„Es geht letztlich immer um Menschen, nicht um Klicks.“ – Gespräch mit Martin Lohmann, Publizist und Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV

Mit seinen konservativ katholischen Überzeugungen löste Martin Lohmann einen Sturm der Entrüstung aus. Vor allem in den sozialen Medien sorgte der streitbare Publizist mit seinen öffentlichen Aussagen für einen „Shitstorm“, der ihn und seine Familie mit massiver Kritik und persönlichen Beleidigungen überrollte. Nach der teilweise falschen und klischeehaften Darstellung seiner Aussagen in den Medien stellt Lohmann auch deren Glaubhaftigkeit in Frage. Warum man nicht alles glauben sollte, was in der Zeitung steht, erklärt Martin Lohmann im Gespräch mit Michael Märzheuser.

MEDIEN-MONITOR: Konsequent haben Sie sich in TV-Duellen gegen Abtreibung sowie gegen die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften ausgesprochen. Dafür erntete Sie viel Lob aber auch massive Kritik. Waren Sie überrascht von so viel Gegenwind?

Lohmann: Bei „Hart aber Fair“ ging es um die Frage, ob man der Ansicht sein sollte, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren sollen. Ich habe argumentiert, dass ich vom Kindeswohl und Menschenbild her denke. Damit kein falscher Eindruck entsteht: in meinem Freundeskreis gibt es auch Homosexuelle und mit denen bin ich gut befreundet. Ich bin heterosexuell, bin verheiratet seit 26 Jahren, habe eine Tochter mit 15 Jahren. Ich war, was Günther Jauch anging, im Frühjahr schon ein bisschen überrascht, da ging es um die Frage der Pille danach. Und da ich ehrenamtlich der Vorsitzende des Bundesverbands für Lebensrecht bin, wo sich christliche Lebensschutzorganisationen einen Bundesverband gegeben haben, war ich eingeladen, dort auf der einen Seite als Lebensschützer zu sagen: Wie steht ihr dazu? Und auf der anderen Seite, so hat Günther Jauch im Vorgespräch zu mir gesagt: Sie sind derjenige, der uns erklärt, was die Lehre der Kirche ist. Da hab ich gesagt, dass man aus christlicher Überzeugung der Ansicht ist, dass man einen Menschen, sobald er entstanden ist, nicht einfach töten darf. Wir wissen von der Wissenschaft, dass in dem Moment, wo Ei und Samenzelle sich verbinden, alles disponiert ist: so wie Sie heute aussehen, wurde damals schon entschieden. Zwei weibliche Eizellen bringen nichts, zwei männliche Samenzellen bringen auch nichts, dabei kommt kein Mensch raus. Der Gegenwind war sehr stark bei Jauch in der Sendung. Ich wusste schon, wenn man die Hitze nicht ertragen kann, dann sollte man nicht in die Küche gehen. Ich gehe aber gerne in die Küche, weil ich glaube, dass wir uns nicht verstecken müssen mit den Überzeugungen, die wir haben und ich kämpfe dafür, dass die Überzeugung die ich habe, auch noch eine Gültigkeit hat. Es gibt Millionen andere in Deutschland und Europa, die das so sehen, es kann also nicht nur eine Minderheitenmeinung sein. Aber wir kommen natürlich auf die Frage, wie ist denn das in den Medien, wie wird das transportiert? Da ist man auf einmal mit einer ganz normalen Haltung in einer Minderheitenposition, und wenn es dann noch wie bei Jauch sehr persönlich wird und dann noch die eigene Tochter mit reingezogen wird, dann wird es grenzwertig. Da kommt man zur Frage nach der Verantwortung. Wie gehe ich als Medienmensch mit der Verantwortung um? Ich bin selber fernsehgeprägt, ich glaube schon, dass wir als Medienleute auch eine Verantwortung haben. Übrigens auch im Internet.

