„Der Gasteig ist Begegnungsstätte für jedermann“ – Interview mit Max Wagner, Geschäftsführer Gasteig München

Max Wagner, 1969 in München geboren, studierte Jura in München und Paris und anschließend Gesang in Dresden und Mainz. Nach dem Referendariat in München arbeitete er als Rechtsanwalt und Sänger. Von 2005 bis 2011 war er Geschäftsführender Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters und von November 2012 bis Ende 2015 Geschäftsführender Direktor des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München. Im März 2016 bezog Max Wagner als Stellvertretender Geschäftsführer sein Büro im Gasteig. Seit März 2017 ist er Gasteig-Geschäftsführer. Außerdem engagiert sich Max Wagner im Beirat für Kulturelle Bildung des Landes Baden-Württemberg und in der International Society for the Performing Arts (ISPA), wo er seit Januar 2018 Mitglied des Vorstands ist. Während er die Weichen für die Generalsanierung des Gasteig stellt, organisiert Wagner zeitgleich Ausweichquartiere für die Zeit des Umbaus: Auf einem Areal in der Hans-Preißinger-Straße 8 in München-Sendling entsteht das Gasteig-Interim inklusive temporärer Philharmonie – die Bauarbeiten haben bereits begonnen. Warum muss der alte Gasteig saniert werden, was wird anders und wie profitieren die Nutzer von der Generalsanierung? Kann die Zwischenlösung in Sendling die Besucher begeistern? Und worauf freut sich Max Wagner ganz besonders?

MEDIEN-MONITOR: Sie wollen Europas größtes Kulturzentrum fit machen für die Zukunft. Was erwartet uns?

WAGNER: Ich denke, der für diesen Talk angekündigte Titel „Zwischen Tradition und Moderne“ trifft es ganz gut. Ich bin erst der dritte Geschäftsführer innerhalb von 35 Jahren. Wo gibt es das sonst noch? Wir sind ein Haus der Beständigkeit. Und wir sind das größte Kulturzentrum Europas, größer als das Centre Pompidou und das Barbican Center, unsere Schwester in London. Und das finden Sie eben nicht in Berlin, sondern hier in München. Es gibt viele Dinge, die im Verborgenen schlummern und so ist der Gasteig ein Hidden Champion. Er wird zwar schon immer gut genutzt von den Bürgern, aber es wird auch gerne gemäkelt über die Architektur, die Akustik und dass alles etwas verstaubt wäre. Doch das ist gar nicht so und ich glaube, es ist wichtig, das nach außen zu tragen.

An meinen ersten Arbeitstagen im Gasteig begann gerade die Arbeit an der großangelegten Analyse des Nutzerbedarfs der verschiedenen Akteure im Gasteig. Es war also genau die Zeit, als wir uns die Frage gestellt haben, was wir eigentlich wollen. Das heißt, ich wusste bereits von Anfang an, dass sich etwas verändern soll. Meine Vorgängerin hat ja auch jahrelang versucht, die Politik zu überzeugen, dass etwas getan werden muss. Als wir es dann endlich geschafft hatten und klar war, dass es zu einem Umbau kommen wird, tun sich plötzlich viele Menschen schwer mit den geplanten Maßnahmen. Man hat sich an alles gewöhnt, man weiß genau, man sitzt immer an gleichem Platz in der Philharmonie. Das sind natürlich ganz normale menschliche Verhaltensweisen.

Doch wir müssen etwas verändern. Heute nennen wir das neudeutsch „Change“. In meinem Lieblingsgedicht von Hesse `Stufen´ gibt es den schönen Satz: `Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und uns hilft zu leben´. Diesen Satz bringe ich auch immer wieder bei Menschen an, die Angst vor Veränderungen haben. Ich glaube das ist erst mal die Basis. Unser Leben ist nichts anderes als Veränderung. Auch wir hier werden nach diesem Gespräch anders sein als wir jetzt sind. Und das bezieht sich auf alles. Und die Basis ist, dass man dem erst einmal positiv gegenüber gestimmt ist. Man kann es sowieso nicht verhindern.

