„Social Business ist die soziale Marktwirtschaft 2.0“

Gespräch mit Peter Spiegel, Buchautor, Unternehmensgründer und Leiter des Genisis Institute for Social Business and Impact Strategies, Berlin

Peter Spiegel Buchautor, Unternehmensgründer und Leiter des Genisis Institute for Social Business and Impact Strategies, Berlin

MEDIEN-MONITOR: Sie haben eine große Vision: Die Zukunft nach dem Zeitalter des Kapitalismus gemeinsam zu gestalten.

Peter Spiegel: Wir haben in den letzten 30 Jahren sehr mühsam gelernt, dass die Mauer zwischen Ökonomie und Ökologie zu hoch ist. Inzwischen haben eine ganze Menge Menschen entdeckt: Ökonomie und Ökologie vertragen sich viel besser, als vor 30 Jahren vermutet. Alle Parteien haben dies mittlerweile erkannt, auch wenn die Mauer noch nicht ganz eingerissen ist. Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus reißt eine neue Mauer ein. Er sagt: Auch Ökonomie und das Soziale vertragen sich weitaus besser, als wir das bisher vermutet haben. Yunus hat dies mit seiner Grameen-Bank gezeigt und ein großes Thema angepackt: Die Armutsüberwindung.

MEDIEN-MONITOR: Mit Krediten für Millionen Menschen…

Peter Spiegel: In der Tat. Mit Mikrokrediten in Höhe von jeweils etwa 20 Euro. Dieses Prinzip hat Menschen sehr erfolgreich aus der Armutsfalle herausgeführt. In Bangladesch alleine hat die Grameen Bank acht Millionen Kreditnehmer, davon profitierten unmittelbar 40 Millionen Menschen. Weltweit sind es inzwischen über 130 Millionen Menschen, die Zugang zu Kleinkrediten bekommen haben. Aus Bettlern wurden dadurch Unternehmer. Die Vergabe von Mikrokrediten ist der mit Abstand nachhaltigste Weg, um Menschen aus der Armut herauszuführen. Das Armutsproblem wird also durch Banking gelöst – wer hätte das noch vor einiger Zeit gedacht? Gleichzeitig funktioniert das Prinzip auch wirtschaftlich voll und ganz. Die Grameen Bank ist keine Organisation, die Charity-Zuwendungen erhält. Sie ist eine ganz normale Bank, die seit 15 Jahren erfolgreich funktioniert.

MEDIEN-MONITOR: Würde so etwas bei uns auch funktionieren?

Peter Spiegel: Die Kleinkredite funktionieren überall. Es gibt inzwischen Kleinkredit-Organisationen in weit über 100 Ländern. Eine der erfolgreichsten Kleinkredit-Organisationen ist eine Filiale von Grameen in New York. Auch dort liegt die Rückzahlungsquote der Ärmsten bei 99 Prozent. In Deutschland widmen wir uns unter anderem während der Vision-Summit-Konferenz dem Thema Social Business. Wir haben erreicht, dass die Bundesregierung die Idee aufgegriffen hat und nun ein 100-Millionen-Euro-Programm ins Leben gerufen hat. Auch in Deutschland existieren bereits Kleinkredit-Organisationen, die genauso erfolgreich arbeiten wie jene in Bangladesch. Doch Social Business wird bisher noch viel zu einseitig mit der Mikrofinanzidee verbunden.

MEDIEN-MONITOR: Was ist Social Business noch?

