„Menschliche und künstliche Intelligenz müssen sich ergänzen“ – Gespräch mit Prof. Alin Albu-Schäffer, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V., Direktor am Institut für Robotik und Mechatronik und Professor an der TU-München

Prof. Alin Albu-Schäffer ist seit 2012 Direktor am Institut für Robotik und Mechatronik im DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt). Gleichzeitig ist er Professor an der TU-München (TUM). Dort leitet er den Lehrstuhl für „Sensorbasierte robotische Systeme und intelligente Assistenzsysteme“ an der Fakultät für Informatik. Seine Forschungsgebiete sind die robotische Assistenz von der Raumfahrt über die industrielle Produktion, Medizin und Health-Care bis hin zu persönlichen Assistenzsystemen. Prof. Albu-Schäffer studierte Elektrotechnik an der TU Timisoara, Rumänien und promovierte 2002 an der TUM. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen im Bereich der Robotik, unter anderem den IEEE King-Sun Fu Best Paper Award der Transactions on Robotics in 2012, Preise für Publikationen in den führenden Robotik-Zeitschriften sowie den DLR-Wissenschaftspreis.

MEDIEN-MONITOR: Wird der Roboter den Menschen in Zukunft ersetzen?

ALBU-SCHÄFFER: Die Frage treibt tatsächlich sehr viele um. Und da kann ich gleich mit zwei Gegenfragen antworten. Kriegen wir das tatsächlich technisch hin? Also kann man tatsächlich sich wiederholende, einfache Aufgaben ersetzen? Die zweite Frage ist verbunden mit der Befürchtung, dass wir an unseren Arbeitsplätzen massiv ersetzt werden können. Das ist keine technische, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung die hier getroffen werden muss. Wir leben in einer freien Demokratie, in der Meinungsäußerungen und die öffentliche Meinung eine ganz große Rolle spielen. Das heißt, es wird neben der technischen Frage auch eine Frage des öffentlichen Willens geben. Deswegen mache ich mir wenig Sorgen.

MEDIEN-MONITOR: Also theoretisch könnten uns Roboter ersetzen, die Frage ist nur, ob es politisch oder gesellschaftlich erwünscht ist?

ALBU-SCHÄFFER: Ich denke, beides ist in der Entwicklung. Wir sehen in den letzten Jahren, dass Roboter zunehmend Tätigkeiten übernehmen können. Aber wir merken auch, dass es sehr große Bereiche gibt, in denen die Menschen unersetzlich sind. Wir sehen, dass an vielen Stellen eine Kooperation zwischen Mensch und Maschine die Lösung ist.

MEDIEN-MONITOR: Wie könnte das aussehen? Wo arbeiten Mensch und Maschine schon heute erfolgreich zusammen?

ALBU-SCHÄFFER: Roboter sind sehr gut bei sich wiederholenden Aufgaben. Sie kennen das vielleicht von BMW. Da werden Schweißpunkte sehr genau gesetzt oder Karosserien lackiert. Man hat dort tatsächlich über 90 Prozent Roboter im Einsatz. Da findet man kaum noch Menschen. Wenn sie allerdings bei Automobilherstellern in die Endfertigung schauen, dann ist das genau umgekehrt. Da sind über 95 Prozent der Tätigkeiten manuell. Da ist sehr viel Abwechslung drin, denn kaum ein Fahrzeug ähnelt dem nächsten und die zu handhabenden Teile sind sehr komplex. Hier sind Menschen unersetzlich. Da wo Intelligenz, Erfahrung und eine Portion Intuition gefragt sind, können wir mit heutigen Robotern die Menschen nicht ersetzen.

MEDIEN-MONITOR: Wie lange dauert es noch bis wir den ersten Roboter als Chef haben?

ALBU-SCHÄFFER: Ich denke, da kann ich Sie beruhigen. Ich leite ein Institut mit 200 Mitarbeitern und wenn ich meinen Alltag betrachte, dann sehe ich kaum Tätigkeiten die ich abgeben könnte. Ich sehe Roboter nicht in der Lage, Führungspositionen zu übernehmen, da hier Empathie und Kommunikation Voraussetzung sind.

MEDIEN-MONITOR: Was für Roboter bauen Sie?

