18.11.2010, Hilton Munich Park: Lebensqualität statt Wachstum – Alternative Gesellschaftsformen

Wirtschaftskrise, Ölpest, Klimawandel, Währungs-Miseren, Ressourcenknappheit: Die Liste Furcht einflößender Entwicklungen, welche gegenwärtig die öffentliche Agenda bestimmen, ließe sich beliebig fortsetzen. Es scheint so, als ob die Krise chronischen Charakter angenommen hat. Die Angst vor der Zukunft wird zum allgegenwärtigen Begleiter. Immer mehr Menschen verlangen deshalb nach alternativen Lebensformen.

Denn wer will schon in einer Gesellschaft leben, deren Wohlfahrt vom bedingungslosen Profitstreben abhängt? Wer will in einer Gesellschaft leben, die die Bewahrung der Schöpfung nicht ernst nimmt? Wer will in einer Gesellschaft leben, in der das ständige Bestreben nach Wachstum die Lebensqualität künftiger Generationen kostet? Doch wir können nicht einfach aus unserer Gesellschaft aussteigen, wie aus einem Bus, dessen Motor defekt ist und uns ein Taxi rufen. Wir benötigen den Rat von Spezialisten, die den Motor reparieren oder einen neuen, besseren einbauen. Über dieses Thema diskutierten wir mit unseren Talkgästen am 18. November 2010 in München.

 

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher
Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik an der Hochschule für Philosophie München sowie Vorsitzender der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ der Deutschen Bischofskonferenz

Die rasche Abfolge von Finanz-, Wirtschafts- und Haushaltskrise hat viele unternehmerische und politische Konzepte in Frage gestellt. Wallacher ist davon überzeugt, dass die Wirtschaft jahrelang die Bedeutung des Sozialkapitals als wichtige Ressource in der Marktwirtschaft unterschätzt hat. Besonders dem Einfluss kultureller Traditionen, Normen und Werte für die gesellschaftliche Kooperation und marktwirtschaftliche Arbeitsteilung wurde zu wenig Beachtung entgegengebracht.

Ein viel versprechender Ansatz um diese „weichen Faktoren“ wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung zu erfassen, ist das Sozialkapital, also die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Zusammenarbeit und sozialen Vernetzung. Das Sozialkapital spiele für die großen weltgesellschaftlichen Herausforderungen eine zentrale Rolle: Angefangen bei der Klimaproblematik über die Schlüsselbereiche Bildung und Integration bis hin zum Zusammenleben von Jung und Alt. In all diesen Bereichen stehen für Wallacher die großen, richtungsweisenden Entscheidungen noch aus. Zum Gespräch

Peter Spiegel

Peter Spiegel
Sachbuchautor, Unternehmensgründer, Leiter und Geschäftsführer des Genisis Institute for Social Business and Impact Strategies, Berlin

Trotz der allgegenwärtigen Krise bleibt Peter Spiegel ein Optimist. Er glaubt daran, dass die globalen gesellschaftlichen Probleme gelöst werden können, und zwar durch ein grundlegend neues Konzept: Social Business. Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus hat es vorgemacht: Er gründete die Grameen Bank, die Kleinkredite an Millionen Arme in der Welt vergibt.

Dieser Ansatz ist wirtschaftlich vollständig selbsttragend und erzielt gleichzeitig den stärksten Effekt zur systematischen Armutsüberwindung. Nach diesem Muster soll ein neuer Wirtschaftssektor entstehen, der die Lösung gesellschaftlicher Probleme ökonomisch effizient vorantreibt. Peter Spiegel ist sich sicher, dass auf diese Art und Weise eine neue ökosoziale Marktwirtschaft und ein weltweites ökosoziales Wirtschaftswunder entstehen könne. Zum Gespräch

Prof. Dr. Hans Diefenbacher

Prof. Dr. Hans Diefenbacher
Professor für Volkswirtschaftslehre am Alfred-Weber-Institut der Universität Heidelberg, Stell-vertretender Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), Beauftragter des Rates der EKD für Umweltfragen

Der Wirtschaftswissenschaftler empfiehlt ein ökonomisches Umdenken und kritisiert die einseitige Orientierung unserer Gesellschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Letzteres tauge nicht länger, um den wirtschaftlichen Status eines Nationalstaates adäquat abzubilden und sollte nicht alleiniger Maßstab für politische Entscheidungen sein. Schließlich würde das BIP jene Kosten in Gesellschaft und Umwelt nicht berücksichtigen, die bei der Produktion und unserem Konsum anfallen.

Diefenbacher spricht sich daher für die Etablierung eines neuen ökonomischen Paradigmas aus. Der von ihm und dem Verwaltungswissenschaftler Roland Zieschank entwickelte „Nationale Wohlstandsindex“ bildet unter anderem Umwelt-, Gesundheits-, Sicherheits- sowie Konsumdaten ab und verfügt nach Ansicht seiner Erfinder über eine weiter reichende Aussagekraft als das BIP. Nicht Wachstum sondern intelligenter Umgang mit Ressourcen – zuweilen aber auch Genügsamkeit – sind daher Gebote der Zukunft.
Zum Gespräch

 

Impressionen:

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher

„Unser Ziel muss ein weltweit einheitlicher CO2-Preis sein.“ Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher, Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik an der Hochschule für Philosophie München.

 

Peter Spiegel

„Ich habe nichts gegen Gier. Ich bin ein ausgesprochen gieriger Mensch. Ich bin gierig nach sinnhafter Arbeit.“ Peter Spiegel, Sachbuchautor, Unternehmensgründer, Leiter und Geschäftsführer des Genisis Institute for Social Business and Impact Strategies.

 

Prof. Dr. Hans Diefenbacher

„Man kann auch ohne Wachstum die Lebensqualität halten.“ Prof. Dr. Hans Diefenbacher, Professor für Volkswirtschaftslehre am Alfred-Weber-Institut der Universität Heidelberg.

 

Impressionen vom Hilton Talk

Michael Märzheuser und Marcus-Milan Arandelovic, Cluster General Manager vom Hilton Munich Park & Hilton Munich City, mit den Talk-Gästen in der Mitte.

 

Impressionen vom Hilton Talk

Mascha Kauka von der Stiftung AMAZONICA mit Gastgeber Michael Märzheuser.

 

Impressionen vom Hilton Talk

Tim Helm (fundskapital GmbH) mit Senior-Berater Ulrich Krenn und Michael Märzheuser.

 

Impressionen vom Hilton Talk

Aufmerksam verfolgen die Gäste die Talk-Runde.