiter des Medienressorts der Süddeutschen Zeitung, zählt zu den einflussreichsten professionellen Beobachtern des Mediengeschehens. In einer Art ‚Wundertüte’ verbindet er populäre Themen mit aufwändig recherchierten Hintergrundberichten. Der Diplom-Volkswirt startete seine journalistische Karriere bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung. Nach Stationen beim Handelsblatt und der Münchner Abendzeitung zog es Jakobs 1993 zum SPIEGEL nach Hamburg. Seit 2001 leitete er in der bayerischen Landeshauptstadt das Medienressort der Süddeutschen Zeitung. Seit Dezember 2006 ist er Chefredakteur von sueddeutsche.de.

MEDIEN-MONITOR: Warum greifen die Medien zum Mittel der Skandalisierung?

Hans-Jürgen Jakobs: Ich könnte es mir jetzt einfach machen und sagen, weil Medien Auflagen steigern wollen oder bessere Einschaltquoten haben wollen, da ist was dran. Aber es ist auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn die Aufgabe der Medien besteht natürlich darin, außergewöhnlichen Geschichten nachzuspüren, etwas aufzudecken. Das ist sozusagen ihre öffentliche Funktion. Es muss auch das Bestreben existieren, das, was es an abweichendem Fehlverhalten in der Gesellschaft gibt, darzustellen. Dass sich das Wahlvolk, die Bürger, eine Meinung bilden können. Das ist die Aufgabe.

MEDIEN-MONITOR: Muss es deswegen eben auch rasch zu einem Skandal kommen?

Hans-Jürgen Jakobs: Man muss mit dem Wort Skandal wirklich vorsichtig sein. Es geht zunächst um einen Normbruch. Um ein moralisches Fehlverhalten. Dann muss das Ganze bekannt werden und das Publikum muss die Sache akzeptieren. Muss sagen: „Jawohl, das ist ein Fehlverhalten!“ Und da spielen natürlich Medien eine Rolle, weil sie es bekannt machen. Aber sie können es auch nicht inszenieren.

MEDIEN-MONITOR: Leben wir in einem „Spektakelstaat“, in dem Politik nach der Methode der Marktanalyse gemacht wird? Kurzer Text, viel Farbe, viel Bild, alles Kollage? Nach dem Motto „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“.

Hans-Jürgen Jakobs: Gut, man wird natürlich immer die Unterstützung auch von visuellen Elementen nutzen, um etwas begreifbar zu machen und es ist logisch, dass Zeitungen heute anders aussehen. Es wäre ja gähnende Langeweile, wenn sie auf die Möglichkeiten von Infografiken und Fotos verzichten würden. Schauen Sie, vor ein paar Jahrzehnten gab es diese technologischen Möglichkeiten gar nicht. Und es ist völlig legitim und verständlich, dass die Redaktionen dies nutzen, um es attraktiv zu machen. Wir leben natürlich auch in einer Zeit, in der der Rezipient, der Leser, der Konsument, auch nicht viel Zeit hat. Es ist dieses Aufmerksamkeitsringen, und da müssen die Medien auch entsprechend gute Impulse setzen, damit sie ankommen. Damit sie verstanden werden, damit sie langsam den Leser, den Zuschauer auf das Thema hinführen. Aber nachher sollte es auch immer die Aufgabe sein, Sachverhalte klarzumachen. Das müssen sich insbesondere die anspruchsvollen Medien, die Qualitätsmedien, immer wieder fragen, in wie weit sie dem genügen werden.

MEDIEN-MONITOR: Ist es die Berufsüberzeugung des Journalisten, eine Abweichung von seinen persönlichen Idealen als Skandal zu bewerten?

Hans-Jürgen Jakobs: Was heißt persönliche Ideale? Wir müssen uns daran orientieren, was Recht und Ordnung ist, was Gesetz ist, wie die Leute sich verhalten sollen. Ich glaube, dass die Leser auch Orientierung wollen. Jeder fühlt ja in sich, dass es auch eine gewisse Veranlagung zur Sünde gibt, zum abweichenden Verhalten. Jeder weiß, er verhält sich nicht immer korrekt. Er geht auch davon aus, dass es bei anderen auch so ist. Die Welt ist nicht so optimal und nicht so gut, wie man sie sich vorstellen könnte. Und in dem Augenblick, in dem das aufgeklärt wird, dass es Fehlverhalten bei anderen gibt, und es möglicherweise dann auch zu Korrekturen kommt, ist dies wichtig für das Verhalten der einzelnen Leute. Auch für die Akteure, für die Politiker beispielsweise. Allein das Wissen, dass sie erwischt werden können, dass sie mit negativen Inhalten in der Presse, im Fernsehen vorkommen könnten, hält sie davon ab, bestimmte Sachen zu machen. Wir kriegen ja nicht alles mit, aber ein paar Sachen durchaus.

