„Die Medien stöhnen auf einem sehr hohem Niveau“

Gespräch mit Dr. Dirk Ippen, Zeitungsverleger und Gründer der Ippen-Stiftung

MEDIEN-MONITOR: Ist durch die Wirtschafts- und Finanzkrise die Pressefreiheit in Deutschland gefährdet?

Dr. Dirk Ippen: Die Pressefreiheit ist verfassungsmäßig gegeben. Der Artikel 5 des Grundgesetzes legt dies fest. Nicht die Medien müssen vor der Politik Angst haben, sondern die Politik vor den Medien. Das ist ein großes Glück und leider keineswegs selbstverständlich. Weltweit gesehen ist die Pressefreiheit leider mehr im Rückschritt als im Voranschreiten begriffen. In Russland und anderen Ländern, in denen es keine richtige Pressefreiheit mehr gibt, leben Journalisten, die sich kritisch äußern, gefährlich. Vor 45 Jahren hat der berühmte Journalist Paul Sethe folgende Worte geprägt: Die Pressefreiheit ist eigentlich nur die Freiheit von 200 reichen Deutschen, die über Druckmaschinen verfügen und jene Ansichten drucken lassen können, die sie selber vertreten. Das war ein schönes Bonmot. Es hat aber damals schon nicht gestimmt und stimmt heute natürlich erst recht nicht…

MEDIEN-MONITOR:…warum nicht?

Dr. Dirk Ippen: Weil wir eine Vielzahl von Medien haben. Gerade die Öffnung durch die elektronischen Medien ist ein ganz großes Glück. Man kann in diesem Zusammenhang von einem unendlichen Demokratisierungsprozess sprechen. So wie wir heute in diesem Raum miteinander reden, so kann auch im Netz jeder mit jedem kommunizieren. Jede Meinung, jede Nachricht kann öffentlich diskutiert werden. Der Grund dafür, dass in den Zeitungen oftmals etwas Ähnliches steht, liegt nicht an einem einheitlichen Kommando, sondern an der Nachrichtenlage. In Deutschland gibt es etwa 200 Tageszeitungen mit ungefähr 1500 Redaktionen und Lokalredaktionen. Allein meine Gruppe hat Lokalredaktionen von der Insel Fehmarn bis nach Garmisch-Patenkirchen. Jede dieser Redaktionen fragt sich in der täglichen Konferenz: Wie ist die Nachrichtenlage? Wenn Frau Merkel nun im Bundestag eine Grundsatzerklärung zur Rettung des Euro abgibt, dann ist es selbstverständlich gegeben, dass die Zeitungen von Fehmarn bis Garmisch-Patenkirchen das Ereignis am nächsten Tag im Blatt haben – soweit sie einen allgemeinen politischen Teil haben. Für Meinungsbeiträge gilt: Es gibt Ansichten, die im Augenblick populär sind. Diejenigen Damen und Herren, die in den Redaktionen von Zeitungen und Fernsehen Verantwortung tragen, sind natürlich Teil der Gesamtbevölkerung und dazu geneigt, der Mainstream-Meinung breiten Raum zu geben. Im Augenblick gibt es zum Beispiel die Mainstream-Meinung, dass das CO2 gefährlich und die Umwelt dadurch gefährdet ist. Deswegen lesen und hören Sie dies meistens in den Medien. Trotzdem hören und lesen wir auch das Gegenteil, weil es neben dem Mainstream auch immer etwas anderes gibt.

MEDIEN-MONITOR: Medienunternehmen sind Wirtschaftsunternehmen und leiden ebenfalls unter der Wirtschafts- und Finanzkrise. Ist der Qualitätsjournalismus in Deutschland überhaupt noch gewährleistet?

Dr. Dirk Ippen: Ja, 100-prozentig. Die Medien stöhnen doch auf sehr hohem Niveau. Es ist kein Jahr her, da stand die Süddeutsche Zeitung zum Verkauf. Das Unternehmen wurde damals mit einer Milliarde Euro bewertet. Das mag zu viel gewesen sein, aber es ist ein Zeichen dafür, dass es noch sehr viele Fachleute gibt, welche die Zukunft von Medienhäusern sehr positiv einschätzen. Außerdem ist es wirklich so, dass es den allermeisten Zeitungen in Deutschland wirtschaftlich nach wie vor relativ gut geht. Die Branche ist seit Kriegsende sehr verwöhnt gewesen. Nach der Befreiung durch die Amerikaner und Engländer waren die Menschen hungrig auf Nachrichten und Zeitungen. Die Auflagen schossen in die Höhe. Hinzu kam das Werbevolumen. Durch den zunehmenden Wettbewerb und das Internet sind natürlich Veränderungen eingetreten. Ein Teil des Anzeigengeschäftes ist ins Internet abgewandert. Damit meine ich nicht die Einzelhandelsanzeigen, sondern insbesondere das, was wir Rubrikmärkte nennen. Wenn Sie früher eine Immobilie in München zu kaufen oder mieten suchten, dann warfen Sie einen Blick in die Zeitungen. Heute schaut man auch in Internet-Portale wie www.immowelt.de

MEDIEN-MONITOR: Ähnlich verhält es sich mit Stellenanzeigen.