Peter Spiegel: Als Yunus im Jahr 2006 den Nobelpreis erhielt, nutzte er seine Dankesrede in Oslo dazu, um eine neue, noch weiter reichende Idee ins Leben zu rufen. Er appellierte dazu, sehr viele weitere Unternehmen zu gründen, die gesellschaftliche und soziale Probleme auf wirtschaftliche Art und Weise lösen. Ich nenne hierzu bewusst ein Beispiel, in dem soziale, ökologische und ökonomische Aspekte verbunden werden. Yunus hat in Bangladesch ein Energieunternehmen namens Grameen Shakti gegründet. Mit diesem wollte er möglichst vielen Menschen den Zugang zu Solar-Energie ermöglichen. Das war keine besonders originelle Idee, viele andere hatten dies bereits versucht. Doch die meisten Experten vertraten bisher die Ansicht, dass sich Solar-Energie bei uns nicht rechnet und in Armutsregionen wie Bangladesch oder Burkina Faso erst recht nicht selbsttragend funktionieren wird. Doch Yunus stellte fest, dass ausgerechnet die Ärmsten am allermeisten für ihre Energie bezahlt haben. In den ländlichen Regionen der armen Länder gibt es keine Überlandleitungen. Dort nutzen die Menschen Kerosin: die teuerste und gleichzeitig dreckigste Art der Energie. Yunus hat den Menschen die Installation von Solar Home Systems angeboten. Die Nutzer sollten genau denselben Betrag, den sie für ihre bisherige Energieform bezahlt haben, an Grameen Shakti als Abbezahlung für die neu installierten Anlagen entrichten. Die große Überraschung: Nach weniger als drei Jahren waren die Anlagen abbezahlt. Sie halten aber mindestens sieben Jahre, mit Wartung sogar 15 Jahre. Yunus entwickelte also ein unglaubliches, neues Geschäftsmodell. Solarenergie setzte sich ausgerechnet in den Armutsregionen schneller durch als überall sonst auf der Welt. Ein indischer Wirtschaftsprofessor namens Prahalad hat daraus eine generelle These abgeleitet. Er sagt: Die nächste Generation von Innovationen im technischen Bereich, aber auch im Sinne von innovativen Geschäftsmodellen, entsteht nicht mehr in den Wohlstands-, sondern in Armutsmärkten. Dort müssen die Menschen ihre Denkweise derart radikal in Frage stellen, wie nirgendwo sonst. Wer es schafft, gewinnt einen Weltmarkt. Mit dieser These putzte Prahalad bei den großen Konzernen der Welt Klinken und stieß auf offene Ohren. In Amerika denken große Unternehmen intensiv darüber nach, wie sich soziale Probleme unternehmerisch lösen lassen. Bei uns in Deutschland ist die Idee leider noch nicht richtig angekommen. Deshalb arbeiten wir mit dem besten Institut für Innovationsentwicklung, dem ‘Hasso-Plattner-Institut, School of Design Thinking’ in Potsdam, zusammen, um Unternehmen dieses neue Denken mit handfesten Social-Business-Geschäftsmodellen nahezubringen. Mit Hilfe des Social Business steht uns nicht weniger bevor, als das nächste Weltwirtschaftswunder.

MEDIEN-MONITOR: Sie trauen den Menschen unglaublich viel zu. Wo finden Sie den Humus für Ihre Visionen? Wo gehen Sie hin mit Ihrem Institut? Wen sprechen Sie an?

Peter Spiegel: Soziale Themen werden üblicherweise als Baustelle des Staates angesehen. Auch Charity-Organisationen widmen sich sozialen Problemen. Es widerstrebt jedoch unserer Tradition, die Thematik unternehmerisch anzugehen. Doch genau das müssen wir jetzt lernen. Ich nenne wieder ein Beispiel: In Dänemark hat sich der Vater eines autistischen Sohnes die Frage gestellt, ob dieser lebenslang ein Betreuungsfall sein muss und welche Fähigkeiten er hat. Jeder, der den Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman gesehen hat, weiß, dass autistische Menschen oftmals unglaublich gut mit Zahlen umgehen können. Der Vater hat diese Besonderheit in ein Geschäftsmodell umgewandelt. Heute arbeitet sein Unternehmen namens Specialisterne für Intel und andere große Unternehmen der Branche. Es expandiert in die ganze Welt, auch nach Deutschland. Ich habe keinerlei Zweifel, dass der Sozialstaat in Deutschland Raum für Sozialunternehmer dieser Art schaffen muss. Schließlich ist unser Sozialsystem schlicht nicht mehr finanzierbar.

MEDIEN-MONITOR: Sie fordern einen Global-Marshall-Plan. Wie sieht dieser aus?

Peter Spiegel: Die Idee des Global-Marshall-Plans liegt einige Jahre zurück. Wir sollten als Wohlstandsland dabei mithelfen, dass ärmere Länder schnell aus ihrer kritischen Situation finden. Gleichzeitig ist damit auch eine ökologische Herausforderung verbunden. Jeder weiß inzwischen, dass der Planet keinen Wohlstand à la Deutschland für sechs oder sieben Milliarden Menschen aushält. Das Ziel des Global-Marshall-Plans war der Balance-Gedanke. Das beste Instrument, das wir gefunden haben um ihn zu realisieren, ist Social Business.

