„Erst bei meinen Reisen in den Nahen Osten habe ich gemerkt, was die Freiheit in Deutschland bedeutet“ ‒ Gespräch mit Simon Jacob, Unternehmer und freier Journalist

Simon Jacob kam als Kind, aufgrund religiöser und ethnischer Spannungen in der Türkei, nach Deutschland. Drei Jahre lang war er Integrationsbeauftragter der syrisch-orthodoxen Kirche in Deutschland bevor er im Jahr 2013 das Amt des Vorsitzenden des neu gegründeten „Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland“ übernahm. Seit 2015 ist er als Friedensbotschafter des Zentralrates und freier Journalist im Rahmen des von ihm initiierten Projektes „Peacemaker-Tour“ unterwegs. Mit seinen Reisen möchte er auf die geopolitischen Gegebenheiten in den Konfliktregionen und deren gravierenden Auswirkungen auf das Leben von Christen und anderen Minderheiten im Nahen- und Mittleren Osten aufmerksam machen. Von den Erlebnissen auf seiner jüngsten Reise berichtet er beim Hilton Talk.

MEDIEN-MONITOR: Wie viele orientalische Christen leben bei uns in Deutschland?

Jacob: Das ist eine sehr interessante Frage. Ironischer Weise haben mich das in den letzten Jahren sehr viele Politiker gefragt und ich war ein bisschen verwundert, da in Deutschland leben allein 120.000 Mitglieder der syrisch-orthodoxen Kirche angehören, die der dritten oder vierten Generation angehören. Wir haben inzwischen 20.000 bis 30.000 Mitglieder der assyrisch-apostolischen Kirche, ungefähr 15.000 Chaldäer, 20.000 Mitglieder der Rum-Orthodoxen Kirche, an die 10.000 Melkiten und an die 10.000 Kopten. Wenn die Zahlen stimmen, haben wir ungefähr 20.000 Mitglieder der eritreisch-orthodoxen Kirche und 20.000 der äthiopischen Kirche. Also summa summarum 200.000 Mitglieder und zählen wir auch noch die Christen, dazu die territorial noch zum Nahen Osten aber nicht zu den Altorientalen gehören, dann sprechen wir immerhin von knapp 400.000 Mitgliedern der byzantinischen, nämlich der griechisch-orthodoxen Kirche, die ihren Ursprung gar nicht in Griechenland haben, sondern in der Pontus-Region. Das sind Menschen, die irgendwann von dort nach Griechenland geflohen und dann nach Deutschland gekommen sind. Interessanterweise wurden wir vor mehreren Jahren noch bei der Islam-Konferenz vertreten, weil man der Meinung war, dass wir Muslime sind. Und da fragt man sich natürlich, wie naiv ist man in der Politik, wenn man noch nicht einmal bedenkt, dass es in Deutschland mehrere 100.000 orientalische Christen gibt, die inzwischen aus guten Gründen ihre Stimme erheben. Das hatte vor Jahren dazu geführt, dass mich eine nicht unwesentliche Stiftung in Deutschland darum gebeten hat, zu erzählen, wie viele Christen hier in Deutschland leben und einen deutschen Pass haben. Besser gefragt, wie viele von Ihnen können wählen, denn es geht um jede Stimme. Es ist schon interessant, wenn man bedenkt, dass vor fünf bis zehn Jahren kaum einem Politiker bewusst war, wie viele Deutsch-Orientale hier eigentlich leben.

MEDIEN-MONITOR: Sie werden mittlerweile hofiert von der Politik.

Jacob: Das war nicht immer so.

MEDIEN-MONITOR: Sie waren z.B. beim Bundespräsidenten eingeladen.

Jacob: Das ist richtig und ich bin glücklich darüber, dass wir auch hier dementsprechend die Beachtung finden, welche die Masse an Gläubigen durchaus bekommen sollte, weil wir viel zur Aufklärung beigetragen haben. Aber ich kann Ihnen sagen, dass das vor Jahren außerordentlich schwierig war. Es war die CDU/CSU, die sich der Thematik angenommen hat. Erst später kamen die anderen Parteien und haben gesagt, da ist doch irgendjemand, mit dem man mal reden sollte. Es hat tatsächlich gedauert und da wundert man sich.

MEDIEN-MONITOR: Der Zentralrat der Orientalischen Christen ist ja noch ein relativ junger Verein – 2013 gegründet. Was sind die Aufgaben und Ziele Ihres Vereins? Und wie werden Sie finanziert?

Jacob: Vielleicht sollten wir erst einmal in die Vergangenheit blicken. Die meisten Deutschen mit einem orientalisch-christlichen Hintergrund waren aus der Gewohnheit heraus eigentlich eher passiv. Sie wollten hier einfach in Frieden leben, sich integrieren und bloß nicht auffallen, was historisch bedingt ist. Wir waren es gewöhnt nicht aufzufallen aus Sorge, dass uns irgendwas passieren könnte. Der sogenannte „Arabische Frühling“ brachte leider keine Demokratisierung der Region, sondern war der Todesstoß für das orientalische Christentum im Nahen Osten. Und das bewahrheitet sich gerade. Viele orientalische Christen haben dort immer noch Verwandte, ich selbst auch. Wir haben uns gefragt, was müssen wir im Sinne der Aufklärung als Deutsche tun, um den Menschen zu zeigen, dass hier Diskussionsbedarf besteht. Wir sollten nicht alles aus der romantischen Enge betrachten wie es manch ein Politiker getan hat als er sagte, dass der Nahe Osten jetzt endlich eine Demokratie erhalten müsse. Wir sollten darüber nachdenken, dass es nicht nur für die orientalischen Christen, sondern auch für Jesiden, Alawiten, für liberale Sunniten schlimm war. Es sterben im Nahen Osten mehr Muslime als Christen bei diesem Konflikt und da haben wir uns ehrlich gesagt etwas vorgemacht. Da haben wir gesagt, wir müssen Aufklärung betreiben. Wir haben den Zentralrat mit der Unterstützung der Geistlichkeit und einer Stiftung in Deutschland gegründet, aber auch mit vielen Politiker, die mutig genug waren dafür einzustehen. Wir finanzieren uns übrigens ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Wir haben inzwischen einen kleinen Zuschuss der evangelischen Kirche bekommen. Es ist bemerkenswert, wie schwierig es ist, als christlicher Verein finanzielle Unterstützung zu erhalten. Trotzdem haben wir es mit den wenigen Mitteln, die wir hatten, geschafft, auf die Trommeln zu schlagen.

MEDIEN-MONITOR: Das spricht für Sie und ihre Arbeit.

Jacob: Das spricht für unsere Leidenschaft als Christen.

MEDIEN-MONITOR: Mit der „Peacemaker Tour“ sind Sie in den Krisenregionen des Nahen Ostens unterwegs. Was ist das Ziel?

Jacob: Lassen Sie mich zunächst kurz erwähnen, dass ich der Sohn von Flüchtlingen bin. Meine Eltern flohen einst aus der Türkei nach Deutschland und beantragten Asyl. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Da war ich zwei Jahre alt.

MEDIEN-MONITOR: Was war der Grund?

