„Das Smartphone ist das Schweizer Taschenmesser der Digitalisierung“ – Gespräch mit Daniel Wolff, Digital-Trainer und Medienpädagoge

Daniel Wolff hat den umwälzenden Einfluss der Digitalisierung aus zahlreichen Perspektiven miterlebt: Als langjähriger IT-Journalist des Computermagazins CHIP/CHIP Online berichtete er über die sich ständig verändernde Medienwelt. Als US-Korrespondent in San Francisco erhielt Wolff einen intensiven Einblick in die IT- und High-Tech-Industrie des Silicon Valley. Er arbeitete zudem als Gymnasiallehrer (Englisch/Geographie/Medienpädagogik) im Spannungsfeld zwischen Handyverbot und einem Unterricht mit Virtual-Reality-Brillen. Er ist Universitätsdozent an der LMU München (Kompetenznetzwerk Medienbildung und Digitalisierung/KMBD). Als Vater von drei Kindern wird er immer wieder vor neue digitale Herausforderungen gestellt. Wolff bietet zahlreiche Digitaltrainings in Form von Vorträgen, Workshops und Fortbildungen zu den Themen Medienkompetenz und Medienbildung an.

MEDIEN MONITOR: Wie viele Jugendliche haben ein Smartphone und in welchem Alter sollten sie eins erhalten?

WOLFF: Die Frage, die sich für mich eigentlich stellt, ist: Wie viele haben eines in welchem Alter? In der 5. Klasse haben wir heutzutage nahezu Vollabdeckung; hier haben wir höchstens ein oder zwei Schüler, die kein Smartphone haben. Nach unten nimmt die Zahl etwas ab: In der 4. Klasse haben heute aber bereits zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln ein Smartphone, und auch in der 3. Klasse schon in etwa die Hälfte. Für die Grundschulen entsteht gerade ein ganz neuer Aufgabenbereich, und die Lehrkräfte dort sind diesbezüglich sehr stark gefordert. Wenn ich mit Lehrern einen Workshop mache und wir über Smartphones reden, bekommen manche Grundschullehrer zum ersten Mal richtig mit, wie viele ihrer Schüler eigentlich schon eigene Smartphones haben – und vor allem, was die bereits alles so aus dem Internet mitkriegen.

MEDIEN MONITOR: Was genau meinen Sie damit?

WOLFF: Zum Beispiel die YouTube-Kultur, die sich über die letzten Jahre entwickelt hat. Für die Kinder gibt es hier YouTube-Stars, die den Eltern völlig unbekannt sind. Wer kennt zum Beispiel „Bibi“? Das ist eine junge Dame, die mit Schminkvideos auf YouTube ein Millionenpublikum erreicht. In einer Grundschulklasse haben sie 30 Sekunden richtig Stimmung, wenn sie nur ihren Namen fallen lassen; da bebt der Klassenraum. Es gibt ganz neue Genres, die viele Erwachsene gar nicht kennen – und oft auch gar nicht verstehen. Dazu zählen zum Beispiel die „Let´s-Player“: Das sind Leute, die Computer-Spiele spielen und kommentieren und das anschließend ins Internet stellen. Das schauen manche Kinder, wenn man sie nicht stoppt, zehn Stunden am Stück an. Bei YouTube gibt es die Autoplay-Funktion standardmäßig aktiviert, das läuft kontinuierlich weiter.

MEDIEN MONITOR: Was aber auch dazu führen kann, dass Kinder mit Gewaltvideos konfrontiert werden. Es gibt Rankings zu den gewalttätigsten Videos und Jugendliche rühmen sich damit, diese zu kennen.

WOLFF: …da muss man aber auch fair sein: Ich gehöre ja noch der VHS-Generation an; und schon bei uns kursierte damals ein Video, das „Tanz des Todes“ hieß. Und auch in den 80er-Jahren gab es schon Computerspiele wie den „KZ-Simulator“. Es galt schon immer die Devise „Je verbotener, desto besser!“ – das Smartphone ist also nicht allem schuld. Heute kristallisiert sich natürlich alles an diesem Gerät, weil es für die Kinder den am meisten genutzten Internetzugang darstellt. Und ganz klar ist auch: Die Konsequenzen aus der Übergabe des ersten Smartphones an ein Kind sind den allermeisten Eltern nicht ansatzweise bewusst.