Martin Lohmann

Der katholische Publizist Lohmann fordert eine faire Streitkultur: „Toleranz ist keine Einbahnstraße.“

MEDIEN-MONITOR: Sie wurden in diesen Sendungen und über die sozialen Medien persönlich angegriffen und beleidigt. Wie sind Sie damit umgegangen?

Lohmann: Ehrlich gesagt, das war nicht ganz einfach. In den Printmedien hatte ich die zweifelhafte Ehre, in der Woche nach der Jauch-Sendung in fast jeder Zeitung eine halbe oder eine ganze Seite zu bekommen. Dabei habe ich festgestellt, dass unser Qualitätsjournalismus im Printbereich vielleicht auch durch die Schnelligkeit, der viele unterworfen sind, argen Schaden erlitten hat. Ich wurde mit sehr vielen Zitaten erwähnt, die auch als Zitate gekennzeichnet waren. Bloß, es waren nicht Zitate von mir. Es waren Zitate, die man aus mehreren zusammengeschnipselt hat, um damit Klischees zu bedienen und die Zitate, die ich dann wiedergefunden habe hatten eine Qualität, die ich deutlich machen möchte. Ich zitiere zwei Sätze aus der heiligen Schrift: „Judas ging hin und erhängete sich“. „Und Jesus sprach, geh hin und tu das Gleiche“. Beide Zitate stimmen, nur: Man darf sie halt nicht hintereinander zu einem einzigen Zitat zusammenkleben. Aber: So, in diesem Stil, wurde ich zitiert! Ich komme jetzt zu den sozialen Medien. Ich habe ca. 2500 sehr zusprechende Mails bekommen von Leuten, die ich gar nicht kenne. Ich bekam ca. 500 sehr kritische Mails und 50 sehr böse Mails, und die haben wehgetan. Vor allem weil sie sich gegen meine Frau und meine Tochter richteten. Unterstes Niveau vom Stil und vom Anstand her. Man sagt Ihnen dezidiert mit Klarnamen, was man alles vorhat, mit Ihrer Tochter und Ihrer Frau. Das geht an die Grenze des Nervenkostüms. Da muss man ein starkes inneres Gerüst haben, und da muss man eine sehr starke Familie haben, und der bin ich sehr dankbar. Meine 15-jährige Tochter hat sehr schnell zu mir gesagt: „Papa, ich bin mächtig stolz auf dich. Bleib so stark“! Und sie wusste, was sie da sagte und sie kam dann aus der Schule zurück an dem Tag, als ich in der BILD Zeitung war und sagte: „Weißt du was die Klassenkameradinnen gesagt haben? Hey, du hast einen starken Typ als Papa“! Ich will damit deutlich machen, dass wir nicht alles glauben sollen, was in den Printmedien steht. Ich glaube, dass sich die Frage der Verantwortung immer stellt. Wer ist verantwortlich für das, was er produziert und wie er es produziert? Dieser Frage kann keiner entgehen. Ich glaube, dass Journalisten eine enorme Verantwortung haben. Freiheit gibt es nur mit Verantwortung.

MEDIEN-MONITOR: 1983 waren Sie Pressesprecher und zweiter Bundesgeschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer. Später Journalist beim Rheinischen Merkur. Hat sich in den vergangenen Jahren die Art der Kritik durch das Internet, durch die Sozialen Medien radikalisiert?

Lohmann: Die Kritik ist nicht radikaler geworden, dafür schneller und direkter. Wenn Sie auf den Marktplatz gehen, dann werden Sie auch Idioten finden, die mit irgendwas nach Ihnen werfen. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir uns schützen können und was die Politik tun kann. Ich glaube, dass es teilweise schärfer geworden ist, weil auch Hinz und Kunz sich zu Themen melden können, ohne eine Ahnung vom Thema zu haben. Beim Bischof von Limburg z.B. hat sich jeder dazu geäußert. Ich finde es irre, wie viele Kirchenexperten wir plötzlich in Deutschland haben. Und die wissen alle, dass die Badewanne 15.000 Euro gekostet hat. Absurd! Aber es bedient so nett das Klischee. Richtig ist: Das ganze Badezimmer hat 15.000 Euro gekostet und dieser Preis ist absolut realistisch. Es kann sich jeder an allem beteiligen.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben 30 Jahre Erfahrung in den Medien. Was hat sich stärker verändert, die mediale Berichterstattung oder die Gesellschaft?

