„Integrität als Kernwert ist das Entscheidende“ – Gespräch mit Prof. Dr. Kai C. Andrejewski, Regionalvorstand/Managing Partner KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Nach Abschluss seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre in Göttingen 1993 trat Kai C. Andrejewski bei Coopers & Lybrand Westdeutschland ein. 1998 folgte der Wechsel zur Arthur Andersen GmbH. In dieser Zeit wurde er 1998 zum Steuerberater und 2001 zum Wirtschaftsprüfer bestellt. 2002 wechselte Andrejewski zur renommierten Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG, wo er bis heute an verschiedenen Standorten (Berlin, Paris und München) international tätig ist. Neben seiner Unternehmenspraxis hat Andrejewski umfangreiche Lehrerfahrungen im Bereich der internationalen Rechnungslegung, wie an den Universitäten Ulm, Erlangen und Ingolstadt und aktuell an der privaten Hochschule Göttingen. Der ausgewiesene Experte für Fragestellungen in der Anwendung von International Financial Standards gehört unter anderem der Prüfungskommission der Wirtschaftsprüferkammer an. Darüber hinaus engagiert er sich neben dem Beruf in verschiedenen Organisationen wie beispielsweise der Atlantikbrücke.

MEDIEN-MONITOR: Die KPMG hat sich einen internationalen Verhaltenskodex gegeben. Wie lauten die wichtigsten Regeln?

ANDREJEWSKI: Um eine solche Frage zu beantworten, brauchen wir in erster Linie ein Wertegerüst. Wir haben, wie jeder große Konzern, einen Satz an Werten der ‒ wenn man ihn im ersten Moment betrachtet ‒ relativ profan wirkt: Wir wollen integer handeln, wir wollen intern und extern integer miteinander umgehen. Aber das Entscheidende ist, dies auch mit Leben zu füllen, differenzierte Antworten zu finden und ‒ das ist, glaube ich, die ganz große Herausforderung – auch ehrliche Antworten zu finden zu Themen wie beispielsweise den Paradise Papers.

MEDIEN-MONITOR: Was ist Ihre Meinung zu den jüngsten Aufdeckungen im Rahmen der Paradise Papers?

ANDREJEWSKI: Ich denke, die Kernfrage, wenn wir über Werte sprechen, ist die Differenzierung zwischen Legitimität und Legalität. Als Wirtschaftsprüfer ist es meine Aufgabe, das Soll mit dem Ist zu vergleichen. Das tue ich im Rahmen einer demokratischen Gesellschaft. Wer legt den Soll-Zustand fest? Der Gesetzgeber, die Legislative. Der Ist-Zustand ist die Realität und ich muss prüfen, ob er mit dem Soll-Zustand übereinstimmt. Und bei der ganzen Diskussion um die Paradise Papers – ohne etwas verniedlichen zu wollen – legt hier jemand den Sollzustand nicht anhand einer demokratischen Willensbildung fest, sondern anhand der eigenen Überzeugung. Das finde ich durchaus mutig, denn wir leben in einer demokratischen Gesellschaft und wir sollten in einer demokratischen Diskussion festlegen, was legitim ist und was nicht. Die Diskussion um Legitimität ist in meinen Augen normativ für die Frage, was legal ist und was nicht und diese muss auch gesellschaftlich stattfinden. Deswegen finde ich die Diskussion um die Paradies Papers absolut legitim und richtig. Jeder sollte einer Besteuerung unterliegen, die wir als Gesellschaft für legitim erachten. Aber der Weg diese zu finden, kann natürlich nur über die Steuergesetzgebung kommen, nicht darüber, dass irgendjemand sagt, was er für legitim hält und was nicht.

MEDIEN-MONITOR: Was verbirgt sich hinter dem Begriff werteorientierte Führung, sowohl was Ihre Mitarbeiter angeht aber auch hinsichtlich dem Umgang mit Ihren Mandanten?