MEDIEN MONITOR: Können die Eltern das Nutzungsverhalten der Kinder steuern und kontrollieren?

WOLFF: Ganz klar: Nein. Natürlich gibt es Eltern, die sich große Sorgen machen und mit Kinderschutz-Software arbeiten. Das kann man bei jüngeren Kindern machen – aber nur genau so lange, bis diese herausfinden, dass man den Namen dieser Software plus das Wort „entsperren“ auf Google eingeben kann…

MEDIEN MONITOR: Was raten Sie Eltern im Umgang mit den digitalen Medien?

WOLFF: Zunächst müssen die Eltern die Größenordnung der Problematik erkennen; das tun sie nämlich jetzt flächendeckend noch nicht. Das sieht man ganz einfach etwa daran, dass immer mehr Grundschulkinder Smartphones haben. Die Gretchenfrage, die sich natürlich jeder stellt, ist: Ab wann darf mein Kind eigentlich ein Smartphone haben? Diese Frage wird mir andauernd gestellt. Meine Antwort ist immer eine Gegenfrage an die Eltern: Wie viel Zeit haben Sie denn? Und dann kommt die zweite Frage dazu: Wie viel Ahnung haben Sie davon, was Kinder so alles im Internet machen? Denn darauf kommt es an!

Eltern sollten ihre Kinder bei ihren ersten Schritten im Internet unbedingt begleiten und sich auch Zeit dafür nehmen. Wenn sie keine Ahnung vom Internet haben und gar nicht zu Hause sind, dann würde ich empfehlen, den Kindern möglichst spät ein Smartphone zu geben – das heißt heutzutage allerdings in der 5. Klasse. Denn da haben Sie nämlich dann folgenden Effekt: Ob wir es wollen oder nicht, allein aufgrund der Verbreitung von WhatsApp schließen Eltern ihr Kind sonst aus der zweiten Hälfte des Schullebens aus – die quasi eine Minute nach Schulende beginnt. Denn das digitale Schulleben läuft heute Tag und Nacht weiter: Kinder schreiben sich zum Beispiel oft gar keine Hausaufgaben mehr auf, denn irgendeiner im Klassen-Chat wird es schon wissen; am besten wird dann da auch die Lösung gleich noch mit hochgeladen. Das ist auch für Lehrer bei ihrer täglichen Arbeit wichtig zu wissen.

Wenn man sich die Zahlen anschaut, wie lange Kinder bereits im jüngeren Alter vor Bildschirmen sitzen, bin ich mir allerdings gar nicht mehr sicher, ob die Schule noch einen großen Einfluss auf sie hat: Zumindest bei Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren sind wir derzeit bei Durchschnittswerten von 221 Minuten Onlinezeit pro Tag. Dazu kommen aber zum Beispiel noch weitere Bildschirm-Nutzungszeiten, etwa für den Fernseher oder Spielekonsolen. Wenn man das alles zusammenzählt, kommt man bei Mädchen auf „nur“ sechs Stunden; die Jungs sitzen bereits knapp sieben Stunden vor dem Bildschirm – pro Tag!

MEDIEN MONITOR: Allein mit Schule und acht Stunden Schlaf bleibt da ja gar keine Zeit mehr für andere Sachen…

WOLFF: Die Jugendliche von heute schlafen deshalb tatsächlich oft weniger, und viele schlafen praktisch jeden Abend mit ihrem Smartphone ein. Ich frage Schüler immer, wer von ihnen abends das Smartphone mit ins oder ans Bett nehmen darf: Dann gehen bereits in der Grundschule mehr als Hälfte der Finger hoch. Die Kinder versuchen natürlich alles, um dies als Standard zu etablieren. Da heißt es dann von den Kindern, ohne die Wecker-App würde man nicht aufwachen oder man müsse unbedingt noch „ein Hörspiel hören“. Ganz bewusst wird da etwas Analoges genannt, also etwas, das Eltern auch kennen. Stattdessen sind sie dann natürlich im Klassen-Chat aktiv oder auf YouTube unterwegs; und auch der Großteil der jugendgefährdeten Inhalte wird nachts konsumiert. Das alles führt zu weniger Schlaf. Einige Eltern könnten sich die Nachhilfe ihrer Kinder sparen, wenn sie das Handy nachts im Kinderzimmer nicht erlauben würden – dann wären die Kinder nämlich ausgeschlafen und hätten eine Chance, die Dinge schon beim ersten Mal viel besser aufzunehmen.

