„Wir müssen schnell handeln“: Gespräch mit Dr. Gerhard Isenberg, Mitglied des Kuratoriums der Umwelt-Akademie e.V.

Gerhard lsenberg beschäftigt sich schon seit seiner Abschlussarbeit über Fusionstechnologie im Jahr 197O an der Universität Karlsruhe mit alternativen Energien. Diesem Thema blieb er auch während seiner beruflichen Karriere treu. Für die MAN AG entwickelte er dezentrale Energieversorgungssysteme und beschäftigte sich mit den Themen „thermische Solarkraftwerke und Windkraftanlagen“. lm Jahre 1988 wechselte er zur DaimlerChrysler AG, wo er die strategische Planung der Aktivitäten im Bereich erneuerbare Energien übernahm. Seit 2OO4 engagiert er sich in der Umwelt Akademie e.V.. Ziel der Organisation ist es, den Austausch zwischen Wissenschaft und Technik, Wirtschaft sowie Politik und Kultur aufrecht zu erhalten. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie ökologische, wirtschaftliche und soziale Bedürfnisse miteinander in Einklang gebracht werden können, um einen nachhaltigen Entwicklungsprozess der Industriegesellschaften zu gewährleisten. Zusammen mit ausgewählten Fachleuten und der Evangelischen Akademie Tutzing bearbeitet er zur Zeit das Thema „Nachhaltige Mobilität“ und hält im Rahmen des Münchener Bildungswerkes Kurse zum Thema Energie, Umwelt und Klima.

Medien-Monitor: Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptursachen dafür, dass wir heute diese drastischen Klimaveränderungen haben?

Dr. Gerhard Isenberg: Die Hauptursache ist der Mensch, der sogenannte anthropogene Effekt. Allerdings ist man mittlerweile vorsichtiger geworden und sagt eher: Der Mensch hat einen signifikanten Beitrag am Klimawandel. Hartmut Graßl, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, sagt in Übereinstimmung mit dem jüngsten Bericht des Weltklimarates IPCC ganz klar, dass man mit etwa einer 90-prozentigen Sicherheit von einem anthropogenen Beitrag sprechen könne. Aber man kann nicht sagen, der Klimawandel ist allein vom Menschen verursacht, aber er trägt wesentlich zum Klimawandel bei.

Medien-Monitor: Welche Auswirkungen haben die Klimaveränderungen auf unsere Umwelt und unser Leben?

Dr. Gerhard Isenberg: Eine große Gefährdung besteht in der Zunahme extremer Wettersituationen, das können Stürme wie die Hurrikans in der Karibik sein. Und was vielfach vergessen und eigentlich kaum berichtet wurde: vor zwei Jahren haben wir zwei Weltneuheiten gehabt, nämlich einen Hurrikan im Südpazifik, der Brasilien erreicht hat und einen Hurrikan, der in der Nordkaribik entstanden und bis nach Spanien gezogen ist. Bisher haben wir uns immer sehr interessiert die Hurrikans im Fernsehen angeschaut, die dann irgendwann Amerika erreicht haben. Mittlerweile können Hurrikans durchaus bis nach Europa kommen. Extreme Wettersituation, das muss aber nicht nur Hurrikans bedeuten, das kann auch extreme Dürre oder extremer Niederschlag sein, was wir vor drei Jahren bei uns oder vor vier Jahren in Südfrankreich erlebt haben. Damals gab es innerhalb von ein paar Stunden Niederschlagsmengen, die ansonsten in einem halben oder ganzen Jahr erfolgt sind. Außerdem müssen wir davon ausgehen, dass wir eine Erhöhung der globalen Mitteltemperatur erleben werden, die seit dem Beginn der Industrialisierung bereits um 0,8 Grad gestiegen ist. Klimatologen fordern, die globale Temperaturerhöhung auf etwa zwei Grad zu beschränken, dann wären die Folgen noch zu verkraften. Das bedeutet, wir haben eigentlich nur noch etwa 1,2 Grad für die nächsten Jahrzehnte als Spielraum. Das ist verdammt eng. Ich zitiere den Stern-Report: Der frühere Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, hat einen Bericht erstellt und untersucht, welche finanziellen Folgen der Klimawandel hat. Er kam zu einem ganz klaren Ergebnis: Wenn wir jetzt versuchen, den durch fossile Energien bedingten Klimawandel, das heißt die Emissionen zu reduzieren, dann belastet das den globalen Finanzhaushalt im Bereich von etwa ein bis zwei Prozent des Bruttosozialproduktes. Wenn wir jetzt gar nichts machen und warten, wären Schäden in der Finanzsumme zwischen zehn und zwanzig Prozent des Bruttosozialproduktes die Folge. Die klare Konsequenz daraus: Wir müssen schnell handeln.

