„Eine Vollbeschäftigung wird es auf Grund der Digitalisierung nie geben.“ – Gespräch mit Dr. Mariana Bozesan, Club of Rome International

Dr. Mariana Bozesan ist erfolgreiche Investorin, Mehrfach-Unternehmerin, Wissenschaftlerin, Futuristin, Philanthropin und Buchautorin. Sie ist die führende Autorität des integralen Nachhaltigkeitsinvestments und setzt sich stets für die Implementierung von integralem Denken mit nachhaltiger Wirkung in Gesellschaft, Finanz- und Businesswelt ein. Dr. Bozesan verbindet traditionelle Investmentkriterien mit sozialen, kulturellen und Umwelt-Kriterien in einer ganzheitlichen Weise, um die künstliche Trennung zwischen Menschen, Erde und finanzieller Rendite aufzuheben. Diese Arbeit brachte Dr. Bozesan die Vollmitgliedschaft im renommierten Club of Rome International ein. Dr. Bozesan gründete mehrere Unternehmen und Investmentgesellschaften wie z.B. AQAL Capital, AQAL AG, Nixdorf Datacenter, sowie die AQAL Foundation und unterstützt mehr als 38 philanthropische Organisationen weltweit. Sie ist Diplom-Informatikerin und KI Expertin (KIT und Stanford) und promovierte Psychologin (Ph.D., Palo Alto).

MEDIEN-MONITOR: Wie sieht Ihre Investmentwende aus? Auf was müssen wir uns einstellen?

BOZESAN: Die Menschheit steuert auf große Probleme zu die selbst- und hausgemacht sind und aus dem Klimawandel heraus entstehen. Damit wir die Klimaprobleme die wir aktuell haben auch tatsächlich adressieren können, braucht es nur zwei Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts. Dieses Geld haben wir uns als Initiative vorgenommen zu akquirieren, um in diese Richtung vorzumarschieren.

MEDIEN-MONITOR: Wie schafft man es diese Summe einzusammeln?

BOZESAN: Ich bin eine geborene Optimistin. Ganz einfach weil es jede andere Alternative schlägt. Pessimismus kann man sich nicht leisten. Wenn man bspw. die Pariser Verträge (Pariser Klimaabkommen, Anm. d. Redaktion) nimmt, die von den meisten Staaten unterschrieben wurden, dann muss man sich auch die Fragen stellen, wie wir das eigentlich umsetzen wollen. Das ist nicht ganz klar. Ich glaube, dass wir als Investoren mit Kapital tatsächlich die Welt verändern können und auch müssen. Das ist eine Frage des Willens und der Überzeugung und eines höheren Bewusstseins. Wir müssen uns bewusst sein was eigentlich passiert, wenn die Pariser Verträge nicht erfüllt werden.

MEDIEN-MONITOR: Was bedeuten für Sie das Übereinkommen von Paris?

BOZESAN: Es wird hier von drei Grad Erwärmung ausgegangen. Drei Grad bedeutet, dass es das Leben so wie wir es heute kennen nicht mehr geben wird. Das heißt, selbst wenn wir die Verträge erfüllen wollten – was wir ja nicht tun – wissen wir eigentlich nicht was uns erwartet. Im Grunde genommen wissen wir, dass wenn sich die Menschheit vorgenommen hat Probleme zu adressieren, dazu auch in der Lage ist. Aber das Verständnis, dass wir tatsächlich etwas tun müssen, ist nicht da. Nur Politiker zu haben die einen Vertrag unterschreiben genügt nicht. Wir als Investoren wissen wie das geht und wir machen es vor. Was wir jetzt am 16.10.2017 beim Investmentwende-Tag ins Leben gerufen haben ist eine von ganz vielen solchen Initiativen und unsere Aufgabe ist es all diese Leute zu vereinen.

MEDIEN-MONITOR: Was heißt das konkret?

