„Als Führungskraft muss ich nicht von jedem geliebt werden“: Gespräch mit Birgit Baron, Diplom-Sozialpädagogin und Business-Coach

MEDIEN-MONITOR: Der Hollywood-Film „Der Pferdeflüsterer“ mit Robert Redford handelt von einem Menschen, der traumatisierten Pferden dabei hilft, schlimme Ängste zu bezwingen. Sie arbeiten ebenfalls mit Pferden, allerdings zum Wohle der Menschen. Welche Ängste nehmen Sie Ihren Kursteilnehmern und was flüstern Sie diesen ein?

Birgit Baron: Die Frage setzt voraus, dass die Menschen, die zu mir kommen, überhaupt Ängste haben. Das will ich so gar nicht behaupten. Die Teilnehmer, die zu mir kommen, haben aber alle eines gemeinsam: Sie sind sehr aufgeschlossen, auch für sehr ungewöhnliche Seminaransätze. Trotzdem möchte ich den Begriff Angst aufgreifen. Wir versuchen, den Kursteilnehmern die Angst davor zu nehmen, die eigene Komfortzone zu verlassen.

MEDIEN-MONITOR: Was können Führungskräfte bei Ihnen aus dem Umgang mit Pferden für den Umgang mit den eigenen Mitarbeitern lernen?

Birgit Baron: Ein ganz wesentlicher Punkt, den man aus dem Umgang mit den Pferden lernen kann, ist die Bedeutung der eigenen Glaubenssätze im Führungsalltag. Die Seminarteilnehmer lernen, wie es sich auswirkt, wenn man seine Glaubenssätze verändert. Da ist zum Beispiel jemand, der versucht, ein kleines Pony von A nach B zu bewegen. Solange er herablassend auf dieses Wesen zugeht, kann es ihm passieren, dass sich die 150 Kilogramm nicht bewegen. Das Pony steht dann da und bewegt sich keinen Millimeter.

MEDIEN-MONITOR: Statt des Ponys könnte sich auch der Lehrling im Unternehmen nicht bewegen lassen…

Birgit Baron: Unter Umständen, ja. In dem Moment, in dem der Teilnehmer aber bereit ist, sein Verhalten zu reflektieren und zu verändern wird er sofort eine Reaktion des Tieres bekommen. Das ist eine Art von Rückmeldung, die unmissverständlich ist. Unsere Seminaraufgaben kann man nicht einfach mit dem Kopf steuern. Alles, was bei uns passiert, geht in die Tiefe und ist deshalb sehr wirksam.

MEDIEN-MONITOR: Wie kamen Sie auf die Idee, mit Pferden zu arbeiten und wo haben Sie Ihre Pferde her?

Birgit Baron: Mich hat der Pferdevirus im Alter von vielleicht zwei Jahren befallen. Im Laufe meines beruflichen Lebens hat sich herausgestellt, dass ich mit den Tieren arbeiten will. Ich habe zunächst erlebnispädagogisches Reiten für Kinder angeboten. Letzten Endes ist das, was ich mit Führungskräften und Mitarbeitern von Unternehmen mache, gar nicht so weit davon entfernt. Auch ein Kind, das reiten lernen möchte, muss verstehen: Wenn ich möchte, dass dieses Pony irgendwo mit mir hingeht, dann muss ich zuvor festgelegt haben, wo ich selbst eigentlich hin will. Danach ist es wichtig, das richtige Mittel, die richtige Intervention, den richtigen Zugang zu finden.

MEDIEN-MONITOR: Was haben Pferde menschlichen Führungstrainern voraus?

Birgit Baron: Sie sind ehrlich. Ich möchte es mal so sagen: Pferde fordern Führung. Sie wollen sich führen lassen. Es ist für ein Pferd überlebenswichtig, dass da jemand vorne weg läuft, der eine klare Vorstellung davon hat, wohin es geht, wo es das beste Futter gibt – und zwar im Sinne von allen, nicht nur im Sinne des Einzelnen.

MEDIEN-MONITOR: Pferde haben auch ein sicheres Gespür für menschliche Schwächen.

