„Mehr Vorratswissen statt Downloadwissen für Kinder“ – Interview mit Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes a.D.

Josef Kraus unterrichtete zunächst als Gymnasiallehrer und war als Schulpsychologe für den Regierungsbezirk Niederbayern zuständig. Von 1995 bis 2015 war er als Schulleiter am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium in Vilsbiburg bei Landshut tätig. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes bekleidete verschiedene Vorstandsämter im Deutschen Philologenverband; von 1987 bis 2017 war er 30 Jahre lang ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Lehrerverbandes mit seinen 160.000 Mitgliedern. In dieser Zeit hat er exakt 120 deutsche Schulminister kommen und gehen sehen. Der „Titan der Bildungspolitik“ ist Gastautor bei zahlreichen Tages- und Wochenzeitungen und hat mehrere Bücher publiziert. Darunter Bestseller wie „Helikopter-Eltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“, „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ sowie sein jüngstes Werk „50 Jahre Umerziehung – Die 68er und ihre Hinterlassenschaften“. Im September 2018 erhielt er in Weimar den Deutschen Sprachpreis.

MEDIEN-MONITOR: Wie steht es um unsere Bildungsnation?

KRAUS: Ich habe 2017 ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“. Ich würde den Titel wahrscheinlich nicht noch mal wählen, weil ich den Eindruck habe, dass manche Kultusminister das als Gebrauchsanleitung verstanden haben. Sehr verkürzt gesagt: Egalisierungswahn, Quotenwahn, Abitur für alle, Gymnasium für alle, immer mehr 1,0-Zeugnisse. Mit den 68ern kamen zudem Hedonismus und Leistungsfeindlichkeit in die Schulen: Diese müsse Spaß machen, wie ein Ponyhof sein. Anstatt dass wir unseren Kindern auch etwas abverlangen, dass wir ihnen was zutrauen, dass wir ihnen etwas zumuten. Konkret zum Gleichheitswahn und Quotenwahn: Wir schaffen durch die Pseudo-Akademisierung den riesigen volkswirtschaftlichen und bildungswissenschaftlichen Vorteil Deutschland ab: Unsere hochqualifizierte und weltweit anerkannte berufliche Bildung. Andere Länder hätten sie gerne, jeder US-Amerikanische Präsident hätte sie gerne, aber wir machen sie kaputt. Folglich kämpfen wir beispielsweise mit dem Fachkräftemangel. Wir haben seit 2014 mehr junge Leute, die eine akademische Ausbildung anfangen, als junge Menschen, die in eine berufliche Ausbildung starten. Ich kann es nur unterstreichen: Immer mehr Studierberechtige führt zu nichts. Ich habe mittlerweile unterscheiden gelernt zwischen Studierberechtigen und Studierfähigen.

MEDIEN-MONITOR: Was sind die Trümmer der deutschen Bildungspolitik?

KRAUS: Das ist natürlich von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Wir haben innerhalb Deutschlands ein erhebliches Leistungsgefälle. Seit 2009 gibt es zudem keinen innendeutschen Pisa-Vergleich mehr. Es hat sich gezeigt, dass wir allein bei den 15-Jährigen innerhalb Deutschlands ein Leistungsgefälle von bis zu zwei Jahren haben. In Berlin begnügt man sich in der 10. Klasse mit Mathematikaufgaben wie „Gegeben sind drei Ziffer – 2, 3 und 6 – bilde daraus die größtmögliche dreistellige Zahl.“ Das hat man früher in der Grundschule gelöst. Wir lügen uns in die Tasche. Qualität und Quantität verhalten sich reziprok. Die Quote kann nur gesteigert werden, weil die Qualität gesenkt wird. Viele Ausbildungsbetriebe und Universitäten müssen mittlerweile Liftkurse machen, weil viele junge Leute nicht mehr das mitbringen, was sie eigentlich müssten. Das ist natürlich nicht ihre Schuld. Das ist das Versagen der Politik.