Jacob: Der Grund waren in erster Linie die militärischen Konflikte zwischen den Kurden und dem türkischen Militär, aber auch die Diskriminierung der Christen in der südöstlichen Region der Türkei. Es gab dort keine Säkularisierung, wie Sie in Ankara oder Istanbul vorherrschte. Wir haben heute übrigens immer noch in Teilen der Türkei ein feudales System, das teilweise auch durch einen sehr orthodoxen Islam geprägt ist. Christen waren dort seit Jahrhunderten Menschen zweiter Klasse. Meine Mutter erzählte mir, dass es als Christ normal war einen Teil seiner Ernte abzugeben. Die waren sich dessen gar nicht bewusst, dass sie gleichwertig wären sondern dachten, sie seinen Menschen zweiter Klasse. Die Diskriminierung verbunden mit den militärischen Aktivitäten führte dazu, dass die Christen zwischen die Fronten gerieten. Tagsüber kam das Militär und sagte ihr dürft niemanden verstecken und nachts kamen die kurdischen Partisanen und sagten ihr müsst uns hier verstecken, wir beschützen euch. Das führte dazu, dass die meisten Christen aus Südostanatolien die Region bis in die Achtziger hinein verließen, sich hier in Deutschland ansiedelten und ein neues Leben vorfanden. Ich kann mich an die Worte meines Vaters erinnern als ich ungefähr sieben Jahre alt war. Er meinte in Deutschland kannst du frei denken, deine Sprache leben, aber vor allem kannst du frei deine Religion ausleben. Als Kind begreift man das nicht. Was will einem der Vater sagen? Es ist ein wunderschönes Land und ich kann tun und lassen was ich will. Erst mit der Zeit und den Reisen in den Nahen Osten habe ich begriffen, was die Freiheit hier bedeutet. Als ich diese Reisen in die Region unternahm, habe ich viele Menschen getroffen – Christen, Muslime, Jesiden, Atheisten. Anfangs war ich von der Idee geprägt, dass einzig und allein das christliche Gedankengut dazu dient den Menschen Freiheit zu geben und ihnen Frieden zu verschaffen. Aber letzten Endes stellte ich fest, dass es im Grunde genommen doch möglich sein sollte, dass viele Religionen friedlich nebeneinander koexistieren können. Und ich stelle fest, dass die Mehrheit – vor allem die junge Generation – im Nahen Osten durchaus in einer friedlichen Situation leben. Aber die Angst vor einer extremen Minderheit, die diese Mehrheit zu dominieren versucht, schafft es tatsächlich ein Bild zu erschaffen, welches von Angst geprägt ist. Die Peacemaker Tour war eine Idee von mir und mehreren Menschen und Journalisten in meiner Umgebung, die sagten, was müssten wir tun um diesen jungen Menschen ein Stimme zu geben. Eine Stimme die sagt ‚seht her, wir glauben nicht, dass ihr alle Extremisten seid – ganz im Gegenteil, wir glauben, dass ihr friedlich seid.’ Auch unter Einsatz des eigenen Lebens müssen wir den Beweis erbringen, dass die Mehrheit der Gesellschaft im Nahen Osten friedlich ist. Und damit startete das Projekt Peacemaker. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, all diese Länder, die ich bereist habe, nochmal zu bereisen und zwar nicht aus der Perspektive des Politikers, sondern aus der Perspektive des Mitgliedes einer Gesellschaft im Nahen Osten – eines jungen Deutsch-Orientalen, der mit seiner demokratischen Sichtweise versucht Frieden zu entdecken. Ich denke, das haben wir ganz gut hinbekommen. Wir haben in all diesen Kriegen unzählige Gespräche mit Geistlichen, Politikern aber vor allem mit jungen Menschen geführt, die gesagt haben, dass sie genug haben von diesem Krieg und dem Extremismus. Es muss endlich eine Lösung gefunden werden und um diese zu finden, müsst ihr Europäer auch begreifen wie viel Angst wir haben. Ich glaube, dass das die Essenz des Projektes ist.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind ja gerade von ihrer letzten Etappe zurückgekommen. Was sind Ihre Erkenntnisse?

Jacob: Ich bin gerade aus dem Iran zurückgekommen. Der Iran ist eine Gesellschaft, die im Umbruch ist. Man merkt heute noch, dass hier versucht wird Wissenschaft und Religion zu verbrüdern. Wenn Sie heute im Iran sind und die Möglichkeit haben sich mit der Geistlichkeit zu unterhalten, dann stellen Sie fest, dass zum Beispiel die philosophischen Akzente völlig anders sind als wenn Sie sich mit einem Extremisten unterhalten, der dem IS nahe steht. Da wo die Vernunft existiert, existiert auf der anderen Seite die Antivernunft. Der Iran gibt uns durchaus ein Gesellschaftsmodell, das in Auseinandersetzung mit der Religion den Konsens sucht. Das Schiitentum ist geprägt durch den sogenannten Idschtihad, einer Eigenform des schiitischen Islams, die einem die Möglichkeit gibt zu interpretieren und am Ende steht immer die Vernunft. Die Vernunft steht der totalitären Vorstellung gegenüber, dass es nur einen Gott gibt, der über alles entscheidet. Wenn Sie überlegen, dass es große technische Entwicklungen mit vielen Ingenieuren im Iran gibt und das in Verhältnis stellen zu den technologischen Entwicklungen in Saudi-Arabien, wo es kaum Entwicklung gibt, dann ist das das Resultat einer Kultur, die Jahrtausende alt ist und versucht hat innerhalb des Schiitentums eine Vereinbarung zwischen Islam und Wissenschaft, Kultur und Kunst zu definieren. Der Islamische Staat ist gut darin Kunst zu zerstören. Im Iran finden Sie eine künstlerische Vielfalt, die ihres Gleichen sucht. Der Iran ist mit Sicherheit nicht die perfekte Demokratie und ich möchte hier auch ganz klar betonen, dass man zum Beispiel als Frau nicht die Möglichkeit hat sich so zu kleiden, wie man möchte. Es ist auch schwierig einer Frau die Hand zu geben. Das waren durchaus Punkte, die ich kritisiert habe und daraufhin gesagt wurde, du musst das aus der traditionellen Sichtweise betrachten und nicht aus dem europäischen Blickwinkel, aber gib uns Zeit. Und dann kommen Sie plötzlich in einen Stadtteil Teherans, wo das Kopftuch dann schon ein bisschen nach hinten rutscht und in einem anderen, wo das Kopftuch alles völlig verschleiert. Und dann gibt es Stadtteile, wo es keine Homosexuellen oder Transsexuellen gibt und auf der anderen Seite haben Sie Stadtteile, wo nur Transsexuelle leben. Dann gibt es den Kleriker, der Ihnen auf der einen Seite sagt, dass er ein feuriger Verfechter des Schiitentums ist, Ihnen aber mit Kant und Hegel kommt. Da ist plötzlich eine Welt auf die man trifft aus der man viel mehr rausholen könnte. Eigentlich müsste man den Konsens hier viel intensiver suchen, vor allem in den südlichen Regionen und weiter nördlich in Urmia, einem Zentrum des Ostchristentums. Während der goldenen Zeit des Islams hat sich die Ostkirche dort bis nach Indonesien und Malaysia sehr stark ausgebreitet und existiert nach wie vor, übrigens mit einem starken Nationalgedanken in Form des Assyrertums. Hier kommen wir zur Erweckung des Nationalstaates. Das heißt auch die Christen versuchten, als das Kalifat zusammenbrach, eine nationale Identität zu entdecken. Im Iran und Teilen des Iraks war es das Assyrertum das sie annahmen, aber verbunden mit ihren christlichen Werten. Hätte es in dieser Zeit die Oktoberrevolution nicht gegeben, wäre womöglich einen assyrisch-christlichen Staat in dieser Zeit entstanden, der irgendwann Teil der Sowjetunion geworden und dann ausgegliedert worden wäre. Nichtsdestotrotz muss man hinzufügen, dass der Iran einen Schlüsselfaktor spielt, wenn es um die zukünftige Entwicklung innerhalb der islamischen Gesellschaft geht und vor allem, wenn es darum geht den Islam mit einer gewissen Freiheit zu formen. Nicht unbedingt mit den demokratischen Werten die wir kennen. Das muss man ganz klar sagen, weil wir in unserem Kulturkreis in einem völlig anderen Konsens leben. Der Iran ist auch ein Schlüsselfaktor, wenn es darum geht, den wahabitischen Islam zurückzudrängen, der seit 30 Jahren einer der Gründe ist, warum wir diese massiven Konflikte in der Region haben. Wir selber sind es gewesen – naiv wie wir waren – die diesen wahabitischen Islam hofiert haben, weil wir kurzfristigen Profit vor Augen hatten und nicht die langfristigen Auswirkungen beachtet haben. Dieser wahabitische Islam wird durch unsere Waffen und Ölgeschäfte exportiert, und konterkariert die Kräfte, die versucht haben einen Islam an den Tag zu legen, der durchaus mit den freiheitlichen Werten der heutigen Welt vereinbar wäre. Aber sie haben leider nicht die finanziellen Mittel, die nötig wären. Wenn ein Imam in der Moschee von Gleichheit predigt und am nächsten Tag aufgehängt oder enthauptet wird, dann liegt das an der wahabitischen Expansion. Da spielt der Iran eine große Rolle und ich denke, dass wir uns in Zukunft mit diesem Land, nicht nur auf der wirtschaftlichen Ebene, intensiver beschäftigen müssen.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind oft mit einer schusssicheren Weste und mit einer Waffe unterwegs. Sie sind ausgebildeter Soldat. Was hat sie bis jetzt besonders erschüttert?

