Christian Scherg und Ossi Urchs im Gespräch

Impressionen vom 19. Hilton Talk in München

Digitale Empörungsdemokratie: Die erregte Gesellschaft im 21. Jahrhundert

Das Internet verändert die Gesellschaft. „Fangt endlich an, selbst und neu zu denken!“ sagt Internet-Guru Ossi Urchs und preist die Errungenschaften der digitalen Revolution: die massenhafte Vernetzung, die in einer pluralistischen Gesellschaft vom Dialog zum „Multilog“ wird und so direkt steuert und gestaltet. Die negativen Auswirkungen massenhafter Vernetzung erlebte der überzeugte Katholik Martin Lohmann am eigenen Leib. Seine konservativen Ansichten zu Themen wie Abtreibung und Ehe lösten im Internet eine Welle der Empörung, einen so genannten Shitstorm aus. Um sich gegen solche Diffamierungen wehren zu können, fordert er mehr Schutz durch die Politik. „Es geht um Menschen und nicht um Klicks“, so Lohmann.

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft sieht Ossi Urchs ähnlich gravierend wie die Veränderungen zu Zeiten der europäischen Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert. Die Zeit ist reif für eine digitale Aufklärung im 21. Jahrhundert, sagt Urchs. „Unsere materielle Welt verändert sich grundlegend, bisher Unumstößliches wird nun umgestoßen“. Deshalb fordert Urchs den Mut zu neuem Denken ein. „Wer anders kommuniziert, denkt und lebt auch anders“.

Christian Scherg und Ossi Urchs im Gespräch

Christian Scherg (links) und Ossi Urchs auf dem 19. Hilton Talk in München.

Als Reputations-Manager muss Christian Scherg extreme Meinungen und gezielte Rufmord-Kampagnen im Internet in die richtigen Bahnen leiten. Sein Job ist es, seine Klienten, meist große Unternehmen, vor einem Imageschaden zu bewahren. „Das deutsche Rechtsystem bietet hierfür leider keinen Schutz“, so Scherg. Aus seiner Sicht muss deswegen auch die Frage nach moralischen Werten im Internet gestellt werden. Im Gegensatz zur Technologie haben sich diese nicht gleich stark mitentwickelt. Um den Umgang mit Informationen im Zeitalter der Digitalisierung neu strukturieren zu lernen, fordert Scherg die Einführung eines Unterrichtsfachs „Medienkunde“. Gerade junge Menschen müssen lernen, sich in einer digitalisierten Gesellschaft zurechtzufinden und deren Vorteile zu nutzen.

Martin Lohmann

Der katholische Publizist Lohmann fordert eine faire Streitkultur: „Toleranz ist keine Einbahnstraße.“

Für Martin Lohmann, streitbarer Publizist und konservativer Katholik, bedeutet die massenhafte Vernetzung im Internet Fluch und Segen zugleich. „Die Art der Kritik ist dort schneller und direkter geworden“, sagt Lohmann. Um diese auch richtig einordnen zu können, bedarf es einer gesunden Streitkultur, die gepflegt und geübt gehört. Eine Gesprächskultur, die von gegenseitigem Respekt und Toleranz geprägt ist und die den Bezug zur Wahrheit und Wirklichkeit nicht verliert. Nach bisherigen Erkenntnissen eher eine Utopie als Realität. Als Antwort auf die Frage von Christian Scherg nach den moralischen Werten im Internet plädiert Lohmann für die Verankerung ethischer Grundlagen im Rahmen der Ausbildung von Journalisten. Genauso wie Scherg ist Lohmann für die Einführung eines Unterrichtsfachs Medienkunde, um jungen Menschen den richtigen Umgang mit den Errungenschaften der digitalen Revolution nahe zu bringen.