MEDIEN-MONITOR: Wer hilft Ihnen dabei? Wer sind Ihre Mitstreiter?

Peter Spiegel: Interessanterweise viele Menschen aus der Wirtschaft. Ich war darüber selber überrascht. Ich habe das „GENISIS Institute for Social Business and Impact Strategies“ vor zwei Jahren als Experiment begonnen und es gemeinsam mit erfolgreichen Menschen aus der Wirtschaft gegründet. Diese treiben zusammen mit mir die Idee des Social Business in Deutschland voran. Mittlerweile gibt es sogar schon an der Wirtschaftselite-Schule European Business School in Oestrich-Winkel den deutschlandweit ersten Lehrstuhl für Social Business. Viele weitere Lehrstühle entstehen derzeit. Zudem widmet sich mittlerweile eine Zeitschrift namens „enorm“ der Thematik und es existieren auch in unserem Lande bereits über 100 Social-Business-Unternehmen. Überdies greift die Politik unsere Idee auf. Und auch Stiftungen denken um und kommen immer häufiger zu dem Schluss, dass sie ihr Geld nicht einmal, sondern mehrmals ausgeben sollten. Denn wenn es zurückkommt, kann es immer wieder ausgegeben werden – das ist die Idee von Social Business. Wir sind also angekommen in Deutschland. Das Erfreuliche daran ist, dass viele Menschen aus der Wirtschaft etwas anderes als die Geldgier entdecken. In allen Wirtschaftsbereichen finden Menschen Freude daran, ihre unternehmerische Kompetenz in die Social-Business-Richtung zu lenken. Sie gewinnen dadurch an sinnhaftem Leben. Das ist der Treibstoff unserer Bewegung.

MEDIEN-MONITOR: Dann kann die in Erosion befindliche Soziale Marktwirtschaft Ihren Ansprüchen nicht mehr genügen?

Peter Spiegel: Social Business ist die soziale Marktwirtschaft 2.0. Die alten Sozialsysteme sind am Ende ihres Entwicklungspotentials angekommen. Ich habe die Zeit nicht mitbekommen, in der die Soziale Marktwirtschaft aufblühte und wichtige Funktionen erfüllte. Aber die Zeiten sind vorbei, das Sozialsystem ist heute nicht mehr finanzierbar, außerdem gibt es bessere Lösungen. Wir müssen uns stattdessen fragen, welche Fähigkeiten Menschen haben. Interessanterweise hat man in Brasilien festgestellt, dass nicht wenige der neuen Generation von Unternehmern auf Müllhalden aufgewachsen sind. Diese Menschen haben Fähigkeiten, die man oft übersieht. Der Blick auf die Fähigkeiten ermöglicht eine wesentlich aktivere Gesellschaft – auch bei uns.

MEDIEN-MONITOR: Stichwort „auch bei uns“: Kann unser Wirtschaftssystem vier Millionen Arbeitslose in die Selbstständigkeit führen?

Peter Spiegel: Wenn Sie unter Selbstständigkeit verstehen, dass viele kleine Unternehmen gegründet werden, würde ich sagen: Diese Erwartung ist natürlich überzogen. Nichtsdestotrotz sind durch das 100-Millionen-Euro-Programm sehr viele Menschen aus der Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit übergewechselt. Wir brauchen aber eine andere Art der Selbstständigkeit. Wir brauchen selbständigere Menschen innerhalb der Unternehmen. Wir brauchen Intrapreneure, nicht nur Entrepreneure. In der Wirtschaft sind jene Unternehmer am erfolgreichsten, die ihren Mitarbeitern einen extrem hohen Stellenwert zumessen. Ich war zeitweise Sprecher eines Wirtschaftsverbands und hatte die Gelegenheit, mit vielen mittelständischen Unternehmen in Kontakt zu kommen. Und die These hat sich bestätigt: Die Wertschätzung der Menschen und die Verselbständigung in diesem übertragenen Sinne sind das neue Erfolgsrezept in der Wirtschaft.

MEDIEN-MONITOR: Das „GENISIS Institute for Social Business and Impact Strategies” sitzt in Berlin. Was macht Ihr Institut und wie finanziert es sich?

