„Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Menschen von der Arbeit zu befreien“: Gespräch mit Andreas Popp, Unternehmer, Buchautor sowie Experte für Finanzsysteme und Geldmengenpolitik

MEDIEN-MONITOR: Ihr aktuelles Buch heißt „Der Währungscountdown“. Auf dem Cover ist eine große Uhr abgebildet. Die Zeit läuft. Wie lange haben wir denn noch?

Andreas Popp: Wir haben genug Zeit. Ich denke aber, dass wir manchmal in Frage stellen müssen, ob die Erde wirklich eine Scheibe ist. Das große Problem ist, dass wir in einer dogmatisierten Welt leben. Als jemand gesagt hat, die Erde sei eine Kugel, haben die ersten geantwortet: Dann fallen wir ja runter. Wenn Leute etwas Neues artikulieren, dann befindet sich dies meistens außerhalb der Scheibentheorie. Insofern gehe ich davon aus: Wir haben alle Zeit der Welt. Es gibt immer ein danach. Deshalb dürfen wir entspannt sein.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben in ihrem Buch einen netten Vergleich gezogen. Ich zitiere: „Die zehn Gebote Gottes enthalten 279 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300 Wörter, die Verordnung der Europäischen Gemeinschaft über den Import von Karamel-Bonbons aber exakt 25.911 Wörter.“ Macht uns diese Bürokratie kaputt?

Andreas Popp: Ja. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir irgendwann in eine Pseudo-Wirtschaft abdriften. Früher gab es einmal einen Marktplatz. Da haben die Leute ihre Talente in Form von Waren und Dienstleistungen ausgetauscht. Keiner hat bemerkt, dass sich irgendwann ein Geldsystem etabliert hat, das keiner richtig versteht. Das System ist mit einem Nebel vergleichbar. Einem leichten Nebel. Die Ökonomen lernen, durch diesen Nebel hindurch zu sehen. Jetzt erkennen sie auf einmal: Hoppla, wir haben eine Wirtschaftskrise. Und sie fragen sich: Keine Maschine ist kaputt, es herrscht kein Krieg, warum befinden wir uns in einer Wirtschaftskrise? Sie können das Problem aber gar nicht erkennen, denn es liegt im Nebel begründet. Und durch diesen blicken sie ständig hindurch.

MEDIEN-MONITOR: Was ist das denn für ein Nebel?

Andreas Popp: Der Nebel ist das verzinste Geldsystem. Dieses Geldsystem führt zu Umverteilungsprozessen. In diesem Zusammenhang wird mir häufig ein sozialistisches Gedankengut unterstellt. Aber ich gehöre nicht zur Sorte Waldorf-Schüler, die alle Menschen für gut hält. Menschen sind auch Jäger und wollen Erfolg haben. Ich finde, es muss ein Modell geben, in dem jeder einen Ferrari fahren kann, wenn er sich dies erarbeitet. Doch die Geldmenge wird in ein und dieselbe Richtung verteilt und sie wird stetig größer. Aus diesem Grund existieren zwei arbeitslose Gruppen in Deutschland bzw. in dieser Welt: Die armen Arbeitslosen werden durch Sozialtransfers vom Mittelstand finanziert. Aber auch die reichen Arbeitslosen erhalten ihre Gelder durch den Mittelstand – in Form von Zinstransfers über die Banken. Wir müssen uns also die grundsätzliche Frage stellen: Könnte es sein, dass man Arbeit und Einkommen trennen muss?

MEDIEN-MONITOR: Sprechen wir über die gegenwärtige Krise: Nicht nur Griechenland hat fundamentale Probleme, sondern auch Spanien, Portugal, Italien und Irland. Wie geht es weiter mit Europa? Wie sehen Sie die Zukunft der Europäischen Union?

Andreas Popp: Wir müssen den Euro sauber und souverän rückabwickeln. Die gemeinsame Währung ist als Zusammenwuchern heterogener Wirtschaftseinheiten zu betrachten. Ich finde, es steht uns nicht zu, die Griechen dafür zu verurteilen, dass sie eine andere Lebensmentalität haben als wir. Wir haben nur ein Problem: Dieselbe Währung. Diese haben die Griechen ebenso aufoktroyiert bekommen wie wir. Wir können aber auch einen Blick nach Spanien werfen: Der Spanier legt sich mittags gerne hin, macht seine Siesta. Der Deutsche nimmt seine Herztabletten und arbeitet weiter. Das ist völlig in Ordnung, ich will dies nicht bewerten. Ich stelle aber die Frage: Kann man derart heterogene Einheiten mittels einer gemeinsamen Währung zusammenbringen?

