„Das ist eine komplett andere Welt geworden“ ‒ Gespräch mit Markus Othmer, TV-Moderator und Fußballkommentator

Die Sportberichterstattung im Fußball hat sich in den letzten Jahrzehnten komplett gewandelt. Mehr Kameras liefern immer mehr Bilder und immer mehr Emotionen. Und das, obwohl man an die Sportler fast gar nicht mehr herankommt. Markus Othmer hat den Wandel aus erster Hand miterlebt: Er ist Moderator der Sendung Blickpunkt Sport, Kommentator der ARD Sportschau und seit 30 Jahren als Sportjournalist tätig. Beim Hilton Talk berichtet der 49-Jährige von Weißbierduschen, der Preisspirale bei den Übertragungsrechten und seinem ganz persönlichen sportlichen Highlight.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind seit fast 30 Jahren im Mediengeschäft als Sportjournalist tätig. Wie hat sich das Berufsbild des Sportjournalisten in den letzten Jahrzehnten verändert?

Othmer: Meine ersten Fußballspiele als Reporter waren in Nürnberg, damals noch im Städtischen Stadion. Es gab keine Akkreditierung, wir konnten an den Spielfeldrand gehen, nach dem Spiel auf das Spielfeld und dann hat jeder seine Interviews gemacht. Das war völlig normal! Spieler und Journalisten waren auf derselben Ebene. Und das ist durchaus auch im übertragenen Sinne zu sehen. Denn inzwischen ist es ja tatsächlich so, dass es diverse Akkreditierungsstufen gibt, diverse VIP-Stufen. Wenn ich als normaler Sportjournalist heute in die Allianz-Arena gehe, treffe ich Karl-Heinz Rummenigge nicht mehr. Den sehe ich nicht, weil ich eine Akkreditierung habe fürs Spielfeld. Wenn ich nicht für die Sportschau tätig bin, bin ich nicht Erst- oder Zweitrechteinhaber, dann kriege ich noch nicht mal die Spieler zu Gesicht. Das hat sich gewaltig geändert. Inzwischen ist es so, dass bei einem ganz normalen Bundesligaspiel über hundert Journalisten rumspringen und Interviews machen wollen. Das ist eine komplett andere Welt geworden.

MEDIEN-MONITOR: Hat sich die Medienwelt auf den Wandel innerhalb des Fußballs eingestellt oder hat sich eher das Fußballgeschäft der Medienwelt angepasst?

Othmer: Ich glaube von Beidem ein Bisschen. Die Medien finanzieren das Ganze. Allerdings inzwischen nur noch zu einem Teil. Mittlerweile gibt es viele Sponsoren und Investoren, die viel mehr Geld hineinpumpen, als es in Deutschland die ARD oder Sky machen. Das ZDF ist nur noch am Rande mit dem Samstag-Abend-Spiel dabei. Da sind ganz andere Kräfte am Werke. Welche Rolle die Sportschau in Zukunft spielen wird ist schwer vorhersehbar. Es wird Sky weiterhin geben oder einen vergleichbaren Live-Rechteinhaber aus dem Pay-TV und ansonsten wird es internetbasierte Bewegbildanbieter geben, die bereit sind viel Geld zu bezahlen. Nachrichtlich wird es sicherlich immer eine Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geben, der gesellschaftliche Stellenwert des Fußballs ist einfach riesengroß. Das beweisen auch die Rekordeinschaltquoten bei Länderspielen.

MEDIEN-MONITOR: Man sieht auch, dass die Spieler im Umgang mit den Medien durchaus geschulter sind als vor 20 Jahren…