MEDIEN-MONITOR: Ist es nicht aber vielleicht auch die ökonomische Situation in den Verlagen, die oft einfach zur Folge hat, dass Skandale nach oben gespült werden, weil sich dann die Zeitung besser verkauft?

Hans-Jürgen Jakobs: Skandal, das geht ja zurück auf Scandalon, aus dem Antiken. Und das ist die Tierfalle, die zugeht. Das Hölzchen wird berührt und die Beute ist gefangen. Die großen Skandale, das waren der Flick-Parteispendenskandal beispielsweise oder Neue Heimat. Das ist eine ganz bestimmte Kategorie. Man sollte da vorsichtig sein. Man kann auch mal von Missstand sprechen oder von Fehlentwicklung, es muss nicht gleich ein Skandal sein. Oft ist es nur ein Skandälchen und ein Affärchen und nicht mehr. Das Problem ist wirklich, das muss man selbstkritisch sagen, dass die Redaktionen aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung geschrumpft sind. Weniger Anzeigen, weniger Einnahmen. Und dass natürlich dann auch weniger Zeit zur Recherche zur Verfügung steht.

MEDIEN-MONITOR: Ein großes Dilemma…

Hans-Jürgen Jakobs: Ja, ich denke, das darf aber nicht davon abhalten, sich an dieser Arbeit zu versuchen. Es ist ja, wie gesagt, auch eine Grundbedingung, dass man diesen skandalträchtigen Geschichten nachgeht. Wenn man dabei irrt, dann müssen sich die Medien etwas einfallen lassen. Ich bin schon dafür, dass es einen Ombudsmann für Medien gibt – eine Anlaufstelle für Beschwerden von Lesern, von Betroffenen, der dann versucht, mit der Redaktion zu vermitteln. Auch sollten spezielle Korrekturspalten eingeführt werden. Denn, wie gesagt, bei dieser Arbeit – sei es aufgrund von Stress, sei es aufgrund von zu wenig Zeit – können Fehler vorkommen. Dies muss dann auch selbstkritisch eingeräumt werden. Aber trotz allem müsse man der Geschichte nachgehen können.

MEDIEN-MONITOR: Schließen sich der Wunsch nach Information und Entertainment aus?

Hans-Jürgen Jakobs: Nein, es gibt ein Unterhaltungsbedürfnis beim Publikum.

MEDIEN-MONITOR: Ist das Unterhaltungsinteresse heute größer als das Informationsbedürfnis?

Hans-Jürgen Jakobs: Es mischt sich. Und das ist natürlich auch legitim. Man kann auch über die Unterhaltung zur Information kommen. Auch Sachverhalte können unterhaltend verpackt werden.

MEDIEN-MONITOR: Folgen die Printmedien dem Vorbild Fernsehen?

Hans-Jürgen Jakobs: Ich glaube es ist wichtig, dass man seine Unabhängigkeit behält und sich nicht zu stark beeinflussen lässt, von dem, was in diesem Mainstream transportiert wird. Es ist sehr wichtig, dass man die eigenen Themen sucht und dass man auch eigene Prioritäten setzt. Es gibt diesen fatalen Hang, dass Themen eine kurze Karriere haben, dass etwas hochkommt, alle darauf springen und es dann aber schnell auch wieder vorbei ist. Es kommt auch immer auf den Kontext an. Es darf nicht nur der Versuch eines Entertainments sein um voyeuristische Gefühle zu befriedigen.

MEDIEN-MONITOR: Befördert die Darstellung von Politik in den Medien die Politikverdrossenheit?

Hans-Jürgen Jakobs: Ich glaube, das haben die Politiker selbst in der Hand. Politiker sollten sich nicht zu sehr an den Medien orientieren. Da gibt es sicherlich auch Exzesse, indem alles genau geplant wird, wie man an diesem Tag in den Medien ankommen will. Davon muss die Politik weg. Sie muss schon den Mut zur Umsetzung von mittelfristigen und langfristigen Konzepten haben. Leider ist es eben so schwierig, Kompromisse zu finden. Wir erleben das gerade an der Gesundheitsreform, die ja so kompliziert ist, dass man sie kaum mehr verständlich machen kann. Es kommen immer wieder neue Änderungen hinzu. Man müsste eigentlich jedes Mal, wenn man über die Gesundheitsreform berichtet, ein großes Erklärstück dazu haben, worum es eigentlich geht. Hier müssten sich Politiker selbst anders orientieren, Mut haben zur Langfrist-Perspektive, nicht nur für den kurzfristigen medialen Erfolg.

MEDIEN-MONITOR: Müssen die Medien nicht viel mehr auf Information und Qualität setzen?