Lohmann: Ich glaube, das ist eine Wechselwirkung, die da entsteht, die Medien haben heute eine Wichtigkeit, auch die sozialen Medien, die wir uns vor 20 Jahren nicht hätten vorstellen können. Ich glaube, dass die Medien viel mehr die Gesellschaft verändern und prägen als uns das bewusst ist. Wenn man über die ursprüngliche Aufgabe der Medien spricht, dann fällt einem die Sunday Times ein, die einmal das Profil von zwei Politikern in der U-Bahn in schwarz-weiß abgebildet hatte und darunter stand: wir liefern Ihnen ein so exakt wie mögliches Bild, einfärben müssen sie es schon selbst. Das ist der Klassiker, wenn es darum geht, was Medien zu leisten haben. Sie haben eigentlich die Aufgabe, die Wirklichkeit so abzubilden, wie sie ist, damit sich der Empfänger dann selbst ein Bild von der Wirklichkeit machen kann. Aber was ist heute Wirklichkeit? Heute haben wir die Primärwirklichkeit, die prägend sein soll für die Sekundärwirklichkeit, umgedreht. Wir haben heute durch die Medien eine Wirklichkeit, die Sekundäre ersetzt die Primäre und prägt diese. Oder es prägt sogar die Tertiärwirklichkeit die primäre Wirklichkeit. Was in den Medien nicht stattfindet, findet im Bewusstsein der Menschen nicht mehr statt. Wir haben die Möglichkeit, alles schnell zu verfolgen und ich glaube, dass sich die Medienleute ihrer Verantwortung vielfach gar nicht bewusst sind. Wenn ich heute über Leute etwas schreibe, was nicht stimmt, wer hilft mir dann und was hat das noch mit der Wirklichkeit zu tun? Wenn wir uns heute über die Scheiterhaufen des Mittelalters aufregen, dann muss ich sagen, wir haben perfektere Scheiterhaufen heute durch unsere Medienwirklichkeit. Und wenn wir der Frage nach der Verantwortung nicht nachkommen, dann werden spätere Generationen sagen: Die haben alle versagt, die waren brutal, die haben wie im Mittelalter die Scheiterhaufen zugelassen – es ist ja interessant und Hauptsache es sind viele Klicks dabei. Ich bin der Überzeugung, dass wir in der Schule das Fach Medienkunde dringend brauchen, wir brauchen Medienethik, wir brauchen Lernen im Umgang mit Informationen. Ich glaube, wir sollten insgesamt wacher werden, wir dürfen uns nicht von der Faszination der Medien blenden lassen. Es geht letztlich immer um Menschen, und nicht um Klicks.

MEDIEN-MONITOR: Sie fordern für sich selbst ein, unbequeme Urteile fällen zu dürfen, zugleich kritisieren sie andere auch für deren Aussage. Was unterscheidet die Wahrheit von der Meinung?

