Die meisten Operationen sind heutzutage ökonomisch begründet“ – Gespräch mit Dr. med. Martin Marianowicz, Gründer und Leiter der Marianowicz Medizin

Dr. med. Martin Marianowicz ist Facharzt für Orthopädie, Chirotherapie und Sportmedizin. Mit seiner über 30-jährigen internationalen Berufserfahrung gilt er als einer der renommiertesten Rückenspezialisten Europas und Wegbereiter orthopädischer Schmerztherapie sowie minimal-invasiver Wirbelsäulen- und Bandscheibenbehandlung. Ausbildungs- und Forschungsaufenthalte führten ihn immer wieder ins Ausland. Er ist Gründer und Leiter des interdisziplinären Zentrums für Diagnose und Therapie in München-Bogenhausen. Seit 1995 ist er außerdem ärztlicher Direktor der Privatklinik Jägerwinkel in Bad Wiessee am Tegernsee. Dr. Marianowicz setzt stets auf die sanfteste Behandlungsmethode sowie auf die Selbstheilungskräfte des Körpers. Er ist Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und Buchautor. In diesem Jahr erschien sein neuestes Buch „Arthrose selbst heilen“. Ein Selbsthilfebuch mit ganzheitlichem Anti-Schmerz-Programm macht bis zu 75 Prozent der Operationen überflüssig.

MEDIEN-MONITOR: Welche Werte sind für Sie persönlich am wichtigsten?

MARIANOWICZ: Da muss ich in meiner Lebensgeschichte etwas zurückgehen. Ich habe ja einen, wie man heute sagt, Migrationshintergrund. Ich bin als kleines Kind mit meinen Eltern hierhergekommen. Mein Vater ist sehr früh gestorben und ich bin bei meiner Mutter in relativ bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Immer mit dem Willen zur Bildung und unglaublich viel Liebe. Das hat mich sehr geprägt. 80 Prozent was ich heute bin, ist das was meine Mutter in mich reingesteckt hat. Auf Ihrem Grabstein steht Liebe, Zufriedenheit und Bescheidenheit und ich denke das sind drei Dinge die mich sehr prägen.
Das ist einmal der Umgang mit Menschen, mit meinen Patienten und mit meinen Mitarbeitern. Wenn ich zurück denke an die Anfänge, dann hätte ich mir niemals vorstellen können, dass ich dort ankomme wo ich jetzt bin.
Und es sind nicht nur die objektiven Dinge, sondern man braucht auch die Empfindungsfähigkeit, um das Erleben zu können. Für meine Freunde ist das immer unerträglich. Die fragen mich immer wie oft ich das denn jetzt noch sagen will, wie schön es hier ist wenn ich oben auf dem Berg stehe. Aber das empfinde ich halt auch so. Und ich glaube, das ist ein ganz großes Glück wenn man das hat. Und der dritte Punkt ist, dass man nie vergisst wo man her kommt. Das man nicht abhebt, sondern nach wie vor bescheiden ist und nicht jeden Tag für selbstverständlich nimmt welche Möglichkeiten man hat in dieser Welt zu leben. Das sollte uns allen zu denken geben.

MEDIEN-MONITOR: Also ein Stück weit Demut…

MARIANOWICZ: … Ja, sehr viel Demut! Und ich glaube es tut sehr gut im Leben nicht alles für selbstverständlich zu nehmen.

MEDIEN-MONITOR: An welchen Normen sollte sich ein Arzt gebunden fühlen?