MEDIEN MONITOR: Sind Sie persönlich für Handys an Schulen?

WOLFF: Ich bin strikt dagegen, denn ich glaube, dadurch wird zu viel Schulleben zerstört. Die Jugendlichen reden dann zwar immer noch miteinander – aber oft nur noch per Bildschirm. Ich glaube nicht, dass das gut ist. Die analoge Kommunikation hat nach wie vor ihren Stellenwert; es klingt schon beinahe irre, dass man das so sagen muss. Aber ich kann mir vorstellen – und das höre ich auch von Schulen, die am aktuellen Modellversuch teilnehmen – dass die Kinder auch einfach den Unterricht verlassen, nicht um auf Toilette zu gehen, sondern um Nachrichten zu schreiben.

Ich denke daher, dass wir in Bayern bereits die beste Reglung hatten: Denn Handygebrauch für produktive, pädagogisch wertvolle Zwecke war ja bis jetzt schon erlaubt, und dafür sollten wir es in den Schulen auch hernehmen: als sinnvolles Werkzeug. Der private Gebrauch ist bei den Kindern derzeit zu 98 Prozent reiner Konsum. Kinder kommunizieren in der Regel ja oft auch nicht, um Informationen auszutauschen, sondern um Spaß zu haben. Kindern wollen Unterhaltung! Deshalb lernen Sie lieber ein paar Emojis – und wenn Sie einen Kackhaufen-Emoji verschicken, ist für Kinder da manchmal mehr Informationsgehalt drin, als wir (Erwachsene) uns jemals vorstellen könnten. Diese Art der Kommunikation dient ja nicht dem Informationsaustausch, sondern der sozialen Belohnung und vor allem dem Lernen, in sozialen Zusammenhängen zu kommunizieren.

Das kann man als Erwachsener kaum verstehen: Unsereins „schmilzt“ förmlich das Gehirn, wenn wir uns so manchen längeren Klassenchat anschauen. Allerdings sollten auch Eltern ihre Hausaufgaben machen: Denn es gab noch nie in der Menschheitsgeschichte eine Situation wie die jetzige, in der Kinder eine Schlüsseltechnologie eines Zeitalters mehr nutzen als Erwachsene. Plötzlich halten alle Kinder das Schweizer Messer der Digitalisierung in der Hand und sagen: „Papa, Mama, ich habe ja viel mehr Ahnung als Ihr. Von Euch lass ich mir nichts mehr sagen!“

MEDIEN MONITOR: Haben die Kinder denn wirklich mehr Ahnung?

WOLFF: Nein, natürlich nicht. Sie sind zwar „heavy user“, aber dass sie oft ebenfalls wenig Ahnung haben, erkennt man schnell, wenn man ihnen folgende Frage stellt: „Wisst ihr eigentlich, warum viele der reichsten Firmen der Welt – etwa Apple, Google, Facebook, Amazon und Microsoft – so viel Geld verdienen?“ – darauf hat kaum einer eine Antwort. Auch dass die beiden allerreichsten Firmen, Apple und Google, weltweit die Software für Smartphones stellen, ist kaum einem bekannt. Es ist schon verrückt, dass das so wenig verbreitet ist, weil das in diesen Zeiten doch eigentlich Grundwissen sein müsste. Es geht ja schließlich um unsere Daten und – wenn man es ein bisschen weiterdenkt – um unsere Demokratie. Die Kinder sind recht fasziniert, wenn sie das hören. Und wenn WhatsApp dann ab nächstem Jahr Werbung schaltet, werden sie trotzdem entsetzt sein.

MEDIEN MONITOR: Nachdem Facebook nicht mehr so gefragt ist, was ist denn hipp bei den Jugendlichen heutzutage?

WOLFF: Der durchschnittliche Facebook-Nutzer ist tatsächlich inzwischen um die 44 Jahre, Tendenz steigend; die Kinder sind schon lange weg. Bei den älteren Kids sind aktuell Instagram und Snapchat sehr beliebt: Netzwerke, die zumeist noch ohne Eltern daherkommen. Bei den Jüngeren gibt es ein noch relativ neues Netzwerk namens „Tik Tok“. Da macht man ganz einfach kurze Musikvideos von sich, lädt sie hoch – und wartet dann auf Likes.