Jacob: In Syrien musste ich bewaffnet unterwegs sein, da habe ich keine andere Wahl. Ich bin in Deutschland ausgebildet worden und dafür bin ich sehr dankbar. Das hat mich in der einen oder anderen Situation auch sicherlich davor bewahrt, irgendwo in eine schwierige Situation zu geraten. Es waren gar nicht so sehr die Abscheulichkeiten des Islamischen Staates, die Massengräber, oder die Erzählungen der Menschen oder vergewaltigten Frauen, die mich so bedrückt haben. Denn nach einer gewissen Zeit, und ich besuche diese Region seit einigen Jahren, stumpfen sie einfach ab. Eines meiner tiefgreifendsten Erlebnisse war im Dezember 2015, als wir die Stadt Sindschar besuchten, die Region, in der ehemals die Jesiden lebten. Diese Stadt ist ein strategisches Kreuz zwischen Ragga in Syrien und Mosul im Irak. Und dieser strategische Punkt musste zurückerobert werden, koste es was es wolle, um Mosul und Ragga den Nachschub abzuschneiden. Ich war einer der ersten Journalisten, die in dieser frisch zerbombten Stadt anwesend war und zwar mit jesidischen und kurdischen Milizen. Die Stadt war völlig zerbombt, bestimmt zu 99 Prozent. Ich hab noch nie so eine Zerstörung gesehen. Überall waren die Krater. Ich lief diese Straße entlang und überall waren Mienen und zerfetzte Leichen. Neben einem Haus war eine halb verkohlte Leiche. Man sah die Knochen und das Gesicht war total verkohlt und ich wusste, dass das ein Anhänger des IS war, der sich da verschanzen wollte und in einer Kirche versteckte. Ironischerweise dachte er, dass er in einer Kirche sicherer war als draußen. Ich lief völlig emotionslos die Straße entlang und als ich diese Leiche sah, ging etwas in mir vor. Ich war zuvor bei den Massengräbern. Es gibt getrennte Gräber, Frauen zusammen mit Kindern und Männer. Und da dachte ich mir, möge dieser verdammte Dschihadist in der Hölle brennen. In diesem Moment entdeckte ich neben dem Dschihadisten ein Fotoalbum. Ich nahm dieses Fotoalbum, machte es auf und in dem Moment, als ich es öffnete, traf mich ein Schlag. Ich blätterte und blätterte und fand die Frau dieses Dschihadisten. Hochzeitsfotos und wie er mit seiner Frau im Garten saß, Fotos seiner Kinder. Und in diesem Moment empfand ich tiefe Scham als Christ. In meiner Gedankenwelt dachte ich, Herr Gott, du hast mir eine Lektion erteilt und mir gezeigt wie weit ich gekommen bin. Ich habe dieses Skelett als etwas Widerwertiges gesehen, ja nicht mal als menschliches Wesen. Und in meiner Gedankenwelt ertappte ich mich und fragte mich, ob ich jetzt so wie die sei. Als ich dieses Album in der Hand hatte, brach ich fast psychisch zusammen, weil ich mir dachte, was bloß mit mir passiert sei. Neben diesem Haus war die erwähnte Kirche. Die Kirche war völlig zerstört und da war ein Kreuz. Ich stellte dieses Kreuz auf und mir war es völlig egal, ob es da vermint oder nicht vermint war. Ich kniete vor diesem Kreuz und sagte, ‚Herr Gott vergib mir, das bin ich nicht. Ich bin Christ und ich betete dafür, dass die Kinder dieses Dschihadisten, was auch immer er angestellt hat, in Sicherheit sind. Sie sind nicht schuldig für das, was er getan hat und das, was passiert ist.’ Noch wichtiger war aber, dass ich mir im Inneren die Menschlichkeit bewahre. Ich hatte festgestellt, dass ich trotz meines christlichen Daseins völlig abgestumpft und kalt war. In Deutschland fragten mich oftmals Menschen, ‚du berichtest so einfach darüber, bist du völlig kalt und emotionslos?’ Ich musste sehr oft über diese Frage nachdenken und ich hab dann festgestellt, dass es ein innerer Kampf mit sich selber ist, nämlich festzustellen, bin ich noch Mensch oder bin ich es nicht. Und da bin ich an einem Punkt angelangt an dem ich mich gefragt habe, bin ich noch Christ oder bin ich kein Christ mehr. Denn Christentum bedeutet Nächstenliebe und, ganz wichtig, auch Vergebung. Es ist schwer zu vergeben. Und es ist schwer zu vergeben, wenn einem bewusst ist, dass während des Genozids an den Christen im Osmanischen Reich 90 Prozent der eigenen Familie dahin massakriert wurden. Aber letzten Endes ist Vergebung auch etwas, was unsere Gesellschaft hier ausmacht. Denn wenn man uns nach dem 2. Weltkrieg nicht vergeben hätte, würden wir nicht so dastehen und hätten nicht dieses wunderbare Grundgesetz und diese wunderbare Demokratie. Und vor allem hätten wir nicht dieses freiheitliche Denken, das wir übrigens zu tiefst verteidigen müssen.

MEDIEN-MONITOR: Gibt es Hoffnung für die Krisenregion und wenn ja, woher schöpfen Sie diese?

Jacob: Dort, wo Glaube ist, ist auch Hoffnung. Als wir mit diesem Projekt hier in Deutschland begonnen haben, haben wir es bei den Akademien und Stiftungen vorgestellt. Da blickten mich einige Vertreter der Universitäten und Kirchen an und dachten, was der Simon da wieder vorhat, der sei ein bisschen verrückt oder der ist ja wahnsinnig. ‚Wie viel Geld hast du eigentlich in der Tasche? ’ Ich hab ein paar Ersparnisse. ‚Welche Pläne hast du überhaupt? ’ ‚Wie möchtest du das anstellen? ’ ‚Das ist doch alles verrückt, was du da vorhast. ’ Da hab ich gesagt, ‚das mag sein, dass das für euch verrückt klingt, aber wir machen das aus Leidenschaft. ’Dann starteten wir irgendwann in Istanbul und klopften an die Türen. Wir hatten plötzlich Zugang zum Metropoliten der byzantinischen Kirche. Der Patriarch hatte uns eigeladen und uns die Tür geöffnet. Plötzlich hatten wir Gespräche mit Menschenrechtsaktivisten und Rechtsanwälten. Die Politik hoffierte uns. Dann ging es weiter nach Izmir, die Ägäis entlang. Und überall wo wir anklopften, wurden uns die Türen geöffnet. In Antakya hatten wir eine wunderbare Begegnung mit der rum-orthodoxen Kirche. In dieser Region gibt es noch 15.000 Mitglieder. Und so ging es weiter über die Türkei, über den Tur Abdin, der Region, wo ich ursprünglich herkomme, die Region Nusaybin Midyat, Mardin, Diyarbakir, wo wir hervorragende Gespräche hatten, weiter nach Hakkari, nach Armenien und nach Georgien, wo wir uns gar nicht mehr retten konnten vor Terminen. Jeder sagte, das sei ein tolles Projekt.