MEDIEN-MONITOR: Welche Ideologie steckt hinter der Bildungspolitik?

KRAUS: DIE Bildungspolitik gibt es nicht. Wobei ich allerdings befürchte, dass alles sich vereinheitlicht. Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Man kann ein Bildungssystem, das eigentlich eine gute Substanz hat, innerhalb kürzestes Zeit vor die Wand fahren. Baden-Württemberg hat das von 2011 bis 2016 geschafft. Baden-Württemberg war immer unter den vier führenden in Deutschland: Bayern, Sachsen, Thüringen und Baden-Württemberg. Dort gab es dann eine andere Koalition und Ende 2016 – zur letzten Evaluation – befand sich das Bundesland nicht mehr unter den vordersten vier, sondern unter den hintersten vier, auf einer Ebene mit Brandenburg, Bremen und Berlin.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben ein aktuelles Buch geschrieben „50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften“ – Was war an den Bildungsidealen der 68er falsch?

KRAUS: Der Egalisierungswahn, die Leistungsfeindlichkeit, der Quotenwahn und – das wird man vielleicht nicht sofort in Verbindung bringen – die empirische Wende der Pädagogik. Das heißt, alles was an Bildung geschieht, muss sich angeblich messen lassen. Da sitzt man dann einer OECD auf, einer Bertelsmann Stiftung und alles dreht sich nur um die Quote und noch bessere Pisa-Ergebnisse. Pisa hat eine Menge an Kollateralschäden mit sich gebracht, und das hat auch etwas mit den 68ern zu tun. Nun meint man, dass Pisa Bildung misst. Pisa misst aber gerade mal 10 Prozent des Bildungsgeschehens. Ein bisschen Textinformations-Entnahmekompetenz, ein bisschen rechnerisches und naturwissenschaftliches Verständnis. Und auf dieser Basis glaubt man eine Aussage machen zu können, wie konkurrenzfähig eine Nation im globalen Haifischbecken ist. Es ist nicht erfasst, was die Konkurrenzfähigkeit junger Leute ausmacht, welche Fremdsprachenkenntnisse sie besitzen, kulturelles, geschichtliches und geografisches Wissen werden nicht berücksichtigt. Wenn Sie heute Jugendliche fragen, was der ehemalige Bundesverteidigungsminister Peter Struck damit meinte, als er sagte „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt“, dann sehen sie nur in ahnungslose Gesichter. Die Schüler wissen gar nicht, was der Hindukusch ist. Sie müssen es erst googeln, aber selbst googeln können sie es nicht mehr, denn wer nichts weiß, muss alles glauben, wer nichts weiß, kann nicht mal richtig googeln. Das ist eine der Folgen.

Zudem wurde Leistung damals immer negativ, sogar faschistisch dargestellt: Leistungsstress, Leistungsdruck, Leistungsterror. Wir hatten noch in den 80er- und 90er-Jahre bildungspolitische Programme gehabt, in denen stand „Wer Leistung in Schule fordert, muss nach Auschwitz sagen, was er damit meint.“ Also eine unglaubliche demagogische Instrumentalisierung eines millionenfachen Leidens, das im deutschen Namen zwölf Jahre stattgefunden hat, für eigene Zwecke. Das ist nicht vorbei. Heute heißt es vielleicht nicht mehr Leistungsterror, sondern Schulstress. Alle zwei Monate haben wir eine Studie – meistens übrigens finanziert von Krankenkassen – mit dem Ergebnis, dass 70 Prozent der deutschen Schüler unter Stress leiden. Ich glaube, die haben noch nie erlebt, wie Schüler in China oder ganz Asien lernen. Ein Schulsystem, das ich nicht haben möchte. Aber wir haben halt auch nicht den Mittelweg gefunden. Wir brauchen viel mehr Leistungsorientierung in unseren Schulen. Wir müssen den Kindern wieder mehr zutrauen und zumuten. Man kann ihnen mehr zutrauen. Wir brauchen Leistung, weil Leistung das einzig demokratisch legitimierbare Kriterium ist für Aufstieg und Emanzipation. Früher waren die Aufstiegschancen Geldbeutel, Gesinnung, Geburtsadel und Geschlecht. Diese vier Kriterien wurden ersetzt durch das Leistungsprinzip. Nur durch die millionenfache Leistungsbereitschaft, durch die millionenfache gezeigte Leistung ist übrigens auch das Sozialstaatsprinzip erst denkbar.