ALBU-SCHÄFFER: Wir kommen primär aus der Raumfahrt. Da hat man früh mit Robotern angefangen, weil die Raumfahrt für den Menschen gefährlich ist. So faszinierend das ist, ist es gibt enorme Kosten und Risiken. Deswegen ist jede Raumfahrt eine robotische Mission. Das Spannende ist, dass Roboter universelle Werkzeuge sind, sodass man sie auch in ähnlich intrinsischer Angelegenheit einsetzen kann. Wir haben zum Beispiel unseren humaniden Roboter Justin erstmals in einem Raumfahrtszenario entwickelt. Man wird vermutlich nicht blind auf dem Mars landen können, weil die Kosten unglaublich hoch wären. Das heißt, ein realistisches Szenario sieht so aus, dass Astronauten in einer Umlaufbahn zum Mars kreisen – genau so wie die ISS zur Erde kreist. Und sie werden sehr viele Roboter auf der Oberfläche des Planeten haben. Die Astronauten können diese dann aus der Umlaufbahn heraus steuern. Aus der Umlaufbahn deswegen, weil sie von der Erde zum Mars viel zu lange Kommunikationszeiten, von 20–40 Minuten, haben. Astronauten machen das unmittelbar und das an allen Planeten. Wir haben diese Roboter entwickelt. Wir kooperieren mit NASA und ESA. Dafür werden wir im nächsten August mit Alexander Gerst, dem deutschen Astronauten, Experimente durchführen, um zu demonstrieren wie das Ganze aussehen wird. Steuern lässt sich der Roboter über eine einfache App auf dem Smartphone oder Tablet. Darüber lässt er sich kommandieren und darüber lassen sich auch Wartungsarbeiten durchführen. Die gleiche Technologie haben wir nach Garmisch-Partenkirchen übertragen. Dort war die Aufgabe, dass Angehörige den Roboter aus der Ferne steuern können, zum Beispiel den Befehl geben, in eine Schublade zu greifen, um jemanden Medikamente zu geben. Die gleiche Infrastruktur, der gleiche humanide Roboter.

MEDIEN-MONITOR: Wir haben in Deutschland einen großen Pflegenotstand. Es fehlen über 100.000 Pflegekräfte. Auch die bayerische Regierung setzt deswegen auf Ihre Roboter.

ALBU-SCHÄFFER: Ja, das ist ein sehr spannendes Projekt. Wir wurden auch von Pflegeeinrichtungen wie der Caritas kontaktiert. Die haben sich sehr interessiert an diesen Technologien gezeigt. Wir kennen alle die Probleme des demografischen Wandels. Die Pflege ist davon doppelt betroffen. Zum einen wird es immer mehr ältere Leute geben, aber auf der anderen Seite sinkt die Anzahl der Pfleger. Insofern ist hier die Problematik dramatischer als beispielsweise in der Produktion. Wir können mit Robotern eine Abhilfe schaffen. Natürlich stellt sich hierbei immer die Frage, wollen wir menschliche Zuwendung ersetzen. Darum geht es hier aber nicht. Jeder kennt in seinem Umfeld Situationen der Pflege. Wenn jemand Anspruch auf Pflegstufe 1 oder 2 hat, dann hat er Anspruch auf eine zweistündige Hilfe, den Rest des Tages ist man dann auf sich selbst gestellt. Es geht also darum, diesen Menschen über den ganzen Tag hinweg Hilfe zu geben.

MEDIEN-MONITOR: Wie muss man sich so einen Helfer vorstellen?

ALBU-SCHÄFFER: Je eingeschränkter diese Personen in ihren Handlungen, umso mehr kann man Ihnen helfen. Ein Beispiel sind Patienten mit Muskelatrophie, zum Beispiel Stephen Hawkins. Wir haben Menschen mit ähnlichen Erkrankungen und denen kann man bereits mit sehr einfachen Mitteln helfen. Ihr größter Wunsch ist, ihre Selbstständigkeit wiederzuerlangen. Man kann mit Hilfe von Sensoren, die auf dem Arm angebracht sind, Bewegungen koordinieren. Nehmen wir an, der Patient kann den Arm nicht mehr bewegen, aber es gibt noch Nerven- und schwache Muskelsignale. Die reichen zwar nicht aus, um den Arm bewegen zu können, aber sie können diktiert werden. Mit maschinellem Lernen und KI-Verfahren kann man diese Signale trainieren und in Bewegungskommandos für den Roboter übersetzen. Oder der Patient sitzt im Rollstuhl und kann mit dem Verfahren den Rollstuhl fahren und den Arm bewegen. Das ist ein großer Gewinn für die Patienten. Wir haben unsere Patienten nach ihrer Wunschliste gefragt. Auf Platz Nummer eins stand interessanterweise nachts auf- und zu- decken. Das fällt einem nicht automatisch ein. Aber auch einen Pfleger, der Ihnen 24 Stunden zur Verfügung steht, möchten Sie nachts nicht aufwecken.

