„Führen sollte als Dienen verstanden werden“: Gespräch mit Anselm Bilgri, Ratgeber, Buchautor und ehemaliger Benediktiner-Mönch

MEDIEN-MONITOR: Sie waren 30 Jahre lang Benediktiner-Mönch, traten dann aber im Jahr 2004 aus dem Orden aus. Gab es Führungsprobleme?

Anselm Bilgri: Wir hatten 2003 einen Führungswechsel. Abt Johannes wurde Nachfolger von Abt Odilo. Ich war den jungen Mitbrüdern im Kloster – vielleicht auch Abt Johannes – ein bisschen zu bekannt, vielleicht auch in den Medien zu sehr präsent.

MEDIEN-MONITOR: Sie hatten eine eigene Talkrunde im Bayerischen Fernsehen…

Anselm Bilgri: Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu unseren 200 Angestellten, vor allem zu meinen weltlichen Führungskräften. Im Kloster hingegen ist vor allem bei den Jüngeren Kritik entstanden. So wurde ich – wenn Sie so wollen – entmachtet. Das wäre eigentlich kein Grund, um aus dem Orden auszutreten. Doch es ging dann auch auf eine unschöne Art gegen meine leitenden Mitarbeiter. Daher habe ich das Kloster verlassen. Ich hatte bis dato auch Kurse für Manager im Kloster gegeben. Nach meinem Austritt dachte ich dann, dass ich dies auch außerhalb des Klosters tun kann.

MEDIEN-MONITOR: In der Regel des Heiligen Benedikts steht, dass alle Mönche im Kloster eins sind in Christus. Dann aber diese erbitterten Streitigkeiten: Wie passt das zusammen?

Anselm Bilgri: Die Streitigkeiten wurden in den Medien als erbittert dargestellt. So schlimm waren sie aber gar nicht. Es ist eine Idealvorstellung, dass die Menschen eins sind. Das gilt ja nicht nur im Kloster, das gilt für alle Christen. Auch für Menschen, die in einem Unternehmen zusammenarbeiten. Einheit heißt aber nicht Stromlinienförmigkeit. Einheit heißt, dass man auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet ist. Doch es ist offensichtlich so, dass nicht alle immer mitziehen.

MEDIEN-MONITOR: Wie sind Sie persönlich mit dem Bruch klargekommen, wie haben Sie das verarbeitet?

Anselm Bilgri: Ich muss ganz ehrlich sagen: Das Weggehen war für mich kein so großer Bruch wie damals mit 21 Jahren, als ich in das Kloster eingetreten bin. Das war viel fundamentaler. An diesem Zeitpunkt entscheidet man sich für eine Idee, der man sich sein ganzes Leben lang hingibt. Man weiß aber gar nicht, was auf einen zukommt. Mit 50 habe ich dann ungefähr gewusst, wie es weitergehen könnte. So ein Klosterleben ist sehr schön in der Gemeinschaft, man ist wahnsinnig geborgen. Ich musste danach erst wieder lernen, mir Lebensmittel zu kaufen und meinen Kühlschrank zu füllen. Diese Einkaufs-Logistik begeistert mich heute noch.

MEDIEN-MONITOR: Immer mehr Manager gehen ins Kloster, um Stress abzubauen. Wenn man aber an die Mönche in den Klöstern denkt: Ist die Spiritualität in Gefahr?

Anselm Bilgri: Die Spiritualität ist nicht in Gefahr. Vielleicht ist die – wie man auf bayerisch sagt – „griabige Ruah“ gefährdet. Ich denke jetzt konkret an Andechs: Dort lebten maximal zehn Mönche, mindestens sechs. Wir hatten Platz für 14 Gäste, die dann aber wirklich mit uns gegessen, gearbeitet und in den Zellen gewohnt haben. Stellen Sie sich eine sechsköpfige Familie vor. Plötzlich sitzen bei dieser 14 Gäste im Wohnzimmer. Das ist schon eine Umstellung. Deshalb konnte man das auch nur einmal im Jahr machen, sonst wäre es den Mitbrüdern auf die Nerven gegangen.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben die Mönchskutte an den Nagel gehängt, sind Unternehmensberater. Wen beraten Sie? Was sind Ihre Aufgaben?