MEDIEN-MONITOR: Konrad Adenauer – das ist bekannt – hat oft Mittagsschläfchen gehalten. Er war nicht der schlechteste Kanzler.

Andreas Popp: Nein, definitiv nicht. Mir geht es jedoch darum: Wir sollen angeblich vom Euro profitieren. Doch man muss erst einmal definieren: Wer ist „wir“? „Wir“ sind die deutschen Unternehmen, die exportieren und Waren im Ausland verkaufen. Von den einfließenden Geldern hat das Volk aber nichts, es geht an die Konzerne. Und zwar in ausländischem Geld, zum Beispiel in Dollar-Noten. Deshalb produzieren ja so viele Großkonzerne wieder in Amerika, um die Fremdwährungen wieder loszuwerden. Das ist ein großes Problem. Deshalb verursachen Exportüberschüsse auch Arbeitslosigkeit. Das ist keine Schuldzuweisung, das ist eine Systembeschreibung. Die Deutsche Bank, VW oder Mercedes-Benz sind keine deutschen Unternehmen, wie das früher einmal der Fall war. Sie sind internationale Konzerne. Ihre Gewinne kommen nicht unbedingt hier an.

MEDIEN-MONITOR: Was kommt nach dem Euro? Sie gehen ja davon aus, dass er eine Auslaufwährung ist. Würden Sie den Griechen raten, die Drachme wieder einzuführen?

Andreas Popp: Ich will hier nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Wir wissen, dass 1913 die Federal Reserve gegründet und 1944 der Dollar als Welt-Leitwährung eingeführt wurde. Deshalb müssen wir anerkennen, dass jede Währung auf dieser Welt eine Dollar-Währung ist. Der Euro besteht auch zu 80 Prozent aus Dollar. In Japan heißt der Dollar Yen, in Marokko Dirham. Das ist auch völlig in Ordnung. Der Euro ist deshalb gar nicht das entscheidende Problem. Das Problem ist die Mutterwährung, der Dollar. Ich halte das, was gerade abläuft, für ein radikales Ablenkungsmanöver. Die Wirtschaft Griechenlands ist nicht viel größer als jene Hessens. Also haut uns ihr Versagen nicht um. Schwieriger ist es, dass viele heterogene Länder mit sehr unterschiedlichen Kulturen eine gemeinsame Währung haben. Damit sind die Stellmechanismen von Auf- und Abwertung nicht mehr gegeben. Wenn wir der große Gewinner der Euro-Einführung sein sollen, dann frage ich mich: Wo kommt die Armut her? Immer mehr Menschen sind von ihr betroffen.

MEDIEN-MONITOR: Die Schere klafft immer weiter auseinander…

Andreas Popp: Ja, klar. Wir diskutieren gerade, dass wir uns dramatisch verschulden. Die nachkommenden Generationen werden unglaubliche Zinsen zahlen müssen. Man muss aber auch noch eine zweite Seite berücksichtigen: Es gibt auch Menschen, die die Zinsen bekommen. Genau aus diesem Grund mache ich mir Sorgen. Es geht nicht um meine persönliche Situation. Ich sehe, dass es viele allein erziehende Mütter gibt, die nicht mehr in der Lage sind, ihrem Kind ein Schulheft zu kaufen. So kann es nicht weitergehen. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich im Wohlstand lebe und weiß, dass ich nicht in die Außenwelt blicken darf, weil mich das fertig machen würde. Deshalb muss man fragen: Wo liegen die Ursachen und wo liegen die Lösungen? Das ist alles.

MEDIEN-MONITOR: Sie wollen das Geldmonopol brechen…

Andreas Popp: Ja, es müsste gebrochen werden. Geld ist nichts Schlechtes. Die Schwingung eines bestimmten Volkes wird im Geld widergespiegelt. Man könnte zum Beispiel ohne weiteres in Schleswig-Holstein und Bayern unterschiedliche Währungen nutzen, weil diese zwei Bundesländer unterschiedlich sind und unterschiedliche Mentalitäten verkörpern.