Birgit Baron: Auf jeden Fall. Um uns weiterzuentwickeln brauchen wir eine Rückmeldung. Diese läuft bei Menschen allerdings immer durch einen Höflichkeitsfilter. Denn ich möchte dem anderen ja nicht wehtun. Auf diese Art und Weise offenbare ich mich aber auch nicht. Ein bisschen bleibt immer versteckt. Pferde haben diesen Filter nicht. Sie folgen freiwillig oder bleiben stehen. Sie setzen keine Maske auf. Diese Art der Rückmeldung ist jedoch völlig bewertungsfrei und wird von den Menschen sehr gut angenommen. Der erhobene Zeigefinger spielt keine Rolle, es geht nicht um richtig oder falsch. Wir schauen uns lediglich an, was gerade abläuft, versuchen den Prozess zu erkennen und ihn gegebenenfalls zu verändern.

MEDIEN-MONITOR: Wie entlarvend für Führungskräfte sind Ihre Seminare? Halten Sie Ihnen einen Spiegel vor? Sie sollen ja lernen, was sie richtig und was sie falsch machen.

Birgit Baron: Ich finde den Begriff entlarvend ein bisschen unglücklich gewählt. Trotzdem gut, dass Sie ihn benutzen. Entlarvend hat mit Bewertung zu tun – was ist richtig, was ist falsch. In unseren Seminaren geht es genau darum, diese Bewertung wegzulassen. Führung ist nicht richtig oder falsch. Sie ist im Kontext eines Geschehens entweder geeignet oder nicht geeignet. Es gilt immer wieder aufs Neue herauszufinden, welche Art des Umgangs geeignet ist. Es kann durchaus sein, dass ein Pferd auch einmal mit einem kurzen Strick geführt werden muss und in einer bestimmten Situation mit einem langen Strick vollkommen überfordert wäre. Aber in einem anderen Moment kann es sein, dass das Pferd eine lange Führungsleine braucht.

MEDIEN-MONITOR: Falls es hier Anwesende gibt, die demnächst ein Seminar bei Ihnen besuchen wollen: Wie bekommt man es hin, dass ein Pferd genau das macht, was man will? Zuckerbrot und Peitsche?

Birgit Baron: Das kann schon mal funktionieren. Aber nur vorübergehend. Das wichtigste ist: Seien Sie präsent, bei dem was Sie tun! Das heißt, lassen Sie sich auf Ihr Gegenüber ein! Seien Sie authentisch, seien Sie in dem Moment da! Sie sollten nicht an nachher oder vorhin denken. Sie sollten sich auch nicht unbedingt an anderen orientieren. Natürlich können wir uns anschauen, wie es diese gemacht haben. Aber jeder bringt seine eigenen Voraussetzungen mit. Und letzen Endes bezieht sich das Pferd oder der Mitarbeiter auf mich, wenn ich führe.

MEDIEN-MONITOR: Denken Sie sich manchmal, so können die Kursteilnehmer ihr Unternehmen aber nicht führen, wenn sie schon mit meinen Pferden so umgehen?

Birgit Baron: Ich schildere eine extreme Szene: Es gibt eine Übung, die heißt Distanz und Nähe. Bei dieser muss man sich ein 10 x 10 Meter großes Viereck vorstellen. In diesem Viereck befindet sich das Pferd. Sie gehen als Teilnehmer da hinein, mit einer Gerte in der Hand. Außerdem haben Sie einen Strick. Ihre erste Aufgabe ist es, das Pferd auf respektvolle Weise auf Distanz zu schicken. Sie müssen ihm also einen Auftrag geben und dafür sorgen, dass es diesen auch ausführt. Das Pferd soll sich von Ihnen weg um Sie herum bewegen. In der zweiten Phase geht es dann darum, herauszufinden, wann der richtige Moment gekommen ist, um auf den Druck, den ich vorher aufgebaut habe, wieder zu verzichten und Nähe zuzulassen. Wenn es funktioniert, schließt sich Ihnen das Pferd freiwillig an. Es läuft einfach mit, obwohl es auch etwas anderes tun könnte. Das hat mit Eigenmotivation zu tun. Vor diesem Hintergrund gab es einen Teilnehmer, der einfach nicht in der Lage war, sich Respekt zu verschaffen. Als er das Pferd hätte wegschicken sollen, legte es sich vor ihn auf den Boden. Er hat also genau das Gegenteil von dem erreicht, was er hätte erreichen sollen. Er war in diesem Moment ungeeignet zur Führung.