BOZESAN: Das heißt konkret mit dem Mythos aufzuräumen, dass Environmental Social Governance Kriterien nur zum finanziellen Nachteil führen. Das stimmt nicht. Man hat keine finanziellen Nachteile wenn man nach solchen Kriterien investiert. Außerdem kann man nicht nicht investieren. Jeder Mensch – ob er Geld in die Hand nimmt oder nicht – investiert. Ich investiere zum Beispiel gerade meine Zeit hier und jetzt, weil ich der Meinung bin, dass es sich schon gelohnt hat wenn ich nur einen von ihnen überzeugen kann diesen Weg mit uns zu gehen.
Außerdem muss man die Digitalisierung nennen. Die Digitalisierung bringt die sechs Ds mit. Eins davon ist die Täuschungsphase – deception. Der technologische Wandel und die Weiterentwicklung haben zwar stattgefunden, aber das passierte unter dem Radar, sodass man es nicht gesehen hat.
Das nächste D ist dann Disruption. Jetzt wird praktisch alles auf den Kopf gestellt. Das Smartphone ist das beste Beispiel dafür, wie die ganze Welt mit dieser Technologie beeinflusst wird. Darauf waren und sind wir nicht vorbereitet.
Nach der Deception und Disruption kommt die Dematerialisierung. Das Smartphone dient ja nicht nur zum Telefonieren, sondern sie haben auch eine Videokamera, Internet, Fotos. Das heißt, alle Geräte die sie vorher einzeln hatten, haben sie jetzt in einem Gerät. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Schauen sie doch mal wie viele Elektroautos es von deutschen Herstellern gibt. So gut wie keine. Das steht uns noch bevor, denn da sind wir noch nicht aufgewacht.
Als nächstes kommt die Demonetarisierung. Am Anfang kostet die Herstellung des Smartphones noch viel Geld, aber danach kostet es fast nichts mehr. Es gibt mittlerweile drei Milliarden Smartphones auf der Welt. So schnell geht das.
Als sechstes D kommt dann die Demokratisierung. Und das ist es was wir als Investoren ins Bewusstsein unserer Geschäftspartner bringen wollen.

MEDIEN-MONITOR: Wie sehen Ihre idealen Investoren aus?

BOZESAN: Zum einem nehmen wir auch eigenes Geld in die Hand und investieren selber. Wir haben darüberhinaus sehr viele Freunde und Partner mit denen wir gemeinsam diesen Weg beschreiben. Das wollen wir weiter transformieren. Wie das geht? Unser Ziel ist es die Vorteile des integralen Investmentansatzes vorzustellen und weitere Investoren für diese nachhaltige Investmentphilosophie zu gewinnen. Bisher lag der Fokus im traditionellen Investmentbereich auf „Profit only“. Dieser Bereich wird in der Regel von Money Managers gesteuert, das heißt Leuten, die auf Grund der Gesetzgebung gezwungen sind auf die finanzielle Rendite zu achten. Deren Hände sind daher gebunden. Das heißt, selbst wenn wir als Club of Rome sagen, ihr müsst zwei Prozent des GDP (BIP, Anm. d. Red.) in Nachhaltigkeit investieren und diese das auch tun wollen, dann können sie das jedoch aufgrund der Regeln noch lange nicht. Sie wollen, aber können nicht. Ziel ist es daher langfristig die Strukturen des aktuellen Investmentmodells nachhaltiger zu machen.
Parallel dazu ist eine große Bewegung der sogenannten Impact Investoren am laufen. Das sind Investoren, die sowohl finanzielle Nachhaltigkeit als auch Umwelt und Soziales in ihre Investments integrieren wollen. Die können das weil sie eine absolute Autorität über ihr Kapital haben. Die müssen sich Niemanden gegenüber verantworten wie sie ihr Geld investieren. Diese Investoren sind es, die uns Hoffnung machen. Das sind ca. fünf bis zehn Prozent der Investoren. Ein gutes Beispiel sind Bill Gates, Waren Buffet und andere Milliardäre, die mit ihrer Giving Pledge genau das Gleiche machen. An den existierenden Strukturen müssen neue Strukturen aufgebaut werden.
Was uns vorschwebt ist, dass sich die traditonellen Investoren – die Money Managers – irgendwann einmal durch neue Regularien mit den Impact Investoren zusammenschließen. Da müssen auch die Regierungen nachziehen. Wir sind aber guter Dinge, weil es einfach keine Alternativen gibt. Wir sind optimistisch rechtzeitig – das heißt innerhalb der nächsten 30 Jahre – zwei Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts dahin zu bekommen.

MEDIEN-MONITOR: Sprechen Sie auch mit der Politik?

BOZESAN: Selbstverständlich tun wir das. Mit unserem Co-Präsidenten Ernst Ulrich von Weizsäcker haben wir auch jemanden der selbst zehn Jahre lang im Europaparlament politisch aktiv war. Die Politik muss diese Message bekommen und wir müssen uns schneller bewegen. Unsere Kinder und Enkelkinder werden kein Great Barrier Reaf mehr sehen. 70 Prozent sind schon kaputt. Das braucht Jahrhunderte um sich wieder zu erholen. Wir müssen wirklich aufwachen.