Und ein weiterer Punkt – in Deutschland ist es sicherlich nicht opportun, das zu sagen: Wir brauchen gebildete Eliten. Wir brauchen Elitenbildung. Im angloamerikanischen Bereich hat man damit keine Probleme, da sagt man, Eliten bringen einen Mehrwert für die Gesellschaft insgesamt – ein “inequality surplus“. Das sind die vorderen zehn Prozent der besonders Leistungsfähigen, die letztendlich auch für Fortschritt stehen und die Menschen mit sich ziehen. Allerdings rede ich auch von Eliten im Plural. Es gibt nicht nur die akademische Elite. Es gibt auch die Eliten im gewerblichen, sozialen oder handwerklichen Bereich. Wir erkennen es ja auch im musikalischen oder sportlichen Bereich an, da akzeptieren wir es. Für mich ist nur dann jemand auf legitime Art und Weise Mitglied einer Elite, wenn er einerseits Leistungs- und Funktionselite ist und gleichzeitig auch Werte- und Verantwortungselite ist. Das ist meine Vorstellung von Elitenbildung und deshalb auch mein Plädoyer dafür.

MEDIEN-MONITOR: Warum wurden in den vergangenen Jahren so viele Lehramtsstudienplätze abgebaut?

KRAUS: Weil die 16 Kultusministerkonferenzen in den Bundesländern – manche mehr, manche weniger – nicht bereit waren, eine mittelfristige oder gar langfristige Personalplanung zu machen. Die Personalplanung wurde immer nur in Hinblick auf eine vier- bis fünfjährige Legislaturperiode gemacht. Das geht aber deshalb nicht, weil die Ausbildungs-Pipeline eines Lehrers sieben Jahre dauert. Man hätte es besser wissen können. Denn in kaum einem anderen Bereich des Arbeitsmarktes ist der Fachkräftebedarf so gut prognostizierbar wie im Schulbereich. Als Kultus- oder auch als Finanzminister kennt man exakt die Altersstruktur der vorhandenen Lehrerschaft, differenziert nach Fächern und Schulformen. Man kann zudem relativ gut die Schülerzahlentwicklung prognostizieren. Der Gymnasiast des Jahres 2028 ist schon geboren. Der Berufsschüler des Jahres 2034 ist schon geboren. Da könnte man doch solide rechnen. Alles andere, was den Lehrerbedarf ausmacht, sind politische Setzungen, die die Politik selber in der Hand hat. Dazu zählen die Größe der Klassen, die Anzahl der Stunden, die ein Lehrer unterrichten muss, und wie viele Stunden ein Schüler in der Woche erhält. An diesen drei Stellschrauben wurde gedreht. Die Klassen durften größer werden, die Lehrer mussten mehr unterrichten und die Schüler bekamen weniger Unterricht. Auf diese Art und Weise hat man sich über die Runden gerettet. Die mittel- und langfristige Finanzplanung wurde jedoch sträflich vernachlässigt.

MEDIEN-MONITOR: Welche Bildung brauchen wir?