MARIANOWICZ: Das ist ein großes Thema. Ich bin kein Medizinethiker sondern ein Praktiker. Ich bin ja auch ein 68er, zwar ein bisschen jünger, aber ich habe damals einiges mitbekommen. In der Uni hat man für die demokratische Medizin demonstriert und da ist schon einiges hängen geblieben.
Ich glaube eines der wichtigsten Dinge ist, dass man den Patienten in einen Zustand bringt, in dem er immer frei und selbständig entscheiden kann was an ihm getan werden muss. Das ist heutzutage bei uns ein ganz großes Problem, gerade wenn man von der Wirbelsäule spricht. Ich kann es nicht mehr hören, wenn Patienten zu mir kommen und sagen ihr Arzt hätte gesagt aufgrund der Bildgebung müsse man operieren. Das ist immer eine große Lüge. Dazu gehört, dass man dem Patienten Zeit widmet, dass man sie aufklärt und klug macht und dass sie auf Grund der Fakten in der Lage sind, sich ein eigenes Bild zu machen und dann auch frei entscheiden können was sie möchten.
Als Zweites ist es wichtig auf die Individualität des Menschen einzugehen. Es gibt zwar vieles was sich immer wiederholt, aber im Endeffekt muss man schon drauf schauen was für den Einzelnen wichtig und was falsch ist. Zudem gibt es nach dem hypokratischen Eid die Vorgabe, dass man niemanden schaden soll. Also das man immer die harmloseste Methode verwendet. Weich nach hart. Und nicht– wie es in Deutschland leider gang und gebe ist – mit der härtesten Methode, einer Operation, eingreift. Ich rate meinen Mitarbeitern die Patienten aufzuklären und ihnen dabei immer das zu erzählen, was man auch den eigenen Eltern oder Kindern raten würde. Das ist in unserem Gesundheitssystem leider verloren gegangen.

MEDIEN-MONITOR: Wie lautet ihre Philosophie? Wie gehen sie an den Patienten ran von Mensch zu Mensch, von Arzt zu Patient?

MARIANOWICZ: Ich nehme mir auf jeden Fall sehr viel Zeit. Bei mir bekommt der Patient beim ersten Mal 40 Minuten. Die brauche ich auch. Die Leute kommen teilweise mit einer langen Krankengeschichte zu mir, mit vielen Befunden und Bildern. Das lässt sich nicht in fünf Minuten abhandeln. Außerdem muss man ja eine Vertrauensbasis schaffen beim ersten Mal. Arzt und Patient müssen ein Team bilden. Wir reden hier von einem Krankheitsbild das überwiegend geprägt ist durch ein Generalsymptom: Schmerz.
Schmerz unterliegt ganz vielen Faktoren der Selbstwahrnehmung, die sich nicht objektivieren lassen und die sehr stark abhängig sind von der Arzt-Patienten-Beziehung. Ich nehme mir also sehr viel Zeit, kläre die Patienten auf und nenne ihnen auch sehr viele Fakten. Es besteht ja auch eine große Unwissenheit. Zum Beispiel beim Thema Bandscheibe. Hier denkt jeder gleich, dass ein Bandscheibenvorfall zwingend eine OP nach sich zieht. Das ist aber eigentlich ein klassisches Krankheitsbild, das schon immer konservativ behandelt wurde. 90 Prozent der Bandscheibenvorfälle heilen spontan ab. Jetzt muss ich die Patienten aber heutzutage davon überzeugen, dass die konservative Methode die normale ist und nicht die Operation, die eigentlich immer die Ultima-Ratio sein sollte. Man braucht also Zeit, muss das Verhältnis aufbauen und den Patienten aufklären.
Außerdem ist der Rückenschmerz auch eine Volkskrankheit. 90 Prozent der Menschen werden in ihrem Leben ein Rückenereignis haben. Zu jedem Zeitpunkt des Tages haben 50 Prozent der Deutschen Rückenschmerzen. Bei all dem Wissen das wir haben über die Entstehung und die Verstärkung und Ablauf von Rückenbeschwerden halten wir an einem völlig mechanistischen Problemlösungssystem fest, welches in einer Operation endet. Und das hat dazu geführt, dass wir in Deutschland mit Abstand Weltmeister sind. Wir operieren – nicht nur an der Wirbelsäule, sondern auch an anderen Organen – ein Vielfaches als andere Staaten. Was in Deutschland passiert ist organisierte Körperverletzung auf Kosten der Versicherungsgemeinschaft. Wir operieren am Rücken 3,5-mal so viel wie die Franzosen, 6,5-mal so viel wie die Engländer, 8-mal so viel wie die Italiener. Das ist rein systemgeschuldet. Und die Dynamik nimmt eher zu als dass sie abnimmt, trotz aller Aufklärung. Wir versuchen dagegen zu halten mit einem modernen, konservativen Problemlösungssystem.

MEDIEN-MONITOR: Was sind die Prinzipien ethischen Handelns in der Medizin?

