„Gender ist Teil der egalitären Revolution“ – Gespräch mit Mathias von Gersdorff, Publizist

Mathias von Gersdorff ist Diplom-Volkswirt und Publizist. Seit 1990 ist der Katholik in der Lebensrechtsbewegung aktiv. Von Gersdorff leitet seit 1993 die Aktion „Kinder in Gefahr“ der Deutschen Vereinigung für eine christliche Kultur (DVCK e.V.) mit Sitz in Frankfurt (Main). Der DVCK e.V. ist ein 1983 von einem Kreis katholischer Laien gegründeter Verein, der sich gegen Pornographie, Gewaltverherrlichung und Blasphemie in den Medien wendet. Von Gersdorff hat schon mehrere Bücher geschrieben, darunter „Die sexuelle Revolution erreicht die Kinder“ und „Kampf ums Leben“. Zur Wertethematik und zum Lebensrecht schreibt er regelmäßig in verschiedenen Publikationen und hält zahl- reiche Vorträge, u.a. beim World Congress of Families in Sidney/Australien, an der Katholischen Universität in Lublin und an der Europäischen Humanistischen Universität in Vilnius. Seine letztes Buch „Gender: Was steckt dahinter“ analysiert kritisch die umstrittene Ideologie.

MEDIEN-MONITOR: Was bedeutet Gender?

VON GERSDORFF: Gender ist gar nicht so einfach zu definieren. Die Verfechter von Gender halten den Begriff bewusst schwammig. Je nachdem, in welchem Zusammenhang der Begriff Verwendung findet – sei es in der Schule oder theoretischen Büchern zum Thema – gibt es ganz unterschiedliche Definitionen. Aber grundsätzlich gilt das Postulat, dass das Geschlecht ein soziales oder kulturelles Konstrukt ist, bei dem die Biologie völlig in den Hintergrund geschoben wird bzw. überhaupt keine Rolle mehr spielt. Gender hat verschiedene Quellen. Eine davon sind die 68er. Aber es ist zum Teil auch aus einer radikalen Kritik des Feminismus entstanden – Judith Butler ist hier der wichtigste Name. Sie hat am Feminismus kritisiert, dass dieser die Methode des Klassenkampfes übernommen und das Proletariat durch die Frau ersetzt habe. Die Frau sollte eigentlich ständig gegen den Mann kämpfen, um die Bastion der Männer zu erobern. Durch den Klassenkampf zwischen Frauen und Männern wird laut Butler jedoch die Gegensätzlichkeit zwischen Mann und Frau zusätzlich verstärkt. In ihrem wichtigsten Buch „Gender-Trouble“ hat sie gesagt, dass diese Polarität vielmehr überwunden werden muss. Die ganz Radikalen sagen dann, dass das Geschlecht psychologisch gesehen gar nicht definiert sei, sondern wir in einem ständigen Fluidum leben würden. Im Grunde genommen ist Gender also eine Kampfmethode. Es ist eine Ideologie, die aber meist wie eine Methode zur Durchsetzung politischer und ideologischer Ziele verwendet wird.

MEDIEN-MONITOR: Was macht der Genderwahn mit unserer Gesellschaft?

VON GERSDORFF: An dieser Stelle möchte ich gerne Papst Benedikt XVI zitieren, der das exakt definiert hat: Gender ist eine anthropologische Revolution. Damit hat er eigentlich schon alles gesagt. Es geht nicht bloß darum, die Besitzstände oder Herrschaftsstrukturen zu überwinden – den Kampf zwischen Proletariat und Kapitalisten zum Beispiel – sondern hier soll der Begriff des Menschen an sich, die Anthropologie, geändert werden. Das heißt, die grundsätzliche Frage „Was ist der Mensch?“. Die Identität, die Persönlichkeit selbst, soll völlig revolutioniert werden. Eigentlich ist Gender ein Unterkapitel der sogenannten Identitätspolitik. Der Lieblingsbegriff psychologischer Zeitungen der letzten 20 Jahre war Identität. Dann wurde postuliert, zu hinterfragen ob Identität und Persönlichkeit überhaupt existieren. Sind wir tatsächlich das, was wir meinen, was wir sind oder sind das nicht eigentlich nur Vorstellungen, die von Kultur und Gesellschaft vorgegeben sind? Identitätspolitik postuliert, dass die Identität des Menschen gar nicht festgelegt, sondern eine bloße soziale Konstruktion sei. Etwas, was man dem Menschen aufoktroyiert habe. Davon solle man ihn „befreien“. Es ist eine tief pessimistische Sicht des Menschen.