Medien-Monitor: Was heißt schnell? Wie viele Jahre haben wir noch?

Dr. Gerhard Isenberg: Schnell heißt nicht unbedingt, dass wir in einen Aktionismus verfallen müssen. Aber es heißt im Klartext, dass wir nicht mehr beliebig viele Jahrzehnte Zeit haben, um zu reagieren. Dabei geht es auch um die Energieversorgung, bei der wir immer über große Zeiträume reden müssen. Das heißt, eine Investitionsentscheidung für eine Kraftwerkstechnik heute legt uns für die nächsten 30 bis 50 Jahre fest, also müssen wir langfristig planen. Deswegen sollten wir innerhalb der nächsten Dekade reagieren und nicht sagen, wir warten erst mal ab bis die Wissenschaftler eindeutig festgestellt haben, dass es diesen Effekt gibt und welche Folgen und Ursachen der Effekt hat. Schnell reagieren heißt nicht überstürzt reagieren, aber es heißt durchaus, in den nächsten Jahren zu überlegen, wie wir handeln müssen und wie wir handeln können.

Medien-Monitor: Worin liegen denn die größten Probleme bei der Energieversorgung?

Dr. Gerhard Isenberg: Wir müssen in jedem Fall die Wirtschaftlichkeit der Energieversorgung gewährleisten. Die Energiewirtschaft zeichnet sich durch lange Lebenszeiten, aber ebenso durch lange Vorlaufzeiten aus. Wir haben heutzutage Planungszeiten bis zur Inbetriebnahme von einem Kraftwerk von mindestens zehn Jahren. Wir brauchen Versorgungssicherheit und – was zunehmend wichtig ist – die Entsorgung. Das heißt: Wir müssen die Folgen aus der Energiebereitstellung für die Umwelt – wir benutzen ja heute die Umwelt als Müllhalde für die Entsorgungsprodukte aus der Energienutzung und Bereitstellung – soweit wie möglich reduzieren. Das, würde ich sagen, sind die drei großen Bedingungen, die wir an eine langfristig gesicherte nachhaltige Energieversorgung stellen müssen: Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Reduzierung der Umweltbelastung.

Medien-Monitor: Wo sehen Sie die größten Chancen bei regenerativen Energieerzeugungsarten für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre?

Dr. Gerhard Isenberg: Es gibt keinen Königsweg. Ich befasse mich seit etwa Ende 1975 mit regenerativen Energien unterschiedlicher Bauarten und Technologien. Und aus Sicht der Entwicklung und Forschung ist es das Reizvolle an den regenerativen Energien, dass sie einen bunten Blumenstrauß von unterschiedlichen Technologien anbieten: Windkraftanlagen, Laufwasserkraftwerke, Photovoltaikanlagen, solarthermische Anlagen, Biomasse für die Kraftstofferzeugung, Biomasse für die Wärmeerzeugung, Biomasse zur Stromerzeugung. Aber einen Königsweg, eine Lösung für alle Probleme, gibt es nicht. Ich habe 1961 begonnen, Physik zu studieren, damals haben wir natürlich alle von der Kernenergie geträumt. Und die Kernenergie hat uns in den 60er Jahren diese Vision geboten, dass wir hier ein für allemal das Energieproblem lösen könnten. Ich war damals nicht der Einzige, der diesen Traum geträumt hat. Heute haben wir ihn ausgeträumt. Auch die Regenerativen bieten nicht diesen Königsweg, sie müssen lokal und anwendungsorientiert optimiert werden. Das heißt, dort, wo ich eine Windkraftanlage, ein gutes Windregime habe, habe ich in der Regel kein gutes Solarregime. Wo ich ein gutes Solarregime habe, habe ich in der Regel kein gutes Windregime. Das heißt, ich muss hier nach den lokalen klimatischen Gegebenheiten optimieren und dann muss ich anwendungsorientiert optimieren. Das ist das Reizvolle aus der Sicht des Entwicklers. Aus der Sicht von Energiewirtschaftlern, die wie in der Bundesrepublik noch immer sehr zentral denken, natürlich die große Schwierigkeit.