MEDIEN MONITOR: Machen Smartphones klüger?

WOLFF: Ein Smartphone ist ein sehr komplexes Werkzeug – es kommt darauf an, wie man es einsetzt. Wenn wir es also schlau und vernünftig einsetzen, dann kann es auch klüger machen. Aber die meisten Kinder kommen zumindest nicht von selber auf die Idee, sie für solche Zwecke einzusetzen. Den Eltern aber sagen sie natürlich, sie würden das Smartphone für die Schule brauchen. Das ist tatsächlich genauso weit weg davon, wie es tatsächlich eingesetzt wird, wie wenn Helikopter-Eltern ihren Kindern sagen „Hier hast Du Dein Smartphone, damit kannst Du mich anrufen“ – das finden wiederum die Kinder kurios. Denn die haben wirklich alles andere im Sinn, als damit ihre Eltern anzurufen. Als Vater eines 17-jährigen Sohnes habe ich selbst zudem die Erfahrung gemacht: Wenn ich wissen möchte, wo er ist, dann ist komischerweise immer sein Akku leer. Kinder haben zu 99,5 Prozent eben nicht Telefonie auf dem Schirm – Erwachsene denken aber immer noch sehr oft, dass es genau darauf ankäme.

Das Smartphone ist eine Aufmerksamkeitsmaschine. Denn wenn man sich die wirtschaftliche Funktionsweise anschaut, dann geht es ganz klar um ein Gerät, mit dem unsere Aufmerksamkeit vermarktet wird. Dem deshalb enorm optimierten Aufmerksamkeitscharakter heutiger Smartphones können sich Kinder in der Regel nicht entziehen, weil sie noch weniger Abwehrmechanismen haben als Erwachsene. Sie begegnen Inhalten auf ihrem Smartphone aufgrund ihres Alters oft völlig unreflektiert. Und im Grunde genommen haben es viele Erwachsene auch nicht im Griff: Kinder erzählen mir oft, dass die Mutter gerne beim Frühstück die Zeitung liest – auf dem Tablet – und der Vater mit seinem Tablet eine Dreiviertelstunde auf der Toilette sitzt…

MEDIEN MONITOR: Das Smartphone ist eine Geldmaschine…

WOLFF: …das muss jedem bewusst sein, denn das hat viele Facetten und Konsequenzen, die uns in Zukunft noch sehr viel mehr beschäftigen werden. Bestes Beispiel: Smartphones werden für uns alle weiterhin noch interessanter werden. Auf der ganzen Welt – und besonders im Silicon Valley – sind hunderttausende smarte Menschen dabei, Apps zu entwickeln, die noch schlauer, bequemer und unterhaltsamer sind als sie es heute bereits sind. Natürlich immer mit dem Zweck, dass wir noch öfter drauf schauen, denn vereinfacht gesagt: Jedes Mal, wenn wir aufs Smartphone schauen, ist irgendwo eine kleine Werbung und jemand verdient Geld – aber meist nicht in Europa, sondern in den USA.

Mit Kindern kommt man allerdings zu keiner fruchtbaren Diskussion, wenn man nicht auf ihre eigene Perspektive eingeht. Alle Eltern, die es nur mit Restriktionen versuchen, werden mit ihren Kindern zehn Jahre Dauerzoff haben; ich würde übrigens auch nicht empfehlen, die Einschränkung der Smartphone-Nutzung als Druckmittel zu nutzen. Doch es bleibt stets eine Gefahr: Die Kinder bekommen ein Smartphone – oft ohne jegliche Anleitung oder Begleitung – und dann entdecken sie mit kindlicher Neugierde das Internet. Das Internet bietet aber nun einmal sehr viele Inhalte, die nicht kindgerecht sind – vor allem auch sehr vielen Kontaktmöglichkeiten, die regelrecht gefährlich sind. Wenn die Eltern nur ansatzweise wüssten, was alles passieren könnte, würden sie ihren Kindern kein Smartphone mehr geben – vor allem nicht alleine mit ins Kinderzimmer, wo man nicht zuschauen kann…