Anselm Bilgri: Unter anderem die Vorstandsebene. Ich war neulich in Berlin, wo ich mit den Vorständen einer großen Bank in einem Kaminzimmer zusammen war. Führung im 21. Jahrhundert ist ja heute unser Thema. Ich vertrete ein Führungskonzept, das aus dem 6. Jahrhundert stammt. Benedikt hat seine Regeln im Jahr 529 geschrieben. Diese Regeln faszinieren die Menschen deshalb, weil sie am Anfang unserer europäischen Wirtschaftsgeschichte stehen. Den hohen Stellenwert von Arbeit und Wirtschaften verdanken wir den Mönchen. Gerade im Spruch „ora et labora“, den wir alle im Lateinunterricht gelernt haben, drückt sich dies aus. Deshalb frage ich mich manchmal: Warum holen wir uns alle möglichen Konzepte aus Asien oder jenseits des großen Teichs nach Europa? Jeden Monat wird eine neue Sau durchs Dorf gejagt. Warum können wir nicht auf unsere europäische Wirtschaftsgeschichte zurückgreifen, die uns ja wesentlich geprägt hat?

MEDIEN-MONITOR: In Berlin wird auch jeden Tag mindestens eine Sau durchs Dorf getrieben. Anfang März erklärte Verteidigungsminister zu Guttenberg infolge der Plagiatsaffäre seinen Rücktritt. Ein Politiker, den so mancher Experte schon als Kanzlerkandidat gesehen hat. Stürzte er, weil er Werte wie Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit stets betont, letztendlich aber nicht konsequent gelebt hat?

Anselm Bilgri: Es fällt mir schwer, über Guttenberg ein Urteil zu fällen. Er hat etwas Charismatisches verkörpert. Aber ich fand es schon immer bedenklich, dass wir Deutschen so häufig auf einzelne Leute abfahren. Obwohl wir seit 60 Jahren eine funktionierende Republik haben, scheinen sich manche Menschen nach dem alten Adel zu sehnen.

MEDIEN-MONITOR: Zu Guttenberg war ein Hoffnungsträger. Er hat Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit verkörpert. Doch dann kam die Plagiatsaffäre…

Anselm Bilgri: Schon zu meiner Andechser Zeit sind Bekannte auf mich zugekommen und haben gesagt, dass mir als letztes i-Tüpfelchen der Doktortitel fehle. Sie haben mir angeboten, jemanden zu besorgen, der die Doktorarbeit schreibt. Ich will niemanden beleidigen, der sich den Titel ehrlich erworben hat. Denn dieser ist ein Ausweis akademischen Eifers. Man sollte die akademischen Auszeichnungen aber wieder auf den Punkt bringen. Sie sollten vor allem für denjenigen etwas bedeuten, der tatsächlich lehren will und sich im akademischen Bereich bewegen möchte. Ich habe auch einmal probiert, eine Doktorarbeit zu schreiben. Doch einer meiner Professoren hat gesagt: Der Bilgri hat doch kein Sitzfleisch. Der Doktor-Titel ist aber auch ein Ausweis für Sitzfleisch und dafür, dass man sich hinsetzen und an einem Thema arbeiten kann. Ich weiß nicht, ob das bei Guttenberg der Fall war. Die Ordensleute haben bestimmte Abkürzungen. Die Franziskaner werden mit OFM abgekürzt. Das heißt „Ordo Fratrum Minorum“. Die Abkürzung der Benediktiner lautet OSB, „Ordo Sancti Benedicti“. Als einer der Mönche vor vielen Jahren den Doktor machen wollte, hat der damalige Abt gesagt: Das OSB hinter dem Namen ist mindestens genauso viel wert, wie das Dr. vor dem Namen. Und wenn jemand Baron von und zu Guttenberg heißt, ist er doch auch schon etwas.

MEDIEN-MONITOR: Sie fordern Führungskräfte dazu auf, in ihrem Unternehmen Werte zu leben. Welche Werte meinen Sie und weshalb sind Werte für eine erfolgreiche Führung so wichtig?

Anselm Bilgri: Ich habe für mich sechs Werte aus der Benediktsregel herausgefunden. Erstens: Achtsamkeit, das heißt wahrnehmen können. Zweitens: Gut kommunizieren. Drittens: Unterscheiden. Viertens: Dienen wollen. Fünftens: Bodenhaftung bewahren. Sechstens: Die Dinge mit Augenmaß angehen.

MEDIEN-MONITOR: Welcher Wert ist der wichtigste?

Anselm Bilgri: Ich glaube der letzte. Das rechte Maß suchen, finden und halten.

MEDIEN-MONITOR: Für viele ist Authentizität sehr wichtig.