MEDIEN-MONITOR: „Gender, was steckt dahinter“ lautet der Titel Ihres letzten Buches. Darin kritisieren sie sehr stark diese umstrittene Ideologie. Warum erleben wir aber so einen wahnsinnigen Gender-Hype in Deutschland und wie kann man diesem begegnen?

VON GERSDORFF: Zu den Eigenschaften der Deutschen gehört es u.a., sehr gründlich zu sein. Wenn sie was machen, dann machen sie es auch detailbesessen. Gender speist sich zum einem aus der 68er-Bewegung, einer Dekonstruktionsbewegung, geprägt von einer Art Hass gegen sich selbst, gegen die eigene Nation und Kultur sowie die eigene Sprache. Die 68er waren eine reine Protestbewegung gegen das Sein und dazu gehört auch die Geschlechtlichkeit. Alles was gut ist, wird verneint und muss aufgelöst werden. Gender speist sich auch aus der sexuellen Revolution, die natürlich sehr eng verbunden ist mit den 68ern. In dem Moment, wo man postuliert, dass der Geschlechtsakt nichts mehr mit Fortpflanzung zu tun hat, ist man nicht mehr weit weg von Gender. Damit habe ich bereits einen sehr großen Schritt hin zur Auflösung der Geschlechtlichkeit getan. Denn von Natur aus, von Gott, ist ja der Hauptzweck des Geschlechtsakts die Fortpflanzung. Wenn das aber für einen völlig irrelevant ist, dann kann sich im Grunde genommen Geschlechtlichkeit in irgendeiner beliebigen Form ausprägen, wie zum Beispiel durch Leihmutterschaft. Am radikalsten hat es die Amerikanerin Shulamith Firestone ausgedrückt. Sie sagt, wir müssen die Geschlechter auflösen. So lange es nämlich Geschlechter gibt, haben wir Unterschiede. Und das Leitmotiv dieser ganzen Bewegung ist der Egalitarismus. Wir sollen die absolute Egalität anstreben. Eine Form, die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern aufzulösen, ist es, zu sagen, es gebe tausende Geschlechtlichkeiten, bis hin zu einem Fluidum. Gender ist gewissermaßen in Teilen auch ein Teil dieser egalitären Revolution, die man momentan sehr gut beobachten kann.

MEDIEN-MONITOR: Das heißt konkret, man kommt nicht mehr als Mann oder Frau zur Welt, sondern entwickelt erst seine Geschlechtlichkeit, bspw. durch die Sozialisierung. Diese kann mannigfach ausgelegt sein. Da kommt man ja nie ans Ziel…

VON GERSDORFF: Ja, das Ziel ist nicht klar festgelegt. Zudem gibt es in der Gender-Ideologie unterschiedliche Grade der Radikalität. In Südamerika zum Beispiel hat sich die Gender-Bewegung – auch auf Grund der großen Religiosität der Menschen – zu einer Art Befreiungstheologie entwickelt und vermischt sich mit den Naturreligionen. Ein chilenischer Senator aus Chile behauptete allen Ernstes: „Wenn der Mensch selbst entscheiden kann, ob er Mann oder Frau ist, warum kann er nicht auch entscheiden, welche Spezies er ist“? Das heißt, er könnte auch eine Pflanze oder ein Tier sein. Das mag für uns grotesk klingen, ist aber konsequent für jemanden, der beispielsweise an Dinge glaubt wie die „Mutter Erde“ wie etwa viele Naturreligionen, die der Auffassung sind, alle Kreaturen seien Teil eines einzelnen Seins. Die „Mutter Erde“ eben.

MEDIEN-MONITOR: Sorgt Gender für eine andere Politik, ein anderes Geschlechter-, Menschen- und Familienbild? Wird hier nicht die Axt an die Wurzel der Gesellschaft gelegt? Oder anders gesagt: Ist der Genderismus das ideologische Nachfolgemodell des Marxismus?