In einem Netzwerk von Milliarden Menschen finden sich auch viele Kriminelle oder Pädophile. Noch nie wurde es ihnen so einfach gemacht: Man kann bei sozialen Medien wie „Tik Tok“ nur Suchbegriffe eingeben wie zum Beispiel „jung“, „HotPants“ und „bauchfrei“, und schon bekommt man die Ergebnisse angezeigt: Man kann sozusagen weltweit in die Kinderzimmer schauen – und wenn da jemand dabei ist, der einem gefällt, kann man auf die Ortsangabe klicken. Diese ist standardmäßig freigegeben! Es ist Eltern in der Regel überhaupt nicht klar, wie gefährlich es ist, die Standortfreigabe standardmäßig aktiviert zu haben; auch die Polizei sieht hier ein unglaubliches Sicherheitsrisiko. In der Medienpädagogik heißt der Fachbegriff (für die pädophile Kontaktanbahnung) „Cybergrooming“. Ich selbst habe das auch nicht so wirklich auf dem Schirm gehabt – bis eines Tages eine Schülerin aus der dritten Klasse nach einem Workshop zu mir kam und erzählte „Herr Wolff, ich soll mich morgen Nachmittag mit einem Mann aus dem Internet am See treffen.“. Das war für auch mich ein großer Schlag.

Auch auf WhatsApp sind sich sehr viele Kinder dieser Problematik nicht bewusst. Doch wer erklärt es ihnen auch? Die Eltern können es oft nicht, und die Kids selbst lesen sowas auch nicht nach. Sie sind erstmal nur an Spaß interessiert; bei Kontaktanfragen ohne Namen denken sie sich nichts weiter und akzeptieren diese oft einfach. Und auch Kettenbriefe auf WhatsApp wie letztens die Nachricht einer Horror-Figur namens „Momo“ verunsichern Kindern total. Doch egal ob Kettenbriefe, Gewaltvideos oder Pornographie, am Ende passiert immer das gleiche: Zuerst kommt natürlich der Schockmoment, dann haben die Kinder ein schlechtes Gewissen – und eigentlich könnten sie zu ihren Eltern gehen. Doch wenn sie das tun, werden sie manchmal nicht nur geschimpft, sondern die Eltern könnten ihnen ja das Handy wegnehmen. Für die Kinder sind die Eltern in dieser Situation also die schlechteste Anlaufstelle, weil sie die einzigen sind, die ihnen das Smartphone wegnehmen können. Aber unsere Kinder sind ja schlau: Sie registrieren automatisch, dass das Smartphone das mit Abstand mächtigste Gerät ist, das sie je von ihren Eltern bekommen haben: Damit können sie nämlich Sachen machen, von denen die Eltern nichts wissen – und sogar auch solche, die die Eltern nicht wollen. Deswegen wollen sie das Gerät auf gar keinen Fall wieder hergeben müssen. Die Eltern denken jedoch im Umkehrschluss, ihr Kind würde schon zu ihnen kommen, wenn es Probleme hätte – und weil es nicht kommt, wird schon alles okay sein…

Meine Generation weiß zwar, was man mit Handys alles machen kann – wir haben es aber als Kinder nicht erlebt, das ist der große Unterschied. Rein kognitiv müssten wir wissen, dass ein Smartphone etwa auch Pornographie zugänglich macht. Weil wir es aber als Kinder nicht hatten, gibt trotzdem die Hälfte der Elternschaft derzeit ihren Kindern schon im Grundschulalter ein Smartphone, ohne dieses Thema auch nur zu erwähnen. Dann passiert das Unvermeidliche und die Kinder sehen es doch – wenn auch meistens nicht mit Absicht. Und wenn das zwei oder drei Mal passiert ist und man den Eltern nichts gesagt hat, dann bleibt es auch dabei. Die Schüler sind dann später flächendeckend der Meinung: Die Eltern wissen nichts – und es war auch die richtige Entscheidung, ihnen nichts zu sagen.

MEDIEN MONITOR: Wie groß ist der geistige und körperliche Schaden bei Jugendlichen, der durch Cybermobbing, Pornographie und gewaltverherrlichten Bildern und Filmen entstehen?

