„Die Soziale Initiative muss belohnt werden“ Gespräch mit Felix Oldenburg, Sozialer Investor und Hauptgeschäftsführer der Ashoka Deutschland gGmbH

Ashoka. Das Wort kommt aus dem Sanskrit und bedeutet: „Das aktive Überwinden von Missständen“. Ashoka ist eine global agierende Organisation, die sozial engagierte Menschen bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme unterstützt. Felix Oldenburg über das Finden und Fördern von Sozialunternehmern.

MEDIEN-MONITOR: Ashoka ist eine global agierende Organisation, die einen gesellschaftlichen Wandel erreichen will. Welche Projekte stoßen Sie an?

Felix Oldenburg: Wir setzen uns für die Lösung gesellschaftlicher Probleme ein. Die große Bewegung der Mikrokredite ist ein Beispiel. Wir fördern auch ein Projekt, das es benachteiligten Jugendlichen in Amerika ermöglicht, auf ein College zu gehen. Weitere von Ashoka geförderte Konzepte holen in Brasilien Hunderttausende Kinder von der Straße und reduzieren die Kosten für Hörgeräte in Entwicklungsländern von 100 auf wenige Dollar. Hinter all diesen Ideen steckt am Anfang eine Person, die den Mut hatte, Widerstände zu überwinden, ein persönliches Risiko einzugehen und unternehmerisch zu handeln – dies aber nicht mit einem finanziellen, sondern mit einem sozialen Ziel. Diese Menschen nennen wir Social Entrepreneurs. Wir bemühen uns darum, diese Personen möglichst früh zu finden. In einer Situation, in der zahlreiche Ideen scheitern würden, in der sich viele Menschen nicht frei machen könnten von ihrem Brotberuf, treten wir ins Spiel und ermöglichen diesen Menschen durch ein drei Jahre dauerndes Stipendium sich auf ihre Ideen zu konzentrieren. Wir geben den Sozialunternehmern professionelle Unterstützung über das Stipendium hinaus, bieten ihnen ein einzigartiges Netzwerk, pro bono Beratung zum Beispiel durch McKinsey und alles was sie brauchen, um ihre Idee auf einen ganz anderen Wachstumspfad zu bringen. Das machen wir seit 30 Jahren in 60 Ländern, 2000 Mal.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind also Talentsucher im sozialen Bereich. Das gibt es sonst nirgendwo auf der Welt, oder?

Felix Oldenburg: Es ist schockierend, dass es nicht schon viele Nachahmer gibt. Das ist es übrigens, was soziale Unternehmer ausmacht: Sie sind die einzigen Unternehmer, die nichts dagegen haben, wenn ihre Ideen kopiert werden, weil sie ein soziales Ziel verfolgen. Wir haben also eine Trüffelschwein-Funktion für den Sozialsektor.

MEDIEN-MONITOR: Wer erhält ein Stipendium?

Felix Oldenburg: Wir haben fünf Auswahlkriterien für die Ashoka-Fellows, die wir weltweit suchen. Unter zehn Millionen Menschen finden wir durchschnittlich aber nur einen Social Entrepreneur, der unsere Anforderungen erfüllt. Dieser muss – erstens – eine neue Idee haben, die – zweitens – ein gesellschaftliches Problem löst. Zum Beispiel Diskriminierung an Schulen, sexuelle Gewalt in Krisenregionen, den Klimawandel, das CO2-Problem oder die fehlenden Chancen von jungen Asylbewerbern in Deutschland. Diese gesellschaftlichen Probleme sind um uns herum, obwohl wir in einem sozialen Staat leben. Wir suchen Menschen, die nicht fragen „wer ist zuständig?“, sondern solche, die selbst etwas unternehmen. Das müssen sie – drittens – kreativ tun, also zum Beispiel so, dass sie neue Wege finden, sich nachhaltig zu finanzieren. Das heißt nicht, dass sie gezwungen sind, all ihr Geld selbst zu verdienen. Das ist bei manchen Problemen gar nicht denkbar. Aber sie müssen wenigstens einen Plan haben, wie sie von einer einzigen Finanzquelle wegkommen und wie sie ihre Idee richtig groß machen können. Viertens muss diese Idee unternehmerisch auf Wachstum gepolt sein, sie soll potenziell systemwirksam werden, auf einer kontinentalen Ebene. Da sind wir unbescheiden. Wir suchen also nicht nach etwas, was nur in München funktioniert. Wir suchen nach etwas, was wir in München unterstützen können, damit es dann in Bayern, Deutschland und hoffentlich darüber hinaus funktioniert. Und wir suchen – fünftens – nach Personen, die sich mit hoher ethischer Integrität der Lösung eines gesellschaftlichen Problems verschreiben. Zudem verlangen wir viel von ihnen: nämlich, dass sie ihren Job aufgeben, falls sie einen außerhalb ihres Projektes haben, was die Regel ist. Wir verlangen von ihnen, sich mit ihrem Leben der Verwirklichung ihrer Idee zu widmen.