VON GERSDORFF: Für den Marxismus war ja die Familie das Grundübel schlechthin. In der Familie wird die bürgerliche Mentalität gebastelt. Hier wird wahrgenommen, dass der Mensch nicht nur ein Teil einer Kommunität ist, sondern die Familie der nächste Bezugspunkt ist. Ein Leitmotiv der sozialistischen Politik war immer die Schwächung oder die Zerstörung der Familie. In der Sowjetunion wurde explizit gesagt, dass man es nicht schaffen werde, den Sozialismus einzuführen, wenn man nicht die Familie zerstöre. Nur: die Familie lasse sich nicht zerstören, wenn man die Jugend nicht sexualisiere, so die Theoretiker des Kommunismus. Wenn man die Jugend sexualisiert, hat bald keiner mehr den Wunsch nach einer monogamen Ehe von Mann und Frau. Dieselben Gedanken finden sich in den 68er-Lehrpläne zur Sexualerziehung. Damals haben die Revoluzzer ja immerhin noch das geschrieben, was sie dachten. Es lohnt sich daher, die Bücher von Helmut Kentler zu lesen. Kentler hat die Sexualkundeprogramme für die Schulen Anfang der 1970er Jahre entworfen. Er hat die Ziele ganz eindeutig definiert: Es geht um sexuelle Emanzipation und die Auflösung von Wertvorstellungen, die Kinder bisher von der Kirche bekommen haben. Das Ganze war eindeutig anti-christlich. Die Sexualerziehung sorgt bis heute immer wieder für Kontroversen und Proteste. Das Thema Gender kam viele Jahre später hinzu. Durch die Proteste in den Jahren 2014-2016 gegen den sog. Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg erfuhr die große Öffentlichkeit, wie stark man in etlichen Bundesländern dabei war, Gender in die Schulerziehung zu integrieren.

MEDIEN-MONITOR: Sie kritisieren die frühe sexuelle Grunderziehung scharf. Ihre Gegner halten Ihnen jedoch vor, dass man nicht früh genug mit der Aufklärung in der Schule beginnen könne. Was sind demnach Ihre Argumente gegen eine sexuelle Früherziehung in der Grundschule?

VON GERSDORFF: Hier muss man klar unterscheiden. Gender an sich ist eine Ideologie, eine revolutionäre Anthropologie, welche die christliche völlig auflösen will und die gesamte Ordnung aus den Angeln hebt. Es ist für mich vollkommen unverständlich, dass Gender selbst im christlichen Milieu Einzug erhält. Ich verstehe nicht, wie man christlich sein kann und dann eine völlig andere Anthropologie hat. Ein homosexueller Mann ist ja immer noch ein Mann. Diese Diskussion wird leider viel zu oft vermischt mit der sexuellen Früherziehung, die manchmal von allen Seiten etwas übertrieben wird. Es gibt Fälle von extremer Frühsexualisierung, aber das ist nun ein anderes Kapitel als Gender. Grundsätzlich ist es so, dass alle Vorreiter der sexuellen Revolution sagen, dass das Kind dem Elternhaus entrissen werden muss und die Erziehung eine Sache des Staates ist. Das Kind ist also wieder ein Teil der Kommunität. Das entspricht der sozialistischen Idee. Es folgen die zahlreichen Theorien von Wilhelm Reich, Kentler, Marcuse etc. Laut diesen sollen den Kindern alternative Lebensentwürfe zur monogamen Familie vermittelt werden. Um das aus politischer Sicht zu betrachten: Es geht immer um dem Konflikt zwischen dem Elternrecht auf Erziehung – welches ausdrücklich im Grundgesetz festgeschrieben ist – und der staatlichen bzw. schulischen Einmischung in Erziehungsfragen. Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts hat bis zu den jüngsten Urteilen immer behauptet, im Streitfall müsse ein Kompromiss zwischen den Interessen der Eltern und der Schule ausgehandelt werden. In der Praxis sieht es dann aber ganz anders aus, weil viele Eltern ihre eigenen Rechte nicht wahrnehmen wollen oder können, weil sie ihnen unbekannt sind. Die Praxis in den Schulen ist aber alles andere als einheitlich: Es gibt die im Grunde genommen relativ liberalen Lehrpläne, aber diese können auf verschiedene Art und Weise angewendet werden. Ich kenne konservative und sehr christliche Lehrer, die Sexualerziehung machen, obwohl sie tatsächlich der Ansicht sind, dass das in Wahrheit Aufgabe der Eltern ist. Viele Eltern fühlen sich bei diesem Thema überfordert und überlassen es der Schule. Wie die schulische Sexualerziehung gestaltet wird, hängt sehr stark vom Lehrer und der Schulleitung ab. Es gibt Lehrer, die versuchen, etwas Vernünftiges zu machen angesichts der heutigen Schwierigkeiten. Aber stellen Sie sich vor, die Kinder kommen in die Hände eines Ideologen, der Gender fantastisch findet. Die letzten Lehrpläne geben ihm freie Hand, eine ultraliberale Gender-Erziehung durchzuführen. Dann müssten die Eltern aktiv werden und sagen, dass sie mit der Vermittlung solcher Vorstellungen nicht einverstanden sind. Was Gender betrifft, ist der Widerstand der Eltern recht stark. Es ist einfach, die Leute zu mobilisieren, gegen Gender und Frühsexualisierung zu protestieren. Aber in der schulischen Praxis ist es nicht ganz einfach, denn Gender bzw. „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ wird in Lehrplänen oft als Querschnittsaufgabe erfasst, sollte also am besten in jedem Fach irgendwie vorkommen. Rein theoretisch müssten Gespräche zwischen Eltern und Schule stattfinden, um die Inhalte abzusprechen. Doch, wie auch der hessische Philologenverband selbst behauptet, ist das überhaupt nicht machbar: Weil es sich bei der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ um eine Querschnittsaufgabe handelt, müsste für jedes Schulfach zwischen Eltern und Schule ausgehandelt werden, was konkret gelehrt wird. Das ist kaum möglich. Dementsprechend gab es sehr viele Proteste, auch von liberalen Leuten, die meinen, dass solch ein Lehrplan zumindest für Katholiken nicht zumutbar sei.