WOLFF: Das können wir nicht ermessen. Erstens, weil das Phänomen komplett neu ist. Zweitens, weil es keine fundierte Abschätzung zu den Technologiefolgen gibt. Es ist aber auch ein gesellschaftliches Experiment: Es gibt leistungsstarke Schüler, die auch relativ gut mit dem Smartphone umgehen können; die leistungsschwächeren Schüler dagegen ertrinken in einem Meer aus seichter Unterhaltung und nicht jugendgerechten Inhalten. Wir haben ja ein dreigliedriges Schulsystem; am meisten schockiert haben mich Besuche an Mittelschulen: Hier ist eine Generation von flächendeckender Medienverwahrlosung betroffen. Die Eltern interessiert es nicht, was ihre Kinder machen – Hauptsache, sie sind ruhig. Sie erkennen das nicht als Problem, für sie sind die Kinder vermeintlich sicher, solange sie nicht rauchen und nicht trinken. Fälscher kann eine Einschätzung nicht sein. Zum Beispiel ist Cybermobbing gerade am unteren Rand der Gesellschaft am ausgeprägtesten – doch Kinder kommen damit nicht zu ihren Eltern, weil sie nicht zugeben wollen, ein „Opfer“ zu sein.

Eltern haben nur eine Chance, Einblicke in diese Welt zu erlangen, wenn sie von vornherein intensiv mit ihrem Kind sprechen, bevor sie ihnen ein Smartphone überreichen. Und sie müssen ihren Kindern auch die positiven Nutzungsmöglichkeiten von Smartphones vor Augen führen. Um es bildhaft zu machen: Wir müssen unsere Kinder im Supermarkt manchmal an den Ohren von der Süßwaren- zur Gemüseabteilung ziehen. Das komplizierte am Smartphone ist vor allem, dass wir zu viel Konsum, aber zu wenig produktive Nutzung haben. Es wäre sehr einfach, alles Digitale zu verteufeln – aber wenn wir es nicht schaffen, Kinder zu haben, die auch digitale Medien produktiv und kreativ nutzen, dann haben wir auch im internationalen Ländervergleich keine Chance. Ich halte die typisch deutschen Bedenken im Bereich Medienschutz durchaus für eine Tugend – weil es tatsächlich große Gefahren gibt. Aber wir müssen unseren Kindern auch im positiven Sinne eine Vision davon geben, wie man digitale Medien auch produktiv und kreativ nutzen kann, weil wir sonst international nicht mehr konkurrenzfähig sein werden. Kurzum: Wenn wir Kinder von digitalen Medien ausschließen, können sie auch keine digitalen Kompetenzen entwickeln.

MEDIEN MONITOR: Das Smartphone ist für alle zu einer Art Kommandozentrale unseres Lebens geworden. Wer führt denn eigentlich das Kommando? Wer hat die Kontrolle? Der Mensch über die Maschine, das Gehirn über das Gerät oder doch andersrum?

WOLFF: Google und Facebook haben die Kontrolle über das Gerät und das Gerät hat die Kontrolle über die Menschen. Die Gesellschaft ist sich kaum bewusst, wie stark wir durchleuchtet und auch manipuliert werden. Ich merke das sehr stark, wenn ich mit Neunt- oder Zehntklässlern über Themen wie „Fake News“ rede. Die haben kaum ein Koordinatensystem, an dem sie sich festhalten können – weil sie oft keine Ahnung haben, was überhaupt seriöse Quellen sind. Derzeit findet auch ungemein viel digitale Propaganda von allen Seiten statt, eben weil es auf so fruchtbaren Boden fällt und Kinder wie Erwachsene sich so effektiv manipulieren lassen. Man unterstellt dabei zwar meist politische Interessen, aber es gibt zum Beispiel auch finanzielle: Die YouTube-App etwa ist per „Auto-Play“ so eingerichtet, dass der Algorithmus automatisch immer neue Videos raussucht und laufen lässt.

Viele Kinder schauen dann einfach immer weiter, weil sie gar nicht fähig sind, sich dem zu entziehen. Auch wenn dauernd Nachrichten kommen, die sie noch mehr interessieren, kommen sie erst recht nicht mehr los. Die Algorithmen sind darauf optimiert, uns bei der Stange zu halten. Wir sind ja Werbekonsumenten: Wir sollen möglichst gut gelaunt sein, und wir sollen das, was wir sehen, in einer positiven Stimmung wahrnehmen. Wir bekommen also vor allem Inhalte zu sehen, die uns gefallen und unsere Meinung bestätigen. Wenn ich das ein paar Jahre lang mache, denke ich tatsächlich, so wäre die Welt. Wohin das führt, sehen wir in Amerika: Wir haben dort zwei mehr oder weniger hermetisch abgeriegelte Gesellschaftshälften, die alles, was die andere Hälfte sagt, als „Fake News“ bezeichnet. Es gibt dort keinen Konsens mehr. In Brasilien haben wir zudem eine Entwicklung, die ich für albtraumhaft halte: Ein Wahlkampf, der ganz extrem per WhatsApp beeinflusst wurde – dem in Brasilien fast allein genutztem Medium.