Peter Spiegel: Es gab eine Anschubfinanzierung von insgesamt acht Unternehmern aus der Wirtschaft. Dauerhaft finanzieren wir uns über unsere Tätigkeiten. Wenn wir Social Business betreiben und nicht wirtschaftlich denken könnten, hätten wir ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die strategische Zielsetzung für die ersten zwei Jahre war etwas Aberwitziges, etwas völlig Verrücktes: Wir wollten die Idee des Social Business in Deutschland in einer völlig neuen Weise als gesellschaftliche Bewegung installieren. Alle Sektoren der Gesellschaft – die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft, die Politik, die Stiftungen, etc. – sollten die Idee positiv aufnehmen. Die Ökoszene hat 20 Jahre verloren, weil die Umwelt-Idee zu sehr von eher links orientierten Menschen aufgegriffen wurde. Inzwischen ist sie universell in der Gesellschaft angekommen. Die Versöhnung von Ökonomie und Sozialem kann nicht anders laufen. Wir wollten daher eine Infrastruktur zur Realisierung unserer Idee initiieren. Und das haben wir tatsächlich in zwei Jahren erreicht. Jetzt verfolgen wir einen anderen Ansatz und möchten insbesondere Unternehmen Begleitung anbieten, die ihre CSR-Strategien in Social-Business-Ideen umwandeln wollen. Denn: CSR (Corporate Social Responsibility) heißt Geld ausgeben. Social Business heißt Geld investieren und wieder zurückzubekommen. Gesellschaftliche Verantwortung kann man dank dieses neuen Impulses intelligenter übernehmen als mit CSR. Das große Versicherungsunternehmen ERGO will durch unsere Impulse nun ganze Produktpaletten im Sinne von Social Business entwickeln. Auch andere große Unternehmen haben sich auf die Idee eingelassen, Danone, BASF und Adidas beispielsweise. Derzeit verstärken wir unsererseits die Gespräche mit mittelständischen Unternehmen.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben das Wörtchen „Gier“ angesprochen. Man hat den Eindruck, viele Institute haben aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt. Sie bedienen sich bereits wieder aus einem großen Topf, in den die Steuerzahler zahlen. Die Gier ist aber auch so etwas wie ein Antrieb. Wie wollen Sie es schaffen, dass die Gier aus unserem Wirtschaftssystem verschwindet?

Peter Spiegel: Ich habe nichts gegen Gier. Es kommt darauf an, worauf sie gerichtet wird. Ich bin ein ausgesprochen gieriger Mensch, ich bin gierig nach sinnhafter Arbeit. Ich bin auch sehr neugierig. Man darf gierig danach sein, unternehmerische Gestaltungskraft für eine bessere Gesellschaft zu generieren.

MEDIEN-MONITOR: Ein Sozialunternehmer kann also wesentlich glücklicher sein, als ein Unternehmer, der nur die Geldmaximierung im Sinn hat. Arbeit muss Sinn machen.

Peter Spiegel: Er ist dann wesentlich glücklicher, definitiv. Der Deutschland-Chef von Danone hat mit Grameen eine Kooperation geschlossen, um einen Joghurt herzustellen, in dem die Nahrungsbestandteile sind, die normalerweise in der Ernährung der Ärmsten fehlen. Dieser Unternehmensführer hat gesagt, dass die Lösung eines offensichtlichen gesellschaftlichen Problems seine Mitarbeiter stärker motiviere als alle anderen Trainingsprogramme zuvor. Diese Kraft haben wir noch viel zu wenig erkannt. Sinnhaftes Handeln ist der beste Antriebsstoff für Glück, Zufriedenheit und unternehmerische Innovationen. Die besten Innovationen werden von Menschen entwickelt, die ein starkes Anliegen im ökologischen oder sozialen Bereich haben.

MEDIEN-MONITOR: Lassen Sie uns noch einmal einen Blick auf die globale Situation werfen. Würde die Abschaffung der Armut in den sogenannten Drittweltländern den Rückgang unseres Lebensstandards bedeuten? Müssen wir uns also zurücknehmen?

Peter Spiegel: Aus meiner Sicht nicht. Vergegenwärtigen Sie sich die Auswirkungen der Entwicklung Chinas: Dort haben 300 Millionen Menschen aus der Armut herausgefunden. Jetzt sprechen wir von einer zehnfach größeren Dimension. Die restlichen drei Milliarden, die heute noch „out of economy“ sind, müssen hineingeführt werden. Wieso sollten wir dadurch ärmer werden? Unsere Gesellschaft wird durch die Überwindung der Armut in den Drittweltländern nicht ärmer. Wir haben in Europa erlebt, dass viele neue Länder in die EU aufgenommen wurden. Dadurch hat die deutsche Wirtschaft neue Märkte gewonnen. Wir können eine wesentlich reichere Welt schaffen, wenn wir nicht mehr nur einseitig unseren Wohlstand im Blick haben.