Othmer: Philipp Lahm ist für mich eine Sensation! Der kommt vom Spielfeld runter nach dreißig Sekunden. Der steht da und schwitzt dann schon nicht mehr, die Frisur sitzt und dann fasst er das Spiel zusammen. Der hat Dinge gesehen, die ich nicht gesehen habe. Aber das ist positiv gemeint. Der kann ein Spiel zusammenfassen und er gibt im Prinzip dadurch auch vor, welche Fragen zu stellen sind. Als Erstverwerter hat man 1:30 Minuten Zeit ihm drei Fragen zu stellen. Philipp Lahm beantwortet die erste Frage allerdings schon in einer Länge von 1:10 Minuten. Da hat man dann noch eine Nachfrage und dann lacht er dich an und sagt: `Schau ma mal!‘ Das ändert sich manchmal, wenn die richtig betrunken sind nach einem Titel, mir schon zehn Liter Weißbier über den Kopf geschüttet haben, dann kommt auch mal die eine oder andere Antwort aus dem Bauch. Ich habe gestern eine Sendung aufgezeichnet, die am 07.07. anlässlich des 40. Jubiläums des `WM-Finals 1974 Dahoam´ ausgestrahlt wird. Franz Beckenbauer, der ehemalige Stadionchef und ein paar Journalisten haben Geschichten erzählt wie das damals war. Die haben Bilder gezeigt, wie die Reporter damals beim Duschen dabei waren. Die Achselhaare waren damals länger, heute rasieren sich die Spieler. Da gab es Bier und Zigaretten in der Dusche und die Reporter waren dabei.

MEDIEN-MONITOR: Heute werden vom Reporter immer wieder dieselben Standardfragen gestellt.

Othmer: Weil du eben nur anderthalb Minuten Zeit hast. Wenn du gleich sagst: ‘Sie haben aber Scheiße gespielt heute‘, dann kriegst du trotzdem die gleiche Antwort. Es wird auch von den Vereinen festgelegt, wer zum Interview kommt. In der Championsleague ist es ein bisschen anders. Dort hast du als Erstverwerter das Recht zu sagen, welche drei Spieler du gerne haben würdest. Dann kommen die auch in der Regel. Sonst gibt es Strafen. Wenn du wirklich journalistisch arbeiten willst hast du keine Chance. Spieler stehen für Interviews nicht zur Verfügung. Die Zeiten wo wir die Telefonnummern der Spieler hatten sind auch vorbei. Und die Spielerberater sagen: ‘Naja, Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen? Das überlegen wir uns zweimal.´ Da wird nämlich nichts für Studiogäste gezahlt.

MEDIEN-MONITOR: Wie weit darf mediales Interesse im Sport gehen, wo ziehen Sie persönliche Grenzen?

Othmer: Ich finde es sehr grenzwertig, wenn es ein Public Viewing bei Uli Hoeneß in der Zelle gibt. Das sind Persönlichkeitsrechte, die angetastet werden. Ich finde es nicht in Ordnung, dass überall Fotos mit den Handys gemacht werden für ‘Bild-Reporter 1414´. Das finde ich abenteuerlich, dass ein Fußballer abends nicht mehr zum Essen gehen kann, ohne dass er dabei fotografiert wird. Ist es ein Bier oder ist es doch nur eine Apfelsaftschorle – mich interessiert das nicht und ich mache das auch nicht. Das Interesse an den Geschichten rund um die Fußballer ist oft größer als am Sport selbst.

MEDIEN-MONITOR: Sie berichten seit vielen Jahren nicht nur vom Fußball, sondern auch vom Ski Alpin und Biathlon. Kommt da so ein bisschen Konkurrenz zum Fußball auf?

Othmer: Nein. Wir haben bei den Winterspielen in Sotchi in der Spitze zehn Millionen Zuschauer gehabt. Beim DFB-Pokalfinale waren es 14,9 Millionen. Eine Teamentscheidung im Skispringen direkt vor der Tagesschau: 10 Millionen. Das kann man nicht mit dem Fußball vergleichen. Biathlon ist von November bis März, dann ist die Saison vorbei. Wenn kein Fußball gespielt wird, ist das der Ersatz. Wenn im Ski Alpin die Protagonisten wie Höfl-Riesch und Neureuther einmal nicht mehr da sind, muss Ski Alpin dringend aufpassen, kein solches Dasein zu fristen wie mittlerweile der Handballsport in Deutschland.

MEDIEN-MONITOR: Sichtbar wird das öffentliche Interesse vor allem bei den Fernsehgeldern. Die 1. und 2. Bundesliga erlösen momentan für ihre TV-Rechte 628 Millionen Euro pro Saison. Ist das ein Fass ohne Boden?