MEDIEN-MONITOR: Es geht ja nicht nur um Vollbeschäftigung, sondern auch um eine würdevolle Beschäftigung…

BOZESAN: … Die Vollbeschäftigung können wir uns abschminken. Diese wird es wegen der Digitalisierung nicht geben. Künstliche Intelligenz wird stupide Arbeit, die heute noch Menschen machen, übernehmen. Denken sie nur an die Staubsaugerroboter. Und ich hätte nichts dagegen auch einen Roboter zu haben, der für mich einkaufen geht. Ich habe zwar keine Angst, dass uns die künstliche Intelligenz (KI) etwas wegnimmt, aber wir müssen natürlich schon aufpassen, dass sie nicht die Überhand gewinnt. Was passiert zum Beispiel wenn meine Waage meldet, dass ich Übergewicht habe – fettleibig bin – und diese Information an meine Krankenversicherung sendet? Muss ich dann mehr Prämien zahlen, weil ich nicht auf mein Gewicht achte? Das darf nicht sein und hier muss man sich proaktiv engagieren, damit die Privatsphäre erhalten bleibt.
Wir gehen auf eine datenhungrige Zeit zu. Wir werden nicht gefragt werden, ob man unsere Daten benutzen darf. Wir stimmen im Internet fast Allem zu, ohne zu wissen was dahinter steckt. Das heißt wir müssen uns der Konsequenzen bewusst werden.

MEDIEN-MONITOR: Kommen wir noch mal auf das Thema Armut zurück…

BOZESAN: … Die Zahlen sprechen hier eine ganz eindeutige Sprache. In den letzten 200 Jahren ist unser Leben insgesamt auf der Erde viel besser geworden. Es leben aber immer noch 800 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze. Nur wir werden Hunger nicht ausrotten können. Ich bin eine Evolutionstheoretikerin. Jeder Mensch – auch der Dalai Lama – wird bei null geboren und wächst entlang des Lebens hoffentlich zu höheren Bewusstseinsstufen. Das passiert bei jedem Kind, aber nicht alle haben Zugang zu einer Gesellschaft, zu einer Kultur und zu Bildung, um sich weiterzuentwickeln. Also das Schicksal der Menschheit wird sich in diesem Punkt immer wiederholen.

MEDIEN-MONITOR: Der Club of Rome fordert mehr Regulierung. Das ist zunächst mal das genaue Gegenteil von dem was in den letzten Jahren passiert ist, wo doch mehr Deregulierung betrieben wurde. Wie kann das also funktionieren? Was sind Ihre Pläne?

BOZESAN: Schauen Sie sich doch an, was in den letzten Jahren durch die Deregulierung passiert ist. Wenn es um so große Themen wie den Klimawandel geht – und damit die Ausrottung der Menschheit – dann geht es damit auch um alles andere auf der Welt. Solche großen Themen müssen vom Staat angegangen werden. Wir können nur bestimmte Themen in die Hand nehmen und adressieren, aber wir erreichen nicht so viele Menschen wie der Staat. Dafür ist die Europäische Union gut, die eine Staatengemeinschaft bildet um solche Themen zu adressieren. Auch die UN mit den Sustainable Development Goals ist wichtig. Diese Themen müssen von oben angegangen werden – und übrigens auch gemessen werden. Zurzeit messen wir nur finanziellen Profit und alle anderen Sachen sind nebensächlich.

MEDIEN-MONITOR: Wie lange geben Sie der Menschheit denn noch – optimistisch gesehen?

BOZESAN: Wenn wir die Pariser Verträge einhalten sollten, kommen wir auf drei Prozent Erwärmung – was viel zu viel ist. Das heißt es werden noch rund eine Milliarde Menschen auf der Erde bleiben, weil der Wasserspiegel um 20 bis 30 Meter steigen wird. Bei vier Grad – und das ist wahrscheinlicher – wird das Wasser in 100 Jahren an die 70 Meter steigen.
Der Club of Rome will mit dem neuesten Buch ein optimistisches Bild abliefern. Aber wenn sie sich den Titel genau anschauen („Wir sind dran“, Anm. d. Red.) kann das entweder bedeuten für uns hat die letzte Stunde geschlagen, oder es bedeutet wir sind dran und packen das Problem an. Ich hoffe wir sind klug genug und sammeln genügend Intelligenz, damit wir auch die Ressourcen akquirieren um das Problem zu lösen.

MEDIEN-MONITOR: ‚Wir sind dran – Was wir ändern müssen wenn wir bleiben wollen‘  heißt das neueste Buch des Club of Rome. Wie lauten die wichtigsten Kernaussagen?