MARIANOWICZ: Es ist sehr schwer geworden, weil zum Beispiel das Ausbildungssystem sehr OP-lastig geworden ist. Der Trend zeigt dahin, dass viele OPs auch aus Unwissenheit – der Ausbildung geschuldet – verordnet werden. Der Orthopäde zu meiner Ausbildungszeit musste noch zwei Jahre in eine konservative Klinik. Das gibt es heutzutage gar nicht mehr. Sechs Jahre OP lassen halt viele glauben, dass die OP auch die große Problemlösung ist. Aber es gibt auch sehr starke wirtschaftliche Zwänge. Unser System hat es geschafft, dass die gesetzlichen Patienten gar nicht wissen was abgerechnet wird. Die haben teilweise ganz utopische Vorstellungen was die Vergütungsregelungen angeht. Ein Kassenarzt bekommt für ein Quartal konservative Behandlung am Rücken 30 Euro. Wenn der Patient aber operiert wird, sind es 10.000 Euro. Wenn wir jetzt also von Ethik sprechen, dann gibt es wirtschaftliche Zwänge zwischen denen die Ärzteschaft sitzt. Auf der einen Seite in einem regulierten System das ihnen vorschreibt welche Einkünfte sie haben können und das keine Sondertherapien zulässt und auf der anderen Seite der wirtschaftliche Zwang eines Freiberuflers der auch nicht argumentieren kann, dass die Krankenversicherung für seine Patienten gerade wieder von 30 auf 28 Euro gesenkt wurde. Somit ist der Druck leider dahingehend, dass manchmal auch Entscheidungen getroffen werden, die in erster Linie vielleicht nicht zum Wohle des Patienten sind.

MEDIEN-MONITOR: Sie fordern Ihre Patienten auf aktiv mit zu machen, den Rücken selbst zu heilen…

MARIANOWICZ: … Man muss es so sehen: Wir haben in Deutschland ca. 40 Millionen Arthrose-Betroffene. Das ist primär gar keine Krankheit – sie sind ja auch nicht hautkrank weil sie Falten haben. Verschleiß gehört zum Leben dazu. Mit 70 hab ich einfach nicht mehr die Gelenke wie als 20-jähriger.
Das heißt, es sind fünf Millionen in Deutschland tatsächlich Arthrose krank. Dazu zählen die, die Schmerzen bekommen und sagen so möchte ich nicht leben. Wie beim Rücken ist hier das Generalsymptom der Schmerz. Und dieser bildet sich erst durch eine Entzündung, welche völlig unabhängig ist vom Schweregrad des Bildes. Also wenn sie Bilder nehmen – und dazu bleibt ja meistens keine Zeit mehr – und hier den Rückschluss auf die Schmerzen machen wollen, liegt die Richtigkeit bei 15 Prozent. Das heißt es gibt Leute mit schrecklichen Bildern ohne Schmerzen oder Leute mit ganz leichten Bildern, die aber nicht mehr gehen können.
Und jetzt prüfen sie mal Menschen, die von sich behaupten sie wären schmerzfrei und schauen sich im MRT deren Bilder an. Bei den schmerzfreien Menschen kommen die wildesten Sachen raus. Hier liegen Bandscheibenvorfälle vor, Spinalkanalverletzungen oder verschlissene Wirbelsäulengelenke. Auf der anderen Seite liegt aber bei 70 Prozent der Menschen die chronische Schmerzen haben – also länger als drei Monate – kein Befund vor. Heute werden also Bilder gemacht und dann wird entschieden, dass operiert werden muss. Das ist ein fataler Fehler und völlig vorbeigehend an allem was wir heute wissen über Problemlösungen bei Schmerzkrankheiten wie Arthrose oder Rückenleiden.

MEDIEN-MONITOR: Und was ist die Philosophie daraus?