Anselm Bilgri: Authentizität ist ein ganz moderner Wert, der früher gar nicht so wichtig war. Früher musste man eine Rolle spielen. Es war nicht von Bedeutung, ob das Äußere und Innere übereingestimmt hat. Heute wird das von den Menschen verlangt. Doch es ist ungeheuer schwierig, dies zu leben. Die jungen Leute beurteilen die Menschen immer danach, ob sie „echt“ sind. Der kanadische Philosoph Charles Taylor hat ein ganzes Büchlein über Authentizität als modernen Wert geschrieben. Und er sagt, dass unser Leben durch diesen Wert viel schwieriger geworden sei, weil wir ihn von uns selbst und den Menschen, mit denen wir zusammen sind, einfordern.

MEDIEN-MONITOR: Wie kann man es schaffen, „echt“ zu sein?

Anselm Bilgri: Indem man auch einmal zugibt, dass man etwas falsch gemacht hat. Dass man sich entschuldigen kann, auch als Führungskraft, ohne dass einem ein Zacken aus der Krone bricht. Dass man auch Fehlertoleranz zeigt. Als ich in Andechs angefangen habe, habe ich einen kurz vor der Pensionierung stehenden Brauerei-Direktor kennen gelernt. Er war ein hervorragender Techniker, aber beim Führen haperte es. Er hat gesagt: „Merken Sie sich eines: Wenn Sie irgendetwas falsch gemacht haben, entschuldigen Sie sich nie! Das kommt bei den Mitarbeitern schlecht an.“ Ich habe aber genau das Gegenteil versucht.

MEDIEN-MONITOR: Und es ist wahrscheinlich wesentlich besser angekommen, weil es glaubwürdiger ist…

Anselm Bilgri: Ich musste aber auch dazulernen. Ich war 32 Jahre alt, als ich über Nacht Chef von über 200 Mitarbeitern geworden bin. Ich habe neulich wieder mit meiner ehemaligen Sekretärin gesprochen, die schon lange pensioniert ist. Ich habe bei ihr Abbitte geleistet. Sie stand manchmal hinter dem Schrank und hat etwas geweint, nachdem ich cholerisch geworden war. Ich musste meine Gelassenheit also leidvoll erlernen. Das ist auch für Führungskräfte schwierig. Diese sind oft unsicher gegenüber Mitarbeitern. Es gibt zwei Reaktionsmöglichkeiten: Entweder Sie schließen sich ein, so dass man nur über zwei Vorzimmerdamen zu Ihnen kann. Oder Sie entscheiden sich für eine Politik der offenen Tür. Dann besteht aber die Gefahr, dass Sie ab und zu mit Ausbrüchen reagieren. Die Mitte wäre der richtige Weg. Dazu braucht es aber Lernfähigkeit.

MEDIEN-MONITOR: Vergisst die moderne Führungskraft heute manchmal, Mensch zu sein?

Anselm Bilgri: Wir sind alle von Zahlen, Daten und Fakten getrieben. Diese sind aber eigentlich nur Hilfsmittel, um gut zu wirtschaften. Die Wirtschaft hat dem Menschen zu dienen, sie ist aber wahnsinnig komplex geworden. Und so verlieren wir den Menschen, um den es eigentlich geht, aus dem Blick. Das läuft übrigens in allen Systemen so, auch in der Kirche oder der Politik. Wenn ich bei Seminaren oder Kursen Führungskräfte frage, wie sie sich fühlen, dann kommt meistens das Bild vom Hamsterrad. Es ist wichtig, gelegentlich aus diesem auszusteigen und aus der Distanz auf das Geschehen zu blicken.

MEDIEN-MONITOR: Sie propagieren, dass das Führen und Leiten als Dienen verstanden werden sollte. Inwiefern müssen Anführer auch Diener sein?

Anselm Bilgri: Das kommt wieder aus der Benedikts-Regel. Als Grundtugend für seine Organisation führt Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert einen Begriff ein, der heute furchtbar verstaubt klingt, nämlich Demut. In unserer Selbstverwirklichungsgesellschaft mit der Ellenbogenmentalität ist Demut etwas von vorgestern. Von der Etymologie her kommt Demut von Dien-Mut, also vom Willen zu dienen. Das war die Tugend der Vasallen eines Königs. Der Prince of Wales, also der englische Thronfolger, hat heute noch einen deutschen Wappenspruch aus dem Mittelalter: ICH DIEN. Führen sollte also als Dienen verstanden werden. Das heißt, ich muss dem einzelnen Mitarbeiter helfen, dass er seine Talente und Potentiale optimal für das gemeinsame Ziel einbringen kann. Dienen macht nicht klein, sondern hilft, eine Organisation voranzubringen – indem sich der einzelne angenommen und wertgeschätzt fühlt.