Wir reisten in den Irak, nach Syrien, in den Iran und dann kam ich zurück und da sagte ein Vertreter der Universität Marburg zu mir: ‚Simon, wir haben das jetzt ein paar Monate verfolgt und anfangs dachten wir du bist verrückt. Aber wir haben dann festgestellt, du gehst mit Leidenschaft an eine Sache, die wir gar nicht mehr haben.’ Das ist der Unterschied. Wir sind orientalische Christen, aber wir fragen nicht, wie viel Cent wir in der Tasche haben, sondern wir gehen es einfach an, weil wir der Meinung sind: Leidenschaft im Glauben ist wichtig. Und diese Leidenschaft finden wir nach wie vor im Nahen Osten. Wir haben Menschen getroffen, die alles verloren haben; Christen, Jesiden aber auch Muslime, die gesagt haben: ‚Wenn wir eine Chance haben hier zu bleiben und friedlich zu leben, dann bleiben wir hier. Wir möchten gar nicht nach Europa. Ihr habt ein tolles Europa und alles ist wunderbar. Es ist aber verdammt kalt und dunkel dort und zum anderen müssen wir jeden Tag arbeiten wie Roboter.’ Aber wenn die Menschen dort, auch das orientalische Christentum, die Chance haben, dann können Sie mir eines glauben: Keiner kommt auf die Idee seine Heimat zu verlassen.

Als ich im September und Oktober in der Türkei war, sagten Politiker und christliche und muslimische Geistliche durch die Bank hindurch: ,Ihr seid verrückt in Deutschland. Eure Merkel hat alle eingeladen. Wisst ihr, was für eine Sogwirkung ihr ausgelöst habt? Ihr spielt den Schmugglern in die Hände. Das ist fatal. Die Menschen in Nordsyrien und im Irak, die vorher ein sicheres Umfeld hatten, verkaufen plötzlich ihr Hab und Gut und sagen wir wurden eingeladen. Nur es wäre für euch und auch für uns besser gewesen, ihr hättet die Kosten für diese Flüchtlingswelle hier bei uns in Bildung, Wirtschaft und Infrastruktur investiert.’

Den Extremisten freut es. Die jungen Menschen, die gut ausgebildet sind, gehen. Nicht alle sind übrigens beseelt in einen demokratischen Staat zu fliehen, sondern sie haben auch ganz andere Gedanken. Aber nichtsdestotrotz muss man sich vor Augen halten, dass da Geistliche zu ihnen kommen und sagen, was ihr da macht ist Wahnsinn. Ironischerweise hieß es als ich dort war, Deutschland schicke tausende Truppen in den Irak, um dort die Peshmerga zu unterstützen. Das waren allerdings nur Ausbilder. Da fragte man mich: ,Stimmt es, dass Deutschland mehrere tausend Soldaten in den Irak schickt?’ Sie sehen, die Wahrnehmung im arabischen Raum ist eine völlig andere. Diesen kulturellen Kontext haben viele Politiker in Europa bis heute gar nicht begriffen.

MEDIEN-MONITOR: Haben Sie mit unserem Bundespräsidenten auch mal Tacheles geredet?

Jacob: Tatsächlich habe ich mich mit ihm darüber unterhalten. Es war jetzt das dritte Mal und jedes Mal sagt er: ,Ich weiß Herr Jacob!’ Da muss man allerdings eines hinzufügen: Er ist der Bundespräsident und er hat uns dreimal wirklich intensiv zugehört. Wir haben mehrere Stunden mit ihm verbracht. Es gab Politiker, bei denen geht das rechts rein und links raus. 2011 war Westerwelle Außenminister. Damals war ich in Syrien und da gab es ein Attentat innerhalb des Assad-Regimes, ausgeführt durch einen Extremisten. Und da sagte Herr Westerwelle: ,Ein Attentat auf ein Regime ist legitimiert.’“ Und da sagten die Araber und auch die Feinde des Assad-Regimes zurecht: ,Was für eine Doppelmoral!’ Auf der einen Seite ist es nicht rechtens wenn Extremisten gegen andere Bomben werfen. Aber wenn es gegen ein Regime ist, ist es plötzlich rechtens? Ich weiß, dass Westerwelle es damals gut gemeint hat. Aber jetzt müssen Sie sich in den arabischen Kontext versetzen, wo man sagt: ,Mag sein, dass das mein Feind ist, aber ich wertschätze und respektiere meinen Feind.´ Ein Extremist, der zum Beispiel UNO-Einrichtungen angreift, ist ein Extremist und wenn er das Assad-Regime angreift ist er plötzlich kein Extremist mehr. Das ist schon eine Doppelmoral. Und da muss man ganz klar sagen, liebe Politiker, da müsst ihr euch in den kulturellen Konsens noch einiges aneignen, damit ihr die Sprache dort versteht. Und zwar nicht die Schriftsprache, sondern die kulturelle Sprache oder den kulturellen Kodex.

MEDIEN-MONITOR: Was ist über die Jahre schiefgelaufen, dass sich der IS so ausbreiten konnte?

Jacob: Der IS ist keine Entwicklung, die von heut auf morgen plötzlich erschien. Zunächst einmal muss man sich die demographische Entwicklung in diesen Ländern ansehen. Ob es Ägypten, der Iran, der Irak, der Jemen oder Syrien sind, sie haben innerhalb einer Generation praktisch eine Verdreifachung der Bevölkerung gehabt. Es gab aber kein wirtschaftliches Wachstum oder strukturelle Entwicklungen. Nun gibt es plötzlich viele Millionen von jungen Menschen und ein Großteil davon junge Männer. Da muss man nun die arabische Kultur verstehen. Junge Männer möchten irgendwann heiraten. Um zu heiraten brauchen sie einen Arbeitsplatz. Wenn sie aber plötzlich eine Verdreifachung der Population haben, aber keinerlei strukturelle Entwicklung, dann bekommt nur einen guten Arbeits- oder Studienplatz, wer nah an einem Regime ist. Das heißt, nah am Clanführer, nah am Autokraten, der durchaus mit Blick auf die monotheistischen Religionen ein Abbild dessen prägt was wir im Nahen Osten kennen, nämlich eine Hierarchiestruktur von oben nach unten. Das heißt, oben ist der Machthaber, der akzeptiert wird und unten ist das Volk. Das ist das Agha-Prinzip. Oben ist der Agha, der Clanführer und unten sind die Willigen, die ihm folgen. Nur irgendwann haben sie nicht genug Einnahmen um jeden zu versorgen. Das heißt es bildet sich eine frustrierte Schicht junger Menschen, die nicht befriedigt wird. Hier kommt jetzt ein besonderer Aspekt hinzu. Sie können innerhalb des Ehrenkodex der Clanstrukturen keine Familie gründen, um sich als Mann im Patriarchat zu beweisen.