MEDIEN-MONITOR: Wir führen dann den ‘Bavaria’ ein…

Andreas Popp: Zum Beispiel. Problematisch ist es zudem, dass wir dem Dogma des Wirtschaftswachstumwahns unterworfen sind. Wirtschaftswachstum ist nicht möglich. Irgendjemand hat festgelegt, dass manche Arbeiten wertvoll und andere wertlos sind. Einer Mutter, die ihre Kinder erzieht, gesteht man nicht zu, eine wertvolle Arbeit zu erfüllen. Ich halte sie für die wichtigste Aufgabe, die man ausüben kann. Ein Opel-Arbeiter hingegen, der ein neues Auto produziert, wird dafür bezahlt, obwohl die Läden voll mit Fahrzeugen sind. Das heißt: Wir müssen Absurditäten hinterfragen. So gelangt man schließlich zur Frage: Welche Aufgabe hat die Wirtschaft eigentlich? Wenn alle Bedürfnisse befriedigt sind, braucht man nichts mehr produzieren. Ich habe diese Dinge schon vor 20 Jahren angesprochen und durchaus Erfahrung mit Pfiffen und Leuten, die aufstehen und gehen. Diese Erfahrungen sind aber viel seltener geworden. Heutzutage kann ich diese Themen äußern. Durch die technische Entwicklung haben wir es geschafft, Menschen von gefährlicher Arbeit zu befreien. Meine folgende Argumentation ist also nicht auf den Kopf gestellt: Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Menschen von der Arbeit zu befreien. Ganz entspannt bleiben, das sind keine sozialistischen Argumente, ich bin Unternehmer. Es ist wichtig, dass jemand Geld verdienen, Ferrari fahren und einen eigenen Jet besitzen darf. Aber er sollte es sich verdienen. Heute ist es so, dass man entweder Glück haben kann und in der richtigen Familie geboren wird, oder man wird in der falschen Familie geboren. Je nachdem aus welcher Dynastie man kommt, setzt sich diese Entwicklung im Normalfall fort – meistens unabhängig davon, was man selbst auf die Reihe bringt.

MEDIEN-MONITOR: Sie sagten, dass Ihnen dies alles schon vor 20 Jahren klar war. Wie kam das?

Andreas Popp: Durch normales Denken.

MEDIEN-MONITOR: Denken die anderen Menschen nicht normal?

Andreas Popp: Ob sie Arbeiter in einer Fabrik oder Vorstand einer Großbank sind – ich kenne beide Gruppen recht gut – durch das Finanzsystem dreht sich das Rad immer schneller und keiner denkt mehr wirklich mit. Es bleibt kaum Zeit zum denken. Doch man muss sich fragen: Wenn alle Bedürfnisse befriedigt werden können, wir aber eine Arbeitslosenquote in Deutschland von – provokant formuliert – 80 Prozent haben, wo liegt dann der Fehler im System? Ich will versuchen, meine Quote zu erklären: Von zehn Deutschen gehen vier einer reinen Erwerbstätigkeit nach. Von diesen vieren haben zwei einen reinen Einkommensjob. Ich denke hierbei an Berufsgenossenschaften. Diese haben mittlerweile große Schwierigkeiten, etwas zu finden, dem sie nachgehen können. Denn es passiert in den heutigen Zeiten nicht mehr so viel. Die Sicherheitsvorkehrungen sind extrem gut geworden und das ist gut so. Aber die Genossenschaftler arbeiten natürlich weiter und wollen ihren Job behalten. Darüber hinaus gibt es Transfereinkommen. In diesem Zusammenhang nenne ich die klassische Familie: Der Vater arbeitet, Mutter und Kinder bekommen von ihm ein Einkommen. Dann kommen die Pensionäre und Rentner hinzu. Diese machen nochmals zwei von den zehn aus. Sie haben ihre Ansprüche sauber und redlich erworben, gar keine Frage. Aber in dem Moment, in dem der Rentner Brötchen einkauft, hat ein anderer das Geld für die Brötchen erarbeitet. Der Rentner ist in dem Moment ohne Arbeit, bekommt aber seine Leistung. Und dann haben wir noch einen Sozialhilfe-Empfänger. Das heißt: Von zehn Personen sind eigentlich nur noch zwei nötig, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen. Acht haben ein Einkommen ohne Arbeit. Wenn ich dann auf Veranstaltungen das bedingungslose Grundeinkommen anspreche, zucken die Leute zusammen und sagen: „Dann arbeitet niemand mehr, das ist nicht zu finanzieren!“ Dabei muss man konstatieren: Ein Einkommen ohne Arbeit ist für uns überhaupt nicht neu. Neu ist lediglich die Bedingungslosigkeit. Und da liegt der Knackpunkt: Vielleicht sind die Menschen gerade dann stärker zu motivieren, wenn die Bedingungslosigkeit eintritt. Schließlich kann sich so die Kreativität freisetzen, weil die Angst vor der Verelendung wegfällt. Und die Leute haben Lust, mehr zu verdienen als ein bedingungsloses Grundeinkommen. Menschen erarbeiten Geld, das Geld fließt der Wirtschaft zu, diese investiert in den technischen Fortschritt und die Firmen können dann die Leute rausschmeißen, die es erwirtschaftet haben. Auch wenn sich das marxistisch anhört: Aber warum zahlen Maschinen keine Steuern? Wir haben eine Leistungsbesteuerung. Wer leistet am meisten? Das sind die Maschinen.