MEDIEN-MONITOR: Der Mitarbeiter würde also gar nicht mehr erscheinen…

Birgit Baron: …oder er würde Pausen machen, wann er Pausen machen möchte. Und das vielleicht alle halbe Stunde lang oder alle zehn Minuten. Wenn man in solchen Situationen nicht eingreifen kann oder sie nicht von vornherein verhindern kann, dann ist es schwierig, ein ganzes Unternehmen zu führen.

MEDIEN-MONITOR: Auf Ihrer Homepage habe ich ein Zitat gefunden. Es lautet: „Führen heißt, Mitarbeiter dazu zu befähigen, selbständig, mutig und risikobereit auf ein Ziel zuzugehen. Die Führungskraft hat die Aufgabe, das entsprechende Umfeld zu schaffen.“ Das klingt eher antiautoritär, partnerschaftlich. Auf der anderen Seite ist es bei Pferden – Sie haben es selbst gesagt – doch auch so, dass man sie beizeiten am kurzen Zügel halten muss. Welche Art der Führung akzeptieren Menschen und Pferde denn am ehesten?

Birgit Baron: Die geeignete.

MEDIEN-MONITOR: Welche ist das?

Birgit Baron: Die Führung, bei der ich mich auf den anderen einstelle und herausfinde, was er braucht, um sich zu entwickeln. Die persönliche Kommunikation und das Präsentsein sind wichtig. Das heißt nicht, dass man immer turtelt und lieb ist. Ich bin kein Freund von Weichspülerei. Eine Anweisung sollte als solche erkannt werden. Als Führungskraft muss ich nicht von jedem geliebt werden. Man muss mich achten. Gegenseitige Wertschätzung ist aber die Grundvoraussetzung.

MEDIEN-MONITOR: Ein Pferd braucht manchmal auch die Gerte. Ohne die geht es wohl nicht.

Birgit Baron: So ist es. Was aber nicht heißt, dass ich draufschlage und das Tier verletze. Viele Kursteilnehmer haben ein großes Problem damit, dieses Führungsinstrument einzusetzen. Das geht soweit, dass sie die Gerte komplett verweigern und dann aber auch keine Wirkung erzielen. Wenn ich den Motor eines Fahrzeugs starten will, dann muss ich auch den Schlüssel umdrehen und aufs Gaspedal steigen.

MEDIEN-MONITOR: Das Thema Frauen und Führung steht ganz oben auf der medialen Agenda. Es gibt in Deutschland nur wenige Frauen in Führungspositionen. Was glauben Sie, woran liegt das?

Birgit Baron: Gute Frage. Die Frage, die mir spontan dazu einfällt ist: Wessen Problem ist das? Ist es ein Problem der Frau? Oder eines der Männer? Oder ist es gar ein gesellschaftliches Problem? Ich habe keine Patentlösung.

MEDIEN-MONITOR: Frauenquote?

Birgit Baron: Nein. Wenn Frauen von sich aus in Führungspositionen kommen wollen, dann ist es für sie wichtig, dass sie die Sprache und die Regeln in den Führungsetagen kennen. Nicht, um sich diesen Regeln zu unterwerfen. Aber ich denke, wenn ich mich in einer Ebene verständlich machen will, dann muss ich die Sprache des anderen sprechen und kann dann meine eigenen Elemente mit einbringen.

MEDIEN-MONITOR: Wie viele Ihrer Klienten sind Frauen?

Birgit Baron: Das ist unterschiedlich. In den offenen Seminaren sind es ungefähr 50 Prozent, bei den firmeninternen Führungskräfte-Trainings sind es 20 bis 30 Prozent.