Und es kommt ein weiterer Faktor hinzu, der wesentlich ist. Man mag mir verzeihen, dass ich das jetzt so erwähne, aber es ist sexuelle Frustration. Wenn Sie nicht die Möglichkeit haben zu heiraten, können Sie sich sexuell nicht ausleben. Das Fehlen eines sexuellen Lebens steht in engem Zusammenhang mit einem aggressiven, kriegerischen Verhalten.

Nun hat man also Millionen von jungen Männern in diesen Regionen, die wirtschaftlich nichts machen können und nicht heiraten können. Hinzu kommt eine Unterdrückung in verschiedenen Formen. Schiiten die Sunniten unterdrücken oder Sunniten, die Schiiten unterdrücken – was wir 2003 im Irak hatten. Damals kam es zum Fall des Regimes. Das Saddam-Regime war schlimm. Waren sie nah am Diktator, dann ging es ihnen gut. Waren sie keine Anhänger des Regimes, wurden sie unter Umständen auf einen Art und Weise wie man sie sich hier nicht vorstellen kann, in Foltergefängnissen gequält und starben. Die US-Amerikaner haben einen gravierenden Fehler gemacht. Sie nahmen den Irak ein und entmachteten die administrative Ebene. Sie entließen die Polizei und das Militär, anstatt sie einzubinden. Komplett naiv wie sie waren, haben sie sie durch Schiiten ersetzt. Die Schiiten sagten: ,Nun sind wir dran! Wir wurden Jahrzehnte lang durch die Sunniten unterdrückt. Wir gehen nun den umgekehrten Weg.´ Auf Grund dieser Situation gab es ein toxisches Gemisch. Wirtschaftlich benachteiligte junge Männer, Sunniten, die im irakischen Raum unterdrückt wurden, plus ein alawitisches Machtzentrum in Syrien, das durchaus ähnlich verfuhr wie Saddam Hussein.

Wenn wir heute über das Assad-Regime sprechen, und dieses zeigt sich nach außen als der Vertreter der Minderheiten, sollten wir nicht vergessen, dass das Assad-Regime foltert. In den Foltergefängnissen sterben immer noch Menschen. Teilweise brutaler als es der IS vormacht. Nur die einen machen es öffentlich und die anderen nicht. Nun haben wir die Situation, dass die Sunniten plötzlich im Irak massiv unterdrückt werden. Auf Grund dieser Entwicklung, gab es eine Wiederauferstehung des orthodoxen-wahabitischen Islams – munter gespeist durch private Stiftungen aus Saudi-Arabien und anderen arabischen Staaten. Nicht durch die Regierungen. Da muss man sehr genau unterscheiden. Die Saudis steckten selbst in Schwierigkeiten, weil der Schura-Rat sagt: ,Wenn du dich zu sehr dem Westen annäherst, dann entmachten wir dich.´ Das heißt man hat die Stiftung gewähren lassen. Aus dieser Situation heraus ist eine extremistische Tendenz entstanden, Al-Qaida. Die gab es bereits in Afghanistan, aber die formierten sich nun auch im Irak. Und Al-Qaida im Irak ist der Vorläufer des Islamischen Staates.

Es war Al-Qaida Irak, die 2004 zum ersten Mal propagandistisch einen Mann vor laufender Kamera enthauptete. Man hatte eine perfide Methode entwickelt, um das Gedankengut der Al-Qaida nach vorne zu bringen. Und man stellte plötzlich fest, dass sich durch propagandistische Mittel, vor allem in den neuen Medien – paradoxerweise wurden diese von den Islamisten gehasst – eine medialer Krieg anzetteln lässt, mit dem ich in Kombination mit kriegerischen Auseinandersetzungen sehr schnell vorankommen kann. Dies hat wiederrum dazu geführt, dass sich der Widerstand gegen die Schiiten aber auch gegen die US-Besatzung mehr und mehr organisierte, und zwar aus den sunnitischen Stämmen heraus.

Die Amerikaner haben es nicht geschafft, das unter Kontrolle zu bringen, obwohl sie versuchten die sunnitischen Stämme mit einzubinden – allerdings viel zu spät. Bis dahin gab es bereits Spitzenterroristen wie Zargawi zum Beispiel, der sich dies zu Eigen gemacht hatte und die Al-Qaida im Irak bereits formte, so dass bereits im Jahr 2006/2007 in Mosul extremistische Milizen Jagd auf Christinnen und Jesidinnen gemacht haben und sie nach Saudi-Arabien verkauft haben.

Zu diesem Zeitpunkt wurden die Christen plötzlich zum Spielball der Mächte. Sie gerieten zwischen die Räder. Jesiden, liberale Muslime und Kurden ebenfalls. Das heißt, wir hatten diese Entwicklung bereits in den Jahren zwischen 2003 und 2010. Wir beobachteten dies und warnten jedes Mal davor, dass in Mosul Kapazitäten von amerikanischen Waffen lagerten. Mossul wurde damals von Al-Qaida nahestehenden Mächten infiltriert. Das heißt, die ganzen Waffendepots dort wurden infiltriert. Die sunnitischen Stämme warteten eigentlich nur auf den Tag X, an dem sie diese Waffen übernehmen konnten. Im Jahre 2014 kam die Abspaltung des IS von der Al-Qaida Irak, und zwar in Syrien. Die waren sich über die Vorgehensweise nicht einig; vor allem nicht über die Vorgehensweise der Al-Nusra-Front in Syrien, die eigentlich die Stellvertretung der Al-Qaida sein sollte. Der IS hatte andere Pläne und mit ihren einzelnen Protagonisten gab es die Intension Mosul zu überfallen, und zwar im Einklang mit den sunnitischen Stämmen, die die Schiiten loswerden wollten. Denn Mosul ist ein sunnitisches Zentrum. 2014 gelang es ungefähr 400 Dschihadisten eine Stadt einzunehmen in der über eine Millionen Menschen leben, ungefähr 50 Prozent Männer und davon 90 Prozent bewaffnet. Es glaubt doch wirklich niemand, dass 400 Dschihadisten Mosul hätten einnehmen können, wenn sie nicht die Unterstützung der sunnitischen Stämme gehabt hätten. Die Stämme waren der Meinung sie nutzen die Propagandamaschinerie des Islamischen Staates, die äußerst brutal war, um die Schiiten loszuwerden. Und tatsächlich war es so, dass in erster Linie schiitische Soldaten, aber auch kurdische Soldaten, einfach das Weite gesucht haben und gesagt haben: ,Das geht uns nichts an. Wir mischen uns da nicht ein´. Die Idee der Sunniten bestand darin: ,Lassen wir den IS einmarschieren, nutzen wir ihn als Sündenbock und dann schmeißen wir ihn wieder raus.´ Tatsache ist aber, dass kurze Zeit später der Islamische Staat die Oberhäupter der sunnitischen Stämme liquidierte. Das heißt, mit einem Clan ohne Führung kannst du mit ihm machen was du willst.

Daraufhin ist der IS in Besitz dieser hochmodernen Waffen gekommen. In diesem Fall zwei bestimmte Waffentypen: Scharfschützengewähre und Humvees, das sind militärische Fahrzeuge, die hochgradig flexibel und gepanzert sind. Bedingt durch diese Humvees hat der Bundestag beispielsweise entschieden, Raketensysteme an die Peshmergas zu liefern. Das war auch nötig um diese Attentäter aufzuhalten. Die Stärke des Islamischen Staates war eigentlich die Schwäche des Westens. Ich kann mir nicht vorstellen, dass den Amerikanern nicht bewusst war, dass in ihren Militärdepots in Mosul tonnenweise moderne Waffen lagerten und sie es zuließen, dass der IS plötzlich davon Besitz ergriff. Das war die Wende und die Wiedererstarkung der Attraktivität des Islamischen Staates.