MEDIEN-MONITOR: Den Status Quo haben wir geklärt. Jetzt kommen wir zu den Lösungswegen. Welche sind das, insbesondere für das Geldsystem?

Andreas Popp: Grundlage muss sein, dass das Geld den Waren und Dienstleistungen nicht übergeordnet sein kann. Wir brauchen eine relativ klare Struktur, die jeder versteht. Doch unser Geldsystem versteht nahezu keiner. Ich beschäftige mich nun seit 25 Jahren mit der Materie und glaube, eine grobe Ahnung davon zu haben. Werfen wir einen Blick auf die Realwirtschaft: Da gibt es einen Bauern, der Kartoffeln anbaut. Seine Kartoffeln sind sein Ertrag, also sein Geld. Der Bauer kann all seine Kartoffeln aber nicht selber futtern. In einer arbeitsteiligen Wirtschaft könnte er also auf die Idee kommen, seinem Nachbarn Erwin ein paar Kartoffeln zu leihen. Der Bauer würde nie auf die Idee kommen bei einer Leihgabe von 100 Kartoffeln 110 zurückzufordern und zehn Kartoffeln als Zinsen zu verlangen. Täte er dies, würden ihm seine Kartoffeln verderben. Beim Geld verhält es sich etwas anders, denn Geld verdirbt nicht. Wenn Geld aber nicht verdirbt, ist es dem natürlichen Geld letztendlich übergeordnet. Also müsste man sich überlegen, ob man Geld mit einem Verderbungscharakter belegt. Denn Geld ist kein Tauschmittel, sondern ein gesetzliches Zahlungsmittel, eine Rechtseinrichtung. Wir müssen ein System etablieren, in dem wir den Waren und Dienstleistungen eine festgelegte Geldmenge gegenüberstellen. Dieses Verhältnis müsste dann für alle Zeiten äquivalent bleiben. Wir dürften also keine Inflation mehr zulassen. Derzeit ist der Verfall des Geldes unglaublich hoch. Aus meiner Sicht haben wir eine Inflationsrate, die weit über 20 Prozent liegt. Problematisch ist, dass viele Bürger gar nicht wissen, was eine Inflation eigentlich ist. Die Menschen glauben, dass Inflation mit einer Steigerung der Güterpreise gleichzusetzen ist. Dem ist nicht so. Die Inflation bzw. Deflation wird danach bemessen, wie viel Geld im Verhältnis zu den Waren und Dienstleistungen im Umlauf ist. Bei all dem Geld, das momentan in den Markt geblasen wird, müssten die Preise eigentlich explodieren. Wenn sie es nicht tun, muss man sich fragen, wo die Gelder dann hin fließen. So kommen wir zu den Aktien- und Rentenmärkten. Momentan sehen wir, dass die Auftragsbücher gerade bei den sachlich produzierenden Unternehmen massiv rückgängig sind. Dementsprechend müssten die Aktien ein wenig fallen. Stattdessen sind sie massiv gestiegen. So erkennt man schließlich, wo die Inflation gelandet ist: bei den Vermögenswerten. Auch in diesem Sektor kann eine Inflation ersichtlich werden. Man erkennt sie also nicht nur daran, dass die Butter teurer wird.