MEDIEN-MONITOR: Wie können professionelle Unternehmen von der alten Benediktinerregel „ora et labora“ profitieren?

Anselm Bilgri: Beten ist die christliche Form der antiken Muße. Dabei denkt man nach und steigt aus dem Hamsterrad. Ich war am Anfang meiner Zeit als Cellerar ein bisschen gestresst. Dann habe ich einen Zeitmanagement-Kurs mitgemacht. Und unser Zeitmanager hat damals gesagt: „Nehmen Sie sich jeden Tag eine halbe Stunde, wenn es geht, eine ganze Stunde Zeit. Setzen Sie sich mit einem Glas Rotwein auf den Balkon und lassen Sie die Gedanken frei fließen!“ Man muss nicht gleich einen religiösen Inhalt formulieren. Spiritualität hat auch damit zu tun, dass man in sich hineinhört. Es ist eine leistungsfreie Innigkeit, die frei vom Effektivitäts- oder Produktivitätsdenken ist. Ich glaube, dass dies letztlich aber effektiver ist.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben uns Ihr aktuelles Buch mitgebracht. Es heißt „Gottesentrümpelung – warum es nicht verrückt ist, heute religiös zu sein“. Sie schreiben über die Kunst religiöser Lebensführung. Warum ist eine 2000 Jahre alte Religion immer noch modern?

Anselm Bilgri: Unsere Kultur ist christlich-abendländisch geprägt. Auch wenn man nicht religiös ist oder kirchlich verbunden, ist es wertvoll, dieser Tradition auf den Grund zu gehen. Ich verweise in diesem Kontext gerne auf Jürgen Habermas, den Philosophen der Frankfurter Schule, der von sich selber sagt, er sei religiös unmusikalisch. Er hat entdeckt, dass es für unsere säkulare Gesellschaft hilfreich ist, die Werte, die unsere Kultur prägen, in einer rettenden Übersetzung darzulegen. Unsere religiösen Institutionen sollten verstehen, dass sie einen Anwendernutzen für die moderne Gesellschaft haben sollten. Leider stehen sie sich hier oft selbst im Weg.

MEDIEN-MONITOR: Wie kann die Kirche ihre Führungsrolle im 21. Jahrhundert zurückgewinnen?

Anselm Bilgri: Ich weiß gar nicht, ob sie die Führungsrolle braucht. Die Kirche als Macht-Institution? Das ist genau das, was uns ein bisschen misstrauisch macht. Der moderne Mensch ist von Freiheit und Individualität geprägt. Er lässt sich nicht so gerne hineinreden. Vielleicht sollte die Kirche nicht sagen „Du musst“, sondern ein verbindliches Angebot machen. „Komm und siehe“, heißt es im Evangelium. Vorleben und mitleben lassen. Daran wäre vielleicht besser getan.

MEDIEN-MONITOR: An der Spitze der katholischen Kirche steht unser bayerischer Papst. Er ist laut katholischer Kirche unfehlbar. Ist der Papst sozusagen der letzte Autokrat der westlichen Gesellschaft?

Anselm Bilgri: Unfehlbar ist er nur in ganz eingeschränkten Bereichen. Aber natürlich ist es so, dass die katholische Kirche eine Art monarchische Institution ist. Das ist ihr Plus, aber gleichzeitig auch ihre Crux. Das ist einerseits etwas Tolles, ein Papstgottesdienst im Fernsehen beispielsweise kommt gut rüber. Mit der Farbigkeit, der Buntheit der Liturgie, Gesängen, Weihrauch. Gleichzeitig misstraut der moderne Mensch dem Einzelnen, der die Macht in einer weltumspannenden Organisation in den Händen hält. Vielleicht ist die katholische Kirche noch nicht so weit, demokratische Strukturen zu etablieren. Aber ich glaube, es würde dem Papsttum ganz gut anstehen, eine stärkere Mitbeteiligung der Menschen zu akzeptieren.

MEDIEN-MONITOR: Zum Schluss noch eine persönliche Frage an Sie. Könnten Sie sich vorstellen noch einmal als Priester tätig zu sein?

Anselm Bilgri: Priester bin ich ja. Nach katholischer Lehre verliert man dieses Amt nicht. Ich übe es aber zurzeit nicht aus.

MEDIEN-MONITOR: Sie würden aber gerne?

Anselm Bilgri: Ich habe es Kardinal Reinhard Marx immer wieder angeboten. Wenn sie mich brauchen, bin ich da. Wir sind seit drei Jahren im Gespräch. Aber es ist bisher nichts passiert.

MEDIEN-MONITOR: Herr Bilgri, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 25. Mai 2011 in München.