Othmer: Die ARD hat gepokert und gesagt, wir sind bereit, 100 Millionen zu zahlen. Das ist ziemlich viel Geld. Sky hat blind bieten müssen und dann sind rund 500 Millionen von Sky in dem Pott gelandet. Es war lange Jahre so, dass die Öffentlich-Rechtlichen wirklich auf Augenhöhe waren. Erster Ansprechpartner ist jetzt nur noch Sky. Da klafft die Schere jetzt schon weit auseinander. Es werden weitere Ausspielkanäle, reine Internetkanäle, Special Interest-Kanäle, Vereinsplattformen wie FC Bayern TV dazukommen. Dadurch fließt dann auch mehr Geld in die Kassen. Die Quoten für die Samstags-Sportschau beweisen aber, dass die meisten Zuschauer immer noch die Bundesliga in der ARD sehen wollen.

MEDIEN-MONITOR: Die Öffentlich-Rechtlichen werden es also immer schwerer haben, weil sie diese finanziellen Möglichkeiten wie Sky nicht haben.

Othmer: Wenn Sportarten wie Handball, Volleyball, Basketball eigentlich mehr oder weniger verschwinden, weil alles nur noch auf den Fußball ausgerichtet ist, dann hat der öffentlich rechtliche Rundfunk irgendwann den Auftrag ‘Rettet den Breitensport‘ und ich glaube auch im Breitensport gibt es Spitzen. Die Volleyballer aus Unterhaching sind eine internationale Spitzenmannschaft, die können wegen einer Million Euro die ihnen fehlt, nächste Saison vielleicht gar nicht mehr mitspielen. Vielleicht wird die Abteilung komplett aufgelöst. Dann muss das Fernsehen halt auch mal andere Wege gehen.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind Kuratoriumsmitglied bei der Bayerischen Sportstiftung. Was ist Ihr Anliegen?

Othmer: Mit der Sportstiftung wollen wir Talente fördern, die inzwischen im Juniorenbereich schon bei Welt- oder Europameisterschaften an den Start gehen, aber alles selber finanzieren. Eine Spitzensportlerin die aus Bayern kommt wird von der Bayerischen Sportstiftung mit einem monatlichen Betrag von 100 Euro gefördert. Über solche Beträge reden wir da. Dafür setze ich mich als Kuratoriumsmitglied gerne ein. Wenn ich eine Veranstaltung aus dem Sportbereich moderiere, dann versuche ich immer, Geld für die Stiftung miteinzunehmen. Man muss einfach schauen, dass wenigstens ein bisschen Ausgewogenheit da ist, dass in anderen Sportarten die Talente die Chance haben nach vorne zu kommen.

MEDIEN-MONITOR: Wenn Sie auf Ihre Karriere als Sportreporter zurückblicken. Was war Ihr absolutes Highlight?

Othmer: Als ich noch bei Radio F in Nürnberg war, durfte ich ein Vorspiel im Frankenstadion gegen eine Mannschaft vom SWR bestreiten. Ich durfte nur deswegen mitspielen, weil ich damals schon in der Sportredaktion gearbeitet hatte. Ich habe tatsächlich dann ein Fallrückzieher-Tor geschossen, das war mein absolutes Highlight vor 10.000 Zuschauern, die alle nur ein ‘Ohh‘ ausriefen. Ich war bei der WM 1990 für Eurosport beim Finale dabei. Ich war bei der EM ´96 in Wembley beim Finale dabei, habe jetzt in Sotchi Olympische Spiele und Paralympics erlebt. Fünf Goldmedaillen von Anna Schaffelhuber, die querschnittsgelähmt ist und Monoski fährt. Das sind für mich Höhepunkte.

MEDIEN-MONITOR: Auf was freuen Sie sich ganz besonders bei der WM in Brasilien?

Othmer: Ich freue mich auf die hoffentlich ausgelassene Lebensfreude in Brasilien. Das wird aber nur passieren, wenn die brasilianische Mannschaft möglichst weit kommt. Ich würde mir ehrlich wünschen, dass Brasilien Weltmeister im eigenen Land wird und dass sich da ein Kreis schließt. 1950 war ja schon einmal eine WM in Brasilien und im Finale hat Brasilien gegen Uruguay vor 200.000 Zuschauern im Maracana verloren.

MEDIEN-MONITOR: Herr Othmer, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Markus Othmer führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 21. Mai 2014 in München.