MEDIEN-MONITOR: Kommen wir zum Bodenrecht, zu dem sie ebenfalls unkonventionelle Ideen formulieren.

Andreas Popp: Das Bodenrecht ist eine gefährliche Geschichte. Ganz besonders wenn man sich in Süddeutschland, speziell in Baden-Württemberg befindet. Dort haben die Menschen eine fast erotische Beziehung zu ihrer Scholle. Ich möchte niemandem Grund und Boden wegnehmen. Es geht nicht um eine Bodenrechtsreform, ich bin kein Sozialist, kein Kommunist, kein Marxist…

MEDIEN-MONITOR: …kein Planwirtschaftler…

Andreas Popp: Nein, ich denke selbst. Wir müssen uns überlegen, ob es möglich sein kann, dass jemand von Gott gegebenes Land als Eigentum besitzen kann. Nutzen ja. Es sollte auch möglich sein, andere auszugrenzen, eigenes Land einzuzäunen und zu vererben. Doch wenn sich ein Geldsystem mit Verfallscharakter etabliert hätte, dann könnten manche Akteure dieser Entwertung aus dem Wege gehen, indem sie in Grund und Boden investieren. Große Teile von Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel gehören dem E.ON-Konzern. Die kaufen das Land und lassen es einfach liegen. Ein Bauer würde dort aber vielleicht gerne Kartoffeln anbauen. Das darf er aber nicht, weil er juristisch ausgeschlossen ist. Daher sollte jeder eine Bodennutzungsgebühr bezahlen – ähnlich der Grundsteuer. Diese Bodennutzungsgebühr würde dafür verwendet, um diejenigen, die ausgeschlossen wurden, zu finanzieren. Das Geld könnte also im Rahmen von Gemeindesystemen nach Köpfen wieder ausgeschüttet werden. Ich habe mit vielen Partnern und Freunden zusammen bereits Bodenplanungsbüros entwickelt. Ich arbeite ja in einigen Gremien zusammen mit Wissenschaftlern, die sich jenseits des Mainstreams bewegen. Wir müssen uns wieder ein wenig mehr an die nationale Ebene gewöhnen. National klingt ja schon furchtbar negativ, wie Protektionismus. Aber Protektionismus heißt nichts anderes als Schutz der einheimischen Wirtschaft. Ich halte den Schutz der einheimischen Wirtschaft für sehr vernünftig.

MEDIEN-MONITOR: Sie besitzen ein großes Grundstück in Kanada. Meine Frage: Sie prognostizieren den Crash. Wie bereiten sie sich den persönlich darauf vor?

Andreas Popp: Ich bin an einem dünn besiedelten Ort der Erde gelandet: An der Ostküste Kanadas. Ich lebe dort in der Nähe eines gewissen Machtsystems, das in New York liegt. Das ist ja nicht ganz neu. Wenn man sich dicht an einer Kanone bewegt, dann passiert einem nicht viel, wenn das Ding schießt. Ich denke, in New York bin ich relativ sicher, weil ich nicht glaube, dass dort wirklich etwas passieren würde, wenn man es nicht zulässt.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben einen Zukunftsplan. Sie empfehlen zum Beispiel die Hortung von Nahrung, die Errichtung eines Trinkwasser-Reservoirs und das Sammeln von ausreichendem Heizmaterial. Müssen wir wirklich derartige Maßnahmen ergreifen?

