„Ohne Digitalisierung ist die Reise bald vorbei“ Gespräch mit Marcus Tandler, Geschäftsführer von OnPage.org

Marcus Tandler ist nicht nur stolzer Vater, bekennender Nerd und Experte für Suchmaschinen: Der Münchner ist auch erfolgreicher Unternehmer. Im Juli 2012 gründete er mit drei Partnern und einem Stammkapital von 1600 Euro das Unternehmen OnPage.org, Anbieter einer Software für professionelles Qualitätsmanagement von Webseiten zur nachhaltigen Optimierung für Suchmaschinen. 2014 gewann OnPage.org den „Top 100 Innovator Award“. In diesem Jahr war das Unternehmen Finalist beim „Deutschen Gründerpreis“. Mit seinen Partnern bildet Tandler so etwas wie die Speerspitze der digitalen Wirtschaft in Deutschland. Bereits 1999 veranstaltete er Seminare für Online-Marketing und Suchmaschinenoptimierung. Er sitzt im SEO-Expertenrat des Bundesverbands Digitale Wirtschaft und ist als Hochschuldozent tätig. Trotz seiner internationalen Karriere ist Tandler aber immer ein Bayer geblieben, ausgestattet mit Lederhosen und der Gewissheit, der Nabel der Welt befinde sich in München.

MEDIEN-MONITOR: Ihr Unternehmen hat eine webbasierte Software zur nachhaltigen Optimierung für Suchmaschinen entwickelt. Wie kam es dazu?

TANDLER: Zunächst muss ich sagen, dass unsere Software nicht ausschließlich für nachhaltige Suchmaschinenoptimierung genutzt wird. Wir setzen etwas höher an. Wir sind ein digitaler Werkzeugkasten für Qualitätsmanagement von Websites. Wir stellen innovative Tools für bessere Webseiten her. Das hat natürlich auch einen positiven Nebeneffekt bei Google, also für die Suchmaschinenoptimierung. Aber am Ende des Tages geht es um die User. Beispielsweise finden wir, dass auf einer Homepage fehlerhafte Links und Seiten vorhanden sind. Wenn ich mit meinem Smartphone beispielsweise den Notfallplan der Bahn ansurfe und merke, die Seite ist nicht mobil gerecht aufbereitet, dann habe ich eine schlechte Nutzungserfahrung.. Genau hier setzen wir an. Wenn man eine saubere, gepflegte Seite hat, dann sind meine Besucher zufrieden und dies wiederum bekommt auch Google mit, was u.U. nachgelagert zu einem besseren Ranking meiner Seite führen kann.

MEDIEN-MONITOR: Man kann ihr Tool online auf OnPage.org kaufen. Es gibt mehrere Pakete. Was kann ihr Tool alles und wie muss man sich das vorstellen?

TANDLER: Wir sind wie ein Röntgengerät beim Arzt. Genauso machen wir das für die Internetseiten. Wir finden brachliegendes Optimierungspotential oder auch kritische Fehler und bereiten diese sehr schnell und übersichtlich auf, damit der Kunde schnell sieht, wo der Hase im Pfeffer begraben ist. Bevor es unser Tool gab, war die manuelle Suche nach solchen Fehlern, die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wir haben uns gedacht, wozu brauche ich Heuhaufen! Ich will nur die Nadeln sehen. Genau das macht unsere Software. Sie ist der Magnet, der quasi alle Nadeln sofort zum Vorschein bringt. Und das machen wir selbst mit riesengroßen Seiten. Um das Thema „Big Data“ mal ein bisschen zu visualisieren: Wir crawlen jeden Monat an die 8 Milliarden Seiten, 150 Billiarden Datenpunkte. Größere Kunden haben 25 Millionen Webseiten, das sind schnell mal mehrere Terabyte an Daten. Das hat noch vor ein paar Jahren auf keine Festplatte gepasst und unsere Software ermöglicht es, mit diesen gigantischen Datenmengen fast in Real-Time zu arbeiten. Es kann sein, dass auf einer Website nur ein Zeichen falsch gesetzt ist und genau dieses Zeichen kann dafür verantwortlich sein, dass meine Seite bei Google nicht indexiert wird. Dieses eine Zeichen auf Millionen von Seiten zu finden ist eine Mordsarbeit und mit unserem Tool geht das mit einem Fingerschnipsen.