Medien-Monitor: Muss es einen radikalen Umstieg auf alternative Energien geben?

Dr. Gerhard Isenberg: Ein Anteil von 30 Prozent regenerativer Energietechnik an unserer heutigen Bedarfsdeckung ist ohne einen radikalen Strukturbruch möglich. Dazu, würde ich sagen, brauchen wir mindestens 20 Jahre. Der Strukturbruch kommt natürlich im Laufe der Zeit, der Übergang von diesen 30 auf die nächsten 20 bis 30 Prozent, da brauchen wir eine radikale Veränderung, aber das wird sich von alleine ergeben. Wir erleben gerade das Produktionsmaximum beim Öl. Man kann jetzt diskutieren, ob das zwischen 2007 und 2015 der Fall ist. Insofern wird uns in zehn oder 20 Jahren dieser radikale Bruch gar nicht mehr als so radikal erscheinen, weil die Alternative ja wegbricht.

Medien-Monitor: Sind erneuerbare Energien ein Patentrezept?

Dr. Gerhard Isenberg: Langfristig gesehen sind die erneuerbaren Energien das Patentrezept. Wir kommen aus dem Solarzeitalter, wir dürfen ja nicht vergessen, bis zum Endes des 18. Jahrhunderts, als James Watt seine Dampfmaschine erfunden hat, waren wir auf tierische, menschliche und natürliche Energien angewiesen. Watt hat uns zum ersten Mal in die Lage versetzt, in beliebigen Mengen Energie an beliebigen Orten bereitzustellen. Und daran haben wir uns gewöhnt. Vorher waren wir in einem Solarzeitalter, einem Zeitalter regenerativer Energieversorgung. Wir erleben jetzt ein Intermezzo, ein nuklearfossiles Intermezzo von etwa 250 Jahren bis 300 Jahren und dann werden wir in das „Solarzeitalter 2“ eintreten müssen – ohne Ressentiments. Wir werden unseren Lebensstandard zwar modifizieren, aber durchaus weiterführen.

Medien-Monitor: Was verstehen Sie unter „modifizieren“? Müssen wir unsere Lebensformen und -einstellungen ändern?

Dr. Gerhard Isenberg: Wir müssen die Lebenseinstellung in gewissem Umfang ändern. Ich denke, ein Amerikaner, der heute zehn Tonnen Steinkohleeinheiten pro Jahr verbraucht, wird eben in 100 Jahren nicht mehr zehn 10 Tonnen Steinkohleeinheiten pro Jahr verbrauchen können. Das wird nämlich unbezahlbar sein. Hier werden wir uns durchaus den geänderten Randbedingungen anpassen und feststellen, dass die Lebensqualität wahrscheinlich gar nicht abnimmt.

Medien-Monitor: Brauchen wir denn die Kohle und die Atomenergie überhaupt noch? Oder können wir uns in Zukunft alleine auf die regenerativen Energien verlassen?