MEDIEN-MONITOR: Deutschland ist der zweitgrößte Pornomarkt der Welt. Der Einfluss durch das Internet auf die Jugendlichen ist extrem. Eines Ihrer größten Vorhaben ist es, die Jugendlichen vor der Pornografie-Welle zu schützen. Dafür fordern Sie einen nationalen Aktionsplan gegen Pornografie. Was beinhaltet dieser und welche Auswirkung hat Pornografie auf unsere Kinder?

VON GERSDORFF: Seit 25 Jahre kämpfe ich bereits dagegen an und manchmal habe ich das Gefühl, gegen Windmühlen zu arbeiten. Für den Aktionsplan habe ich die gesamte forensische Literatur gesammelt, die ich finden konnte. Das meiste stammt aus den USA. Ich habe eine Broschüre mit dem Titel „Achtung Pornografie-Falle“ verfasst. Darin sind rein wissenschaftliche Texte wiedergegeben, ohne mit der Moralkeule zu schwingen. Zum Beispiel ändert sich die Gehirnmasse bei Leuten die Pornos konsumieren. Die Sucht, die entsteht, ist vergleichbar mit der nach Heroin, nur ist Pornographie eben viel günstiger und über das Smartphone konsumierbar. Weil es eine Sucht ist, radikalisiert sie. Ich fixiere meinen Blick darauf und enge das immer mehr ein. Und weil der Konsum von Pornographie wie eine Droge wirkt, brauche ich eine immer stärkere Dosis. Der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung sagt, dass immer jüngere Kinder von anderen Kindern missbraucht werden. Wir reden hier von Kindern, nicht von Jugendlichen. Der Chef der schottischen Polizei hat gesagt, wenn wir das Problem der Pornografie nicht in den Griff kriegen, werden die Kriminalitätsraten rasant ansteigen. Pornografie demoliert jegliches ethisches Empfinden. Und das macht sich eben bereits bei Kindern bemerkbar. Mein Aktionsplan orientiert sich an den USA und England. Hier ist man sich nämlich immerhin bereits bewusst, dass wir überhaupt ein Problem haben. Deutschland hat immer noch die Einstellung, das sei alles nicht so schlimm. Schon allein die Unterscheidung von Porno und Erotik ist aus psychologischer Perspektive absurd, weil der hormonelle Effekt gleich ist. Die Gesetze des Jugendmedienschutzes sind dagegen im Vergleich zu anderen Ländern hierzulande relativ gut.

MEDIEN-MONITOR: Was genau fordern Sie mit Ihren Aktionen?

VON GERSDORFF: Zum einem, dass man endlich erkennt, dass wir ein großes Problem haben. Es ist eben nicht egal, ob die Leute Pornos schauen oder nicht, sondern es ist eine gesundheitliche Gefährdung und kann süchtig machen. Es muss eine Art Notstand ausgerufen werden, weil Pornografie mittlerweile allgegenwärtig und die Anzahl der Süchtigen bereits sehr groß ist. Irgendwann wird dieses Problem explodieren. Viele Kinder, die heute mit Smartphones aufwachsen, sind davon betroffen. Sie geraten hier in eine Situation hinein, die sie selber nicht mehr kontrollieren können. Mein nationaler Aktionsplan gegen Pornografie will eine Bewusstseinsänderung bei Politikern, bei Institutionen, erreichen.

