01.06.2005, Hilton Munich Park: Zwischen Gewinn und Gewissen – Auf der Suche nach der neuen Elite

Die Führungskräfte in den Vorstandsetagen sehen sich zunehmend in einem Dilemma: Auf der einen Seite setzen renditegetriebene Investoren sie erbarmungslos unter Druck, die Gewinne kurzfristig in die Höhe zu schrauben. Auf der anderen Seite werden sie von mächtigen Nichtregierungsorganisationen, der Politik und der breiten Öffentlichkeit bedrängt, mehr gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Auch hierzulande rückt der Gedanke des „Corporate Citizenship“ wieder verstärkt ins Blickfeld der Manager. Sponsoring ist trendy und gilt als Patentrezept, wenn es darum geht, das Profil des eigenen Unternehmens in einer Welt, in der die Produkte und Dienstleistungen zunehmend als austauschbar empfunden werden, zu schärfen. Und die Firmen erkennen, dass sich der volle Einsatz der Mitarbeiter nicht mit Geld erkaufen lässt.

Doch nicht immer resultiert der Impuls zu sozial verantwortlichem Handeln aus einer tiefen Überzeugung. Nicht selten ist es ein nüchternes wirtschaftliches Kalkül, das die Wirtschaftseliten dazu bewegt, soziale Projekte zu unterstützen. Image ist eben alles. Also doch besser Taktik statt Ethik. Wie ist es nun wirklich um die soziale Verantwortung der Unternehmen bestellt – besteht sie tatsächlich nur darin, Gewinne zu erwirtschaften, wie der US-Ökonom Milton Friedman bereits 1970 formulierte.

Oder ist Wohltätigkeit sogar ein Vorteil im globalen Wettbewerb wie Michael E. Porter, die unangefochtene Autorität auf dem Gebiet der Wettbewerbsstrategie, meint. Anders formuliert: Wieviel soziales Gewissen kann sich ein Manager heute leisten? Passen ertragsorientiertes Management und Moral überhaupt zusammen?

Über diese Fragen diskutierten rund 100 handverlesene Gäste aus Wirtschaft, Medien, Kultur und Politik beim zweiten Hilton Talk am 1. Juni 2005 im Hotel Hilton Munich Park mit drei hochkarätigen Talk-Gästen. Der derzeit wohl gefragteste deutsche Elitenforscher und Buchautor Prof. Dr. Michael Hartmann („Der Mythos von den Leistungseliten“), der für sein soziales Engagement gleich mehrfach ausgezeichnete Augsburger Unternehmer Peter Walter – Gründer und Geschäftsführer des viertgrößten deutschen Generika-Herstellers betapharm – und Gabriele Fischer, Gründerin und Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ sorgten mit ihren Beiträgen für reichlich Gesprächstoff.

 

Prof. Dr. Michael Hartmann
Prof. Dr. Michael Hartmann
Professor für Soziologie, TU Darmstadt

„Unsere Gesellschaft braucht Eliten“ lautet eine weit verbreitete Forderung. Dazu passt der Ruf der Politik nach Eliteuniversitäten – die öffentliche Debatte darüber ist in vollem Gange. Doch wie entstehen überhaupt fähige Einflussgruppen, die die gesellschaftspolitischen Aufgaben erfolgreich bewältigen? Jedenfalls nicht durch einen fairen Leistungswettbewerb, meint Prof. Dr. Michael Hartmann. Die Studien des Elitenforschers legen den Schluss nahe, dass Chancengleichheit zu keiner Zeit mehr war als ein bildungspolitisches Ideal.

Je weiter es in der Karriereleiter nach oben geht, um so mehr entscheidet die soziale Herkunft und um so weniger zählt die eigene Leistung. Besonders brisant: Offenbar hat der soziale Status in kaum einem Land der Erde einen so großen Einfluss auf die berufliche Karriere wie in Deutschland. Folgt man aktuellen Untersuchungen, dann hat die soziale Selektivität des deutschen Bildungssystems in den letzten Jahren sogar noch zugenommen. Wer es in die Vorstandsetagen deutscher Unternehmen schaffen will, braucht demnach vor allem eines: den richtigen „Stallgeruch“.

Peter Walter
Peter Walter
Geschäftsführer betapharm Arzneimittel GmbH

Wie kann man in einem Markt mit austauschbaren Produkten erfolgreich sein? Peter Walter, Geschäftsführer der betapharm Arzneimittel GmbH, hat eine ebenso einfache wie überzeugende Antwort auf diese Frage: Durch eine konsequente Strategie und das Engagement der beteiligten Menschen im Unternehmen. Rund zwei Millionen Euro steckt betapharm Jahr für Jahr in soziale Projekte – viel Geld für einen Mittelständler mit 160 Millionen Euro Jahresumsatz.

Das Augsburger Unternehmen handelt mit Generika – preiswerten Kopien von Arzneimitteln, deren Patentschutz abgelaufen ist. Ein lukrativer aber auch hart umkämpfter Markt. Nachdem sich das Unternehmen in den ersten Jahren erfolgreich als Niedrigstpreisanbieter im Markt durchsetzen konnte, bekam betapharm Ende der 90er Jahre den Druck der Konkurrenten zu spüren. Doch dann gab das Engagement für ein sozialmedizinisches Nachsorgeprojekt für Kinder dem Augsburger Generikahersteller, was ihm bis dahin noch fehlte: Sinn und Richtung.