Dr. Gerhard Isenberg: Die Kohle brauchen wir. Ich halte das für ganz schlimm, was im Moment passiert: Wir wollen im Grunde genommen aus der Kernenergie aussteigen und jetzt auch noch aus der Kohle. Wir brauchen den Einsatz neuer Kohletechniken und die gibt es. Das heißt, wir könnten bei Kohlekraftwerken das schädliche CO2 sofort von heute auf morgen um 20 bis 25 Prozent verringern. Was die Kerntechnik angeht: Ich bin durchaus dafür, dass wir die Laufzeit unserer Kraftwerke verlängern. Warum? Weil wir Zeit gewinnen für die breitflächige Substitution vorhandener Kraftwerke durch regenerative Energien. So können wir einen radikalen Strukturbruch vermeiden. Neue Kohletechniken und Laufzeitverlängerungen von Kernkraftwerken dürfen allerdings nicht zu Lasten der Marktdurchdringung regenerativer Energien erfolgen.

Medien-Monitor: Ist es denn ökologisch überhaupt sinnvoll, massiv auf Biodiesel und Bioethanol zu setzen?

Dr. Gerhard Isenberg: Ökologisch muss man dies sehr stark hinterfragen. Wir haben im letzten Jahr immerhin ca. 2,9 Millionen Tonnen Biodiesel im deutschen Markt gehabt, davon waren wesentliche Anteile in Form von Palmöl. Wir haben 800.000 Tonnen Palmöl importiert und betreiben damit Blockheizkraftwerke, die über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) subventioniert werden. Dabei ist eines ganz klar: Biodiesel auf Basis von Palmöl verdoppelt nahezu die Kohlenstoffdioxid-, also CO2-Emission. Das heißt, wir subventionieren im Moment politisch einen Biokraftstoff, der teilweise um 70 Prozent höhere Treibhausgasemissio-nen verursacht, als wenn man das ganze auf der Basis von Öl oder Gas machen würde. Auch der Raps ist auf keinen Fall klimaneutral, wie das gerne dargestellt wird. Die Idee bei den Biokraftstoffen ist ja, dass sie das CO2, das in der Benutzung freigesetzt wird, vorher in der Wachstumsphase aus der Atmosphäre absorbieren. Einfach ausgedrückt: Wachstumsphase und Nutzung der Biomasse bedeutet: Neutralität bei CO2. Dem ist aber nicht so: Wir brauchen Energie, um aus der Pflanze Biodiesel bereitzustellen, wir benötigen Energie zur Produktion von Düngemitteln und wir haben Transportaufwendungen, so dass 40 bis 50 Prozent der Treibhausgase auf jeden Fall schon abgegeben werden. Darüber hinaus wird gerne vergessen, dass Raps ein Beispiel für eine intensive Landwirtschaft ist, bei der stark gedüngt werden muss. Der Einsatz mineralischer Düngemittel auf Stickstoffbasis führt wiederum dazu, dass in großem Umfang N2O, also Lachgas, emittiert wird. Lachgas hat die etwa 280-fache Klimawirksamkeit gegenüber CO2. Deshalb tun uns bereits kleine Mengen von Lachgas weh. Und wir müssen davon ausgehen, dass eben auch beim Biodiesel auf Basis heimischer Pflanzen aus der intensiven Landwirtschaft durchaus 50 bis 60 Prozent Treibhausgas emittiert werden. Das heißt, wir haben bei der Biomasse eine Schadstoffverringerung von letztlich 40 Prozent. Beim Ethanol ist es ähnlich, es gibt Untersuchungen in den USA, die kommen zu dem Ergebnis, dass Ethanol auf Maisbasis sogar die Treibhausgasemission erhöht. Also von Neutralität kann hier qualitativ absolut keine Rede sein. Es gibt durchaus signifikante Treibhausgasemissionen auch bei der Benutzung von biogenen Kraftstoffen.

Medien-Monitor: Das Motto der Umwelt-Akademie lautet: „Wissen zum Handeln“. Was ist Ihr Credo?

Dr. Gerhard Isenberg: Das Ziel ist ganz klar: Einen Beitrag zu leisten zum ökologischen Wandel, das heißt zum Transfer von der heutigen Energieversorgung hin zu regenerativen Energien. Wir wollen Informationen anbieten und damit zu den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik durchdringen.

Medien-Monitor: Herr Dr. Isenberg, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 14. November 2007 in München.