MEDIEN-MONITOR: Wie sind sie damals auf die Idee gekommen und wie ging das damals los?

TANDLER: Wir wollten nie ein Softwareanbieter werden. Wir haben sehr viele große Kunden beraten. Die Analyse von großen Seiten ist mitunter ein recht zeitaufwendiger Prozess. Es hat uns keine Software diese Arbeit abgenommen. Da hat unser CTO Merlin einfach eine eigene Software programmiert. Und wenn man so eine Software baut, dann kommen durchaus immer mehr Leute und sagen: „Die hätten wir auch gerne!“ Zunächst haben wir gesagt: „Nein! Das ist ein Wettbewerbsvorteil, den wir da haben!“ Wir hatten gar keine Lust, unser Tool herauszugeben. Ich wollte auch nie eine große Firma haben. Ich war sehr froh in dieser Vier-Mann-Konstellation. Ich war sehr viel im Ausland unterwegs und da will man ja auch nicht 30 Mitarbeiter haben und dann sagen: „Ich bin jetzt mal wieder hier und mal wieder da.“ Aber auch meine Lebenssituation hat sich ein bisschen geändert. Ich habe geheiratet, ein Haus gekauft, ein Kind bekommen und mein HON-Status bei der Lufthansa ist abgelaufen. Und da ist dieser Moment gekommen, an dem ich gesagt habe, jetzt will ich auch mehr in München sein. Und dann hat auch der Moment gepasst, wo wir gesagt haben: „Jetzt machen wir das!“ Wir haben lange nicht daran geglaubt, dass wir mit dieser Software einen Markt haben. Uns haben eher Leute angesprochen, die sehr tief in dieser Materie drin sind und sofort verstanden haben, was unsere Software macht. Aber wir haben gar nicht gesehen, dass da so ein großes Marktpotential vorherrscht. Deswegen haben wir zunächst eine kostenpflichtige Beta-Version angeboten. Die Leute konnten schauen, ob sie mit der Software arbeiten können und wir konnten schauen, wie es ist, wenn 100 Leute parallel mit dieser Software arbeiten. Und dabei konnten wir kontrollieren, wo noch Fehler in der Software liegen und schauen, ob man eigentlich aus der ganzen Sache eine Softwarefirma entwickeln kann. Diese kostenpflichtigen Beta-Accounts waren innerhalb von 24 Stunden vergriffen. Ab dem Moment hatten wir eine Firma. Das Lustige an der Geschichte ist: Wir hatten überhaupt noch nicht daran geglaubt und haben erst einmal eine UG gegründet und diese „Die-Lauter-Lustige-Leute-UG“ genannt. Bei den Controllern größerer Firmen kam dies allerdings nicht wirklich gut an, da dies etwas nach Spaß-Abo geklungen hat, so haben wir dann zügig die OnPage.org GmbH gegründet. Quasi wie die Jungfrau zum Kinde.

MEDIEN-MONITOR: Es gibt eine Studie, die stellt dem Mittelstand im digitalen Geschäft ein schlechtes Zeugnis aus. Mehr als die Hälfte kümmert sich dort nicht um die digitale Strategie. Gerade bei der Digitalisierung herrscht bei vielen Mittelständlern großer Nachholbedarf. Was sagen Sie dazu?

TANDLER: Vielleicht bin ich etwas voreingenommen, weil ich ja eher mit Leuten zu tun habe, die in diesem Bereich aktiv sind. Aber ich kann mir das schon vorstellen. Man macht das ganze Leben sein Geschäft, weiß ganz genau, was man da tut. Man kennt sein Produkt und achtet auf die Qualität. Auf einmal heißt es, man muss etwas in Sachen Digitalisierung tun. Oft wollen dann Firmen, die so etwas anbieten, Kohle mit einem machen. Da prasselt eine Menge auf einen ein. Man verbrennt sich mal hier die Finger, mal ein bisschen da die Finger. Und irgendwann fragt man sich dann, was ist denn in Sachen Digitalisierung die richtige Strategie. Zum Glück machen es meine Konkurrenten auch noch nicht, also muss ich es auch noch nicht machen. Obwohl das ja grade die Chance ist, wenn es die Konkurrenz nicht macht, es dann selber zu machen. Die Tatsache, dass es oft halbherzig gemacht wird, ist schade. Gerade Suchmaschinenoptimierung und Social Media überlässt man gerne mal dem Praktikant. Man probiert erst mal rum und wenn es dann funktioniert, dann wird investiert. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, dass man sich hier sehr früh Kompetenz ins Haus holt. Das man eine eigene Stelle in der Firma für so etwas schafft. Damit man nicht von Dienstleistern abhängig ist, die Kohle sehen wollen. Man braucht eine Schnittstelle in der Firma zwischen Unternehmensleitung und IT, die das Thema vorantreibt. Es kann ein absolut überforderndes Thema sein. Es bewegt sich in kurzer Zeit so viel. Man muss nur den Mut entwickeln, diesen Weg zu gehen. Man muss sich einfach früher oder später damit auseinandersetzen. Und dann fängt man am besten heute damit an.