MEDIEN-MONITOR: Seit wann ist Ashoka mit welchen Schwerpunkten in Deutschland tätig?

Felix Oldenburg: Seit vier Jahren. Wir haben in Deutschland mittlerweile 20 Ashoka-Fellows ausgewählt. 20 Menschen, die diesen fünf Kriterien genügen, in ganz unterschiedlichen Bereichen.

MEDIEN-MONITOR: Können Sie uns bitte ein Beispiel geben.

Felix Oldenburg: Unser Fellow Andreas Heinecke findet für Blinde neue Beschäftigungsmöglichkeiten – durch den Dialog im Dunkeln, also Ausstellungen und Trainings, in denen Blinde Sehende führen. Mittlerweile gibt es viele solcher Projekte wie zum Beispiel die Dunkel-Restaurants, da zeigt sich schon eine Systemwirkung. Ashoka beschränkt sich aber nicht nur auf Deutschland, sondern hat einen globalen Fokus. Ich schildere ein Beispiel aus Brasilien: Ein Fellow namens Fabio Rosa versorgt die Dörfer im hinteren Amazonien mit Solarelektrizität. Für diese Solaranlagen braucht es Backup-Batterien. Die werden in diesen kleinen Dörfern installiert, so dass sich diese in einem dezentralen Energiesystem selbst versorgen können. Das war vorher wirtschaftlich überhaupt nicht denkbar. Er sorgt auch für eine kluge Finanzierungsstruktur, so dass sich die Dörfer das leisten können.

MEDIEN-MONITOR: Wer finanziert Ashoka?

Felix Oldenburg: Ashoka wird finanziert von unternehmerisch denkenden Menschen, weil diese unsere Philosophie und Erfahrung teilen. Wie ist es, wenn ich ein Risiko eingehe? Wie ist es, wenn ich eine neue Idee gegen Widerstände durchsetze? Wie ist es, wenn ich etwas Neues etablieren möchte gegen schon vorhandene Lösungen? In aller Regel finanzieren uns also Business Entrepreneurs – in Deutschland einige der führenden Familienunternehmer. Das sind alles Leute, die von ihrem Geld mehr erwarten als von einer typischen Spende. Sie sehen das, was sie philanthropisch ausgeben, als eine Investition. Sie möchten, dass jemand dahinter steht, dem sie vertrauen, dass der die richtigen Hebel zieht, jemand, der aus wenig möglichst viel macht. Sie suchen einen Social Entrepreneur.

MEDIEN-MONITOR: Wie finden Sie Ihre Social Entrepreneurs?