Übrigens auch sehr skurril ist, dass WhatsApp in der Altersfreigabe im App-Store von Google mit einer Altersfreigabe von „0 Jahren“ angeboten wird. Das heißt, die für Altersangaben zuständigen Stellen in Deutschland haben das geprüft – und auf WhatsApp keine Pornographie oder Gewalt gefunden. Für Eltern ist das erstmal sehr verwirrend. In den Medien hört man nämlich immer, WhatsApp wäre erst „ab 16 Jahren“ erlaubt. Doch fast alle 8-Jährigen mit einem Smartphone nutzen WhatsApp. Warum sagt Facebook dann, WhatsApp wäre offiziell erst ab 16 geeignet? Eine Motivation könnte sein, dass sich Facebook rechtlich den ganzen Ärger vom Hals halten will, den Jugendliche zum Beispiel in Form von Cybermobbing auf ihrer Plattform verursachen. Das heißt aber auch: Für alles, das Unter-16-jährige auf WhatsApp verursachen, sind ihre Eltern verantwortlich.

Doch vielen Eltern ist völlig unbekannt, dass sie für alles, was ihr Kind auf WhatsApp macht, verantwortlich sind. Die laufen dann gerne zum Lehrer und sagen ihm, er solle das Problem lösen. Zudem ist es momentan noch eine Grauzone, ob Lehrer überhaupt auf die Smartphones von Schülern schauen dürfen. Lehrer dürfen nicht in die Privatsphäre des Kindes eindringen und Smartphones durchsuchen; das darf nur die Polizei. Bei einem Verdacht muss diese dann allerdings auch ermitteln, egal wie überlastet sie ist. Doch ein Feedback, das ich immer wieder auch von Schulleitern bekomme, ist, dass die Polizei deutlich aufgestockt und sich dem Thema „Cybermobbing“ endlich mehr angenommen hat. In unserer Altersgruppe wissen wir alle nicht, was Cybermobbing am eigenen Leib bedeutet. Vielleicht kennen wir Mobbing, doch stellen Sie sich jetzt mal vor, dass jemand die grässlichste Szene Ihrer gesamten Jugendzeit gefilmt und ins Internet gestellt hat. Ich nenne das die „Gnade der frühen Geburt“: Wir haben noch eine Pubertät ohne Kameras erlebt!

Wir müssen ganz einfach grundsätzlich viel mehr mit unseren Kindern über digitale Themen reden. Das Smartphone ist ein Gerät, mit dem man alles machen kann; das übersteigt meiner Ansicht nach die Komplexität von Autofahren deutlich. Eltern drücken ihrem Kind mit dem Smartphone quasi einen Ferrari-Schlüssel in die Hand…

MEDIEN MONITOR: Wie muss eine modere Medienpädagogik in Zeiten der Digitalisierung aussehen?

WOLFF: Ich glaube, die Schulen kommen nicht darum herum, hier langsam tätig zu werden. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und man wird es nicht schaffen das die Eltern alleine erledigen zu lassen. Das würde sonst zu großen Ungleichheiten führen; die Schulen werden sich hier nicht aus der Verantwortung ziehen können. Dafür brauchen wir auf jeden Fall erstmal mehr Lehrer; zudem ist auch ein IT-Administrator pro Schule endlich mal nötig: Oftmals macht das bislang ein einziger Lehrer, der dann „nebenher“ 200 Computer einrichten und warten soll.

Die Schulen müssen also befähigt werden, sich in dem Bereich Know-how anzuschaffen. Aber natürlich müssen auch die Lehrer das Problem in ihrer Größe erstmal erkennen und Freiräume dafür bekommen – und vor allem vernünftige Fortbildungen, um mit der Thematik vertraut zu werden. Denn schon bisher haben wir in Deutschland ein großes Bildungsproblem, das im digitalen Bereich allerdings noch eklatant größer zu werden droht.

MEDIEN MONITOR: Brauchen wir ein Schulfach Medienkunde?

