Sigrid Janetzko

„Wenn Frauen für den Erfolg von Unternehmen wichtig sind, sollte die Quote steigen!“: Gespräch mit Sigrid Janetzko, Bankdirektorin, Mitglied im Aufsichtsrat der WestLB und Vorstandsmitglied im Berufsverband DIE FÜHRUNGSKRÄFTE.

Beim Thema Frauen in Führungspositionen tut sich in Deutschland seit Jahren zu wenig. Um dies zu ändern, sollten wir die klassischen Rollenbilder hinterfragen, meint Sigrid Janetzko – auch die männlichen. Der Zukunft blickt sie optimistisch entgegen und prognostiziert für 2032 eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent in Aufsichtsräten der gelisteten deutschen Unternehmen.

MEDIEN-MONITOR: Wie haben Sie es geschafft, sich in der von Männern dominierten Bankenwelt durchzusetzen?

Sigrid Janetzko: Das liegt wohl an meinem Elternhaus. Ich musste mich als Kind schon gegen meinen älteren Bruder behaupten. Ich habe gelernt, dass Frauen durchaus etwas fordern und auch einmal in die Offensive gehen dürfen.

MEDIEN-MONITOR: Ihr Bruder hatte wohl nichts zu lachen.

Sigrid Janetzko: Doch, wir haben sogar oft zusammen gelacht. Aber auf die klassische Normung haben meine Eltern verzichtet. Bei uns gab es nicht babyblau oder -rosa. Wir wurden gleich behandelt. Hinzu kam, was viele Frauen in anderen Branchen auch nach vorne bringt: Die Leistung. Ich habe auch sehr anspruchsvolle Projekte übernommen.

MEDIEN-MONITOR: Mussten Sie manchmal männliche Charaktereigenschaften adaptieren?

Sigrid Janetzko: Nein. Bestimmte, so genannte männliche Eigenschaften, die mich heute auszeichnen, habe ich von zuhause mitgebracht. Deshalb konnte ich immer authentisch sein.

MEDIEN-MONITOR: Aber den Ellenbogen mussten Sie hin und wieder schon einsetzen, um sich ein bisschen Raum zu verschaffen?

Sigrid Janetzko: Den Ellenbogen nicht, aber den Würgegriff schon mal. Ellenbogen stoßen eher nach rechts und links. Aber da stehen die Kollegen. Doch die Hindernisse in der Karriere bereiten in der Regel nicht die Kollegen, sondern eher Vorgesetzte.

MEDIEN-MONITOR: Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere Männer erlebt, die mit Ihrer Führungsrolle gar nicht zurechtgekommen sind?

Sigrid Janetzko: Es gab einen konkreten Fall, aber das war nichts Persönliches. Der Herr hatte grundsätzlich mit Frauen Probleme. Wir haben trotzdem eine gute Arbeitsbeziehung hinbekommen. Ich musste mich allerdings intensiv darum kümmern, aber es hat sich gelohnt, denn er war ein Spezialist. In solchen Situationen muss man auch kreative Wege finden.

MEDIEN-MONITOR: Sind Frauen in Führungspositionen mittlerweile zur Normalität geworden? Wir haben ja schließlich auch eine Kanzlerin.

Sigrid Janetzko: Normalität sicherlich noch nicht. Wenn ich in mein Haus blicke, muss man sagen: Gerade wenn man die obere Führungsebene ansieht, hat sich in den vergangenen 25 Jahren eigentlich nichts bewegt. In den unteren Ebenen gibt es sicherlich eine Vielzahl junger aufstrebender weiblicher Führungskräfte.

MEDIEN-MONITOR: Sie geben als Mentorin weiblichen Nachwuchskräften wichtige Karrieretipps.

Sigrid Janetzko: Ich bin im Mentoren-Programm der WestLB Cross-Mentorin. Das heißt, ich betreue wechselseitig Mentees anderer Unternehmen, auch aus anderen Branchen und mache das auch ehrenamtlich in einem Förderprogramm für das Land NRW. Das Konzept heißt „Kompetenz im Management“. Ich empfehle jungen Mentees, das Crossover nicht zu vergessen.

MEDIEN-MONITOR: Können Sie das kurz erklären, es sitzen ja auch mehrere junge Damen im Publikum.