KRAUS: Wir brauchen ein umfassendes Verständnis von Bildung. Bildung ist mehr als nur Qualifizierung. Bildung ist auch mehr als Ausbildung. Ich glaube, wir sind im deutschen Kulturraum mit unserem Bild von Bildung und Persönlichkeitsbildung sehr gut gefahren.
Stichwort Persönlichkeitsbildung: Pisa misst nur das Verwertbare und alles andere bleibt auf der Strecke. Ich möchte Menschen, die kulturell geprägt und gebildet sind. Die dadurch eine Persönlichkeitsentwicklung erfahren. Junge Leute, die – verzeihen Sie den Ausdruck – auch etwas Übernützliches mitnehmen. Die Zeit haben für Muse und Muße. Für den Müßiggang und für die Göttin Muse. Die ein kanonisches Wissen haben. Es gibt die Redensart `Wissen unter aller Kanone´ das Gegenstück dazu ist `kanonisches Wissen´. Das ist eine Volksetymologie, die mal dadurch zustande gekommen ist, dass irgendein Gebildeter gesagt hat: `Was die wissen, ist unterhalb eines jeden Kanons´. Ein weniger Gebildeter hat das aufgeschnappt und das mit dem Kriegsgerät verwechselt.
Wir sind auf jeden Fall weit weg von kanonischem Wissen. Lassen Sie es mich an einem Beispiel verdeutlichen. Der Geschichtsunterricht ist mittlerweile in einer Art und Weise abgespeckt worden, dass unter jungen Leuten ein historischer, vor allem auch zeitgeschichtlicher Analphabetismus um sich greift. 70 Prozent (+/- zehn Prozent je nach Schulform und Bundesland) wissen nichts anzufangen mit Daten wie 09. November, 17. Juni oder 13. August. Ganz zu schweigen von Jahren wie 1789 oder 1848. Das ist historischer Analphabetismus, der letztlich auch politische Unmündigkeit ist. Wer nichts weiß, muss alles glauben. Ich will wieder eine Bildung, die den Menschen Vorratswissen beibringt. Es reicht nicht nur Download-Knowledge zu haben, Instant- oder Just-in-time-Knowledge. Das ist der Tod einer jeden Debattenkultur.

MEDIEN-MONITOR: Gut gemeint ist ja oft das Gegenteil von gut. Sie kritisieren die sogenannten Helikoptereltern in Ihrem gleichnamigen Bestseller aus dem Jahr 2013. Diese reißen die komplette Lufthoheit über ihre Kinder an sich und wollen zwanghaft alles um das Kind herum steuern. Sie sprechen sich klar gegen diesen Förderwahn aus und kritisieren eine planwirtschaftliche oktroyierte Erziehung. Was machen diese Eltern falsch und was ist das Ziel dieser Bevormundungspolitik?

KRAUS: Der Begriff Helikoptereltern kommt aus den USA. Meine gedankliche Leistung ist, dass ich drei Arten von Helikoptereltern unterschieden habe: Transporthubschrauber, Rettungshubschrauber und Kampfhubschrauber. Erstere sind das, was man früher als „Taxi-Mama“ bezeichnet hat. Sie blockieren Schuleinfahrten, sodass viele Schulen dazu übergegangen sind „Kiss-and-Go-Zonen“ einzurichten. Rettungshubschrauber-Eltern sind sofort zur Stelle, wenn ein Kind mal von einem Lehrer schief angeschaut worden ist. Und zuletzt die Kampfhubschrauber-Eltern. Sie sind mit keiner Sitzordnung, Pausenverpflegung, Klassenzuteilung oder Note einverstanden. Für sie gibt es keine verhaltensauffällige Schüler, sondern nur verhaltenskreative. Sie machen genau das Gegenteil von den Eltern, die sich um nichts kümmern – letzteres ist natürlich sozialpolitisch das größere Problem. Sie machen alles und noch mehr. Kontroll- und Förderwahn, die Kinder pampern bis ins dritte Lebensjahrzehnt. Diese Kinder waren vielleicht mal zum Studium etwas weiter entfernt von zuhause, aber dann kommt man zurück, weil es bei Mama so bequem ist. In Amerika gibt es dafür den wunderbaren Begriff „Boomerang-Kids.“ Diese Kinder werden nie selbstständig, sie haben sich immer auf andere verlassen, die einen raushauen und sich mit dem Lehrer oder anderen Eltern auseinandersetzen. Das sind Mütter, die einen Latein-Volkshochschulkurs belegen, damit das Kind dann in der 5. Klasse mit Latein loslegen kann. Eltern, die einen Kontrollwahn haben und die Handys ihrer Kinder mit GPS-Ortung ausstatten, welche einen Alarm auslöst, wenn ihr Kind einen gewissen Aktionsradius verlässt. Lassen Sie mal zwei junge Menschen, die in einem solchem Umfeld aufgewachsen sind, zusammenkommen und heiraten. Das gibt katastrophale Ehen.