Das Schöne an diesem Prozess ist, dass wir nun mit allen Akteuren im Haus gemeinsam arbeiten. Das ist auch nicht immer einfach, denn wir sind sehr viele verschiedene Institutionen. Wir haben die größte Stadtbibliothek Deutschlands bei uns, die größte Volkshochschule Deutschlands – bist vor kurzem sogar Europas – ein großer Teil der Musikhochschule ist bei uns und natürlich die Münchner Philharmoniker – eines der besten Orchester der Welt. Das sind alles Institutionen, die ihre Sache sehr ernst nehmen. Das birgt einerseits Konflikte in sich, andererseits aber auch wahnsinnig viel Potenzial. Ich glaube, das Besondere ist, dass wir das Potenzial des Gasteigs erkennen. Wir sind nicht fünf einzelne Häuser, die irgendwo verstreut sind, sondern wir sind an einem Ort. Wir können ganz viele Dinge gemeinsam machen. Wir holen die unterschiedlichsten Publika zu uns ins Haus. Dadurch bieten wir eine Plattform, wie sie gerade in unserer heutigen Gesellschaft oft so wichtig ist. Eine Plattform, wo wir uns begegnen können. Wo wir überhaupt sehen können, dass es verschiedene Menschen gibt. Ich liebe die Oper, aber ich würde sagen, dort ist nur eine bestimmte Gesellschaftsschicht vertreten. Im Gasteig finden Sie Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und durch alle Altersstufen hinweg. Unser Ziel ist es, das in Zukunft noch viel mehr zu nutzen.

MEDIEN-MONITOR: Was sind die Hauptgründe, warum der Gasteig saniert werden muss?

WAGNER: Genau diese Hauptfrage mussten wir auch dem Stadtrat verdeutlichen. Das ist dort sehr lange nicht durchgedrungen. Aus meiner Sicht sind das zwei Hauptgründe: Einerseits technische Gründe. Wir haben rund 230 technische Anlagen bei uns im Haus und die meisten davon sind jetzt am Ende ihrer Lebensdauer. Zum Beispiel die Sprinkleranlage. Zudem sind alle Kabelschächte voll – und das im digitalen Zeitalter. Wir können also gar nicht mehr weiter Schritt halten. Es ist also vollkommen normal, dass etwas passieren muss.

Und wenn sie jetzt schon anfangen, die Technik anzufassen, dann müssen sie zum Beispiel auch alle Wände und Böden rausnehmen. Und da kann man sich dann schon überlegen, ob ein Gebäude, das in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts geplant worden ist, noch den heutigen Anforderungen entspricht. Also wie sieht eine Bibliothek heute aus? Was können wir für die Musiker besser machen, die auf der Bühne sitzen und sich nicht hören? Wenn aufgrund der Technik sowieso alles bis auf den Rohbau zurückgebaut werden muss, kann man das auch zum Anlass nehmen, die Räume neu zu strukturieren und Synergien zwischen den Instituten nutzen. Das war der Ausgangspunkt, der dann in den zweiten Grund mündete, zu sagen, wie seht ihr jeweils euer Institut im Jahr 2050? Wir wollen den Gasteig also fit für die Zukunft machen.

MEDIEN-MONITOR: Welche Weichen wurden für die Generalsanierung denn schon gestellt?

WAGNER: Es gab bereits verschiedene Stadtratsbeschlüsse, die meisten davon einstimmig oder mit großer Mehrheit. Hier ist es mir auch wichtig, ausdrücklich unser Team für die geleistete Arbeit zu loben. Es begann 2015 mit dem Auftrag, ein Nutzerbedarfsprogramm zu erstellen. Anfang 2016 bin ich dazu gekommen. Wir haben 2017 dann das Nutzerbedarfsprogramm eingereicht, welches einstimmig beschlossen wurde. Gleichzeitig wurden wir vom Stadtrat beauftragt,, einen Architektenwettbewerb auszuloben und anschließend die Vorplanung auszuführen. Nach ein paar Komplikationen kam dann der Beschluss des Stadtrates für den Entwurf, den wir jetzt haben. Dieser stammt vom Architekturbüro Henn aus München.