Andreas Popp: Jene Menschen, die in den 30er Jahren ausgewandert sind, weil ihnen die Lage in Europa zu heikel wurde, wurden belächelt. Die meisten dachten damals wohl: Es kann nicht sein, dass sich eine Katstrophe wie der Erste Weltkrieg wiederholen wird. Ich bin der Meinung, dass Deutschland sehr dicht besiedelt ist. Daraus resultiert ein Problem: Wir müssen mehr an Grundnahrungsmitteln importieren, als wir exportieren und sind offensichtlich nicht in der Lage, uns selbständig zu ernähren. Wenn ein Finanzsystem kollabiert – und das ist nichts Neues, sondern überall auf der Erde schon passiert – dann könnte es sein, dass vorübergehend Hamsterkäufe stattfinden. Das ist keine Panikmache. Übrigens empfiehlt auch das Bundesinnenministerium, Nahrungsmittel-Reservoirs anzulegen. Denn es ist schlichtweg sinnvoll, in Krisenzeiten entsprechend zu handeln. Nehmen wir einmal an, das Finanzsystem würde zusammenbröseln: Dann könnte es sein, dass die Supermärkte nicht mehr beliefert werden. Denn wir haben heute keine Lagerhaltung mehr. Das ist eine ganz logische Analyse. Und ich kann den Bund nur unterstützen und sagen: Legen Sie sich tatsächlich Vorräte an! Dass die Bundesregierung diese Aussagen nicht groß proklamiert, ist klar. Aber die Empfehlungen werden ständig erneuert.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben ja noch ein Plätzchen in Kanada frei…

Andreas Popp: Ja, aber da sind noch ganz viele Plätzchen frei. Ich wohne in einem Gebiet, das flächenmäßig in etwa so groß ist wie Deutschland. Dort wohnen rund 900.000 Menschen. Das ist der am dichtesten besiedelte Teil von Kanada.

MEDIEN-MONITOR: Sie machen auch die Medien mitverantwortlich für die Wirtschafts- und Finanzkrise. Wie begründen Sie diese These?

Andreas Popp: Ich gehe davon aus, dass wir so etwas wie eine Pressefreiheit haben. Aber ich weiß nicht, was die Pressefreiheit für einen Wert hat, wenn die Presse selbst vielleicht gar nicht so frei ist. Die Frage ist: Wer steht dahinter? Es gibt eine Bundespresse-Konferenz, es gibt dpa und Reuters. Wenn wir die Printmedienlandschaft analysieren, stellen wir fest, dass in sämtlichen Ressorts auf den ersten zwei Seiten beinahe identische Überschriften stehen. Daher kann ich eine freie Medienlandschaft nicht mehr entdecken.

MEDIEN-MONITOR: Sie meinen den Agentur-Journalismus?

Andreas Popp: Die stellen einen wirklich großen und wichtigen Teil dar. In den Artikeln werden immer wieder Dogmen verkündet, wie „Wirtschaftswachstum führt zu Wohlstand“. Wer hat das eigentlich erfunden? Wirtschaftswachstum hat mit Wohlstand nichts zu tun. Das Bruttoinlandsprodukt ist die Größe, mit der das Wirtschaftswachstum gemessen wird. Es ist aber nicht definiert, woraus es bestehen muss. Theoretisch könnte das Bruttoinlandsprodukt aus 50 Prozent Schweinegrippen-Impfstoff und 50 Prozent Waffen für den Irak-Krieg bestehen. Dann haben wir super Daten in der Wirtschaft, aber keiner hat etwas zu futtern.

MEDIEN-MONITOR: Haben wir nun eine Pressefreiheit oder sind auch die Medien in der Hand weniger?

Andreas Popp: Der entscheidende Punkt bei Journalisten und Reportern ist folgender: Investigativer Journalismus kann kaum noch stattfinden, weil die Redakteure keine Zeit mehr für ihre Recherchen haben. Insofern greifen sie immer wieder auf Kollegen zurück und nutzen diese als Quellen. Von einer Quelle zur nächsten werden auf diese Art und Weise die größten Unwahrheiten verbreitet. Zum Beispiel jene, dass Wachstum zu Wohlstand führt. In den Medien wird natürlich nicht alles zensiert. Aber der Tenor bleibt immer ähnlich. Wenn zum Beispiel eine CO2 -Klimawoche stattfindet, dann muss dazu natürlich etwas in der Zeitung gebracht werden. Auch dann, wenn Wissenschaftler sagen, dass es keine CO2-basierte Klima-Katastrophe gibt. Es geht aber immer um die Unterlegung der Geldmenge. Irgendjemand hat sich mal ausgedacht – vielleicht Al Gore – „Mensch, wir brauchen neue Märkte. Kuck mal, wir haben ganz viel Himmel. Jetzt denken wir uns alle senkrechte Linien und dann noch waagerechte dazu. Und dann teilen wir den Himmel in Kubikmeter ein und dann verkaufen wir diese Kubikmeter als CO2-Zertifikate!“ So kann man es natürlich auch machen. Es fragt ja keiner danach, wie sich das Bild zusammensetzen muss.