MEDIEN-MONITOR: Welche Roboter sind in der Industrie gefragt?

ALBU-SCHÄFFER: Wir haben in den letzten 10-15 Jahren die interagierende Robotertechnologie geprägt. Man muss wissen, vor ungefähr zehn Jahren war die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine allein über die gesetzlichen Regelungen noch verboten, weil es eben nicht die geeigneten Maßnahmen gab, um eine sichere Zusammenarbeit zu ermöglichen. Wenn Sie dieses Jahr auf der Hannover Messe waren, war das Hauptthema Konnektivität und Kollaboration. Und die so genannten Cobos (kollaborierende Roboter, Anm. d. Red.) standen ganz stark im Mittelpunkt. Das waren wissenschaftliche Entwicklungen, die an die 20 Jahre gedauert haben, bis sich dadurch diese Technik entwickelt hatte. Wir brauchen Roboter, die sicher in der Interaktion mit Menschen sind. Roboter, welche die Absichten der Menschen erkennen. Dieser Bereich ist in den letzten fünf Jahren sehr stark in den Vordergrund getreten. Aber auch Roboter in der Logistik, zum Beispiel um Produkte aus den Regalen zu holen, werden immer wichtiger.

Es gibt die Vision einer Fabrik der Zukunft, in der ein Produkt, welches als Computermodell vorliegt, mehr oder weniger automatisch über einen gesamten Programmierprozess gefertigt wird. Man generiert die gesamten Programme zur Montage und Ausführung automatisch direkt von den CAD-Daten (Computer-Aided Design, Anm. d. Red.). Im Prinzip wird daraus automatisch entschieden, in welchem Teil der Fabrik welche Abschnitte, manuell von Menschen durchgeführt werden müssen, welche von Robotern durchgeführt werden können und welche in Kollaborationen stattfinden müssen. Dafür werden automatisch die Programme für die Roboter erzeugt und zwar so, dass man auch Einzelstücke fertigen kann. Dazwischen fahren die mobilen Roboter mit Roboterarmen, um die Materialien von einem Ort zum nächsten zu befördern.

MEDIEN-MONITOR: Welche Rolle spielt die Künstliche Intelligenz (KI) beim Einsatz von Robotern?

ALBU-SCHÄFFER: In der klassischen Industrierobotik ist keine Künstliche Intelligenz im Spiel. Das sind Bewegungen, die einzeln programmiert werden und ablaufen. Wenn man aus dieser sehr künstlichen Welt in die reale Welt kommen will, dann müssen sich Roboter tatsächlich auch in unbekannten Umgebungen zurechtfinden. Das heißt, die Wahrnehmungsfähigkeit ist sehr wichtig, genauso die Fähigkeit, mit den Menschen zu kommunizieren und auch Sprache, Gestik und Intentionen zu verstehen. Auch die Fähigkeiten Aktionen selbstständig zu planen, wird immer wichtiger, so wie in einer sich verändernden Umgebung Entscheidungen zu treffen. Hier kommt die KI sehr stark ins Spiel. Die Entwicklung, die in den letzten Jahren beispielsweise bei Google stattgefunden hat, im Bereich ‘Deep Learning’, maschinelles Lernen, die fängt jetzt an, mit der Robotik zusammenzukommen. Wir befinden uns aber nach wie vor sehr stark in der Forschung. Es gibt wenige Industrieprodukte, die auf KI aufbauen, aber wir werden das in den nächsten Jahren massiv kommen sehen.

MEDIEN-MONITOR: Welche Szenarien sehen Sie da in der Zukunft für die Roboter im Zusammenhang mit KI?