Ich fand alle drei Entwürfe der letzten Runde im Architekturwettbewerb gut. Sie alle hatten die vorgegebenen 25 Maßnahmen in ihr Konzept aufgenommen und haben sich an die zwei zentralen Vorgaben gehalten: Es geht einerseits um eine Öffnung des Hauses nach außen, aber auch nach innen. Und das zweite ist die Vernetzung der einzelnen Institute des Hauses untereinander. Da hat das Büro Henn einen sehr überzeugenden Entwurf geliefert. Der Gasteig bleibt in seiner Form weitgehend erhalten, das bedeutet einen sehr respektvollen Umgang mit dem Bestand. Und dann wird durch das ganze Haus quasi ein Glasriegel von vorne bis hinten durchgeschoben. Das ist die so genannte Kulturbühne, wie Henn es nennt. Vorne mit einem ganz prominent platzierten Amphitheater mit einem offenen Blick hin zur Isar und zur Stadt. Unsere Idee ist, dass es einfach offen ist für alle und nicht immer nur bespielt wird, sondern dass der Raum auch von den Bürgerinnen und Bürgern angeeignet wird.

Nicht weit entfernt von dem Ort, wo früher der Bürgerbräukeller stand und Georg Elser ein Attentat auf Hitler versuchte, soll das neue Forum der Volkshochschule entstehen. Vielleicht kann es sogar Georg-Elser-Forum heißen. Wir sind auch der Ort, wo Canaletto seinen Blick über München gemalt hatte. Der Glasriegel schafft genau das: Er schafft mehr Bezug zur Stadt. Und das ist es ja, was ich sehr schade finde in der Philharmonie bisher. Es ist der Technik geschuldet, dass wir diese Fenster mit den ganz breiten Profilen haben und man das Gefühl hat, nicht richtig nach draußen schauen zu können. Da wird sich sehr viel tun. Wir werden uns sehr viel mehr nach außen öffnen.

Wir planen auch einen neuen Aussichtspunkt mit Restaurant oben auf dem Dach. Allerdings befinden wir uns natürlich noch vor etlichen Sparrunden. Unsere Maxime war es aber schon von Anfang an, realistische Zahlen anzusetzen. Wir haben nicht wie manch andere Bauprojekte die politische Zahlen erst mal schön gerechnet. Wir haben von Anfang an gesagt, dass es so teuer ist. 450 Millionen Euro ist ja mal ein Wort. Da ist ein Risiko eingerechnet. Ich habe auch den Ehrgeiz, dass wir das einhalten. Von Anfang an haben wir gesagt, dass das unsere Grenze ist. In der heutigen Bauwirtschaft ist das nicht leicht. Für Teuerungen sind hauptsächlich nachträgliche Veränderungen verantwortlich, sodass dann die Verhältnisse nicht mehr stimmen. Unser Ziel ist es jedoch, dass wir uns an die Vorgaben halten.

MEDIEN-MONITOR: Wie sieht der Zeitplan aus?

WAGNER: Aktuell laufen die Vorplanungen. Wir wollen nächsten Oktober in den Stadtrat, um das vorzustellen, was in der Vorplanung bearbeitet wurde. Wir hatten jetzt die Phase, dass jeder Nutzer den Wettbewerbsentwurf konkretisieren konnte. Das wird jetzt gerade noch in die Planungen einbezogen. Mit dem Ergebnis gehen wir dann in den Stadtrat und hoffen wirklich, ihn zu überzeugen, so dass wir auch möglichst viel realisiert bekommen. Da müssen wir gut argumentieren und begeistern, um zu überzeugen. Wir konkurrieren ja mit dem U-Bahn-Ausbau, mit Tunneln und anderen Vorhaben. Wir müssen klarmachen, dass Kultur wichtig ist für die Gesellschaft. Wir brauchen eine kulturpolitische Diskussion. Es geht darum, Emotionen in uns zu wecken und zu zeigen, dass wir zu Empathie fähig sind. Und das in einer Zeit, in der die Gesellschaft auseinanderbricht. Es ist wichtig, dass wir überhaupt miteinander ins Gespräch kommen und merken, wir können das, wir haben Gefühle. Das kann Musik, das kann Kunst, das kann Bildung.