MEDIEN-MONITOR: Noch eine Frage: Was sind Ihre persönlichen Herausforderungen, um die Finanzwelt in Ihrem Sinne zu verändern?

Andreas Popp: Ehrlich gesagt habe ich mir abgeschminkt, dass wir in den nächsten 150 Jahren eine tatsächliche Veränderung erreichen. Das finde ich aber auch nicht schlimm. Denn 150 Jahre sind keine lange Zeit. Ich lebe in Kanada mit Indianern zusammen. Dort habe ich ein kleines Grundstück von 70.000 Quadratmetern. Das ist für kanadische Verhältnisse Reihenhausniveau. Irgendwann kamen Indianer zu mir und erklärten, dass das Grundstück einmal heiliges Land gewesen sei. Sie haben mich deshalb gefragt, ob sie dort beten dürften. Für mich war das selbstverständlich, ich sehe das nicht so eng – ich habe ja eine andere Einstellung zum Bodenrecht. Dann habe ich zu den Indianern Kontakt aufgebaut und war bei ihrem Ältestenrat in einem Reservat. Dort sah ich überall Menschen, die völlig verelendet waren. Die hatten Adipositas, haben getrunken und geraucht. Die meisten waren völlig kaputt. Aus diesem Grund habe ich gefragt, ob es den Ältesten nicht weh tut, wenn sie mit ansehen müssen, wie ihr Volk vor die Hunde geht. Und mir wurde geantwortet: „Nein, wie kommst Du darauf? Das sind nur 80 Prozent. Wir leben in einer sehr kritischen Zeit. In dieser Zeit haben wir einen Kern gebildet, der die Traditionen erhält. Wir haben auf diesem Land gelebt und es für die nachfolgenden Generationen erhalten. Dann seid irgendwann Ihr gekommen und habt uns verjagt. Jetzt sind wir im Reservat. Aber wir sehen voller Freude, dass Ihr Euch gerade selbst aufraucht. Und jetzt warten wir noch ein bisschen, dann seid Ihr weg und wir haben unser Land wieder.“ Ich habe gefragt, wie lange das noch dauern soll. Die Indianer haben geantwortet: „Nicht mehr lange, vielleicht 350 Jahre.“ Ich habe aber auch nicht den Anspruch, dass mein Buch ein Bestseller wird. Den hatte Ludwig von Mises in den 20er Jahren allerdings auch nicht, als er die österreichische Nationalökonomie schrieb. Der ist ziemlich arm gewesen. Und heute ist sein Werk ein Bestseller. Das klingt jetzt sehr arrogant, aber manchmal ist man seiner Zeit voraus.

MEDIEN-MONITOR: Ihre Motivation ist, glaube ich, noch eine andere: Sie haben gesagt: „Ich bin hier und ich kann nicht anders, weil ich mir von späteren Generationen nicht vorwerfen lassen möchte, dass wir nichts unternommen haben.“

Andreas Popp: Das habe ich kürzlich in einem Fernsehinterview in Österreich gesagt. Viele Leute tun nichts, weil sie glauben, nichts gegen „die da oben“ tun zu können. Das klingt mir aber zu simpel, wie Täter und Opfer. Aber es gibt keine Täter und keine Opfer. Die Täter machen es und die Opfer lassen es mit sich machen. Ich fordere autarkes Denken. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Ich habe drei Enkel. Meine Enkeltochter ist fünf Jahre alt. Sie hat relativ wenige Probleme, weil sie aus einer gut situierten Familie kommt. Aber viele haben dieses Glück nicht. Deshalb möchte ich irgendwann sagen können, dass ich etwas getan habe. Ich hab es sogar archiviert.

MEDIEN-MONITOR: Herr Popp, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 20. Mai 2010 in München.
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