MEDIEN-MONITOR: Ihre Vereinigung für eine christliche Kultur hat mittlerweile 50.000 Mitglieder in Deutschland. Sie kämpfen für die Wiederherstellung der christlichen Zivilisation und setzen auf geistige, soziale und kulturelle Werte der christlich-abendländischen Kultur. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht?

VON GERSDORFF: Wir merken, dass viele Menschen das eigentliche Problem unserer Welt spüren: Die moralische Krise. Diese Krise ist die Quelle allen Übels. Die christlichen Werte, als Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens, lösen sich immer mehr in Luft auf. Deswegen können Ideologien wie die 68er überhaupt erst so stark werden. Menschen, die sehr stark im Christentum verankert sind, sind hingegen immun gegen sowas. Immer mehr Menschen erkennen diese moralische Krise und deswegen wächst auch die Bereitschaft, dagegen zu protestieren. Die Genderthematik zum Beispiel ist eine große Sorge für Eltern. Sie wollen partout nicht, dass sie an Schulen gelehrt wird. Unsere Aktionen hierzu finden sehr großen Anklang. Viele Menschen halten es immer noch nicht für möglich, dass postuliert wird, dass es eine riesige Vielfalt an Geschlechtlichkeiten gibt. Das Wort „Gender“ wurde durch die vielen Proteste stark dämonisiert. Deswegen spricht man mittlerweile auch gerne von „Akzeptanz sexueller Vielfalt“. Wir beobachten ein wachsendes Bewusstsein, dass wir es mit einer moralischen Krise zu tun haben. Diese Krise erfordert eine Verstärkung des Christentums in Deutschland. Nicht nur im Sinne von Frömmigkeit, sondern auch dahingehend, dass das Christentum wieder unsere Institutionen und Gesetze prägen muss.

MEDIEN-MONITOR: Inwieweit betrifft der Genderismus auch die Erziehung und Ausbildung von Migrantenkindern?

VON GERSDORFF: Im Vorfeld der letzten hessischen Landtagswahl gab es eine Diskussion zum Lehrplan. Während wir eine komplette Abschaffung der seit dem Sommer 2016 gültigen „Richtlinien zur Sexualerziehung“ forderten, monierten die Befürworter dieser Richtlinien, dass sie überhaupt nicht angewendet werden würden. Zum Teil liegt das an den chaotischen Zuständen in vielen Schulen Hessens. Schuldirektoren schrieben einen Brandbrief in dem stand, dass es aufgrund der zunehmenden Anzahl von Migrantenkindern nicht mehr möglich sei, einen normalen Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Es gibt Probleme mit der Sprache, der Inklusion und der Infrastruktur. Unter diesen Umständen kann eine Ideologie wie der Genderismus schwer gelehrt werden. Ich bin der Ansicht, dass Integration durch Genderismus vollkommen unmöglich gemacht wird. Migrantenkinder können doch überhaupt nichts mit Genderismus anfangen. Wenn deren Eltern etwas davon mitbekommen, dann protestieren sie. Im Gegensatz zu den Deutschen organisieren die sich und hauen auf den Tisch. Es gibt ein Buch von Hamed Abdel-Samad „Abschied vom Himmel“ und das hat mich an meine Studienzeit in Bonn erinnert. Ich kannte dort sehr viele Lateinamerikaner. Die sagten das gleiche wie Abdel-Samad, nämlich dass der deutsche Liberalismus folgendermaßen funktioniere: „Du kannst hier gut leben, aber nerv mich bitte nicht“. Der Liberalismus lebt mental in einem Kokon. Und ich bin der Meinung, dass Genderismus dazugehört. Migrantenkinder können das mental überhaupt nicht erfassen. Da verstehe ich auch die Grünen nicht: Während sie Gender fördern, sind sie gleichzeitig für multikulti, obwohl sie genau wissen, dass alle Muslime das komplett ablehnen.

MEDIEN-MONITOR: Was wünschen Sie sich für die Bildungspolitik?

VON GERSDORFF: Zum einem darf die Schule kein Instrument der Gesellschaftspolitik sein so wie die 68er sie ausgenutzt haben. Zweitens müssen die Rechte der Eltern viel stärker betont werden. Doch dafür muss, drittens, den Eltern aufgezeigt werden, dass sie solche Rechte haben und dass sie diese wahrnehmen müssen und sollten.

MEDIEN-MONITOR: Herr von Gersdorff, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Mathias von Gersdorff führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 14. November 2018 in München.