ALBU-SCHÄFFER: Lassen sie mich hier auf die Pflege– und Unterstützungsroboter zurückkommen. Die Patienten sind zwar in der Lage, mit ihrer Muskelkraft die Roboterarme zu steuern, das Ganze ist aber relativ mühsam. Das heißt, die Patienten brauchen zwei bis drei Minuten um ein Glas zu greifen. Über den Tag hinaus wird das sicherlich sehr anstrengend. Wir bringen an dem Rollstuhl eine Kamera an und diese beobachtet die Bewegung des Armes. Dadurch versuchen wir, die Intention des Nutzers zu erkennen. Man kann sich das in etwa so vorstellen, wie wenn man auf seinem Smartphone eine Nachricht eingibt und die ersten beiden Buchstaben tippt. Dann bekommt man einen Vorschlag mit Wörtern. So ähnlich funktioniert das mit dem Roboter. Er erkennt die Intention, man nähert sich dem Glas und die KI sagt, vermutlich will der Nutzer jetzt das Glas greifen oder was da noch so rumsteht, zum Beispiel die Wasserflasche. Das System macht dann Vorschläge und der Patient kann auswählen, was der Roboter ausführen soll.

Die Intention von Menschen zu erkennen und selbstständige Planung sind Komponenten, die sehr stark durch KI und maschinelles Lernen unterstützt werden.

MEDIEN-MONITOR: Solange der Mensch der Technik vorgibt, was sie zu tun hat, ist das in Ordnung. Aber ist es denn schon so, dass der Mensch gar nicht mehr so richtig denken muss, weil Kollege Roboter das übernimmt?

ALBU-SCHÄFFER: Das ist eine sehr starke Frage der Akzeptanz. Wir hatten viele Patientinnen und Patienten die das System ausprobiert haben und ich zitiere hierbei immer den Satz einer Patientin, welchen sie in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk gesagt hat. Sie wurde gefragt, ob sie sich so ein System anschaffen würde. Und sie hat geantwortet: „Ich kann mir das wunderbar vorstellen, solange ich das mit meinen Willen steuern kann.“ Das bringt es genau auf den Punkt. Solange die Menschen den Eindruck haben, durch die Technik würden Sie eine Erweiterung bekommen, eine Erhöhung der Selbstständigkeit, möchten Sie solche Systeme lieber heute als morgen bekommen. Die Horrorversion ist die Waschstraßen-Situation – wie ich dazu sage. Die Menschen wären komplett ausgeliefert und würden von allen Ecken geschrubbt werden, ohne sich wehren zu können.

MEDIEN-MONITOR: Operationen werden schon heute teilweise durch Roboter gesteuert…

ALBU-SCHÄFFER: Das ist richtig, aber bei jeder Operation steht immer der Chirurg dahinter. Diese Chirurgie-Roboter werden zum Beispiel bei 80 Prozent der Prostataoperationen eingesetzt. Sie sind ein Hightech Produkt, welches die Fähigkeiten des Chirurgen erweitert. Man kann zum Beispiel ein Handzittern des Chirurgen beheben. Während der Chirurg im Zentimeterbereich ausbessern kann, skaliert das der Roboter im Submillimeterbereich. Man kann auch Bereiche sperren, zum Beispiel sagen, hier läuft ein Blutgefäß oder Nerv. Der Roboter verhindert dann, dass man aus Versehen diese Bereiche verletzt. Die Entscheidung liegt am Ende immer beim Chirurgen. Das wird sich auch in der kommenden Zeit nicht ändern. Auch wenn wir in den nächsten drei bis fünf Jahren neue Medizinroboter sehen werden. Nach und nach wird die Intentionserkennung mit dazu kommen. Der Roboter wird ganz klar immer mehr Unterstützungsfähigkeiten anbieten. Aber ich glaube schon, so lange der Chirurg die Entscheidungsfähigkeit hat, wird er nichts aus der Hand geben, was die Operation gefährden könnte.

MEDIEN-MONITOR: Werden Roboter in Zukunft auch Kriege führen?

ALBU-SCHÄFFER: Unsere Position ist hier ganz deutlich: Damit wollen wir nichts zu tun haben. Das ist eine klare strategische Entscheidung. Wie sich das weltweit entwickeln wird, ist schwer zu sagen. Es gibt bereits Drohnen, die ferngesteuert werden und auch Kampfroboter werden bereits in Kriegsgebieten eingesetzt. Soweit ich weiß zu Erkundungszweckenbspw. in Form von Kettenfahrzeugen, die vorausgeschickt werden. Das hilft natürlich, Leben zu retten. Trotzdem sind hier die Grenzen sehr verschwommen und deswegen haben wir gesagt, dass wir in diesem Bereich nicht tätig werden.

