19.11.2013, Hilton Munich Park: Digitale Empörungsdemokratie: Die erregte Gesellschaft im 21. Jahrhundert

Leben wir in einem Zeitalter der permanenten Skandale? Egal ob die Plagiatsaffäre von Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg oder die Diskussion um Nebenverdienste von Politikern – beide Diskussionen wurden über soziale Netzwerke befeuert und erhielten ihre mediale Brisanz nicht zuletzt durch die Partizipation der Massen. Mit der Debatte über Sexismus in Deutschland wurde jüngst sogar ein Beispiel für einen sogenannten „Shitstorm“, ein über soziale Netzwerke ausgetragener Sturm der Entrüstung, mit dem renommierten Grimme Online Award ausgezeichnet. Doch wie verändert das Internet und die damit einhergehende Möglichkeit zur kontinuierlichen Meinungsäußerung unsere Gesellschaft? Beim Hilton Talk sprachen unsere Gäste über Fluch und Segen von Google, Facebook und Co.

 

 

Ossi Urchs

Ossi Urchs
Medien-Unternehmer und Internet-Guru

Vielen Menschen war er ein Begriff. Nicht nur wegen seiner zahlreichen Auftritte in Funk und Fernsehen. Der studierte Philosoph, Politik- und Theaterwissenschaftler Ossi Urchs betrieb seit 1982 zusammen mit seiner Frau Sigi Höhle F.F.T. die Medienagentur, zunächst als TV-Produktion und später als Internet-Strategie-Beratung, die Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Web-Strategien unterstützt und ihnen heute auch dabei hilft, auch im Bereich Social Media professionell zu kommunizieren. Dabei coachte er vor allem Marketing Manager, die mit dem wesentlichen Kern der Social Media Kommunikation immer noch überfordert scheinen: dem Zuhören. „Das ist etwas, was in der massenmedialen Kommunikation der letzten 150 Jahre dramatisch verloren gegangen ist. Das müssen Menschen und vor allem Unternehmen wieder neu lernen“, so Urchs beim Hilton Talk, einem seiner letzten öffentlichen Auftritte vor seinem traurigen Tod. Zum Gespräch

 

Christian Scherg, Berater für Online-Strategien

Christian Scherg
Berater für Online-Strategien und Geschäftsführer der Revolvermänner GmbH

Als „Fenster zur Seele“ bezeichnet Christian Scherg Shitstorms im Internet. Der Reputations-Manager berät Unternehmen in ihrer Online-Kommunikation und hat schon oft beobachtet, dass die Ursache von digitaler Empörung mitunter politische und gesellschaftliche Unzufriedenheit sein kann. Doch es gibt auch Fälle, bei denen ein Konkurrenzunternehmen seinem Mitbewerber mittels einer Schmutzkampagne über das Web schaden will und gezielt Gerüchte streut. Beispiele für Unternehmen, deren jahrzehntelang erarbeitetes, positives Image binnen weniger Monate zerstört wurde, kennt der 39jährige Unternehmer aus seiner Beratungstätigkeit genug. Wie sich Firmen, Institutionen oder auch Privatpersonen wehren können, hat der Internet-Experte in seinem Buch „Rufmord im Internet“ festgehalten. Dennoch sieht Scherg auch positive Seiten an online hervorgebrachter Kritik – so lange ihr konstruktiv entgegnet wird und sie gar nicht erst „hochkocht“. Zum Gespräch

 

Martin Lohmann, Publizist und Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV

Martin Lohmann
Publizist und Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV

Der streitbare Publizist und überzeugte Katholik polarisiert in den Medien als Gegner von Abtreibungen und mit seinem konsequenten Ja zum Leben. Auch wegen seines Einsatzes für die Ehe von Mann und Frau und das christliche Menschenbild erntet der Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV gelegentlich heftigen Widerspruch. Massive Kritik über das Internet erhielt er nach Auftritten in den Talkshows von Günther Jauch und Markus Lanz. Der studierte Theologe und Historiker wertet die Angriffe als Neid auf einen religiös gefestigten Menschen, der „Zeugnis ablegen will von seinem Glauben“ – auch, oder wenn er Widerspruch erntet, was ihn nicht wirklich überrascht. Sein Credo: Die Wahrheit wird euch frei machen. Für den Mitbegründer des Arbeitskreises Engagierter Katholiken ist klar: „Es ist wichtig, dass Überzeugungen auch gesagt werden können. Wir brauchen dringend eine gute und faire Streitkultur.“ Zum Gespräch

 

Impressionen:

Moderator Michael Märzheuser, Gastgeber Martin Soerensen vom Hilton Munich Park und Boris Benefeld, Geschäftsführer von On Demand Deutschland.

Moderator Michael Märzheuser, Gastgeber Martin Soerensen vom Hilton Munich Park und Boris Benefeld, Geschäftsführer von On Demand Deutschland.

Ossi Urchs

Ossi Urchs warnt Unternehmen davor, sich der digitalen Vernetzung zu verschließen: „Die alten, herkömmlichen Geschäftsmodelle insbesondere in der Medien- und Publishingindustrie funktionieren auf dieser neuen, digitalen Plattform nicht mehr.“

Christian Scherg

Klare Worte zum Web 2.0 findet Reputationsmanager Christian Scherg: „Das Internet ist nicht nur voll von Menschen, die etwas Gutes tun wollen. Das Internet ist auch voll von Personen, die nur provozieren wollen.“

Martin Lohmann

Der katholische Publizist Martin Lohmann fordert eine faire Streitkultur: „Toleranz ist keine Einbahnstraße.“

Impressionen vom Hilton Talk

Die Auswirkungen der „digitalen Revolution“ auf Unternehmen und Privatpersonen standen im Mittelpunkt des 19. Hilton Talks.

Die Gäste wurden von Harry Flosser porträtiert.

Eine schöne Tradition: Die von Harry Flosser gezeichneten Porträts der drei Talk-Gäste stoßen auf reges Interesse.

Ulrich Krenn, Ernst Tanner, Michael Märzheuser, Klaus Schweinberger

Moderator Michael Märzheuser und Ulrich Krenn, Senior-Berater bei Märzheuser Kommunikation (links) mit den Gästen Ernst Tanner, Nachwuchs­leiter beim FC Red Bull Salzburg (2.v.l.) und Klaus Schweinberger von der Bethmann Bank AG (rechts).