Informationsflut

Blogs, Plags, Apps, Twitter & Co: Quo Vadis Kommunikation?

Nirgends scheint sich die Welt so schnell zu drehen wie in der Kommunikationsbranche. Was gestern als revolutionäre technische Neuerung Furore machte, ist heute schon Standard. So revolutionierte der legendäre Steve Jobs 2007 mit dem iPhone den Handy-Markt. 2012 sind die Smartphones mit Touchscreen und den Apps für jede Lebenslage selbst Teenagern vertrauter als die Helden ihrer Vampirsagen.

2010 folgte das iPad – und heute kann jeder nahezu überall das gesamte Spektrum des modernen Informationsaustauschs nutzen.  Dessen rasante Geschwindigkeit und scheinbare Grenzenlosigkeit verändert auch die Gesellschaft. Hüllen und Hemmungen  beginnen leichter zu fallen und immer mehr Geheimnisse verschwinden. Profitieren 2012 vom World Wide Web-Wunderland  vor allem Technikfreaks oder jene, die der Quantität zugunsten der Qualität abzuschwören beginnen?

Deltsame Mischung aus Anonymität und Intimität

Viele Menschen bewegen sich heute in der virtuellen Welt freier als im realen Leben. Kein Thema ist abwegig genug, dass  niemand darüber chatten, twittern oder bloggen würde. Die seltsame Mischung aus Anonymität und Intimität in der Netzgemeinde scheint vielen ihrer Mitglieder einen wahren Energieschub zu verleihen. Inspiriert er sie, Doktorarbeiten oder Finanzierungskredite unter die Lupe zu nehmen – vielleicht ein Gewinn.

In jedem Fall liegt kollektive Detektivarbeit im Netz im Trend. Wurde Guttenplag im vergangenen Jahr noch mit dem Grimme Online Award für hervorragende Leistungen bei der Suche nach Plagiaten in der Doktorarbeit des FDP-Politikers Karl Theodor zu Guttenberg prämiert, ist Wulffplag heute scheinbar schon eine Selbstverständlichkeit.

Als sei es die logische Konsequenz der „Kreditaffäre“, haben sich zu Jahresbeginn erneut zahllose, einander wildfremde Menschen, einträchtig versammelt. Das erklärte gemeinsame Ziel:  Die Vorwürfe gegen den Bundespräsidenten akribisch zusammen zu tragen.

Skepsis sei erlaubt bei dem Gedanken daran, welcherlei Blüten diese Aktivitäten künftig treiben könnten. Vielleicht sollte man versuchen, das Interesse der passionierten Rechercheure gezielt auf die Scharen von Kinderschändern, Heiratsschwindlern, Betrügern und anderen Kriminellen zu lenken, von denen viel zu viele trotz der scheinbaren Transparenz des Internets dort noch immer ihr Unwesen treiben.

Trendwende bei der elektronischen Kommunikation

Nach Jahren der ungebrochenen Begeisterung für die Errungenschaften des Informationszeitalters wird immer deutlicher auch Ernüchterung spürbar. Erste Unternehmen führen den E-Mail-free Friday ein. Konzerne offerieren ihren Mitarbeitern einen E-mail-losen Jahreswechsel – und die sozialen Netzwerke haben erste Abtrünnige zu beklagen. Lässt sich also bereits eine Trendwende erkennen?

Natürlich hat das Internet die Welt rund 40 Jahre nach dem Senden der ersten E-Mail restlos revolutioniert. Dank  der modernen technischen Möglichkeiten und sozialen Netzwerke ist selbst das Wenige, das auf den ersten Blick noch verborgen bleibt, meist nicht mehr unauffindbar. Das hat allerdings auch Nachteile. Zum einen droht die Informationsflut uns manchmal zu überschwemmen. Zum anderen werden auch die talentfreisten Selbstdarsteller ungeniert zu „gläsernen“ Akteuren in der schönen, neuen, virtuellen Welt.

Die „Generation Facebook“  besteht längst nicht mehr nur aus 14- bis 20-jährigen. Menschen jeden Alters erliegen der Versuchung, sich weltweit spannend, schön und erfolgreich zu präsentieren.  Nicht  selten entsteht daraus eine Sucht. Dann wird nicht täglich, sondern stündlich gechattet und gepostet, was die eigene Lebenswelt zu bieten hat. Vom Besuch des Eiffelturms bis zum Warten an der Bushaltestelle wird nichts ausgelassen – so uninteressant und überflüssig es auch sein mag.

Vielleicht haben die Maß- und Phantasielosen die Inflation der Information dergestalt offensiv betrieben, dass sich erste Social Networker zurück zu ziehen beginnen. Sicher nervt viele von ihnen auch die Tatsache, dass jeder, der nicht gezielt abgewimmelt wird, zwangsläufig zum „Freundeskreis“ gehört.

Außerdem könnte die Entscheidung,  einfach nicht mehr mitzumischen, uns auch das lang entbehrte Gefühl  von Individualität zurückbringen. Vorausgesetzt,  wir wissen die Angst davor zu beherrschen, eventuell Entscheidendes zu verpassen.

Spuren im Netz lassen sich nur schwer verwischen

Ausstiegswillige haben in der Regel viel Zeit, ihren Entschluss zu überdenken. Sie  machen nämlich die Erfahrung, dass alle Türen der „social networks“ für Neueinsteiger weit geöffnet sind, während der Ausgang  nur schwer zu finden ist. So wie sich Spuren im Netz nie ganz verwischen lassen, lässt sich auch der persönliche Account in einem der sozialen Netzwerke kaum vollständig löschen.

In den USA gibt es längst Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, für viel Geld negative Netzeinträge verschwinden zu lassen. Und auch der „schnelle Selbstmord“ des Web-Ichs wird bereits als Dienstleistung angeboten (mehr unter „Web 2.0 Suicide Machine“). Ob das technisch wirklich gelingt, sei dahin gestellt.

Tatsache jedenfalls ist, dass auf die unbändige Freude über die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Kommunikation heute die Einsicht folgt, dass  Medienkompetenz  nicht nur technisches Know-how erfordert. Die Masse an Informationen, die täglich in die Welt gesendet werden, ist nur noch mit Umsicht sinnvoll zu nutzen.

Findig verkauft „macfreedom.com“ bereits „Freiheit vom Internet“ im Minutentakt. Vielleicht ein Segen für viele Kreative, die sich nicht freiwillig ins Off begeben können. Ganz sicher aber ein perfektes Geschenk für all jene, die sich bemüßigt fühlen, den Rest der Welt unermüdlich mit Details  aus ihrem Leben zu versorgen.

Galt es lange Zeit als Statussymbol, ständig erreichbar sein zu müssen, empfinden viele Entscheidungsträger es heute als Privileg, unbesorgt auch einmal off sein zu können. Letztlich sollten wir die virtuelle Welt zu nutzen verstehen und uns nicht von ihr beherrschen lassen. Dann haben wir die Chance, in den entscheidenden Fragen up to date zu sein und trotzdem noch Zeit für spannende reale Begegnungen zu finden.

Autor: Susanne Dingerdissen