MARIANOWICZ: Wenn ich an meinem Patienten etwas mache was er nicht versteht, dann kann er nicht mitmachen. Das heißt, man muss es wirklich verstehen. Was unterscheidet die, die keine Schmerzen haben von denen die welche haben? Wir wissen es nicht, aber wir haben eine Vermutung. Es gibt innerkörperliche Abläufe, welche Entzündung und Schmerzen nehmen und die Durchblutung fördern. Wir wissen auch, dass die wieder eintretende Schmerzfreiheit völlig unabhängig ist von einer Veränderung im Bild. Wir versuchen das zu reproduzieren, was der Körper bei all denen gemacht hat, die von selbst wieder schmerzfrei geworden sind oder trotz ihrer Bildgebung nie Schmerzen bekommen haben. Das ist ein völlig anderer Ansatz als der, immer nur ein Bild verbessern zu wollen. Bei einer kaputten Hüfte mag das in Ordnung sein. Aber beim Rücken ist das ein fataler Fehler der dazu führt, dass 50 Prozent der Patienten innerhalb eines Jahres wieder in die Therapie zurückkehren. Das heißt, der Versuch durch eine Verbesserung der Bilder den Rücken einer Gesellschaft zu verbessern ist ein Irrweg, der aber bei uns immer schneller beschritten wird und immer aggressiver wird.

MEDIEN-MONITOR: Die Krankenkassen raten eine Zweitmeinung vor einer OP einzuholen, aber trotzdem steigen die OP-Zahlen…

MARIANOWICZ: … Zwischen 2007 und 2015 ist die Zahl der Rückenoperationen in Deutschland um 74 Prozent gestiegen. Allenfalls sieben Prozent sind demografisch bedingt hat das Statistische Bundesamt dazu gesagt. Der Rest – das muss man wirklich so sagen – ist ökonomisch-systemisch begründet.

MEDIEN-MONITOR: Wie können Sie über Ihre Bücher helfen?

Marianowicz: Wir brauchen einen multimodalen Therapieansatz. Das heißt, es gibt immer zwei Organe die bei einem Schmerz beteiligt sind. Das kann der Rücken sein, das kann das Gelenk sein, aber es ist immer das Gehirn. In Deutschland erhalten aber nur 0,14 Prozent der Betroffenen eine dementsprechende leitlinienkonforme Therapie. Wenn die Leute also nicht dazu kommen, dann sollen sie es sich eben im Buchladen kaufen können. Das heißt diese Bücher entsprechen eigentlich dem modernen Therapieansatz. Sie haben einen sehr großen Aufklärungsteil, der sie zum Beispiel davor warnt, dass die Bilder nicht gleich sagen man bräuchte eine OP. Entscheiden muss wirklich der Patient.
Und wir haben einen zweiten Teil im Buch, nämlich eine verhaltenstherapeutischen Ansatz zur Schmerztherapie. Schmerz entsteht im Gehirn und wird dort abgeschwächt und verstärkt sowie chronifiziert. Auch Stress, Trauer oder Depressionen können Schmerzen machen, aber zumindest vorhandenen Schmerz verstärken und unerträglich machen. Deswegen gehört es auch dazu zu lernen, wie ich mit dem Schmerz umgehen muss. Zum Beispiel Verabredungen nicht abzusagen, mich zu belohnen, wenn ich mich bewegt habe usw.. Diesen verhaltenstherapeutischen Ansatz – den schmerzgeplagte Leute eigentlich bekommen sollten, den ihnen aber das System nicht bietet – können sie sich in den Büchern zumindest in einem bestimmten Rahmen selber holen. Und das biete ich auch in der Praxis an. Es gibt in einem Selbstwahrnehmungssystem – was ja Schmerz ist – keinen Golden-Standard. Wenn ein Patient zu mir kommt und mich fragt, was denn das Richtige sei, Wärme oder Kälte, dann frage ich ihn, was ihm denn besser tut. Das ist nämlich dann das Richtige. Für jeden Patienten muss das richtige Konzept gefunden werden. Und ganz wichtig ist – was Werte, Normen und Umgang angeht – dass sie dem Patienten ein Ambiente schaffen, in dem er sich wohlfühlt. Das ist auch für das Gehirn – in dem die Schmerzwahrnehmung stattfindet – ganz entscheidend. Unsere Ausbildung endet leider am ersten Halswirbel. Aber wenn man mit Schmerz zu tun hat, muss man auch über das Gehirn Bescheid wissen.
Die Therapie beginnt mit der Darstellung des ersten Bildes. Es gibt einen Unterschied ob ich zum Patienten sage ‚Mein Gott, ihr Bild sieht ja fürchterlich aus, damit landen sie sicher im Rollstuhl’, oder ich sage zu ihm ‚Das sieht jetzt für einen 60-jährigen eigentlich ganz normal aus.’ Von Letzteren laufen draußen ganz viele rum die keine Schmerzen haben. Das sind Dinge, die werden meinen Kollegen leider nicht beigebracht. Das Problem ist leider nicht dadurch gelöst, dass man lernt wie man eine Schraube reindreht und die Platte reinhämmert. Die Misserfolge sind leider erschreckend.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind Arzt und Unternehmer gleichzeitig. Wie schafft man es da seine Werte unter einen Hut zu bringen?