MEDIEN-MONITOR: Was kritisieren Sie als Träger des Deutschen Sprachpreis besonders an der deutschen Sprache?

KRAUS: Die sprachliche Selbstvergessenheit der Deutschen. Dafür gibt es eine Menge Symptome. Da ist zum einem die Anglomanie der Deutschen. Man will modern sein, man will `in´ sein. Es gibt mittlerweile ein Anglizismen-Lexikon, welches aus 7.000 in Deutschland üblichen Anglizismen besteht. Der linguistische Genderismus ist ein zweites Symptom. Um das Geschlecht sprachlich zu neutralisieren, gibt es mittlerweile Professuren für Genderlinguistik. Die machen dann so geschlechtsneutrale Vorschläge wie `Studierendenwerke´, `Fußgehendenbrücke´ oder `bankausraubende´ Person. Es ist unglaublich was sich der deutsche Steuerzahler hier leistet. Wir haben in Deutschland 110 Professuren für alte Sprachen und 190 Professuren für Pharmazie, aber wir haben 220 Professuren für Genderforschung. Da stimmt doch was nicht. Zur Vereinfachung der Sprache sollen wir dann in Zukunft das `Lehrerx´ und das `Schülerx´ sagen. Mama und Papa soll auf EU-Ebene zu `Parent 1´ und `Parent 2´ werden. Hinzu kommen sprachpolitische Sünden. Die Rechtschreibreform war Sprachbarbarei. Ich habe einmal gesagt – und dafür heftige Kritik vom Legasthenikerverband bekommen – , die Rechtschreibreform war der Kniefall vor der fortschreitenden Legasthenisierung der Gesellschaft. Da ist was dran. Das ist Verarmung von Sprache und Erschwerung der Lesbarkeit, wenn das Komma vor dem erweiterten Infinitiv nicht mehr gesetzt werden muss, sondern gesetzt werden kann. Die Rechtschreibereform ist viel versprechend – auseinandergeschrieben –, aber nicht vielversprechend – zusammengeschrieben. Diese semantischen Differenzierungen muss man nicht mehr machen. Und nicht zu vergessen die pädagogischen Sünden. In manchen Klassen – auch auf Gymnasien – wurde der Deutschunterricht auf drei Stunden reduziert. Auswendiglernen ist out. Es gibt auch keinen Lektüre-Kanon mehr, auch nicht in Bayern. In Bayern steht im neuen Lehrplan Plus – so heißt der Lehrplan – auf 70 Seiten 300 Mal der Begriff Kompetenzen, 60 Mal die Abkürzung ‚ggfs.‘ (also ein Beliebigkeitsprinzip), aber nur ein einziger Dichtername. Das ist kein Lehrplan Plus, sondern da liegt ein mathematischer Vorzeichenfehler vor. Zudem: Man verlangt bei Prüfungsarbeiten nicht mehr, dass jemand eine halbe Seite Gedanken nachvollziehbar formulieren kann, sondern Schüler müssen immer häufiger nur noch Multiple-Choice-Aufgaben ankreuzen oder Lückentexte zustöpseln. Das Ganze zieht sich bis in die 8. / 9. Klassen. Das ist Sprachbarbarei. Und da braucht man sich nicht wundern, wenn alle Fächer die Leidtragenden sind. Ohne sprachliche Qualifikation ist auch jede andere Bildung in irgendeinem anderen Fach nichts.

MEDIEN-MONITOR: Um politisch korrekt zu sein, darf man heutzutage zum Beispiel nicht mehr `Mohrenkopf´ oder `Zigeunerschnitzel´ sagen. Gibt es noch weitere Beispiele bei denen die deutsche Sprache neu definiert wird?

