08.11.2006, Hilton Munich Park: Wer schreit hat Recht: Skandalisierung in den Medien

Gammelfleisch, Sportwetten, Mohammed-Karikaturen: Kaum eine Woche verstreicht ohne handfesten Skandal. Am Anfang steht der Fehltritt – Bonusmeilen, Segeltörn, Sektdusche. Doch erst die Medien bieten dem Skandal eine Bühne. Und das mit schöner Regelmäßigkeit. Der eine Skandal ist noch nicht beendet, da ist auch schon der nächste da.

Bis zur Besinnungslosigkeit wird enthüllt. Von wegen »Fakten, Fakten, Fakten«. Wer am lautesten schreit, hat Recht. Solange, bis die Blase platzt. Dann zieht die Karawane einfach weiter und lässt auch schon mal unschuldige Opfer zurück. Wer einmal am ‚Medien-Pranger’ steht, kommt nur schwer wieder auf die Beine. So wie der schwäbische Nudelhersteller Birkel, der in den 80er Jahren völlig zu Unrecht in den Sog eines Lebensmittelskandals geriet. Zuweilen ist eben auch die Aufarbeitung eines Skandals skandalös.

Und doch wäre wohl kaum einer der großen politischen Skandale der Nachkriegszeit ohne die Medien ans Licht gekommen. Barschel, Neue Heimat, Parteispenden – wo die Kontrollinstanzen versagen, schwingen sie sich zu moralischen Wächtern der Gesellschaft auf und bleiben doch, wie bei den gefälschten »Hitler-Tagebüchern«, selbst nicht von Skandalen verschont.

Auch Journalisten sind nicht davor gefeit, Dinge zu machen, die nicht ganz sauber sind. Wann wird ein Fehltritt zum Skandal? Welche Rolle spielen die Medien dabei, welche das Publikum? Hat die Aufdeckung von Skandalen eine reinigende Wirkung? Und ist in einer Zeit der Informationsüberflutung die inszenierte Empörung vielleicht sogar ein legitimes Mittel, um sich Gehör zu verschaffen? Über diese Fragen diskutierten wir mit unseren Talk-Gästen.

 

Dr. Markus Söder

Dr. Markus Söder
Bayerischer Ministerpräsident

Für die Darstellung komplexer Zusammenhänge bleibt in den Medien immer weniger Raum. Die Berichterstattung bewegt sich zwischen Sinn und Sensation – und reduziert sich allzu oft auf Rituale und Schlagworte. Dr. Markus Söder ist für klare Worte und schlagfertige Argumente bekannt. Mit einem ausgeprägten Gespür für Stimmungen versteht er es Themen zielgenau in den Medien zu platzieren und öffentliche Debatten anzustoßen. Der Medienprofi volontierte beim Bayerischen Rundfunk und wurde anschließend Redakteur beim Bayerischen Fernsehen.

Nach seiner Promotion setzte er seine Karriere in der Politik fort, zunächst als Landesvorsitzender der Jungen Union, später als Mitglied im CSU-Präsidium und seit 2003 als Generalsekretär der CSU. Seine Kenntnisse und Erfahrungen aus dem Medienumfeld nutzt Dr. Markus Söder auch als Vorsitzender der CSU-Medienkommission. Als Mitglied des Internetbeirats der Bayerischen Staatsregierung, als Kuratoriumsmitglied der Bayerischen Akademie für Fernsehen und als Mitglied des ZDF-Fernsehrates, setzt er sich mit den aktuellen medialen Herausforderungen unserer Zeit auseinander. Zum Gespräch

Dr. Horst Avenarius

Dr. Horst Avenarius
Vorsitzender des Deutschen Rates für Public Relations (DRPR)

Politikerverträge, Schleichwerbung, bezahlte PR-Veröffentlichungen – die Kommunikationsbranche kennt ihre eigenen Skandale. Der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) soll solche Fehltritte ahnden. Wohl kaum ein Vertreter der PR-Wirtschaft, vertritt dieses Anliegen so glaubwürdig und engagiert wie sein Vorsitzender, Dr. Horst Avenarius. Der promovierte Historiker startete seine Karriere als Werkzeitschriften-Redakteur bei der Mannesmann AG in Düsseldorf.