Es gibt drei Faktoren warum der IS plötzlich unheimlich interessant wurde. Der erste Faktor: Macht. Sie bekommen eine bessere Waffe als der andere. Sie werden besser ausgebildet. Anstatt einer AK bekommen Sie eine M16 in die Hand gedrückt. Der zweite wesentliche Faktor: Sie haben ein ökonomisches Umfeld, in dem Sie bezahlt werden. Sie bekommen monatlich ihre 150 US-Dollar, weil sehr viel Geld erbeutet wurde, bis hin zu 1000 US-Dollar für den erfahrenen Schafschützen aus Tschetschenien. Und der dritte Faktor, der hinzukommt, der von vielen in Europa nicht gerne angesprochen wird, aber nun mal Realität ist: Sexsklaven. Sie bekommen die Möglichkeit eine Frau als Beute zu bekommen, weil die Frau in der Ideologie des IS nichts weiter als ein materielles Gut ist. Sie machen Beute und perverser Weise glauben diese Extremisten, dass sie diesen Frauen etwas Gutes tun.

MEDIEN-MONITOR: Woher kommen diese Frauen?

Jacob: Das sind entführte Frauen. Jesidinnen, Christinnen, Kurdinnen und auch Musliminnen die sich weigern. Also es ist nicht so, dass es nur Minderheiten betrifft. Aber der Bedarf an Frauen ist enorm. Entweder bekomme ich eine Frau zum Heiraten oder ich bekomme eine Sexsklavin. Ich kann sie auch teilen. Dafür gibt es Gebote und es gibt ein Regelwerk. Das macht den IS dermaßen attraktiv, dass auch Männer aus Europa kommen. Die brauchen kein Geld, aber sie haben Interesse an einer M16 und an der Auslebung ihrer Sexualität. Hier kommen wir zu einem Grundproblem im Nahen Osten, nämlich den Frauenrechten. Die Frau hat keinen großartigen Stellenwert. Man muss ganz klar sagen, dass die sexuelle Frustration ein wesentlicher Faktor für den Konflikt in dieser Region ist. So hat der IS an Attraktivität dazugewonnen und erlangte den Status, den er heute hat. Der meines Erachtens allerdings absolut übertrieben ist, weil wir an einer anderen Front einen viel gefährlicheren Gegner haben, nämlich die Al-Nusra-Front. Die medialen Aktivitäten des IS allerdings, wenn es jetzt nicht um eine Perversion der Menschlichkeit gehen würde, sind genial. Sie haben eines geschafft: Der Islamische Staat hat die westliche Gesellschaft dekodiert. Er hat sich zum Ziel gesetzt, durch einen propagandistischen Aktionismus und durch eine mediale Präsenz einen Keil in die westliche Gesellschaft zu treiben – zwischen Rechts und Links und zwischen Schwarz und Weiß. Lassen Sie mich auf einen Artikel des Vizechefs der Al Qaida von 2007 kommen. Der hat gesagt: ,Wir steuern auf einen medialen Konflikt zu. In den nächsten Jahren werden wir nicht mehr den Konflikt auf dem Boden haben, sondern einen medialen Konflikt unter Benutzung der westlichen Technologie. Ein Cyberwar.´ Wir hatten noch am Anfang des Jahres eine Konferenz bei der Hanns-Seidel-Stiftung zu diesem Thema und da haben wir festgestellt, wir sind gut darin Technologie zu entwickeln. Wir sind aber verdammt schlecht darin, diese Technologie zu kontrollieren.

Der Islamische Staat hat es mit minimalsten Mitteln geschafft, Enthauptungsvideos in die Zimmer unserer Kinder zu bringen. Ich muss mich in Schulen damit auseinandersetzen, dass ein Vater zu mir kommt und sagt: ,Herr Jacob, meine Tochter hat sich durch Zufall auf YouTube ein Enthauptungsvideo angesehen. Könnten Sie ihr das erklären. Sie ist traumatisiert. Helfen Sie ihr doch irgendwie darüber hinwegzukommen.´ Wir führen bis heute keine Diskussion darüber. Was glauben Sie, was in den Kinderzimmern vorgeht. Wir führen keine Diskussion darüber, weil es bisher nicht erlaubt war. Aber es wird höchste Zeit. Ich habe mich oft gefragt, ob wir als Gesellschaft überhaupt fähig sind, in einem multimedialen Zeitalter und in einer globalisierten Welt, wo jeder ein Smartphone in der Hand hat und diese Enthauptungsvideos ohne Weiteres ansehen kann, die Fähigkeit erlangt haben, damit umzugehen. Und ob uns das überhaupt bewusst ist, dass wir immer noch in einem Kokon namens Europa, abgegrenzt von all dem, leben.

Aber das Internet kennt keine Grenzen und der IS weiß das sehr gut. Er nutzt das Internet auf eine Art und Weise, die betrachtet aus der Sichtweise eines Marketingmanagers genial ist, aber einer Perversion nahekommt, die nur noch zum Kopfschütteln ist. Man denkt sich: ,Seid ihr eigentlich blind. Nur auf Grund der Tatsache, dass wir historisch bedingt nicht mehr über Tatsachen sprechen wollen, die im Zusammenhang stehen mit einer zwölfjährigen Diktatur in Deutschland. Ihr seid erblindet auf dem linken, aber auch auf dem rechten Auge, dass ihr euch der Gefahr nicht bewusst seid, der wir uns entgegenstellen müssen.´ Denn diese propagandistische Hetze entzweit eine Gesellschaft. Aber vor allem führt sie dazu – und das ist das Ziel des IS, dass wir heute pauschal alle Muslime unter Generalverdacht stellen, nur weil einer ,Allahu akbar´ ruft. Dabei bedenken wir gar nicht, dass wir differenzieren müssen und in die Falle des Islamischen Staates tappen. Wir werden uns dessen nicht bewusst, weil wir uns jahrelang auf der politischen Ebene geweigert haben die Realität zu erkennen. Selbst wenn ich dann muslimische Freunde habe die sagen: ,Wir müssen dieses Thema doch endlich mal ansprechen“´, dann sagen uns Medienvertreter in Deutschland: , Das können wir gar nicht!´ 2013 hatten wir eine Reportage mit der ARD-Sendung Report München. Da ging es um zwei Fälle in Bayern. Ein Fall in Freising, wo eine christliche Familie aus dem Irak hier von einer sunnitischen Familie bedroht wurde. Es ging so weit, dass die Familie gesagt hat: ,Wir fliehen wieder in den Irak zurück, da ist es sicherer.´ Die sind auch in den Irak zurückgegangen. Daraufhin bekam ich einen Anruf eines Journalisten einer bekannten süddeutschen Zeitung, der zu mir sagte: ,Herr Jacob, sind Sie sicher, dass das passiert ist? Ich war selber vor Ort. Sind Sie sicher, dass es kein Einzelfall ist?´ Ich kann Ihnen noch einen zweiten Fall nennen. Da sagte er: ,Vielleicht sollten wir das nicht an die große Glocke hängen. Das könnte ja für Unstimmung sorgen.´ Ganz im Gegenteil! Wir müssen das endlich angehen. Das Schlimme daran ist, dass ich in den Sozialen Medien lese, die Islamisten aus dem Weg zu räumen und wir müssen alle Muslime rausschmeißen. Populismus welcher der Pegida und der AfD zuspielt! In einem freien Land, in dem wir Religionsfreiheit haben, gilt es auch die zu beschützen, die ihre Religion in einem friedlichen Kontext ausüben. Und da gehören Muslime ganz klar dazu! Das ist so! Wenn wir selber als „Urdeutsche“ das konterkarieren, dann sind wir an der Misere selber schuld!