KRAUS: In Hamburg gibt es keine `Schwarzfahrer´ mehr, sondern nur noch Personen ohne gültigen Fahrausweis. Man darf auch nicht `Flüchtlingskrise´ sagen, sondern das sind `Schutzsuchende´. Ansonsten auch Euphemismen, also Beschönigungen. `Dumm = einseitig begabt´, `faul = demotiviert´. Das Ganze ist zudem verbunden mit der Ursachenzuweisung. Wenn einer demotiviert ist, dann ist er nicht von sich aus faul, sondern dann ist er zum Beispiel von einem Lehrer demotiviert worden.
Um einen weiten Bogen zu schlagen: Die gesamte Umerziehung durch die 68er hat eine Menge mit den Absichten der Westalliierten zur Re-Education zu tun. Das kommt aus den USA und wurde übernommen, obwohl die Linken einen ständigen Antiamerikanismus predigen. Eine Enkelgeneration der 68er ist der Genderismus, eine weitere ist die Sprache der Political Correctness. Wenn ich bestimmte Begriffe nicht mehr verwenden darf, dann kann ich darüber nicht denken und urteilen und dann gilt das, was der britisch-österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein gesagt hat: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“. Und so werden wir über sprachliche Regelungen umerzogen.

MEDIEN-MONITOR: Ist das Deutsche in der EU ausreichend verankert?

KRAUS: Nein, absolut nicht. Das Deutsche ist unter den rund 500 Mio. EU-Bürgern die am weitesten verbreitete Muttersprache. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Luxemburg, Südtirol oder Belgien. All diese Länder haben das Deutsche als anerkannte Landessprache in ihrer Verfassung stehen. Wir in Deutschland haben es dagegen nicht in unserer Verfassung. Wenn die Briten aus der EU draußen sind, gibt es in der EU nur noch etwa fünf Millionen englischsprachige `Native Speaker` auf Malta und in Irland. Ich befürchte, dass die deutsche Sprache trotzdem nicht gewinnen wird, weil man mittlerweile dazu übergegangen ist, auch in Brüssel Englisch zu reden. Sobald in deutschen Vorständen ein einziger Fremdsprachler dabei ist, wird Englisch gesprochen. In vielen Wissenschaftsbereichen ist das Deutsche überhaupt nicht mehr anerkannt. Und leider haben wir auch einen Universitätspräsidenten, der ab 2020 das Englische als die Standardsprache im Lehrbetrieb haben möchte. Er hat dabei jedoch zwei Punkte vergessen: Zum einen, dass die Professoren lang nicht so ausdrucksstark im Englisch etwas rüberbringen können, wie in ihrer Muttersprache. Und zum anderen, dass der Gebrauch der Landes- und Muttersprache im wissenschaftlichen Bereich natürlich auch sehr viel mit Demokratisierung von Wissenschaft zu tun hat. Ich bin da in großer Sorge. Die Bundesregierung hat es zudem geschluckt, dass EU-Dokumente erstmal nur in Englisch und Französisch erscheinen und viel später, wenn überhaupt, auf Deutsch.

MEDIEN MONITOR: Braucht es einen Literaturkanon, den alle Schüler lesen sollten?

KRAUS: Selbstverständlich, bei gewissen Wahlfreiheiten natürlich. Ich bin aufgewachsen – als Schüler und dann als Deutschlehrer –, dass es pro Gymnasialklasse eine Anzahl an Werken zur Auswahl gab, mit steigender Jahrgangsstufe quer durch die literarischen Epochen. Das hat mit kulturgeschichtlicher und sprachlicher Bildung zu tun. Im Lehrplan Plus wurde das alles durch das Beliebigkeitsprinzip ersetzt. Über einen Literaturkanon zu verfügen bedeutet aber sprachliche Bildung, kulturelle Identität und Kommunikationsgrundlage. Wer nicht eine gewisse Basis an literarischer Bildung hat, der versteht bestimmte Anspielungen und Redensarten nicht. Wir sind eine Kulturnation. Wenn wir es bleiben wollen, gehört es dazu, dass bestimmte herausragende Werke von den Schülern auch gelesen werden. Ebenfalls ist die Verpflichtung verschwunden, dass ein Schüler drei Gedichte pro Jahr lernen sollen. Man traut es den jungen Leuten nicht mehr zu und hat Angst vor den oben beschriebenen Kampfhubschrauber-Eltern.