BOZESAN: Das Wichtigste ist zu verstehen, dass wir eine philosophische Krise haben. Wir sind so wie die Hungry Ghosts im Buddhismus. Wir hecheln hinter dem Geld her ohne uns zu fragen was wir mit dem Geld machen, wenn die Luft kaputt ist. Wir brauchen eine neue Aufklärung. Das ist auch die erste Aufgabe, die sich das Buch gemacht hat. Übrigens auch in Anlehnung an Papst Franziskus, der mit Laudato Si genau hier angesetzt hat: Gegen den Kapitalismus vorgehen um Hunger und Armut zu besiegen. Diejenigen von uns, die auf einem höherem Bewusstseins- und ethischen Niveau sind, haben die Aufgabe die anderen aufzuklären und mitzunehmen. Deswegen sind in dem Buch auch sehr viele tolle Lösungsvorschläge. Zum Beispiel wo man sich beteiligen kann, wenn man seinen Beitrag leisten möchte. Es ist ja auch Teil unserer Investmentwende Vehikel mit ganzheitlichen und nachhaltigen Kriterien dazustellen, bei denen man sich anschließen und mitinvestieren kann. Natürlich auch mit Regulierung, wo die Politik gefragt ist uns zu helfen.
Also nicht nur Kapital, sondern auch Politik und ein anderes Bewusstsein. Beispielsweise bei Bewerbungen: Die emotionale und moralische Kompetenz wird bei Bewerbungsgesprächen nicht getestet. Wie also stellt man die Integrität von Bewerben sichern? Es geht nämlich nicht immer nur um die kognitive Kompetenz. Es bedarf also eines höheren Bewusstseins bei den Menschen und das ist nicht ganz gleich.

MEDIEN-MONITOR: Muss ich um eine Global Governance durchzusetzen meine Freiheiten aufgeben?

BOZESAN: Ein ganz eindeutiges Nein. Zum einem ist die Lösung nie schwarz-weiß, die Welt ist nicht schwarz-weiß. Zweitens wird eine Maschine nie ersetzen können was einen Menschen ausmacht. Und drittens werden wir als Menschen ganz andere Lösungen finden als die billige Transparenz, die wir heute verlangen.

MEDIEN-MONITOR: Also müssen wir eher unser Verhalten ändern als über Regeln zu kommen?

BOZESAN: Wir müssen uns ganz einfach entwickeln. Es soll keine Selbstverständlichkeit sein, dass meine Daten einfach weitergegeben werden. Ich möchte vorher gefragt werden. Ich hoffe, dass wir unsere humane Intelligenz weiter aufrechterhalten und weiterleben können in einer Welt, die uns glücklich macht.

MEDIEN-MONITOR: Ist Transparenz nicht auch eine normative Grenze für unser Verhalten?

BOZESAN: Kant hat ja schon im 18. Jahrhundert den kategorischen Imperativ in die Welt gesetzt. So wie die Kirche mit den zehn Geboten. Wir wissen das alles, aber es fällt uns schwer es einzuhalten. Und wissen Sie warum? Menschen evolvieren, Menschen entwickeln sich, und auf jeder Stufe ändert sich auch ihre Ethik und Moral.

MEDIEN-MONITOR: Wird aus den vielen Diskussionen und Debatten die wir führen wirklich eine nachhaltig veränderte und ethisch verantwortlichere Unternehmenskultur hervorgehen?

BOZESAN: Die ist schon da. Wir dürfen uns da nicht von den Amerikanern irreführen lassen, die diese ganzen Themen jetzt erst für sich entdeckt haben. Nur weil wir nicht groß Werbung machen und der ganzen Welt zeigen wollen wie man es richtig macht, sollte es nicht dazu führen, dass wir uns die Vorherrschaft zu dem Thema wegnehmen lassen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der schon sehr viel für die schwächeren Glieder getan wird. Es gibt bspw. schon sehr lange sozialen Wohnungsbau. Was wir noch mehr integrieren müssen ist tatsächlich die Art und Weise wie wir Erfolg messen – auch die offiziellen Zahlen an der Börse. Wir müssen wieder anfangen längerfristig zu denken und zu führen. Was wir auch noch machen sollten ist die Integration der Umweltprobleme und der Technologie miteinander zu kombinieren. Ich glaube das ergibt eine wunderbare Lösung am Ende des Tages. Und ich denke wir als Deutsche können in diesem Bereich der Welt sehr viel geben. Wir brauchen uns nicht verstecken, sondern wir sind richtig unterwegs.

MEDIEN-MONITOR: Werte, Worte, Taten – was ist für Sie am Ende das wichtigste davon?

BOZESAN: Heutzutage sind vor allem Taten, die von einem höheren Wertesystem und einem höheren Bewusstseinsniveau geprägt sind, gefragt.

MEDIEN-MONITOR: Frau Dr. Bozesan, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Dr. Mariana Bozesan führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 15. November 2017 in München.