ANDREJEWSKI: Zunächst einmal muss alles, was wir tun, auf einer gesetzlichen Basis fundieren. Alle diejenigen, die in der Wirtschaft tätig sind, wissen: Das Leben ist nicht immer schwarz oder weiß. Unsere Werte helfen uns, sobald wir aus dem weißen Bereich in den grauen übergehen. Dann müssen wir für uns definieren, wann etwas bereits dunkelgrau ist bzw. bis zu welcher Stelle man sich noch auf einer legalen Ebene befindet. Das ist eine Entscheidung, die ich treffen muss. Ich muss begutachten, ob etwas richtig bewertet und bilanziert ist. Das erfordert einen Wertekanon, der natürlich auch sehr kulturell geprägt ist. Für uns als Unternehmen ist es wichtig einen Satz an Werten zu besitzen, den wir unseren Mitarbeitern mitgeben und den wir in unserer Führungskultur leben. Das ist keine Sache, die Sie nur einfach definieren können.
Nehmen wir zum Beispiel die Betreuung unserer Mitarbeiter von der Personalseite her: Hier versuchen wir für uns einen neuen Weg zu gehen, was werteorientierte Führung angeht. Wir haben vor kurzem HR-Coaches eingestellt, die unsere Vorgesetzten in ihrer Rolle unterstützen. Außerdem achten wir darauf, dass jede Führungskraft nur einen überschaubaren Teil an Mitarbeitern betreut. Das wird über Hierarchieebenen gegliedert. So können wir unsere Werte aktiv leben und weiterentwickeln.

MEDIEN-MONITOR: Neben dem Coaching von Mitarbeitern gibt es auch Normen bei Ihnen im Haus an die sich jeder Mitarbeiter halten muss. Was wären denn die drei wichtigsten davon?

ANDREJEWSKI: Es gibt drei Dinge, die einen erfolgreichen Mitarbeiter bei uns ausmachen. Er muss in erster Linie integer sein, er muss etwas können und er muss wollen, also eine gewisse Motivation haben. Doch die Integrität ist eigentlich die Basis, denn ohne diese würden Können und Wollen ins Leere laufen. Das heißt die Integrität als Kernwert ist für uns das Entscheidende.

MEDIEN-MONITOR: Und das gilt auch im Umgang mit Ihren Mandanten?

ANDREJEWSKI: Definitiv, denn hier kommen wir relativ schnell in einen Bereich, in dem man Farbe bekennen muss. Jeder der Geschäfte macht weiß mit wem er diese macht. Auf der einen Seite achten wir sehr genau darauf unsere Unabhängigkeit nicht zu verletzen und ‒ das gilt für uns wie für unsere Wettbewerber – haben einen geeigneten Prozess implementiert, der sicherstellt, dass sich unsere Leistungen nicht konfliktieren. Beratungs- und Prüfungsleistungen schließen sich größtenteils gegenseitig aus.
Auf der anderen Seite aber kann ich mich sehr schnell fragen, ob ich mit jemanden Geschäfte machen möchte, den ich nicht für integer halte. Und das ist eine sehr schwierige Entscheidung, denn dann schwinge ich mich dazu auf zu sagen, ich bestimme den Soll-Gegenstand selbst. Und das ist für niemanden eine leichte Angelegenheit und ich glaube, dass man da auch Fehler macht. Aber den Blick dafür zu schärfen und dies kritisch zu hinterfragen, das halte ich für sehr wichtig. Wir stellen pro Jahr mehr als 300 neue Mitarbeiter ein. Da spricht man mit der Generation Y. Viele schimpfen auf diese Generation, aber ich finde die jungen Leute in vielerlei Hinsicht klasse, denn sie trauen sich Dinge zu fragen, die ich mich vor 25 Jahren nicht getraut hätte zu fragen. Da entwickelt sich heutzutage ganz schnell eine Diskussion. Sich selbst die Frage zu stellen, ob man mit einem bestimmten Mandanten zusammenarbeiten möchte, finde ich valide und akzeptabel.
Uns ist es wichtig ehrliche Antworten darauf zu geben, die Diskussion zu suchen und die Dinge nicht einfach nur hinzunehmen.

MEDIEN-MONITOR: Wie kritisch sind sie im Umgang mit Ihren Mandanten?

