„Man kann niemanden zum Ehrenamt zwingen“: Gespräch mit Carola Krone, Leiterin und Vorstandsmitglied der Heinz und Mia Krone-Stiftung

Carola Krone führt seit 1999 die Heinz und Mia Krone-Stiftung in München. Die Stiftung war von ihrer Mutter mit dem Wunsch geschaffen worden, Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, dabei zu unterstützen, möglichst selbstständig und selbstbestimmt im Leben zurecht zu kommen. Carola Krone führt die Idee der Stifterin weiter. Sie leitet die Stiftung und bringt neben ihrem persönlichen Engagement ihre eigenen Erfahrungen aus dem familiären Umfeld mit ein. Die Heinz und Mia Krone-Stiftung ist eine der wenigen Einrichtungen in Deutschland, die sich ausschließlich um die Wiedereingliederung von Rollstuhlfahrern kümmert. Die Stiftung möchte auf die Situation der Rollstuhlfahrer in Deutschland aufmerksam machen. Aus diesem Grund setzt sie sich dafür ein, dass Menschen im Rollstuhl in der Öffentlichkeit als gleichwertig und gleichberechtigt angesehen werden. Carola Krone ist seit 1998 Mitglied bei den Wirtschaftsjunioren München. Im Jahr 2003 war sie in deren Bundesvorstand für den Bereich „Werte“ verantwortlich.

Medien-Monitor: Was sind die Zielsetzungen Ihrer Stiftung?

Carola Krone: Die Stiftung ist aus einem persönlichen Schicksal entstanden. Mein Vater wurde während des Zweiten Weltkriegs krank und war dann später durch einen Unfall an den Rollstuhl gefesselt. Wir haben in der Familie erlebt, wie schwierig das ist, wenn eine Person – er war Unternehmer und unternehmungslustig – in den Rollstuhl muss, aber trotzdem noch am Leben teilhaben will. Ich muss vorausschicken, das war Mitte der 80er Jahre. Wir wohnten in einer schwäbischen Kleinstadt, da kam das Thema Rollstuhl gar nicht vor.
Wir hatten damals die finanzielle Möglichkeit, unser Haus und unser Umfeld so anzupassen, dass er sich mehr oder weniger daheim allein bewegen konnte. Wir hatten auch Zivildienstleister, es ging also noch relativ gut. Nach seinem Tod hat meine Mutter eine Stiftung gegründet für die Menschen, die ein ähnliches Schicksal wie mein Vater haben, aber nicht über genügend finanzielle Möglichkeiten verfügen, ihre Wohnung und Leben dementsprechend einzurichten. Die notwendigen Umbaumaßnahmen der Wohnung werden zum Teil schon von Krankenkassen oder Versicherungen übernommen. Verschiedene Ämter sind natürlich auch da. Aber die Staatskassen werden immer leerer und die Krankenkassen sagen: Nein, können wir nicht, wollen wir nicht. Und manchmal dauert es auch zu lange. Und wir helfen eben schnell und unbürokratisch, treten dann ein, wenn die Maßnahmen nicht voll finanziert werden können und bieten dann finanzielle Unterstützung.

Medien-Monitor: Schnell und unbürokratisch – Wie kann man sich das vorstellen?

Carola Krone: Die Rollstuhlfahrer stellen einen Antrag bei uns. Wir prüfen, ob es sich wirklich um eine Wiedereingliederung handelt. Das ist wichtig, weil wir uns darauf spezialisiert haben. Unsere Klienten haben einen Unfall oder eine Krankheit erlitten, die plötzlich eingesetzt hat oder schlimmer geworden ist.

Medien-Monitor: Integration ist für Ihre Stiftung ein wichtiges Thema. Wo liegen neben dem Geld die größten Hindernisse bei der Integration von Rollstuhlfahrern in unserer Gesellschaft?

Carola Krone: Nach unseren Erfahrungen ist es so, dass wir Gehenden oft gar nicht wissen, wie man mit einem Rollstuhlfahrer umgehen soll. Wir sind alle unterschiedlich, die Rollstuhlfahrer natürlich auch. Der eine möchte Hilfe, der andere will es lieber alleine versuchen, z. B. im Straßenverkehr, vor einer Treppe oder so. Und da gibt es schon noch Hindernisse und ich denke, von beiden Seiten.

Medien-Monitor: Sie haben es mit Menschen zu tun, die einen schweren Schicksalsschlag zu verarbeiten haben. Was können wir von diesen Menschen lernen?