MARIANOWICZ: Ich glaube wenn man ein guter Arzt ist, kommt das andere ganz automatisch. Wir haben extrem hohe Ansprüche an die Qualität und wir haben sehr hohe Ansprüche an den Umgang mit unseren Patienten. Ich denke, alle die mit uns arbeiten, leben in dieser Philosophie. Wir haben eine ganz klare Einstellung und wenn man diese überzeugend abliefert, dann glaube ich kommt der Erfolg von alleine. Ich hatte das nie so geplant.

MEDIEN-MONITOR: Haben Sie denn bei so viel Einsatz für Ihre Patienten noch Zeit für sich selbst zu sorgen?

MARIANOWICZ: Ich kann die Trennung nicht machen. Mir macht das so viel Spaß, dass ich die Work-Life-Balance nicht brauche. Ich denke, dass ich das was ich tue gut kann. Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, meine Praxis in naher Zukunft zu verkaufen. Es ist ein Segen, dass ich das tun kann, was ich tue. Aber ich reise auch sehr gerne und schaue mir Sachen an, die ich noch nicht kenne. Ich mache auch ganz konsequent meinen Sport. Zudem bilde ich mich gerne, lese viel und finde es toll, wenn man noch Jahreszahlen und geschichtliche Zusammenhänge kennt und dafür nicht Google zur Hilfe ziehen muss. Also ich schaffe mir meine Freizeit, auch wenn es halt nicht allzu viel ist.

MEDIEN-MONITOR: Ihr Appell an die Politik?

MARIANOWICZ: Ich war wahnsinnig überrascht, dass im Wahlkampf und auch jetzt bei den Sondierungen das Wichtigste was wir in unserer Gesellschaft haben – das Gesundheitssystem – nicht mit einem einzigen Wort erwähnt worden ist. Ist es doch genau das, was uns überhaupt erst ermöglichen wird mal in die Rente zu kommen. Und in einer alternden Gesellschaft stellt sich doch die Frage, wie wir uns das leisten können. Wir haben viel Geld im Gesundheitssystem, aber wir verbraten es für viele sinnlose Therapien. Die große Frage ist: Wo setzen wir die Gelder ein, damit wir uns alle ein langes, gesundes Leben leisten können.

MEDIEN-MONITOR: Wenn Sie die Möglichkeit hätten sich für eine Reform des Gesundheitssystems einzusetzen, was würden Sie als Erstes tun?

MARIANOWICZ: Ich würde die Strukturen auflösen. Wir haben ein völlig intransparentes, angeblich autonomes System, in das sich die Politik überhaupt nicht einmischt. Auf die Landkreise bezogen gibt es Unterschiede von bis zum 13-fachen hinsichtlich der Anzahl an Rückenoperationen auf die Bevölkerungsanzahl bezogen. Eine Erklärung dafür kann man nicht finden. Dieses vollkommen verkrustete System, was von einer Unmündigkeit der Betroffenen ausgeht, muss aufgelöst werden. Ich bin der Meinung der Patient sollte darüber aufgeklärt werden was wieviel kostet und nicht einfach nur sein Kärtchen abgeben. Ich würde die direkte Beziehung zwischen Arzt und Patient ohne die dazwischenliegenden Gremien viel mehr stärken.

MEDIEN-MONITOR: Werte. Worte. Taten ‒ was ist für Sie am Ende das Wichtigste davon?

MARIANOWICZ: Ich denke in der Medizin muss erstmal ein neuer Wertestandard gefunden werden auf dem sich dann die Taten aufbauen lassen. Diese sind ja festgelegt. Die Frage ist nur, was tue ich? Und diese Entscheidung basiert auf Werten.

MEDIEN-MONITOR: Herr Dr. Marianowicz, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Dr. med. Martin Marianowicz führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 15. November 2017 in München.