Sigrid Janetzko: Das gilt auch für junge Herren. Einige unter uns werden die Erfahrung gemacht haben, dass es schwierig ist, im eigenen Hause über Nachfolge- oder Stellvertretungsregelungen Karriere zu machen. Auch die Mitgliedschaft in einem Mentoring-Programm macht die Karriere nicht zum Selbstläufer. Sowohl für Nachwuchsführungskräfte als auch für Unternehmen ist es vorteilhaft vielfältige Sichtweisen zu sammeln.

MEDIEN-MONITOR: Der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der 160 börsennotierten deutschen Unternehmen lag 2011 bei zehn Prozent. In den Vorständen dieser Unternehmen sieht es noch schlechter aus. Hier lag die Frauenquote im vergangenen Jahr bei nur 3,1 Prozent. In den Führungsgremien sind Frauen trotz positiver Entwicklung in 2011 weiterhin stark unterrepräsentiert, dies obwohl laut EU-Justizkommissarin Vivian Reding über 60 Prozent aller Universitätsabsolventen weiblich sind. Wie ist das zu erklären?

Sigrid Janetzko: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das erklären kann. Wir müssen uns erst einmal fragen: Worüber reden wir hier überhaupt? Wenn wir auf die großen DAX-Unternehmen blicken, sprechen wir geschätzt über 400 bis 500 Top-Positionen. Gesamtgesellschaftlich ist das eine Nach-Komma-Stelle. Wichtiger ist es, auf allen Ebenen den Anteil weiblicher Führungskräfte zu erhöhen. Auf diese Art und Weise würde sich nach dem Gesetz der Zeit und Serie auch die Situation in den oberen Etagen verbessern.

MEDIEN-MONITOR: Ist eine gesetzliche Quote dann nicht doch angebracht? Sie haben es allerdings ohne Quote geschafft.

Sigrid Janetzko: Ich bin keine Quotenfrau. Als Controller bin ich jedoch mit Quoten bestens vertraut. Die Quote ist ein Mittel der Beschleunigung eines gewünschten Veränderungsprozesses. In Norwegen, den Niederlanden, Österreich gibt es die Quote bereits, während wir in Deutschland an Boden verlieren. Wenn Frauen zum Erfolg eines Unternehmens beitragen und wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann sollte auch Deutschland einen Weg finden, mehr Frauen in Führungspositionen zu befördern. Aus meiner Sicht gerne auch schneller.

MEDIEN-MONITOR: Gegner der Frauenquote verweisen auf das so genannte Leistungsprinzip. Führungspositionen sollten nicht nach einer Quote, sondern nach Eignung vergeben werden. Haben sie Recht?

Sigrid Janetzko: Ja, hatten sie immer schon. Aber vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mehr Frauen in Führungspositionen kommen sollten. Wenn es 60 Prozent weibliche Universitätsabgänger gibt, wird es Zeit, dass sich etwas ändert.

MEDIEN-MONITOR: Befinden sich die männlichen Führungskräfte und Arbeitgeber in Deutschland in einer Angststarre? Befürchten sie, selbst auf der Strecke zu bleiben, wenn sie an den Strukturen zu viel ändern?

Sigrid Janetzko: Sie befinden sich zumindest in einer Art Bewegungslosigkeit. Ich denke, dass das zum Teil auch mit Ängsten zusammenhängt. Denn Angst ist die stärkste Motivation des Menschen. Mitte der 70er Jahre haben sich die Möglichkeiten für Frauen schon erweitert. Aber die Rolle des Mannes muss gesellschaftlich noch einmal hinterfragt werden. Denn da erkenne ich diese Erweiterung nicht.

MEDIEN-MONITOR: Als Bankdirektorin sind Sie zur Beantwortung der nächsten Frage doppelt prädestiniert: Die Wirtschafts- und Finanzkrise begann mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers. Wäre es erst gar nicht zur Krise gekommen, wenn die Lehman Sisters das Zepter in der Hand gehalten hätten?

Sigrid Janetzko: Das hätte keinen Unterschied gemacht. Sicherlich ist es so, dass die Frau als Individuum einen niedrigeren Risikoappetit hat als ein Mann, zumindest solange ihr überwiegend noch die Kindererziehung obliegt. Aber als Führungskraft ist man in Unternehmensstrukturen eingebunden. Da gibt es vielfältige Rahmenbedingungen, die beispielsweise vom Eigentümer, vom Aufsichtsrat, von den Ratingagenturen und Banken oder vom Wettbewerb kommen. In diesem Kontext sind Frauen zu allem fähig, wozu auch Männer fähig sind.