MEDIEN-MONITOR: Wie sieht das Konzept des neuen Gasteigs als Bildungsmotor nun aus?

WAGNER: Ich möchte Sie auf eine Gedankenreise mitnehmen. Im Jahr 2025 machen wir uns auf den Weg in den neuen Gasteig. Wir kommen aus der S-Bahn. Da fällt einem zuallererst ein ganz neuer Platz auf, groß, einladend, mit Gastronomie und vielleicht einem Park mit Skulpturen. Von dort laufen wir direkt auf einen schönen Eingang zu. Drinnen ist links ist ein Café, geradeaus eine große Informationstheke, wo sich alle Gasteig-Partner mit ihren Angeboten präsentieren. Dann hören wir vielleicht Kinderlachen. Da ist gerade eine Kinderveranstaltung der Bibliothek zusammen mit den Philharmonikern zu Ende gegangen. Dort wurde gemeinsam gelesen und gesungen und Früherziehung gemacht. In der Kulturvermittlung kann man von 0-99 Jahren ganz anders an die Kultur herangehen und das in kooperativen Projekten. Außerdem gibt es einen sehr schönen Innenhof, in dem sich die Kinder später sammeln.

Uns zieht dann eine schöne Freitreppe nach oben, auf der Besucher sitzen. Und dann treibt uns der Weg weiter auf der langen Foyerfläche entlang zur Philharmonie. Plötzlich sehe ich Menschen, die lernen. Sie haben in einer Art Amphitheater einen wunderbaren Blick über die Isar zur Frauenkirche. Darunter ist dann die Abendkasse, an der wir uns Tickets abholen können. Und wenn wir dann im Konzertsaal sitzen, haben wir eine Topakustik. Das muss wirklich die beste Akustik werden.

MEDIEN-MONITOR: Wie rüsten Sie sich für all diese Herausforderungen? Wie sind Sie vorbereitet?

WAGNER: Wir haben bei uns eine neue Abteilung mit dem Namen Zukunft Gasteig geschaffen. Insgesamt sind wir hier bereits 14 Architekten und es kommen noch ein paar hinzu, wenn der Bau losgeht. Das ist das größte Bauprojekt, das die Stadt München je selbst gestemmt hat. Wir sind 26 mal so groß wie das Volkstheater. Der Gasteig ist wie eine kleine Stadt. Denken Sie allein an das Bauvolumen von 86.000 m².

MEDIEN-MONITOR: Wie kann sich der Gasteig noch mehr öffnen? Stichwort Erlebnis, Klangwelt und Emotionen.

WAGNER: Es ist ganz wichtig, zu erkennen, dass es nicht nur um die Technik geht oder um die Anforderungen an Räume, sondern vor allem auch um die Publikumsflächen. Das große Manko im jetzigen Gasteig ist, dass die Foyers, wie Sie sie jetzt kennen, zum größten Teil Fluchtwege sind. Also im Brandfall müssen alle über das Foyer flüchten. Das heißt, eigentlich darf in den Foyers momentan eigentlich gar nichts stattfinden. Das sind jedes Mal mühsame Ausnahmeregelungen. Wir wollen, dass man künftig in den Gasteig geht und da ist immer was los und nicht nur in den einzelnen Instituten oder den Sälen, sondern überall – auf der Kulturbühne, aber auch im Innenhof und etwa dem schönen Platz zwischen Hilton und Gasteig.

Was wir schaffen wollen, ist eine neue Entwicklung in der Kultur. Bisher heißt es immer, wir kuratieren, d.h. überspitzt gesagt: `Ich weiß, was für dich gut ist´. Eigentlich ist das in gewisser Weise ein bisschen arrogant. Es ist weiterhin sicherlich wichtig, dass wir kuratierte Formate haben. Doch die Einstellung, zu sagen: `Ich gebe Dir die Plattform, das Potenzial zu entwickeln, das in dir steckt´. Das ist eine Entwicklung, die wir immer mehr beobachten und die aus der Avantgarde kommt. Das haben wir ganz stark in einem neuen Kulturzentrum in Paris erlebt. Die haben eine riesengroße Fläche. Rechts und links sind die Räume und Residenzen für die Künstler, aber in der Mitte ist eine Fläche für alle. Im Englischen heißt das `community work´. Man geht also in die Stadt und schaut, was es für Vereine oder Angebote für Kinder gibt. Wir müssen die Leute kennenlernen, Vertrauen schaffen und einfach schauen, was gebraucht wird in der Bevölkerung. All diese Leute muss man einladen, in unser Haus zu kommen.