Dr. Dirk Ippen: Das ist das gleiche Problem. Auch der KfZ-Markt ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Bestimmte Bereiche sind ins Netz abgewandert, weil das Internet das überlegene Medium ist, wenn es darum geht, gezielt etwas zu suchen und zu finden. Diese Tatsache reißt in die Kassen mancher Zeitungshäuser riesige Umsatzlöcher. Schließlich waren die Stellen- und Immobilienanzeigen teuer. Das ist vielleicht eines der Probleme, mit denen eine Frankfurter Allgemeine, eine Süddeutsche Zeitung und die meisten Großstadtzeitungen zu kämpfen haben. Mit diesen Problemen kann man aber fertig werden. Schließlich handelt es sich um Anpassungsprozesse. Das Interesse an den Inhalten der Zeitung ist nach wie vor völlig unverändert. Die deutschen Tageszeitungen erreichen immer noch 75 Prozent der Haushalte. Das Interesse an gutem Journalismus ist da und bleibt bestehen, solange es intelligente Menschen gibt. Und auch von den Rubrikanzeigen bleibt ein guter Teil in den Zeitungen.

MEDIEN-MONITOR: Wird der Bürgerjournalismus im Internet funktionieren? Die Bürger sind ja überall unterwegs mit ihren Handys. Wenn nun eine Passagiermaschine im Hafen von New York notlanden muss, dann ist zufällig ein Bürger auf einer Fähre unterwegs und fotografiert dieses Bild. Der Journalist war in diesem Moment nicht dabei. Das Bild gelangte aber blitzschnell in allen Redaktionen der Welt. So funktioniert Bürgerjournalismus. Beim Qualitätsjournalismus geht es mehr um das Hinterfragen. Der Qualitätsjournalist fragt, wie es zu dieser Notlandung gekommen ist. Das ist seine Aufgabe. Ist diese Qualität nach wie vor gewünscht?

Dr. Dirk Ippen: Ja, selbstverständlich. Sie haben gerade das berühmte Beispiel von der Notlandung auf dem Hudson River geschildert. Ein Twitterer, der zufällig auf der Fähre war, hat das Ereignis in die Weltmedien gebracht. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Nachricht heute in einem Ausmaß zugänglich ist, welches früher unvorstellbar war. Nachrichten sind heute zu einer ‘commodity’ geworden – einer Ware, die überall schnell erhältlich ist. Außerdem besteht die Erwartungshaltung, dass man für sie nichts bezahlen muss. Diese Entwicklung legt natürlich eine Axt an bestimmte, traditionelle Bereiche des Zeitungswesens. Denn Zeitungen sind ursprünglich aufgrund des Nachrichtenbedürfnisses entstanden. Doch das Nachrichtenwesen kann heute nicht mehr Kernaufgabe einer Zeitung sein. Heute geht es vielmehr darum, die Hintergründe aufzuarbeiten, in die Zukunft zu schauen, alle Aspekte eines Themas auszuleuchten und Menschen nach ihrer Meinung zu fragen. Diese Aufgaben erfüllen die deutschen Zeitungen meiner Ansicht nach gut.

MEDIEN-MONITOR: Wie wird die Zeitung der Zukunft aussehen?

Dr. Dirk Ippen: Sie wird eine gedruckte Zeitung bleiben, aber auch eine digitale Version anbieten. Im Druck ist sie ist ja schon jetzt sehr weit entwickelt mit voller Vierfarbigkeit. Außerdem hat jede Zeitung heute schon ihren eigenen Internet-Auftritt. Damit kann man ein zentrales Hindernis überwinden: Dieses bestand darin, dass eine Zeitung streng genommen ja nur alle 24 Stunden aktuell ist, nämlich zum Zeitpunkt der Drucklegung. Wenn Sie heute auf die Internetseiten der deutschen Zeitungen gehen, dann werden Sie laufend aktuell informiert. Sie können Filme sehen, auch bei Lokalzeitungen. Wenn Sie die Seiten des Münchner Merkurs Murnau oder der tz besuchen, sehen Sie Filme über das Geschehen des Tages. Nach einem Verkehrsunfall sehen Sie, wie das Unfall-Auto abgeschleppt wird. Unsere Redakteure fahren zudem mit der Kamera die Strecke ab, auf der sich der Unfall ereignet hat. Sie können sich also multimedial viel besser informieren als wertvolle Ergänzung zur gedruckten Zeitung.