MEDIEN-MONITOR: Welche Folgen hat die Willkommenskultur an deutschen Schulen? Wie steht es um die Bereicherung für Deutschland durch die Zuwanderer?

KRAUS: Das was seit August/September 2015 nach Deutschland kam, ist eine gigantische Herausforderung für die Schulen. Vor allem, weil wir keine Planungssicherheit haben. Niemand hat verlässliche Zahlen. Die Schulen sind hier maßlos überfordert. Ganz besonders deswegen, weil es wahrscheinlich 95 Prozent an der sprachlichen Grundlage fehlt. Man hat viel unternommen. In Bayern hat man 1.000 Integrationsklassen gebildet, zum Teil zu Lasten der Regelklassen. Es fehlt uns deutschlandweit an tausenden von Lehrern für Deutsch als Fremdsprache bzw. Zweitsprache. Das ist eine völlig andere Didaktik, als wenn ich in der siebten Klasse den Erlkönig vermittle. Die Politik sagt, das läuft schon irgendwie. Doch wir machen uns hier was vor. Das Gros der minderjährigen, alleinreisenden Flüchtlinge braucht wahrscheinlich fünf bis sechs Jahre, bis sie integrierbar sind in weiterführende Schulen, in die Berufsbildung oder möglicherweise sogar in ein Studium. Da lügt sich die Politik in die Tasche. Wir haben in Deutschland – ich kenne Beispiele aus Saarbrücken, Essen, Duisburg oder Gegenden in Nürnberg und München sowie insbesondere in Berlin – mittlerweile Minderheiten von unter zehn Prozent deutschstämmigen Schülern in einer Klasse. Es funktioniert halbwegs – aber um den Preis einer Niveauabsenkung. Wir haben verlässliche Daten, wonach bei einem Migrantenanteil ab 30 Prozent – vor allem wenn diese die Sprache nicht beherrschen – das Leistungsniveau dramatisch abfällt. Wir brauchen hier spezielle Maßnahmen, dass Flüchtlinge mit Deutschstunden als Fremdsprache erstmal zum Laufen gebracht werden. Da ist ein Problem herangewachsen, dass durch Politikersprüche nicht gelöst werden kann.

MEDIEN-MONITOR: Sehen Sie die Gefahr von Parallelgesellschaften?

KRAUS: Selbstverständlich. Wenn jemand die Landessprache nicht erwirbt, dann taucht er ab in Parallelgesellschaften, die in sich ja autonom und autark sind. In bestimmten Gegenden in Berlin brauchen sie gar kein Deutsch mehr sprechen. Dort gibt es den passenden Supermarkt, Anwälte, Ärzte usw.. Das zerreißt unsere Gesellschaft, wenn hier nicht gewisse Standards, was Sprachbeherrschung, Rechtstreue und Integration in unsere Art des Zusammenlebens, abverlangt werden.

MEDIEN-MONITOR: Was wären Ihre drei Wünsche an die Bildungspolitik?

KRAUS: Erstens eine Renaissance des Leistungsprinzips, zweitens eine Wiederbelebung des Grundsatzes, dass Schule keine Institution zur Herstellung von Gleichheit, sondern von Förderung der Verschiedenheit und Individualität ist und als Drittes Lehrpläne, die mit `h´ geschrieben werden und nicht mit Doppel `e´.

MEDIEN-MONITOR: Herr Kraus, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Josef Kraus führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 14. November 2018 in München.