Wir waren an einem Sonntag in Paris und das war unglaublich. Da wurde Yoga gemacht und Akrobatik, andere haben Salsa getanzt – und das alles nebeneinander. Da haben wir gemerkt, es funktioniert. Das ist eine Vision, die auch wir haben. Natürlich wird es auch weiterhin unser ganzes Angebot geben, aber wir sind auch eine Plattform, die den Menschen Raum bietet, sich selbst zu verwirklichen. Wir sind der Freiraum in München. Hier kann man hinkommen ohne Kommerz, sich einbringen und beteiligen und hier kann etwas entstehen. Ich glaube, es ist zudem wichtig, dass sich Kultur und Wirtschaft noch besser vernetzen. Das ist in der Zeit, in der wir leben, wichtig. Man muss offen sein für einander.

MEDIEN-MONITOR: Kommen wir auf das Thema Zwischenlösung in Sendling zu sprechen. Wie schaffen Sie es, die Besucher für die Interimslösung zu begeistern?

WAGNER: Ich glaube, das ist gar nicht so schwierig, denn es ist ein fantastischer Ort. Es ist ja nicht wirklich leicht, so etwas in München zu finden. Wer eine Wohnung sucht, hat es schon schwer, aber wer für 86.000 m² Ersatz sucht, der hat es besonders schwer. Wir haben uns 36 Orte in der Stadt angeschaut und schrumpfen jetzt auf 24.000 m². Wir haben 20.000 m² für die Veranstaltungsräume und müssen jetzt noch andernorts Flächen für unsere Büros finden. Alle öffentlichen Angebote, die sie jetzt im Gasteig finden, werden sie auch in Sendling finden: Bibliothek, Volkshochschule, Musikhochschule, Philharmonie und kleinere Säle. Wir bauen eine Philharmonie mit 1.800 Plätzen. Auch dort wird der weltbekannte Akustiker Yasuhisa Toyota die Akustik machen. Wir haben mit Gerkan, Marg und Partner ein sehr gutes Architekturbüro, das gerade in China einige Opernhäuser gebaut hat.

Wir haben ja schon gedacht, wir müssen irgendwo raus aus der Stadt. Doch ich hatte dann einen Antrittsbesuch beim Geschäftsführer der Stadtwerke. Und da sind wir dann im Gespräch auf das Gelände in Sendling mit der markanten Halle gekommen. Manchmal sind es Zufälle, die einem dann die Lösung bescheren. Das Schöne ist, das Herz dieser alten Halle bleibt. Es ist ein bisschen wie die Tate Gallery of Modern Art. Man geht herein und da ist ein langer Raum, hinten fünf lang gestreckte Fenster und dann Arkaden, die um einen Innenhof herumlaufen. Ich hatte erst überlegt, das als Konzertsaal zu nutzen, doch die Halle steht unter Denkmalschutz. Sie wird jetzt als Bibliothek dienen und als Foyer, durch welches man in die Philharmonie gelangt. Und dieses Foyer kann auch bespielt werden. D.h. dort soll auch viel stattfinden. Von dort geht man in die Philharmonie, doch dazwischen ist eine Fuge mit Treppenaufgängen, die alt und neu verbinden.

Das Besondere ist, dass wir die Halle weitgehend so belassen wollen wie sie ist. Da stehen Lastenkräne, wo noch Angaben zur Traglast stehen. Es soll so ein bisschen ein roughes, authentisches Look and Feel haben und nicht wie geleckt aussehen. Es wird ein Café und draußen einen Biergarten geben, ein kleineres Modul mit einem Veranstaltungssaal und größere Modulbauten für die Volkshochschule und die Musikhochschule.