Anschließend wurde Dr. Avenarius Pressechef des traditionsreichen Haushalts- und Metallwaren-Herstellers WMF. Bei der BMW AG verantwortete der Autor mehrerer Standardwerke der PR fast zwei Jahrzehnte die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Danach wechselte er als Vorstandsvorsitzender zur Herbert-Quandt-Stiftung. Dr. Horst Avenarius ist Lehrbeauftragter für Public Relations an mehreren Hochschulen und Dozent an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing (BAW). Zum Gespräch

Hans-Jürgen Jakobs

Hans-Jürgen Jakobs
Leiter des Medienressorts der Süddeutschen Zeitung

Die Süddeutsche Zeitung ist nicht nur Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung. Sie war auch die treibende Kraft bei der Aufdeckung manchen politischen Skandals. Im Mai 2000 wurde »Deutschlands Leitmedium Nummer eins« (Studie Journalismus in Deutschland) indessen selbst von einem Skandal erschüttert, als bekannt wurde, dass das SZ-Magazin gefälschte Prominenten-Interviews veröffentlicht hatte. Hans-Jürgen Jakobs, Leiter des Medienressorts der Süddeutschen Zeitung, zählt zu den einflussreichsten professionellen Beobachtern des Mediengeschehens.

In einer Art ‚Wundertüte’ verbindet er populäre Themen mit aufwändig recherchierten Hintergrundberichten. Der Diplom-Volkswirt startete seine journalistische Karriere bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung. Nach Stationen beim Handelsblatt und der Münchner Abendzeitung zog es Jakobs 1993 zum SPIEGEL nach Hamburg. Seit 2001 leitet er in der bayerischen Landeshauptstadt das Medienressort der Süddeutschen Zeitung. Zum Gespräch

 

Impressionen:

Olivier Harnisch, Generaldirektor Hilton Munich

Auftakt nach Maß: Der neue Generaldirektor des Hilton Munich, Olivier Harnisch, begrüßte die gut 70 handverlesenen Gäste und nutzte die Gelegenheit sich dem Münchener Publikum vorzustellen.

 

Olivier Harnisch im Gespräch mit Michael Märzheuser und Talk-Gast Dr. Horst Avenarius

Unter Dreien: Generaldirektor Olivier Harnisch im Gespräch mit Michael Märzheuser und Talk-Gast Dr. Horst Avenarius.

 

Dr. Markus Söder, CSU-Generalsekretär

„Heute gilt gleich alles als Skandal, egal wie unbedeutend ein Ereignis ist.“ Dr. Markus Söder, CSU-Generalsekretär.

 

Dr. Horst Avenarius

„Es widerspricht dem PR-Mann zu skandalisieren, denn er hat das Ergebnis der Skandalisierung nicht in der Hand. Skandale entwickeln sich aus dem Geschehen heraus.“ Dr. Horst Avenarius, Vorsitzender des Deutschen Rates für Public Relations (DRPR).

 

Hans-Jürgen Jakobs, Süddeutsche Zeitung

„Die Politik sollte sich nicht zu stark an den Medien orientieren. Sie muss den Mut zu mittel- und langfristigen Konzepten haben und nicht nur den kurzfristigen medialen Erfolg im Blick haben.“ Hans-Jürgen Jakobs, Leiter des Medienressorts der Süddeutschen Zeitung.

 

Bildhauer Otto Wesendonck überreichte der Runde seine beliebten Skizzen

Freude bei den Talk-Gästen: Bildhauer Otto Wesendonck überreichte der Runde seine beliebten Skizzen.

 

Impressionen vom Hilton Talk

Dr. Markus Söder nahm sich Zeit für die Gäste – Er ließ es sich nicht nehmen, die Diskussion in persönlichen Gesprächen weiterzuführen.