ANDREJEWSKI: Wir leben in einer Zeit der Transparenz. Ich bin seit 25 Jahren im Beruf und wenn ich mir die Diskussion darüber anschaue was legal ist und was nicht, so meine ich, dass diese schon sehr schwarz-weiß stattfindet. Auch die Art und Weise, wie wir mit Gesetzen und der Auslegung von Gesetzen umgehen, hat sich sehr verändert. Aber man sollte dies im internationalen Umfeld auch etwas differenzierter betrachten: Wir leben in einem römischen Rechtssystem, was in meinem Augen dem angelsächsischen weit überlegen ist. Wenn Sie ein Lex-Generalis haben, so können Sie jedes Spezialgesetz auf dieser Basis auslegen. Das angelsächsische Recht bietet aufgrund der Case Law-Gestaltung die Möglichkeit zur Manipulation. Darüber hinaus halte ich es bei der Beurteilung von Sachverhalten für sehr wichtig, den kulturellen Hintergrund zu verstehen, selbst bei festen Normen. Jede Zahl hat einen Wert, aber dieser Wert kann sehr unterschiedlich sein, auch wenn die Zahl, also der normative Wert, der dahinter steht, die gleiche ist.

MEDIEN-MONITOR: Was kann werteorientierte Führung zu Fusionen, also M&A-Prozessen beitragen?

ANDREJEWSKI: Ich glaube, eine ganze Menge. Wenn man sich unsere Branche anschaut, so stellt man fest, dass wir in der Historie organisch gewachsen sind. Das heißt wir haben uns aus unserem Geschäft heraus selbst entwickelt, neue Geschäftsfelder identifiziert. Aber in den letzten Jahren hat sich dies durchaus geändert. Wir machen mittlerweile einen Großteil unseres Umsatzes in Geschäftsfeldern, die wir in der Vergangenheit gar nicht besetzt haben. Dazu führen wir auch Akquisitionen durch und nehmen dadurch ganz andere Leute an Bord. Seit einiger Zeit bieten wir zum Beispiel Beratung im Bereich Cyber Security an. Das sind Menschen mit einem ganz anderen Wertesystem, mit einer anderen Sozialisation. Damit wir als Firma zusammenwachsen können ist es wichtig, dass wir unser Wertesystem klar definieren. Unser Wertesystem lebt und wir müssen uns während der Integration der neuen Mitarbeiter weiterentwickeln. Wir können aber nicht zwei Wertesysteme gleichzeitig haben. Das führt relativ schnell zu Verwerfungen und Inkonsistenzen und das Wertesystem wird durcheinander gebracht.

MEDIEN-MONITOR: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Stärken der werteorientierten Führung?

ANDREJEWSKI: Ich bin immer wieder gezwungen eine Diskussion über den Graubereich zu führen. Sie werden immer an einen Punkt kommen, an dem Sie sich die Frage stellen müssen: ‚Ist das jetzt weiß oder schon grau?’ Sie müssen also eine Entscheidung treffen. Zu dieser Entscheidung kommen Sie nur mit einem klaren Kompass.

MEDIEN-MONITOR: Welche Werte sind es, mit denen Sie führen?

ANDREJEWSKI: Für mich gibt es drei Prinzipien, die ganz entscheidend sind.

Das Erste ist: Anerkennung muss ich mir verdienen. Alles, was ich mache, muss ich transparent machen. Wir leben in einer Zeit weiter Transparenz. Das ist für mich das Wichtigste.
An zweiter Stelle – und das ist mit Sicherheit das Schwierigste – folgt das Prinzip, dass man seinen Grundkompass, seine Überzeugung darlegt und auch beibehält. Dass man, auch wenn es schwerfällt, kompromisslos ist und intern wie extern Nachteile einstecken kann. Das ist ein täglicher Kampf und man hat auch nicht immer die richtige Antwort darauf, aber ich glaube, das ist die Herausforderung an einen selbst.
Und das Dritte ist ‒ das mag vielleicht ein bisschen flapsig wirken – es muss immer eine große Portion Humor dabei sein. Für mich ist Humor ein eigener Wert und ohne über sich selbst lachen zu können, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen, kann man die fachlichen Themen gar nicht lösen oder angehen.