Es wurde eine Stiftung errichtet und ein wissenschaftliches Institut gegründet, das Ganze wuchs über die Jahre und zog immer größere Kreise. Das motivierte die Mitarbeiter und begeisterte die Kunden. Bevor betapharm sein soziales Gewissen entdeckte, stand das Unternehmen noch auf Rang 15 der deutschen Generikahersteller. In der Zwischenzeit ist betapharm zur Nummer vier der Branche aufgestiegen.

Gabriele Fischer
Gabriele Fischer
Chefredakteurin brand eins

„Für die Neue Ökonomie, was der Rolling Stone Anfang der 60er Jahre für die Popkultur war“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung), „Bollwerk gegen Infernales“ (Züricher Tagesanzeiger): „brand eins“ hat Bewegung in den lange Jahre erstarrten deutschen Magazinmarkt gebracht. Seit seinem Start im September 1999 suchen Medienjournalisten immer wieder nach neuen Etiketten für das Wirtschaftsmagazin. Die Kritik überhäufte die Redaktion mit Lob und Preisen.

Als Wirtschaftsmagazin, das Wirtschaft nicht nur als Zahlen begreift, sondern nach Hintergründen und Zusammenhängen sucht, versteht sich das Blatt selbst. Die neue wirtschaftliche Elite findet in „brand eins“ ein Objekt der Leselust und zugleich einen aufmerksamen und einflussreichen Begleiter: In den Auflagentabellen hat das Wirtschaftsmagazin mit einer verkauften Auflage von rund 84.000 Exemplaren einen der oberen Plätze erobert. Gabriele Fischer ist Gründerin und Chefredakteurin von „brand eins“.

 

Impressionen:

Michael Schützendorf

Eine hervorragende Figur machte beim „Hilton Talk“ erneut das Hilton Munich Park. Michael Schützendorf, Generaldirektor Hilton Munich, konnte zu der Talk-Runde am 1. Juni 2005 rund 100 handverlesene Gäste aus Wirtschaft, Medien, Kultur und Politik begrüßen.

 

Michael Märzheuser, Moderator des Hilton Talks

Leise Töne schlug Moderator Michael Märzheuser, Märzheuser Kommunikation, an. Das Thema der Talk-Runde stand bereits Anfang des Jahres fest, als noch niemand ahnen konnte, welche Debatte der SPD-Vorsitzende Müntefering mit seiner Kapitalismus-Kritik lostreten würde.

 

Prof. Dr. Michael Hartmann, Professor für Soziologie

„Wir leben nach wie vor in einer geschlossenen Gesellschaft. Je informeller die Auswahlkriterien sind und je kleiner die Entscheidungsgremien sind, desto geringer sind die Chancen von Arbeiterkindern auf eine der begehrten Spitzenpositionen in der Wirtschaft.“ Prof. Dr. Michael Hartmann, Professor für Soziologie, TU Darmstadt.

 

Peter Walter

„Wirtschaftsunternehmen sind für die Menschen da und nicht umgekehrt.“ Peter Walter, Geschäftsführer betapharm Arzneimittel GmbH.

 

Gabriele Fischer

„Wir müssen uns die Frage stellen: Sind Gewinne tatsächlich das einzige Ziel oder sind Gewinne nicht vielmehr eine Voraussetzung dafür, das Überleben eines Unternehmens zu sichern und dann weitere Ziele zu erfüllen.“ Gabriele Fischer, Chefredakteurin brand eins.

 

Impressionen vom Hilton Talk

Talk auf hohem Niveau: Die Veranstalter servierten ihren Gästen gleich eine ganze Fülle von Denkanstößen zur aktuellen Debatte über Verantwortung und Ethik in der Wirtschaft.

 

Bildhauer Otto Wesendonck fertigt Skizzen der Gäste

Kunststück geglückt: Bildhauer Otto Wesendonck (2. v.l.) sorgte bei den Talk-Gästen mit seinen Skizzen, die er während der Veranstaltung anfertigte, für strahlende Gesichter.

 

Gruppenbild Hilton Talk

Gruppenbild mit Dame: Michael Schützendorf (Generaldirektor Hilton Munich), Bildhauer Otto Wesendonck, Gabriele Fischer (Chefredakteurin brand eins), Peter Walter (Geschäftsführer betapharm Arzneimittel GmbH, Moderator Michael Märzheuser (Märzheuser Kommunikation) und der Elitenforscher Prof. Dr. Michael Hartmann [v.l.n.r.].

 

Gastgeber Michael Schützendorf und Moderator Michael Märzheuser

Zufriedene Gesichter bei Gastgeber Michael Schützendorf und Moderator Michael Märzheuser.

 

brand eins-Chefredakteurin Gabriele Fischer, Unternehmer Peter A. Feneberg und Musikproduzent Leslie Mandoki im Gespräch.

 

Filmproduzent Michel Morales (Miromar Entertainment), Moderator Michael Märzheuser (Märzheuser Kommunikation) und Verlagschefin Sabine Buckley (verlag moderne industrie).

 

Peter Romianowski (optivo), Michael Märzheuser (Märzheuser Kommunikation), Carola Kallis (kallis & kollegen) und Ulf Richter (optivo).

 

Bildhauer Otto Wesendonck.

 

Gastgeber Michael Schützendorf, Generaldirektor Hilton Munich, im Gespräch mit Helmut Käs, Leiter der Mini-Niederlassung am Petuelring.

 

Leichte Kost: Der Küchenchef des am Tucherpark gelegenen Hilton Munich Park kredenzte den rund 100 handverlesenen Gästen aus Wirtschaft, Medien, Kultur und Politik ein wahres Feuerwerk an kulinarischen Köstlichkeiten.