Carola Krone: Dass wir dankbar sind. Mit dieser Einstellung gehen wir auch immer aus unseren Besprechungen und es ist ein großer Antrieb für unsere Arbeit – dankbar sein, dass wir gesund sind, dass es uns gut geht. Und aus dieser Motivation heraus dann eben potenzielle Spender ansprechen. Also nicht zu sagen: Den Leuten geht es so schlecht, gebt doch mal Geld. Sondern wir appellieren daran, dass man Dankbarkeit und Demut empfindet, dass es uns gut geht und daraus dann ein Handeln entsteht, in welcher Form auch immer.

Medien-Monitor: Wie wichtig sind Spenden für Ihre Arbeit?

Carola Krone: Sehr wichtig. Ich wünsche mir, dass wir ein Unternehmen finden, das für ein ganzes Jahr unsere Verwaltungskosten übernehmen könnte. Bisher waren die Spenden, die wir erhielten, aus dem Familien- oder Bekanntenkreis. Wir haben letztes Jahr einen größeren Geldbetrag aus einem Gerichtsverfahren bekommen, weil jemand zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wurde. Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass das Geld an gemeinnützige Organisationen vergeben wird. Da haben wir uns beworben und glücklicherweise einen kleinen Teil erhalten. Ich hätte mich aber mehr gefreut, wenn derselbe Mensch gekommen wäre und mir den Betrag freiwillig gegeben hätte.

Medien-Monitor: Sie organisieren gemeinsam mit dem Bankhaus Sal. Oppenheim in München eine Veranstaltungsreihe – Odeon-Dialoge. Was ist die Zielsetzung der Gespräche?

Carola Krone: Ich lasse mir immer wieder Aktionen einfallen, um auf unsere Rollstuhlfahrer aufmerksam zu machen und auch das Stiftungswesen voranzutreiben. Deswegen machen wir auch viel Öffentlichkeitsarbeit. Ich suche mir Partner für publikumswirksame und gehaltvolle Gespräche. So einen wichtigen Partner haben wir im Bankhaus Sal. Oppenheim gefunden. Die Gästegruppe besteht aus Stiftern, Vorständen von Stiftungen, potenziellen Stiftern oder Unternehmern, die mit Stiftungen zu tun haben. Die Odeon-Dialoge finden drei Mal im Jahr am Münchener Odeonsplatz statt.

Medien-Monitor: Ist Behinderung generell ein Tabuthema in Deutschland?

Carola Krone: Ich sage immer, dass ich Behinderte nicht auf ein Podest heben möchte. Sie sollen als „normal“ angesehen werden, wie jeder Fußgänger auch. Es gibt überall nette oder auch schwierige Menschen. Warum gibt es nicht irgendeine Werbung für Kaffee im Fernsehen, wo dann z. B. der Hauptdarsteller einfach im Rollstuhl sitzt. Er fährt zum Schrank und kocht einen Kaffee, bloß um einmal zu vermitteln, dass diese Situation auch zum Leben, zu einer Familie gehören kann.

Medien-Monitor: Erleben wir in Deutschland nicht die erfreuliche Tendenz, dass immer mehr, auch junge Menschen sagen: Ein Ehrenamt zu übernehmen, das macht mir Freude. Wie ist da Ihre Erfahrung?

Carola Krone: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man niemanden zum Ehrenamt zwingen kann. Entweder hat man das in sich und will etwas tun. Wenn jemand ein Ehrenamt hat, dann hat er meist noch fünf andere. Ich bewege mich in Kreisen, in denen ich ständig auf ehrenamtlich tätige Menschen treffe und ich selbst bin auch schon immer ehrenamtlich tätig gewesen. Zahlen oder Statistiken kann ich aber leider nicht zitieren.

Medien-Monitor: Welche Werte sind für Sie persönlich die wichtigsten?

Carola Krone: Also, ich habe große Schwierigkeiten damit, wenn irgendjemand – oder auch ich – ungerecht behandelt wird. Das ist etwas, wofür ich eintrete: Gerechtigkeit. Und ein weiterer Gedanke ist: Wenn wir endlich verstehen würden, dass es an einem selbst liegt, was man aus seinem Leben macht und einfach für sich selbst da steht und nicht ständig nach der Hilfe von jemand anderem schreit, dann bin ich überzeugt, dass es besser werden würde. Ich meine die Eigenverantwortung damit.

Medien-Monitor: Frau Krone, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 7. Mai 2008 in München.