WOLFF: Ja, definitiv! Wir brauchen es deshalb, weil es so, wie es bis jetzt gehandhabt wird, nicht länger funktioniert. Medienwissen soll ja irgendwie in allen Fächern beigebracht werden – also passiert es allzu oft in keinem! Es gibt durchaus viele junge Lehrer, die wahnsinnig viel Eigeninitiative reinstecken, aber so lange das nicht institutionalisiert wird, stehen die früher oder später auf verlorenem Posten. Zudem sind der Daten- und Urheberrechtsschutz derzeit weitere Hindernisse für Schulen, weil sie sie in ihrem (digitalen) Handlungsspielraum einschränken. Viele Lehrer verweisen nämlich auf diese bestehende Rechtsunsicherheit, um nicht digital unterrichten zu müssen.

Wir brauchen stattdessen ein Fach „Digitalkunde“ und damit einhergehend einen neuen Lehrplan, der auch digital unterrichtet wird. Anders können wir nicht mit der Geschwindigkeit im digitalen Zeitalter mithalten. Wir können einfach nicht abwarten, bis zum Thema „Facebook und Google“ Schulbücher gedruckt sind: Bis die vom Kultusministerium genehmigt sind und bei den Schulen ankommen, sind die „heißen“ digitalen Themen schon wieder ganz andere.

MEDIEN MONITOR: Beschleunigen digitale Medien die Integration von ausländischen Schülern?

WOLFF: Ich habe in München an einer Schule mit 70 Prozent Migrationsanteil gearbeitet und habe dort erlebt, was auch wissenschaftlich belegt ist: Probleme wie ein fehlender Zugang zu den Eltern im Falle von Cybermobbing treten bei Familien mit Migrationshintergrund tendenziell (noch) stärker auf. Negative Effekte sind viel stärker und auch die Überbenutzung ist deutlich höher. Muslimische Mädchen etwa dürfen ja kaum etwas in ihrer Freizeit tun. Wenn sie nach der Schule zu Hause am Küchentisch sitzen, läuft parallel den ganzen Tag das arabische Facebook auf dem Tablet. Doch hier finden manche schlaue muslimische Mädchen auch einen Weg, die Welt trotzdem zu erobern – das muss man also sehr differenziert sehen.

Es kommt stark auf den jeweiligen kulturellen Hintergrund an: Alle Kinder sind schließlich Teil der digitalen Welt, aber die ist so groß, dass man das eigentlich nicht mehr „Integration“ nennen kann. Es kann aber auch einen sehr interessanten und produktiven Austausch zwischen deutschen und ausländischen Kindern geben, der für beide gewinnbringend ist – solange gewährleistet ist, das auf beiden Seiten grundsätzliche Regeln etabliert sind man dem Anderen gegenüber als ein verständnisvolles, freundliches und aufgeschlossenes Wesen gegenübertritt.

Man kann aber keine für einzelne Bevölkerungsgruppen allgemeine Regel daraus herausleiten. Gut ist auf jeden Fall, dass etwa das große Medienerziehungsportal www.klicksafe.de Materialien dazu nicht mehr nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch, Russisch, Türkisch, Arabisch und Farsi zur Verfügung stellt; denn bei Kindern mit Migrationshintergrund sind diese Informationen oft noch dringender notwendig als bei deutschen Kindern. Grundsätzlich gilt: Wenn ich die Smartphone-Nutzung meiner Kinder runterfahren möchte, dann muss ihnen ich auch Alternativen bieten – am besten solche, bei denen eine Handynutzung sogar stören würde. Da sind deutsche Eltern tendenziell etwas aktiver: Sie kümmern sich tendenziell mehr um ihre Kinder, was in dem Bereich sehr gut ist.

MEDIEN MONITOR: Was wünschen Sie sich für die Bildungspolitik?

WOLFF: Auf jeden Fall ein neues Schulfach, das ich „Digitalkunde“ nennen würde. Dazu passend Lehrer, die vernünftig ausgebildet werden und in einer gut ausgestatteten Umgebung arbeiten können. Und ich wünsche mir Eltern, die verstehen, wie groß der Schritt ist, den sie machen, wenn sie ihrem Kind ein Smartphone in die Hand drücken.

MEDIEN MONITOR: Herr Wolff, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Daniel Wolff führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 14. November 2018 in München.