MEDIEN-MONITOR: Umso wichtiger ist die Sicherheit Ihrer Daten, damit nicht das gehackt wird, was Sie an Gutem auf den Weg bringen wollen und dann für Gegenteiliges genutzt wird.

ALBU-SCHÄFFER: Wir haben gerade Kooperationsverhandlungen mit einem großen Industrieunternehmen und die hatten auch die Frage, ob wir sicherstellen können, dass unsere Erkenntnisse nicht missbraucht werden können. Das ist in der Robotik letztlich wie in jedem anderen Bereich. Die Verantwortung bleibt bei uns, aber uns kann auch ein Roboter nicht abnehmen, was wir am Ende mit der Technologie machen.

MEDIEN-MONITOR: Gibt es Technologien die sich hinter der KI verbergen?

ALBU-SCHÄFFER: KI ist mehr als nur ein Sammelbegriff. In der Fachwelt wird von ‘Maschinellem Lernen’ gesprochen. Und da ist KI natürlich ein ganz großer Schwerpunkt. Der große Erfolg basiert darauf, dass mittlerweile sehr große Datenmengen erzeugt werden können. Man kann Bilderkennungen machen oder wenn große Textmengen vorliegen, die mit Ton verbunden sind, dann kann Spracherkennung generiert werden. Wenn sie viele Dokumente in Deutsch und Englisch verfassen und damit eine KI füttern, können sie automatisch eine Übersetzung machen. Auf sehr viele vorhandene Daten Vorhersagen zu treffen, ist sehr stark ausgeprägt. Das wird heute als KI verkauft. Aber es gibt natürlich viele andere Bereiche.

MEDIEN-MONITOR: Können sich menschliche und künstliche Intelligenz ergänzen?

ALBU-SCHÄFFER: Auf jeden Fall. Beim sogenannten ‘Reinforcement Learning’ sind Computer in der Lage, mit kleinen Spielregeln die gegeben sind, voneinander zu lernen. Hier geht es um adaptives Lernverhalten, selbstständig eine gewisse Aktion zu erlangen. Was nach wie vor diesen Methoden allerdings fehlt, ist Analyse-, Interpretations- und Urteilsfähigkeit und natürlich auch die Fähigkeit, Ziele zu setzen. Hierin liegt auch der große Unterschied zum Menschen. Was die Systeme aber können ist ,immens große Datenmengen zu verarbeiten. Das was uns so schwer fällt, können die Systeme wunderbar. Die Versuche mit dem Watson System haben ja gezeigt, dass sie dort eingesetzt werden, wo der Mensch überfordert ist.

MEDIEN-MONITOR: Bei allem Optimismus der Industrie ist die Skepsis bei den Arbeitsnehmern erst mal groß. Experten sind überzeugt, dass es zu Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt kommen könnte. Werden wir Millionen von Arbeitsplätzen auf einmal verlieren, oder gibt es einen schleichenden Prozess?

ALBU-SCHÄFFER: In den nächsten 20 Jahren wird man in Deutschland zehn Millionen Arbeitsplätze verlieren. Das haben viele Studien übereinstimmend herausgefunden. Es gehen aber auch jedes Jahr eine halbe Millionen mehr Menschen in Rente als neue anfangen zu arbeiten. Das passiert also ganz von alleine. Wenn es gut geht, kann also die Robotik und die Digitalisierung im Allgemeinen es schaffen, den drohenden Fachkräftemangel auszugleichen.

MEDIEN-MONITOR: Welche Tätigkeiten werden denn als erstes überflüssig werden und welche werden neu hinzukommen?