MEDIEN-MONITOR: Die Gender-Forschung sagt allerdings, dass Frauen weniger risikobereit und vielleicht gerade deswegen die besseren Finanzakteure sind.

Sigrid Janetzko: Es gibt sicherlich Studien, die belegen, dass Frauen in der Anlageberatung zu nachhaltigeren Strategien neigen.

MEDIEN-MONITOR: Banken galten Jahrzehnte lang als Hort der Verlässlichkeit. Inzwischen gelten Banker als Buh-Männer oder auch Buh-Frauen. Die Occupy-Bewegung ist ein Ausdruck dieses Einstellungswandels. Wie können Banken das in der Wirtschaftskrise zerstörte Vertrauen zurück gewinnen?

Sigrid Janetzko: Da kann ich meiner Branche nur empfehlen, was auch im privaten Bereich gilt: Wer Vertrauen einmal verspielt hat, kann es sich nur über die Zeit wieder erarbeiten. Aber ich darf auch sagen: Banken sind wirtschaftlich agierende Unternehmen. Da geht es erst einmal ums Geld verdienen. Hier stellt sich mir die Frage, ist der Bürger nicht gut beraten, wenn er sein Selbstvertrauen durch eigenes Wissen stärkt? Denn Vertrauen ist oftmals nur die Begründung dafür, dass man sich mit einem Thema nicht ausreichend beschäftigt. Es schadet nicht, wenn man sich in der Freizeit nicht nur mit dem I-Pad, I-Phone oder Facebook beschäftigt, sondern eine Stunde pro Woche in seine Vermögensanlage investiert.

MEDIEN-MONITOR: Müssen die Banken kleiner werden, damit man sich nicht mehr auf die Klausel „too big too fail“ berufen kann?

Sigrid Janetzko: In Zeiten der Globalisierung halte ich diese Forderung grundsätzlich für eine Angstreaktion. Keiner fordert von Google oder Facebook kleiner zu werden. Es sind eine ganze Reihe von wirksamen Maßnahmen ergriffen worden, um Banken sicherer zu machen. Fakt ist auch: Die Bilanzsummen zeigen, dass der überwiegende Teil der Banken wieder wächst. Die Landesbanken schrumpfen, die Commerzbank muss schrumpfen und ich glaube, die Bank of America ist auch geschrumpft. Ansonsten sind die Banken auf dem Wachstumspfad. Aber man muss Wege finden, um das Risiko abzumildern. Das geht mit entsprechender Eigenkapitalunterlegung. Die Aufseher haben eine ganze Reihe an Maßnahmen eingeleitet, die dem Sicherheitsaspekt Rechnung tragen.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind neben Ihrem Beruf bei der WestLB im Vorstand des Berufsverbandes DIE FÜHRUNGSKRÄFTE aktiv. Wie ist seine Position zur Frauenquote?

Sigrid Janetzko: Wir sind ein Berufsverband, der geschlechtsunabhängig agiert. Diversity ist für uns ein Grundsatzthema. Von daher ist Quote für uns eigentlich etwas Selbstverständliches. Wir sind daher nicht die, die eine Quote lauthals propagieren. Wir meinen, dass deutsche Unternehmen das tun sollen, was sie nachhaltig erfolgreich macht. Das ist der Ansatzpunkt. Und wenn Frauen für den Erfolg von Unternehmen wichtig sind, dann sollte allein deswegen schon die Quote schnell steigen.

MEDIEN-MONITOR: Zum Schluss vielleicht noch eine Prognose: Bei wie viel Prozent liegt der Anteil weiblicher Aufsichtsräte in unseren DAX-Unternehmen in 20 Jahren, im Jahre 2032?

Sigrid Janetzko: Das ist schwer zu sagen, denn ich bin mir gar nicht sicher, ob es den deutschen Aktienindex in der heutigen Struktur dann noch geben wird. Wir schaffen den Anschluss an die EU und liegen bei mindestens 40 Prozent.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 23. Mai 2012 in München.