MEDIEN-MONITOR: Mit welchen Werten kann ein Unternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren?

ANDREJEWSKI: Auf der einen Seite habe ich eine legale Basis, auf der ich agieren muss, aber auf der anderen Seite gibt es auch ethische Grenzen, die ich für mich als Unternehmen definieren muss. Diese stehen nicht im Gesetz. Das kann die Steuer sein oder die Umwelt. Ich kann ein Geschäftsmodell nur langfristig entwickeln, wenn ich diese normative Grenze für mich als Unternehmen definiere. Und es gilt für jedes Unternehmen, sich dieser Diskussion zu stellen. Die Frage ist nicht an einem Tag beantwortet und die Diskussion ist fortlaufend. Wenn Sie Unternehmenswerte schaffen wollen, dann ist nicht nur die kurzfristige Maximierung, sondern die langfristige Perspektive wichtig. Da kann man sehr schnell in Systemkritik kommen, aber für mich ist die langfristige Perspektive eigentlich das Entscheidende. Von der kurzfristigen Betrachtung müssen wir wegkommen. Diese Entwicklung sehen Sie bereits heute in der Berichterstattung von Unternehmen, die erklären müssen, wie sie nachhaltig Geschäfte machen und was ihre nachhaltigen Faktoren sind. Das war vor fünf bis zehn Jahren noch undenkbar. Hier tut sich also bereits einiges.

MEDIEN-MONITOR: Bringt Wertschätzung auch Wertschöpfung?

ANDREJEWSKI: Langfristig immer. Kurzfristig kann das auseinandergehen. Integrität, Intelligenz und Eifer mögen zusammengehören, aber ohne einen Wertekompass und eine angemessene Wertschätzung führen die anderen Eigenschaften ins Nichts – und damit auch nicht zu einer nachhaltigen Wertschöpfung im Unternehmen.

MEDIEN-MONITOR: Werteerziehung als Bildungsauftrag verstanden gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Wie ist Ihr Unternehmen in diesem Bereich aufgestellt?

ANDREJEWSKI: Zum einen möchten wir ein Good Corporate Citizen sein. Das klingt schön, ist aber nicht leicht. Wir gehen an Schulen und berichten über Wirtschaft, versuchen Unterschiede klar zu machen und zu erklären. Hier fühlen wir uns verantwortlich. Zum anderen möchte ich – und das tut unser Unternehmen auch – einen Standpunkt beziehen. Wir wollen keine Parteipolitik machen, aber ich will erklären – und das versuchen wir auch an verschiedenen Stellen zu tun. Es ist ein konstanter Kampf sich auch ein bisschen einzumischen. Nicht nur versuchen Gutes zu tun, um damit ein gewisses Image zu erzeugen, sondern auch Stellung zu beziehen. Und da bin ich wieder bei der Generation Y. Ich kann zum Beispiel die Diskussion um Work-Life-Balance nicht mehr hören. Es gibt nicht Leben und Arbeit, das gehört für mich zusammen. Da kann man keine Balance herstellen, das ist eine Einheit. Aber was ich extrem positiv finde, ist das Hinterfragen der Generation Y. Die junge Generation hat uns in dieser Hinsicht schon einiges beigebracht und das finde ich sehr positiv.

MEDIEN-MONITOR: Mit welchen Wertevorstellungen gehen denn die jungen Menschen heutzutage in die Berufswelt hinaus? Sind ihre Wertevorstellungen denn auch zukunftsfähig?