Felix Oldenburg: Das ist jedes Mal ein kleines Wunder. Deshalb verbindet uns mit diesen Personen auch so viel. Der Prozess der Auswahl ist oft schon ein transformatives Moment für Social Entrepreneurs, die sich ja selber oft nicht als solche wahrnehmen. Wie oft haben sie schon jemanden gefunden, der gesagt hat: Ich bin Social Entrepreneur? Oder: Ich bin ein Sozialunternehmer? Wir haben ein Netzwerk von Nominatoren. In Deutschland sind das viele Hundert in Stiftungen, in der öffentlichen Hand, in Unternehmen. Menschen, die verstehen, wonach wir suchen und die ihre Fühler ausstrecken. Unsere Fellows sind ja oft Menschen, die wir in einer ganz frühen Phase finden. Ihre Idee muss sich aber bereits lokal bewährt haben. Sie muss zudem das Potenzial haben, zu wachsen. Wir sind also auf unser Netzwerk von Nominierenden angewiesen, die uns jedes Jahr Projekte vorschlagen – dieses Jahr waren es 350. Bei diesen muss man dann genau hinsehen. Oft sind das Projekte, die sich kaum dokumentieren. Viele haben selbst noch gar nicht verstanden, inwiefern ihre Idee das System verändern kann. Die haben einfach mal gemacht. So passiert Kreativität. Danach schicken wir die Nominierten durch einen ausführlichen Auswahlprozess mit nationalen und internationalen Interviews, mit vielen Backround-Checks. Dieser Prozess ist nicht korrumpierbar. Wir als deutsches Team, das diese Leute findet, sind zum Schluss nicht diejenigen, die die Entscheidung über die Stipendiumsvergabe treffen. So können wir absolut sicher sein, dass wir weltweit den gleichen Standard haben. Ein deutscher Sozialunternehmer, der mit Straßenkindern in München arbeitet ist dadurch genau auf der gleichen Ebene wie ein Sozialunternehmer aus Lagos, Nigeria. Dafür brauchen wir diesen global einheitlichen Auswahlprozess. So finden wir etwa einen Sozialunternehmer pro zehn Millionen Einwohner. In Deutschland wählten wir in den vergangenen vier Jahren pro Jahr fünf bis acht Sozialunternehmer aus, die wir fördern konnten.

MEDIEN-MONITOR: Heißt Förderung auch, dass die ausgewählten Sozialunternehmer fit für die Wirtschaftswelt gemacht werden?

Felix Oldenburg: Die Förderung ist eine Art Trainingscamp für Sozialunternehmer. Diese brauchen keinen MBA, sondern Durchhaltevermögen, Kontakte und Ermutigung. Das Transformative am Auswahlprozess ist, dass den Social Entrepreneurs bewusst wird, dass das was sie machen nichts Komisches ist. Nur weil es in keine Schublade passt, ist es nicht schlechter. Wir wollen den Sozialunternehmern vermitteln, dass sie Menschen sind, die wir in unserer Gesellschaft brauchen. Die können stolz sein auf das, was sie tun. Auch dann, wenn sie es nicht zum Ashoka-Fellow schaffen sollten.

MEDIEN-MONITOR: Und Social Entrepreneurs verdienen Geld…

Felix Oldenburg: Manche von ihnen, nicht alle. Man kann nicht für jedes gesellschaftliche Problem einen Mechanismus finden, der sich komplett selbst finanziert. Denken sie zum Beispiel an die Arbeit mit Opfern sexualisierter Kriegsgewalt. Aber wir können für jedes gesellschaftliche Problem eine unternehmerische Idee finden, die sich so finanzieren lässt, dass sie nachhaltig tragfähig ist.

MEDIEN-MONITOR: Wenn man ein neues Unternehmen gründet, sind die Anlaufschwierigkeiten relativ hoch. Gibt es von ihrer Seite eine finanzielle Unterstützung?

Felix Oldenburg: Unsere Logik ist: Wir möchten der Person helfen, innerhalb von drei Jahren ihre Idee auf eine ganz neue Ebene zu bringen. Dafür ermöglichen wir es der Person, ihren Lebensunterhalt aus einem Ashoka-Stipendium zu finanzieren. Das Stipendium ist bedarfsorientiert. Wenn sie heute als High-Tech-Gründer mit einer guten Geschäftsidee zur Bank gehen und einen ausgereiften Business-Plan in der Tasche haben, kriegen sie mit Glück einen Kredit. Wenn sie ein Sozialunternehmer sind und eine Idee haben, wie man zum Beispiel die Anzahl der Sitzenbleiber in Grundschulen halbieren könnte, und mit dieser Idee zur Bank gehen…

MEDIEN-MONITOR: …was passiert dann?

Felix Oldenburg: Wir müssen in Deutschland ein Klima schaffen, in dem die soziale Initiative belohnt wird. Die Bank muss zu dem Sozialunternehmer sagen: Wir finden diejenigen, die dich finanzieren, wir finden einen Weg, diese Idee umzusetzen. So eine Gesellschaft brauchen wir!

MEDIEN-MONITOR: Herr Oldenburg, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 13. Mai 2009 in München.