MEDIEN-MONITOR: Was kann man gegen den Cyberwar tun? Wir sind ja eigentlich machtlos.

Jacob: Nein sind wir nicht! Der Cyberwar des Islamischen Staates könnte gar nicht existieren, wenn er nicht ein finanzielles Polster hätte. Solche Slow Motion Videos können sie nicht produzieren, wenn sie niemanden haben, der sie finanziell unterstützt. Vor 20 Jahren wäre es schwierig gewesen. Heute kaufe ich mir eine Drohne für 300 US-Dollar, statte sie mit einer HD-Kamera aus, hol mir ein Smartphone und steuere die darüber. Aber jemand muss auch die Expertise zur Verfügung stellen. Das heißt wir haben im Hintergrund durchaus Leute, die das gemacht haben. Jetzt komm ich auf unser Projekt Peacemaker zurück. Im Irak habe ich einen sunnitischen Imam getroffen, der zu mir sagte: ,Lass uns ein Interview führen. Seitdem ich mich gegen den IS stelle und seitdem ich ganz klar propagiere, dass wir einen Konsens finden müssen und einen Dialog mit allen Religionen suchen müssen, werde ich bedroht. Ich gehe nur noch mit Bodyguards aus dem Haus. Aber tu mir einen Gefallen. Zeichne das auf, strahl es aus und zeig es Jedem.´ Das haben wir getan. Selbst mit minimalen Mitteln konnten wir viele Menschen davon überzeugen, dass die Welt nicht nur schwarz-weiß ist.

Liebe Politiker und liebe Medien, am Anfang belächelt ihr uns doch dann machen wir mit minimalistischen Mitteln Filme und schreiben Artikel und veröffentlichen diese. Dann kommt ihr und sagt: ,Ja eigentlich hätten wir euch ja Geld geben können.´ Da denkt man sich auch: ,Da denkt ihr aber früh dran.´ Letzten Endes brauchen wir finanzielle Mittel, um denen etwas entgegenzusetzen.

Es ist eigentlich gar nicht so schwer die Menschen, die wir im Nahen Osten angesprochen haben, zu finden. Sunniten und Schiiten die sehr wohl dafür einstehen mit anderen in einer freiheitlichen Welt zu leben. Aber sie haben nicht die Mittel, nicht das finanzielle Polster und werden nicht beschützt. Das ist das Grundproblem. Als Politiker stellt man sich oft hin und sagt: ,Mit wem unterhalten wir uns? Unterhalten wir uns doch mit denen, die den ganzen Extremismus finanzieren.´ In diesem Fall die Stiftungen in Saudi-Arabien, die übrigens im Rechtskorpus verankert in der Scharia nichts anderes machen als das, was der IS macht – Enthauptungen und Steinigungen. In erster Linie hätten wir uns schon längst dazu durchringen müssen ein Cyberwar-Zentrum zu gründen, was übrigens die Franzosen und Engländer schon sehr gut vorgemacht haben. Wir in Deutschland haben das lange ignoriert. Wenn jemand wie ich mit minimalsten Mitteln in den Irak fliegen kann und einen Geistlichen dort dazu bringt sich gegen den IS zu stellen, was glauben Sie was man anstellen könnte, wenn man die finanziellen Mittel hätte. Wir müssen den friedlichen Menschen dort eine Stimme geben, wie diesem Imam. Damit würden wir auch den ganzen Populisten wie der Pegida den Wind aus den Segeln nehmen und zeigen, dass nicht alle so sind. Die Mehrheit möchte Frieden. Sie bekommt nur leider keine Stimme, weil das finanzielle Polster fehlt und manche unserer Politiker viel zu naiv sind.

MEDIEN-MONITOR: Was kann Deutschland für die unterdrückten Minderheiten in den Krisengebieten tun?

Jacob: In erster Linie wäre es wichtig, dass sie nicht hier her kommen müssen. Und damit das so ist, müssen wir Sicherheit schaffen. Sicherheit bedeutet aber auch Investitionen in Infrastruktur und Bildung. Wenn Sie den Menschen die Möglichkeit geben ihr eigenes Brot zu verdienen, nicht frustriert zu sein und nicht diese Wut anzustauen, dann helfen Sie ihnen auch dabei sich zu entwickeln. 2011 hatte ich ein Erlebnis in Kairo. Da kam gerade die Arabische Revolution auf. Die ging übrigens von der Jugend aus, die gut ausgebildet war. Ich erinnere mich an die Worte einer jungen Sunnitin, die zu mir sagte: ,Das Einzige, was wir wollen, ist ein Job, ein iPod und eine Jeans!´ Mit dem Job meinte sie natürlich die Arbeit, mit dem iPod die Freiheit Musik zu genießen und mit der Jeans meinte sie, sie möchte das Recht haben als Frau anzuziehen, was sie möchte. Aber alles innerhalb ihrer Kultur.

Leider Gottes haben wir diese jungen Menschen im Stich gelassen. Die haben niemals gelernt Politik zu machen. Das muss man einem beibringen, auch den Flüchtlingen, die hier her kommen. Auch falls diese mal zurückgehen. Wir müssen ihnen zeigen, wie Demokratie funktioniert und Strukturen geschaffen werden. Wir müssen in sie investieren. Wenn wir in sie investieren, investieren wir in ein sicheres Europa. Wir dürfen nicht kurzfristig denken. Wir glauben, wenn wir jetzt Millionen von Flüchtlingen aufnehmen ist das Problem gelöst. Nein, wir verschieben es nur. Und wir schaffen uns hier eigene Probleme. Anstatt wir die Menschen dort halten und ihnen dabei behilflich sind Struktur zu schaffen, und zwar nicht nach unseren demokratischen Vorstellungen. Sie werden es im Nahen Osten nicht schaffen Politik in Gänze von Religion zu trennen. Denn die Religion ist ein Teil der Kultur. Und das können Sie weder Christen, noch Muslimen, noch Jesiden austreiben. Dessen müssen wir uns bewusst werden. Eine Säkularisierung, wie wir sie hier haben, wird dort in den nächsten hundert Jahren nicht stattfinden. Das heißt aber nicht, dass sich nicht Religion und eine gewisse Art von Demokratie vereinbaren lassen. Es ist möglich. Aber wir sollten als Europäer nicht als die Lehrmeister auftreten. Wir sollten als diejenigen auftreten, die andere respektieren und akzeptieren in ihrer Art und Weise. Und da kommen wir zurück zu einem Wertekanon. Das Paradoxe daran: Wir hätten hier viel weniger extremistische Konflikte, wenn die Extremisten die Sichtweise hätten, dass wir selber unsere eigenen Werte hochhalten und akzeptieren. Denn wenn wir uns dessen bewusst wären, würden wir sie viel mehr verteidigen. Wir würden eine Mauer bilden. Ich bin bei der Luftwaffe ausgebildet und es wurde gefragt: ,Wie kannst du als Sohn von Migranten zur Luftwaffe gehen?´ Es gibt keine Freiheit ohne Sicherheit, in dem Bewusstsein, dass es Werte gibt, die es zu verteidigen gilt. Es ist auch als Christ und Demokrat in diesem Land notwendig im Fall der Fälle jedem klar und deutlich zu machen, bis hier hin und nicht weiter. Und das Interessante daran ist, wenn ich diese Position einnehme ernte ich mehr Akzeptanz, als es die ,Wischi-Waschi-Naivität´ gepaart mit einer gewissen Toleranz tut die wir hier haben, wo jeder sagt: ,Das soll ich respektieren. Da jag ich mich lieber in die Luft. Das ist viel besser!´

MEDIEN-MONITOR: Also kein Multitkulti?