ALBU-SCHÄFFER: Lassen Sie mich hier auf das Thema Pflege zurückkommen. Es gibt momentan einen großen Mangel an Pflegekräften. Das heißt, zunächst werden die Roboter hier die Lücken schließen. Und was wir mit der Caritas in Garmisch Partenkirchen versuchen zu entwickeln, sind neue Berufsbilder. Der Pflegeberuf ist nicht sonderlich attraktiv und wird nicht gut bezahlt. Zudem ist er physisch anstrengend. Wenn man es schafft, die physische Komponente durch Robotik runter zu pendeln und gleichzeitig eine Hightech-Komponente mit rein zu bringen, dann würde man das Berufsbild deutlich attraktiver gestalten. Beispiele für neue Berufsbilder wären der Pflegetechniker oder der Pflegeteleoperator. Zwar können sich die Patienten selbst helfen mit der Robotertechnologie, aber wir stellen uns ein Call Center vor, für alle Situationen in denen der Patient nicht mehr zurechtkommt. Das können zum Beispiel Momente sein, in denen die KI die Muskelintentionen nicht richtig erkennt oder wenn wirklich ein medizinischer Notfall besteht. Über moderneres Internet kann man sich dann über das Pflegecenter in den Roboter einwählen und ihn bedienen. Das Call Center soll also innerhalb von Sekunden eingreifen und helfen können. Das heißt, hier braucht es Personal mit technischer Ausbildung und einer Ausbildung zum Pfleger. Ein komplett neues Berufsbild.

MEDIEN-MONITOR: Droht Deutschland den digitalen Anschluss zu verlieren?

ALBU-SCHÄFFER: In der Robotik sind wir in Deutschland ganz vorne an der Spitze. Das wurde auch besonders aus München heraus geprägt, durch das DLR (Deutsches Luft- und Raumfahrtzentrum, Anm. d. Red.) und Partner.

In der KI sieht es dagegen etwas anders aus. In den USA werden immense Summen in KI investiert. Und auch in China investiert besonders der Staat sehr viel Geld darin. Da muss man in Deutschland schon ziemlich stark aufpassen. Ein gewisses Bewusstsein ist aber da. Es gibt auch auf nationaler Ebene Gespräche mit Frankreich, um eine gemeinsame KI-Strategie aufzusetzen. Hoffen wir, dass die Entschlossenheit aufgebracht wird und die finanziellen Mittel tatsächlich in dem Maß investiert werden.

MEDIEN-MONITOR: Auf dem Digital-Festival South by South West in Texas verkündeten Wissenschaftler, dass Menschen mit Gehirnimplantaten Prothesen kontrollieren können. KI soll künstliche Körperteile steuern, Drohnen lenken, Verbrechen aufklären. Wie realistisch sind diese Szenarien in den kommenden Jahren?

ALBU-SCHÄFFER: Wir waren an dem Experiment mit Gehirnimplantaten mit unserem Roboterarm beteiligt. Das Implantat stammt von der Brown University. Wir waren weltweit die einzigen, die einen Roboter hatten, der so sicher war, dass er mit den Patienten zusammen agiert. Diese Implantate sind in Europa nicht zugelassen, weil sie zu invasiv sind und zu viele Risiken haben. Deswegen haben wir Muskelsensoren entwickelt, die man einfach auf die Haut klebt. Die Steuerung mit Hilfe von Gehirnimplantaten ist also Realität und funktioniert. Im Gesundheitswesen wird sich viel tun und hier wird sicher auch der Nutzen sehr groß sein. Das wichtigste ist hierbei immer, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Alles andere wird auch nicht akzeptiert werden.

MEDIEN-MONITOR: Wie sieht ihre Vision für die Zukunft aus? Wohin wird uns die digitale Transformation führen?

ALBU-SCHÄFFER: Wenn man sich mit KI und Robotik beschäftigt, ist es sehr spannend, neben den ganzen Möglichkeiten und Bedrohungen festzustellen, dass es uns hilft, die Intelligenz des Menschen zu verstehen. Es ist nicht offensichtlich, aber Robotic Science ist Human Science. Wir versuchen, in einem groß angelegten Experiment die Intelligenz des Menschen und sein Verhalten nachzuvollziehen und das zu überprüfen, indem wir es im Roboter nachbauen. Es spielt also ganz viel Neugier eine große Rolle. Alleine die Entwicklung, zu verstehen wie ein Mensch läuft, greift und denkt, wird uns unglaublich voranbringen. In all diesen Diskussion gibt es eine große Unbekannte: Die Art und Weise wie wir denken. Die technischen Möglichkeiten schaffen uns ganz neue Zugänge dazu, uns selbst zu erkennen. Wir wissen auch nicht, wo es uns hinführt. Aber ich verbinde damit das Vertrauen, dass eine höhere Erkenntnis über uns selbst uns selbst auch zu einer besseren Gesellschaft führen kann.

MEDIEN-MONITOR: Herr Prof. Albu-Schäffer, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Prof. Alin Albu-Schäffer führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 16. Mai 2018 in München.