MEDIEN-MONITOR: Man sagt ja, Frauen kommunizieren anders. Wie unterscheiden sie sich im Umgang mit den Pferden von den männlichen Führungskräften?

Birgit Baron: Sie werden es kaum glauben: Eigentlich gar nicht. Ich stelle keinen großen Unterschied zwischen Frauen und Männern fest. Meine Kursteilnehmer unterscheiden sich eher in ihrer Selbstsicherheit, oder darin, wie sie sich ausdrücken und ob sie Anregungen aufnehmen. Aber ich könnte jetzt nicht sagen, dass Frauen ein Seminar erfolgreicher durchlaufen als Männer.

MEDIEN-MONITOR: Es gibt Stimmen in unserer Gesellschaft, die eine Differenzierung in „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ für Humbug halten. Unsere Verhaltensweisen seien lediglich sozial antrainiert. Sie haben den Aktenvergleich: Gibt es „typisch weibliche“ und „typisch männliche“ Verhaltensweisen bei Pferden?

Birgit Baron: Männliche Pferde – ich muss dazu sagen, das sind bei uns keine Hengste, sondern Wallache – verhalten sich untereinander tatsächlich anders als die Damen. Sie sind wesentlich verspielter. Die testen ständig ihre Grenzen aus und prüfen permanent, wo sie in der Hierarchie stehen. Ich glaube das ist bei den Menschen auch ein bisschen so.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind ja schon eine Führungskraft. Wenn Sie aber noch keine wären: Würden sie lieber unter einem Mann oder lieber unter einer Frau arbeiten?

Birgit Baron: Ich mag es, wenn ich in die Entscheidung miteinbezogen werde. Daher ist es für mich nicht so wichtig, ob Frau oder Mann. Es kommt auf die Art des Führungsstils an. Ich möchte wahrgenommen werden und meine Talente entwickeln können.

MEDIEN-MONITOR: Sofern mich mein biologisches Grundwissen nicht täuscht: An der Spitze einer Pferdeherde steht immer eine Alpha-Stute. Haben die Frauen also von Natur aus eine höhere Führungskompetenz?

Birgit Baron: Es ist richtig, an der Spitze einer Pferde-Herde steht eine Alpha-Stute. Aber: Alpha-Stute und Alpha-Hengst teilen sich die Führung. Es gibt also zwei Führungskomponenten. Darin liegt auch ein großer Teil des Erfolgs einer Herde: Dass die weiblichen und die männlichen Stärken zusammentreffen und sich einander ergänzen.

MEDIEN-MONITOR: Glauben Sie, dass Pferde eine Seele haben und deshalb so gute Co-Trainer sind?

Birgit Baron: Auf jeden Fall.

MEDIEN-MONITOR: Wie spüren Sie das in der Arbeit?

Birgit Baron: Die Pferde geben noch einmal etwas dazu. Es passieren manchmal ganz unglaubliche Sachen. Ich möchte dazu ein kurzes Beispiel erzählen. Bei einem Team-Training haben wir verschiedene Übungen gemacht. Am Ende stand eine Zielübung, bei der das Pferd durch einen Parcours geführt werden sollte. Die Teammitglieder kamen zwar an ihrem Ziel an, aber es lief alles sehr unrund. Deshalb wollten sie die Übung noch einmal probieren. Eine Frau aus der Gruppe kam dann auf die Idee, dass sich die Teammitglieder gegenseitig anfassen und dadurch Nähe aufbauen sollten. Auf diese Art und Weise haben sie dann versucht, das Pferd noch einmal durch den Parcours zu führen. Dabei ist dann Folgendes passiert: Plötzlich schloss sich die ganze Pferdeherde der Gruppe an. Freiwillig sind sie mit dem Team zum Ziel gegangen. Das ist das, was ich gemeint habe: Sie geben noch einmal etwas dazu und verstärken die Wirkung der Übung. Sie haben ein ganz feines Gespür dafür, was der Teilnehmer, der gerade mit ihnen arbeitet, braucht.

MEDIEN-MONITOR: Frau Baron, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 25. Mai 2011 in München