ANDREJEWSKI: Wir nähern uns in unserer Firma einem Durchschnittsalter von 30 Jahren, wir werden immer jünger. Die Absolventen kommen mit 22 oder 23 Jahren zu uns. Sie haben einen anderen Bindungswillen zur Firma. Wir haben keine Schwierigkeiten, die Leute zu bekommen, die wir wollen, aber die Leute langfristig an uns zu binden fällt uns zunehmend schwer. Die durchschnittliche Verweildauer hat stark abgenommen. Viele sind neugierig und sagen sich: ‚Nach zwei bis drei Jahren schaue ich mir etwas Neues an’.
Zu den Werten: Die jungen Mitarbeiter wollen einen Sinn sehen, in dem was sie tun. Wenn ich mit Leuten spreche, die uns verlassen, führen sie als Hauptgrund an, dass ihnen ihre Arbeit nicht differenziert genug ist. Sie sind zu sehr im Prozess tätig und haben zu sehr nur ein Modul zu bearbeiten. Wichtig ist der Generation, dass sie nicht nur etwas Sinnstiftendes tut und nicht nur etwas Anspruchsvolles macht, sondern dass sie bei dem, was sie tut, auch eine positive Konnotation hat. Das bekommt absolut mehr Bedeutung.

MEDIEN-MONITOR: Früher war das ja keine Seltenheit, dass man 30-40 Jahre bei demselben Arbeitgeber gearbeitet hat…

ANDREJEWSKI: … Das war bei uns genauso. Aber hier ist ein klarer Wandel festzustellen. Das ist ein Zeichen der Zeit. Die Veränderung und die Geschwindigkeit in der wir uns verändern, nehmen in allen Bereichen zu. Das ist auch Teil der heutigen Firmenphilosophie und Firmenethik.

MEDIEN-MONITOR: Wie rekrutieren Sie junge Leute für Ihr Unternehmen?

ANDREJEWSKI: Wir sind weiterhin sehr aktiv an Hochschulen. Das ist nach wie vor das Eintrittstor. Aber auch die Präsenz in den Neuen Medien hat eine ganz andere Form angenommen. Und man kommuniziert auch anders. Das ist auch eine große Herausforderung, denn diejenigen, die am Ende die Entscheidung treffen, kommen natürlich aus einer anderen Generation als die, die wir ansprechen. Das erfordert eine Menge Mut. Ganz persönlich muss ich mich auf eine Kommunikationsform einlassen, die ich gar nicht kenne und nicht kontrollieren kann. Früher habe ich einen Aufsatz geschrieben und mir gedacht: ‚Da kommt die KPMG ganz gut weg.’ Damit erreiche ich heutzutage keinen Studenten mehr und schaffe auch keine Wahrnehmung. Aber wenn Mitarbeiter auf einmal feststellen, dass bei uns auch eine politische Diskussion stattfindet, dass wir vor einer Wahl auch mit einem Abgeordneten diskutieren, ist das neu und damit versuchen wir auch unsere Mitarbeiter zu begeistern. Es geht dabei nicht darum, meine Mitarbeiter dazu zu bewegen, die Partei A oder B zu wählen, sondern es geht darum, überhaupt wählen zu gehen, sich Gedanken zu machen, sich nicht manipulieren zu lassen, nach dem Warum zu fragen.

MEDIEN-MONITOR: Also Mitarbeiter, die ihre eigene Meinung vertreten, dürfen auch mal gegen den Strom schwimmen?

ANDREJEWSKI: Das ist leicht gesagt und auch leicht eingefordert, aber da muss man auch vieles rauskitzeln. Wenn ich unsere neuen Mitarbeiter begrüße, sage ich ihnen, dass ich für eine direkte Ansprache und Anmerkungen zur Verfügung stehe, so dass sie immer auf mich zukommen können. In den letzten anderthalb Jahren sind drei direkt auf mich zu gekommen. Man muss selbst den Kontakt suchen. Man muss hinsichtlich Hierarchien dafür sorgen, dass die Ängste und die Distanz genommen werden. Aber hier ist die Generation Y bereits auf dem richtigen Weg.

MEDIEN-MONITOR: Korruption und Vetternwirtschaft ‒ ein Blick auf die globalisierte Welt stärkt nicht gerade das Vertrauen in die Wertesysteme.