MEDIEN-MONITOR: Welche Rolle wird die Digitalisierung des Mittelstandes in der Zukunft spielen? Wo geht die Reise hin?

TANDLER: Ich glaube, die, die mitspielen, sind auf der Reise dabei. Und die, die nicht mitspielen, für die ist die Reise bald vorbei.

MEDIEN-MONITOR: Welche Geschäftsziele peilen Sie denn für dieses Jahr noch an?

TANDLER: Wir haben jetzt unsere Software auf Englisch lokalisiert. Für uns steht nun erstmal die Internationalisierung im Mittelpunkt. Unser Produkt ist einzigartig auf der ganzen Welt. Jetzt gilt es, unser Produkt weltweit zur Verfügung zu stellen.

MEDIEN-MONITOR: Hatten Sie jemals Ängste, dass Ihr Unternehmen floppt?

TANDLER: Bisher ging es wirklich nur aufwärts. Aber wir sind auch noch superjung. Die drei Jahre vergingen wie im Flug. Wir sind bislang nur Vollgas gefahren. Wir sehen es an der Mitarbeiterzahl. Man geht da als Unternehmen durch diverse Stadien. Wir haben jetzt 32 Mitarbeiter. Ich bin nicht der klassische Typ Geschäftsführer. Ich bin ein Nerd. Meine Co-Geschäftsführer sind auch Nerds. Das ist natürlich cool, weil wir uns alle dafür begeistern. Ich habe das früher als Hobby gemacht und lustigerweise ist das heute ein Business geworden. Das hätte niemand gedacht.

MEDIEN-MONITOR: Das Team von OnPage.org ist sehr stark vernetzt in der Gründerszene. Ihr habt tolle Events ins Leben gerufen.

TANDLER: Ja, ich richte das SEOktoberfest aus. 50 SEO-begeisterte aus 20 Ländern. Die Besten aus dem SEO-Bereich kommen nach München. Die lade ich zum Oktoberfest ein. Die kriegen dann das komplette Outfit. Das sind Führungskräfte von Facebook, Microsoft und vielen anderen. Mein Kollege Andreas Bruckschlögl wiederum organisiert das Bits & Pretzels Gründerfestival, quasi die Fortführung von Laptop und Lederhose. Gestartet mit 50 Leuten als Gründer-Weißwurstfrühstück und jetzt im September werden 3.600 Leute am Event teilnehmen. Dabei werden auch über 50 Leute aus dem Sillicon-Valley eingeflogen. Auch die bekommen wieder Lederhosen.

MEDIEN-MONITOR: Was passiert da, außer das Bier getrunken wird?

TANDLER: Wir haben sehr spannende Gründerpersönlichkeiten, die ihre Geschichte erzählen werden. Wir versuchen, Gründer zusammenzubringen. Das Ganze lebt vom Austausch und von der Tatsache, dass man als Masse mehr erreicht als ein Einzelner.

MEDIEN-MONITOR: Wird es den Mittelstand, so wie wir in heute kennen, in Zukunft noch geben?

TANDLER: Wir müssen für unseren Fortbestand kämpfen. Amerikanische Unternehmen entwickeln fahrerlose Autos und Roboter ersetzen die Arbeiter. Der Mensch muss immer eine Möglichkeit haben, dass er einen Job hat und sich und seine Familie ernähren kann. Von dem her kann man nur hoffen, dass der Turbokapitalismus nicht die Weltwirtschaft wegfrisst. Das ist unglaublich wichtig.

MEDIEN-MONITOR: Herr Tandler, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Marcus Tandler führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 20. Mai 2015 in München.