Lohmann: Ich bin dafür, dass jeder seine Meinung äußern darf, solange diese nicht menschenverachtend, verletzend und beschädigend ist. Presse- und Meinungsfreiheit sind hohe Güter in unserer Gesellschaft. Und sie haben auch mit Verantwortung zu tun. Wenn wir von DER Wahrheit sprechen, dann müssen wir unterscheiden, ob ich eine Meinung habe, die ich für wahr halte, wofür ich auch kämpfe, gemäß dem Zitat von Voltaire: „Solange ich lebe, werde ich deine Meinung bekämpfen, aber noch mehr werde ich dafür kämpfen, dass du sie sagen kannst“. Dies halte ich für eine Grundform des demokratischen Miteinanders, die wir teilweise verloren haben, denn wenn du heute eine Meinung sagst, die du für wahr hältst, wirst du manchmal hierfür sogar böse diskriminiert. Und wenn wir wieder auf das Religiöse zu sprechen kommen: Jesus Christus hat mal gesagt: ‚Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben‘. Wenn wir heute die Leute befragen hätte er besser sagen sollen: ‚Ich bin ein Weg, die Wahrscheinlichkeit und vielleicht auch das Leben‘. Ich glaube, dass wir als Medienmenschen oder als Politiker, zwischen beiden gibt es ja eine große Schnittmenge, Mitarbeiter der Wahrheit sein sollten. Wahrheit ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Wir alle neigen dazu, dem Verbalvoyeurismus eine Chance zu geben.

MEDIEN-MONITOR: Der Papst hat auf Twitter 20 Millionen Follower und das in neun Sprachen. Ist da ein Shitstorm nur eine Frage der Zeit, bis der Vatikan dran ist und was würden Sie dem Papst raten?

Lohmann: Es steht mir nicht zu, dem Papst Ratschläge zu erteilen. Die Wahrnehmung in Deutschland, von dem was der Papst sagt, fasziniert mich immer wieder. Er hat auf dem Rückflug von Lateinamerika gesagt, dass man Homosexuelle nicht diskriminieren darf. Und ganz Deutschland hat gesagt, er hätte die Lehre der Kirche nun komplett umgekippt. Was er gesagt hat, war aber alt, nämlich das, was im Katechismus steht: Niemand darf wegen seiner Neigungen diskriminiert werden. Er hat aber nicht gesagt, dass gelebte Homosexualität aus der Sicht der Kirche eine geordnete Sexualität sei. Der Papst sagt und glaubt dasselbe wie seine Vorgänger: ausgelebte Homosexualität ist nicht in Ordnung. Das hat Kardinal Ratzinger auch schon im Katechismus geschrieben. Da gibt es also eine Kontinuität. Wenn man sich anschaut, was der jetzige Papst als Kardinal von Buenos Aires zu Homosexualität gesagt hat: dafür würde man in Deutschland wahrscheinlich sofort eingesperrt werden. Wenn ich mir angucke, was er zu Abtreibung gesagt hat, ist das härter als alles was ich hierzu kenne. Man projiziert jetzt vieles auf diesen Papst, weil er anders auftritt, er tritt galant auf, hat eine andere Gestensprache, er wirkt modern. Aber ich prophezeie, dass er in dem Moment, wo er etwas sagt, das den Leuten nicht gefällt, vieles an Sympathie für ihn ins Gegenteil kippen wird. Und zwar schnell. Das war bei Benedikt XVI. so, und auch von Papst Johannes Paul II. war man anfänglich sehr begeistert. Damals sah man einen neuen, relativ jungen Papst, der fährt Ski und drei Stufen gleichzeitig nimmt , ein halbes Jahr waren alle begeistert, und dann merkte man, der kann ja gar nicht die Lehre der Kirche ändern, auch der jetzige Papst kann das nicht. Er ist Diener dieser Lehre. Selbst Alexander VI., der ein Ferkel war auf dem Petrusthron, hat nichts an der Lehre der Kirche geändert, auch in Fragen der Sexualität nicht. Wenn sich der Papst irgendwann – was für eine Überraschung! – doch als katholischer Papst outen wird, dann werden die Leute sagen, das seien wohl die Hardliner gewesen. Tatsache ist: Kein Papst ist Chef der Kirche. Das ist allein Jesus Christus. Und dessen Lehre gilt.

MEDIEN-MONITOR: Herr Lohmann, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 19. November 2013 in München.