MEDIEN-MONITOR: An positive Möglichkeiten nicht zu glauben ist also schlichte Dummheit

Peter Spiegel: Da zitieren Sie einen meiner Lieblingssätze des deutschen Philosophen Hans Vaihinger. Der sagte einmal: Positive Gestaltungsmöglichkeiten nicht in Erwägung zu ziehen ist schlicht Dummheit, weil wir uns dadurch selbst dazu verdammen, diese positiven Varianten nicht zuzulassen. Yunus musste erst denken, dass es möglich ist, mit einem neuen Bankensystem den ärmsten Menschen substantiell zu helfen. Alle Bänker im Westen haben gesagt, dass das gar nicht funktionieren kann. Doch Yunus hat den Gedanken zugelassen. Das zeigt, welches Potential im positiven Denken steckt.

MEDIEN-MONITOR: Werden Ihre Ideen auch von der Politik aufgegriffen?

Peter Spiegel: Es ist unsere Aufgabe, kreative Lösungen zu finden, die auch die Politik überzeugen. Ich nenne das Beispiel von Murat Vural, der eine Lösung gefunden hat, Migrantenkinder sehr viel schneller aus den bekannten Bildungsdefizit-Kreisläufen herauszuführen. Er hat erfolgreiche Migranten dazu motiviert, Gymnasiasten Nachhilfe zu geben. Der Deal dabei war: Die Gymnasiasten bekamen nur dann Nachhilfe, wenn sie selbst der nächsten Stufe – also Realschülern – ebenfalls Nachhilfe gaben. Diese wiederum bekamen nur dann Nachhilfe, wenn sie Hauptschüler unterstützten. Dieses Prinzip kostet der Gesellschaft letztlich wesentlich weniger Geld und ist ein sehr kluger sozialer Deal. Vural hat dafür das Bundesverdienstkreuz erhalten. Die politische Ebene hat die Idee aufgegriffen. Ich weise immer wieder auf dasselbe Phänomen hin: Wir brauchen eine Innovationskultur für all diese Themenfelder. Wir müssen alles in Frage stellen und Antworten dieser Art finden.

MEDIEN-MONITOR: Letzte Frage: Angenommen, Sie säßen für eine neue Partei am Kabinettstisch der Bundesregierung, welche Reformen würden Sie als Erstes umsetzen?

Peter Spiegel: Wenn ich eine Problematik herausgreifen muss, würde ich versuchen, zur Weltklima-Thematik einen neuen Impuls voranzutreiben. Unter der Leitung des Umweltökonomen Prof. Dr. Lutz Wicke habe ich an einer Vorlage zur Weltklimaproblematik mitgearbeitet, die gleichzeitig soziale Fortschritte bewirken könnte: Wir plädierten dabei für ein weltweites Emissionshandelssystem mit einem Design, das unvergleichlich stärkere Wendeeffekte in Richtung nachhaltiger Wirtschaft erzeugt als alle bisherigen Vorschläge. Das Entscheidende daran war die Wettbewerbsneutralität. Alle Unternehmen und Nationalstaaten würden nach denselben Maßstäben belastet. Länder, die weniger von der Umwelt verbrauchen und ärmer sind, würden mit den gewonnenen Geldern dabei unterstützt, ressourcenschonende Technologien zu fördern und die Armut zu überwinden. Medien und Öko-Szene, die anfangs dagegen war, haben das Konzept aufgegriffen. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat es inzwischen weitgehend übernommen. Die Realisierung dieses Kyoto-Plus-Konzepts würde ich als erstes in Angriff nehmen. Denn wenn wir die Klima-Thematik nicht lösen, werden wir alle Schiffbruch erleiden. Und das können wir uns nicht leisten. Wenn ich heute nicht global denke, dann bin ich kein Politiker, sondern Interessen-Lobbyist für ein Land oder andere Kräfte dahinter.

MEDIEN-MONITOR: Herr Spiegel, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 18. November 2010 in München.