Wir müssen auch wirklich dankbar sein, dass die Stadt hier viel Geld für eine Zwischenlösung investiert. Das sind insgesamt mehr als 90 Millionen Euro. Man kann danach zwar wieder alles abbauen, aber das ist trotzdem erst mal eine Hausnummer.

MEDIEN-MONITOR: Wie ist das mit der öffentlichen Anbindung in Sendling?

WAGNER: Wir haben die U-Bahn Brudermühlstraße 350 Meter entfernt, also wenige Minuten. Ich bin aktuell noch im Gespräch, dass die U-Bahn-Taktung zu Konzertzeiten erhöht wird, so dass sie anstatt alle zehn Minuten alle fünf Minuten fährt. Außerdem möchte ich, dass auch der Express-Bus direkt dort hält. Ich versuche auch gerade, dass die Haltestelle „Schäftlarner Strasse“ in „Gasteig Sendling“ umbenannt wird. Die Anbindung ist also sehr gut und man kann auch mit dem Fahrrad ganz toll an der Isar dort hinfahren. Wir werden ganz viele Fahrradstellplätze haben. Wir haben jetzt bereits 200 Parkplätze im nahe gelegenen Blumengroßmarkt. Von dort wird es dann einen Shuttleservice geben. Und ich bin weiter in Verhandlung mit der Großmarkthalle, dass wir dort – direkt gegenüber sozusagen – parken können. Aber auch die Großmarkthalle wird neu gebaut und die Frage ist, wie lange das Bebauungsplanverfahren dauert. Sonst wird dort auch bald Baustelle sein. Aber aktuell spielt die Zeit für uns.

MEDIEN-MONITOR: Worauf freuen Sie sich heute schon am meisten, wenn der neue Gasteig eröffnet?

WAGNER: Ganz impulsiv gesagt: ich glaube, wir alle können uns auf das Dachrestaurant freuen. Von dem Dach hat man einen Blick über alle Kirchen der Stadt München und das Maximilianeum. Und auf der anderen Seite das ganze Alpenpanorama bis zur Zugspitze. Aktuell ist da nur eine Dachfläche. Jetzt ist natürlich die Frage, überlebt diese Idee die noch anstehenden Sparrunden?

Am meisten würde ich mich freuen, wenn es gelingt, die stärkere Vernetzung im Haus hin zu bekommen. Zwischen den verschiedenen Instituten, die so unterschiedliche Ausrichtungen haben, die so verschiedene Interessen haben. Ich hoffe sehr, dass wir nach diesem Bauprozess noch mehr verstehen wie der andere ist, was er braucht und wie wir das gemeinsam hinbekommen können. Dann kann der Gasteig wirklich strahlen.

MEDIEN-MONITOR: Woher holen Sie die Kraft für Ihren Fulltime-Job? Wo finden Sie Ausgleich und Entspannung?

WAGNER: Allen voran gibt mir mein Mann die Kraft. Er ermahnt mich und sagt, ich muss auf mich aufpassen. Auf der anderen Seite kommt die Kraft aber auch aus der Arbeit heraus. Das kennt man auch von Künstlern sehr stark. Ich bin ja auch Künstler und das, was ich mache, gibt mir Kraft.

Der Job, den ich habe, das ist ein Geschenk. Sich für Kultur und Bildung einzusetzen und dafür, dass das Angebot in diesem Bereich noch besser wird für die Münchnerinnen und Münchner und alle darüber hinaus, das gibt einem automatisch Kraft. Zudem mache ich auch sehr viel Yoga und meditiere. Ich liebe Menschen, aber man muss sich auch zwischendurch fragen, wie es einem selber geht. Also auch hier die richtige Basis finden. Und dann gibt mir noch das Tanzen die Möglichkeit alles loszulassen und nicht mehr nachdenken zu müssen. Das ist wie Musik: Man hat eine Form und in der Form ist man zügellos.

MEDIEN-MONITOR: Herr Wagner, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Max Wagner führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am Gasteig am 27. November 2019 in München.