ANDREJEWSKI: Was schwarz ist und was weiß ist, ist in vielen Bereichen sehr eindeutig: Nehmen Sie das Beispiel der Bestechung, im Vertrieb oder in der Beschaffung. Hier hat sich über die Jahrzehnte aufgrund der Legitimitätsdiskussion die Legalität verändert. Es gab eine Zeit, zu der Bestechungsgelder im Ausland steuerrechtlich absetzbar waren. Das hat sich zum Glück geändert. Wir müssen als Unternehmen und als Wirtschaftsprüfer genau die Bereiche definieren, die entweder grau oder doch sogar noch schwarz sind. Und das ist immer eine sehr große Herausforderung.

MEDIEN-MONITOR: Wie können wir in einer Welt, die alles andere als perfekt ist, Werte erfolgreich gemeinsam leben?

ANDREJEWSKI: Auf diese Frage kann man nur eine sehr persönliche Antwort geben: Ich muss für mich selbst immer die Verhältnismäßigkeit definieren. Es gibt zum einem eine legale Grenze. Es kann auch eine Einladung über 500 Euro legal sein, wenn ich sie richtig versteuere. Aber neben der legalen Grenze gibt es auch eine legitime Grenze, die ich für mich nur mit meinen eigenen Werten setzen kann. Und so schwer das fällt, aber diese Richtlinie kann ich nicht schreiben. Wir als Branche versuchen natürlich das zu unterstützen, aber es greift immer zu kurz. Aller gesetzlicher Basis zum Trotz muss ich immer noch meinen persönlichen Wertekompass darüber legen.

MEDIEN-MONITOR: Die Digitalisierung schreitet voran und wird oft als Heilbringer gesehen. Brauchen wir neue Werte in unserer digitalisierten Welt, die mit einer brutalen Schnelligkeit unser aller Leben verändert?

ANDREJEWSKI: Die brauchen wir mit Sicherheit. Und wir brauchen auch eine andere Erfassung, denn die Veränderungsgeschwindigkeit nimmt zu.

Für mich ist die größte, fassbare Veränderung das Ausschalten der Medien – der vierten Gewalt. Das geht mit der Digitalisierung einher. Nehmen Sie beispielsweise den US-Präsidenten Trump und seinen Weg ins Amt. Eine Behauptung, die nicht mehr der Qualitätskontrolle durch die vierte Gewalt unterliegt, ist einfach da und diese verändert unser Verhalten und unser politisches Denken. In meinen Augen ist es die größte Herausforderung der Digitalisierung, dem etwas entgegen zu setzen. Die große Frage ist, wie man Informationen wirklich glaubhaft machen kann. Ich glaube, das ist eine Rolle, die wir als Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Zukunft übernehmen könnten. Wäre unser Geschäftsmodell ein reiner Soll-Ist Vergleich, so würde ich mir als Wirtschaftsprüfer in Zeiten künstlicher Intelligenz Sorgen machen, denn wahrscheinlich wird diese Aufgabe in Zukunft zu einem bedeutenden Anteil von der Technik übernommen. Wir werden mit den Systemen ganz anders umgehen müssen und werden einen Kernteil unserer Arbeit im und mit dem System verbringen. Aber auf der anderen Seite wird die Verifizierung von Informationen – eine Aufgabe, die für mich bisher die vierte Gewalt übernommen hat – auch eine Chance für uns sein. Das sehe ich als die große Herausforderung der Digitalisierung.

MEDIEN-MONITOR: Es gibt das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns. Er zeichnet sich durch Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Integrität aus. Wie sieht es da ihrer Meinung nach in der heutigen Gesellschaft aus?

ANDREJEWSKI: Ich glaube, das ist eine der positiven Seiten der Transparenz. Ich glaube der menschliche Charakter hat sich über die Jahrhunderte nicht groß verändert. Aber die Diskussion über Transparenz hat schon einen Einfluss auf unsere Werte. Daher sehe ich uns auf einem gar nicht so schlechten Weg.

MEDIEN-MONITOR: Werte, Worte, Taten – was ist für Sie am Ende das wichtigste davon?

ANDREJEWSKI: Es bleiben die Taten. Man muss was machen, sonst kann man nichts ändern. Das andere sind die Fundamente, aber am Ende aller Tage muss man was machen.

MEDIEN-MONITOR: Herr Prof. Andrejewski, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Prof. Kai Andrejewski führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 15. November 2017 in München.