Jacob: Multitkulti funktioniert in diesem Rahmen nicht. Es funktioniert, wenn wir einen gemeinsamen Wertekanon haben, an dem alle partizipieren. Viele deutsche Muslime würden mir da nicht nur zustimmen und sagen: „Natürlich müssen wir zu unseren Werten stehen und verteidigen sie gegen diejenigen, die sie entziehen können. Kein junger Deutscher mit muslimisch-orientalischen Hintergrund, der auf der Leopoldstraße einen Cocktail trinkt würde morgen mit der Scharia kommen und sagen: ,Ich darf das nicht mehr!´ Der Punkt ist, dass diese vielen jungen Menschen sich zwar nach einem Wertekanon sehnen, aber in einem liberalen Bewusstsein. Wenn sie jetzt den Fall haben, dass ein Hassprediger zu ihnen kommt und sagt: ,Pass auf! Das ist alles schwach und da ist keine Struktur da. Wenn du mir folgst bekommst du Macht und wenn du es nicht tust, bedrohe ich dich´, dann denkt der Junge nach und glaubt, er sei schwach und die sind stark. Und da muss man sich jetzt wieder in den orientalischen Wertekontext versetzen. Unsere Werteschwäche ist die Stärke der Extremisten.

MEDIEN-MONITOR: Was muss weltpolitisch geschehen, damit der Nahe Osten befriedet wird? Gibt es ein Patentrezept?

Jacob: Ja und zwar neben dem interreligiösen Dialog – der übrigens innerhalb des Islams sehr stark stattfindet und hier fast gar nicht wahrgenommen wird – ist es die Stellung der Frau. Die Frau ist der Dreh- und Angelpunkt des Patriarchats im Nahen Osten. Wenn 50 Prozent der Gesellschaft als Ware wahrgenommen werden und reduziert werden auf die Schwester, die Ehefrau, die Mutter und ansonsten keinerlei Befugnisse haben, dann entzieht man der Gesellschaft einen Großteil der Intelligenz und der Entfaltung. Wenn wir es schaffen, dass die Frau im Nahen Osten ihre Rechte erhält, würde das zu einer Entwicklung führen, die vielleicht nicht ganz einer sexuellen Revolution nahekommt wie wir sie hier kennen, aber sie führt zu einer Entwicklung, in der Möglichkeiten freigesetzt werden und plötzlich der Mann, das Oberhaupt im Patriarchat, sich um sich selber kümmern muss. Er muss Entwicklungen an den Tag legen und die Frau, die ihr Recht in die eigene Hand nimmt, fördert Entwicklungen und den Konsens sowie Dialog zwischen den Männern. Das heißt bevor sich, einfach dargestellt, zwei Männer duellieren, hat man den Einfluss des weiblichen Teils der Gesellschaft, der dazu führt, dass sich alle an einen Tisch setzen und debattiert wird.

In Nordsyrien ist inzwischen eine Bewegung unter Christinnen, Jesidinnen und Kurdinnen entstanden. Und ich habe diese Frauen gefragt, warum sie eigentlich gegen den IS kämpfen. Sie haben mir gesagt: ,In erster Linie kämpfen wir, weil wir uns nicht mehr entmachten lassen wollen. Wir lassen uns nicht mehr als Beute degradieren. Und wenn wir es dabei belassen, wird uns der IS immer wieder angreifen. Denn er greift den schwächsten Teil der Gesellschaft an.´ Durch die Frau haben sie das Patriarchat in der Hand. Und wenn sie das Patriarchat in der Hand haben, können sie mit ein paar wenigen Mitteln – und das hat der IS durchschaut – eine gesamte Gesellschaft terrorisieren. Man nennt das das ,Ehre und Schande Prinzip´. Durch die Sexualität der Frau wird die Gesellschaft kontrolliert. Wenn das aber nicht durch die Frauen selber aufgebrochen wird, wird niemals der Punkt erreicht, an dem der IS oder andere Extremisten an Macht verlieren. Letzten Endes ist es das Ohnmachtsbewusstsein einer Al-Qaida, eines IS, einer Al-Nusra, junge Menschen, die vor der Weiblichkeit Angst haben, weil sie niemals damit in Berührung kamen. Und wenn sie plötzlich damit in Berührung kommen, dann haben wir eine Situation wie an Sylvester in Köln, nämlich dass plötzlich viele junge Männer die Frau in Europa als Beute betrachten und was gravierend hinzukommt, durch die Betrachtung der Frau als Beute, zielen diese Männer eigentlich auf den Mann in Europa ab, nämlich auf seine Ehre. Sie glauben, dass sie ihm dadurch Schaden. Das ist der Mechanismus, der hinter einer patriarchalischen Clanstruktur steht, in der die Frau kaum einen Wert hat. Die Frauen sind der Schlüssel zu einer friedlichen Koexistenz im Nahen Osten.

MEDIEN-MONITOR: Was muss die deutsche Politik ändern?

Jacob: Sie muss erstmal die Naivität ablegen, die sie jahrelang innehatte, bei der es heißt: ,Wir dürfen auf Grund unserer Historie über Tabuthemen nicht sprechen.´ Ich bin Deutscher. Ich bin aber nicht Deutscher vom Aussehen her. Ich bin Deutscher, weil ich die Freiheit dieses Landes liebe und die Möglichkeiten, die sich bieten. Ich lebe nicht in den zwölf Jahren, die davor waren. Ich lebe im Hier und Jetzt und ich lebe in der Zukunft. Und um zu verhindern, dass wir wieder ein Schwarz-Weiß-Denken in Deutschland haben, ist es doch rechtens über die Themen zu sprechen, über die gesprochen werden muss – über Integrationspolitik, eventuell über ein Einwanderungsgesetz. Das beste Geschenk das mir Deutschland geben konnte war die Möglichkeit mich frei zu artikulieren. Die Leidenschaft bring ich so mit. Wir haben uns kürzlich mit jemanden über die deutsche Sprache unterhalten – Artikel zu schreiben und sich mit den Themen auseinanderzusetzen. Und diese Möglichkeit, sich mit etwas auseinanderzusetzen gepaart mit der orientalischen Leidenschaft, ist etwas Wunderbares. Warum sollten wir es verschenken nur weil ein gewisses Thema tabuisiert ist. Wir sollten das eher nutzen um einen friedlichen Konsens, die Debatte mit allen zu suchen. Sei es auch mit den islamischen Verbänden, die sich leider Gottes um manche Debatten drücken, denen wir uns aber heute stellen müssen.

MEDIEN-MONITOR: Wohin geht Ihre nächste Reise?

Jacob: Zunächst einmal haben wir die Situation, dass das Projekt, das eigentlich nur temporär angelegt war, plötzlich für so viel Furore gesorgt hat. Deswegen haben wir uns entschlossen einen Verein zugründen und wenn das geschafft ist, werden wir weitere Länder des Nahe Ostens besuchen. Aber nicht nur. Wir sind inzwischen nach Russland eingeladen worden. Wir werden in die USA gehen, vielleicht auch nach Südamerika. Die nächsten Länder sind aber erstmal Ägypten, Israel, Libanon und Jordanien. Und diese Etappen werden wir gegen Ende des Jahres angehen und zwar nicht nur in Form meiner Person, sondern inzwischen haben sich so viele Menschen gemeldet und wir haben Teams gebildet, die im journalistischen Sinne eine Interaktion mit der Gesellschaft suchen. Zum Beispiel auch mal ein bis zwei Tage bei Beduinen leben. Das heißt kein Tourismus, sondern wirkliches Leben. Der Verein wird in einigen Wochen gegründet.

MEDIEN-MONITOR: Herr Jacob, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Simon Jacob führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 11. Mai 2016 in München.