Hans-Jürgen Jakobs: Ich glaube, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Qualitätszeitungen dazu in der Lage sind. Sie können das breit dokumentieren. Sie müssen diese Aufklärung leisten, für das Publikum, das sich daran interessiert und nicht den zu starken Boulevard-Effekten und -tendenzen nachgehen. Dafür gibt es eine große Chance. Ich bin davon überzeugt dass es auch gute Verbindungen zwischen Print- und Online-Medien geben kann. Die Zeitungen müssten zusätzliche, vertiefende Informationen zu dem, was sie gedruckt anbieten, online bereithalten, um so die Informationsqualität zu verbessern. Ansonsten entscheidet es der Wettbewerb. Man sieht, wer was macht und wer wo fehlt, und wer was nicht hat. Hier muss es weiterhin genügend Wettbewerb geben. Die große Gefahr ist, dass es irgendwann einmal zu wenig Zeitungen gibt, die sich darum kümmern. Und dann stellt sich die Qualität entweder ein oder bleibt erhalten.

Medien-Monitor: Wie gehen Sie als Journalist mit Medienopfern bzw. Vorverurteilungen um?

Hans-Jürgen Jakobs: Es sollte immer der Fall sein, dass man die Betroffenen anruft, mit ihnen spricht. Ich weiß, das ist für viele Kollegen schwierig. Man hat an einer Geschichte gearbeitet, an einer harten Geschichte, es haben zahlreiche Informanten etwas hinzu gesteckt, und man hat sozusagen den Eindruck „der verdient es ja nicht anders, der braucht jetzt mal eine richtige Abreibung“, und das gehört einmal ganz klar dargestellt. Man muss sich aber immer hüten, dass dieses Urteil vorab feststeht. Es kann immer auch anders sein. Man muss mit den Betroffenen reden, nach meinem Verständnis auch frühzeitig genug, damit er ausreichend Gelegenheit bekommt, dazu etwas zu sagen. Dazu sind wir auch rechtlich verpflichtet. Was dann natürlich auch passieren kann, ist, dass sofort mit einer Gegenklage geantwortet wird, oder dass der Betroffene selbst an die Öffentlichkeit geht, und dann sozusagen die gute, exklusive Geschichte, die man da vorbereitet hat, auf einmal perdu ist.

MEDIEN-MONITOR: Übernimmt der Journalist heute zum Teil die Rolle des Regisseurs bei der Medieninszenierung?

Hans-Jürgen Jakobs: Ja, aber man kommt ja nicht an den Fakten vorbei. Und man kommt auch nicht an der Wichtigkeit der Personen vorbei. Die handelnden Personen, die wirklich Einfluss haben, in Parteien und Organisationen, die wird man natürlich immer zum Interview drängen. Und ich glaube, wenn man da auf Dauer einseitig vorgeht, fällt das auf und es schadet der Glaubwürdigkeit. Das ist nichts, was ein Medium gebrauchen kann. Für ein Qualitätsmedium kann das nicht der richtige Weg sein. Man muss offen sein, man muss versuchen, alle Stimmen zu Gehör zu bringen. Letztlich ist es ein Angebot an das Publikum. Dieses muss dann selbst die Auswahl treffen und sich von den verschiedenen Standpunkten überzeugen lassen. Diesen Kommunikationsprozess in Gang zu bringen, das ist die Aufgabe von Zeitungen. Nicht Kampagnen machen. Wenn Politiker Informationen über andere Parteien oder Wirtschaftsunternehmen über konkurrierende Unternehmen geben sind dies zunächst Anstöße. Und man muss wissen, das ist subjektiv, die Information ist interessengeleitet. Und trotzdem muss ich mit ihr umgehen. Ich muss schauen: Ist da was dran? Bekomme ich noch weitere Informationen in dieser Richtung und lässt sich daraus eine Geschichte machen? Fatal wäre es – vielleicht kommt das ab und zu vor – wenn nur mit der einen Information die Geschichte gemacht wird. Dann ist das Handwerk nicht richtig erfüllt, dann stimmt es nicht. Das ist dann nicht professionell. Es ist natürlich schon so, dass es mehr Bewerber gibt, als Platz da ist. Es gibt mehr, die gerne ein Interview in der Zeitung hätten, als gedruckt werden kann. Deswegen haben wir natürlich ein Auswahlproblem.

MEDIEN-MONITOR: Was hat sich in den vergangenen Jahren in den Medien verändert?

Hans-Jürgen Jakobs: Es gibt schon eine Tendenz, als Akteur mitzuwirken. Da sind Chefredakteure versucht, Dinge zu beeinflussen, in das Rad der Geschichte einzugreifen. Das ist neu und das sollte man auch nicht tun. Ich glaube, dass auch Medienunternehmen, Zeitschriften, Zeitungen, gute Beziehungen zueinander pflegen, aber sich nicht zusammen tun sollten, um irgendetwas gemeinsam zu bewegen. Es gibt ja auch wahre Machtdemonstrationen. Wenn Medien hingehen, ihre Macht zeigen möchten und versuchen, andere gefügig zu machen. Dann wird es gefährlich.

Medien-Monitor: Herr Jakobs, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 8. November 2006 in München.