MEDIEN-MONITOR: Was kann die Zeitung denn besser als das Internet?

Dr. Dirk Ippen: Sie ist der übersichtlichste „Browser“ im größten Format. Es gibt keine Internetplattform im Zeitungsformat. Ich kann die Zeitung anfassen, bei einer Tasse Kaffee sitzen und sie lesen. Das sind Dinge, die werden sicherlich immer bleiben. Es gibt ja auch noch Kinos. Streng genommen braucht man keine Kinos mehr. Schließlich kann ich mir zuhause jede DVD ansehen. Wenn ich aber das spezifische Kino-Erlebnis haben will – Popcorn kaufen, in der Pause Langnese-Eis bestellen und mit Freunden in einem Kino-Raum sitzen – muss ich ins Kino gehen. Genauso ist das spezifische, haptische Zeitungserlebnis nur mit der Zeitung möglich. Wenn wir allerdings immer bessere elektronische Geräte wie das I-Phone oder das I-Pad bekommen, dann wird es natürlich auch immer Menschen geben, die sagen, dass sie kein Papier brauchen, weil sie ein schönes, elegantes, kleines Gerät besitzen mit dem sie sich ihre Zeitung so zusammenstellen können wie sie wollen. Das wäre für die Zeitungspresse kein tödliches Problem, wenn es gelingt, für diese multimedialen Inhalte auch Geld zu verlangen. In einigen Fällen klappt das bereits.

MEDIEN-MONITOR: Wie viele Zeitungen lesen Sie pro Tag und wie viel Zeit verbringen Sie im Internet?

Dr. Dirk Ippen: Ich lese keine einzige Zeitung vollständig. Ich blättere Zeitungen durch und bleibe bei jenen Dingen hängen, die mich interessieren. Natürlich verfolge ich die beiden eigenen Zeitungen Münchner Merkur und tz. Meine Frau weist mich auch manchmal darauf hin, wenn Wettbewerber Themen besser aufbereitet hat als wir. Dann sage ich, dass sie mich nicht schon am Morgen ärgern soll und stelle die Stärken von Merkur und tz heraus. Der Austausch findet also statt. Ich lese natürlich auch die FAZ. Ich glaube, für Unternehmer ist das eine gute Zeitung. Aber intelligente Menschen lesen nicht zu viel Zeitung. Wenn Sie überlegen, dass eine einzige Wochenendausgabe einer normalen Tageszeitung genauso viele Buchstaben hat wie der Roman Buddenbrooks, dann frage ich Sie: Wovon haben Sie mehr? Davon, diese Wochenendausgabe vom ersten bis zum letzten Buchstaben zu lesen oder von der Lektüre des Romans Buddenbrooks?

MEDIEN-MONITOR: Unser übergeordnetes Thema ist die schöne, neue Arbeitswelt: Wie wird sich die Arbeitswelt bei Ihnen in der Medienbranche verändern?

Dr. Dirk Ippen: In der Medien-Branche gibt es ein Weniger-Werden und ein Wachsen. Es kommt zu Verschiebungen. Durch die Internet-Revolution sind wahnsinnig viele Arbeitsplätze entstanden – auch Medien-Arbeitsplätze. Menschen gestalten zum Beispiel Internet-Seiten – so entstand der Beruf des Internet-Designers. Zudem gibt es nun Menschen, die Inhalte kontrollieren oder bloggen. Wir dürfen nicht nur dahin schauen, wo es zu Einschränkungen kommt. Die Süddeutsche Zeitung klagt darüber, ihr Korrespondenten-Büro in Berlin von 20 auf 15 Leute reduzieren zu müssen. Das ist für mich aber ein völlig normaler und sinnvoller Prozess. Wirtschaft bedeutet Wandel. Alles fließt. In der Medien-Wirtschaft wird es in Zukunft noch mehr Menschen geben, die dort Geld verdienen können. Daneben werden die von ihnen angesprochenen nicht professionellen Journalisten an Bedeutung gewinnen.

MEDIEN-MONITOR: Sie haben gerade die FAZ angesprochen: Ihr Kollege Frank Schirrmacher hat ein Buch namens „Payback“ geschrieben, das im November 2009 heraus gekommen ist. Der Untertitel lautet: „Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.“ Provokativ gefragt: Verfügen wir noch über einen freien Willen? Oder diktiert uns das Internet tatsächlich Dinge, die wir nicht tun wollen? Sind wir so etwas wie moderne Sklaven in der Mediengesellschaft?

Dr. Dirk Ippen: Herr Schirrmacher ganz sicher nicht. Das ist ein sehr kluger Mensch. Aber er ist vielleicht ein Internetpessimist. Die Annahme, wir hätten keinen freien Willen mehr, ist nicht berechtigt. Im Gegenteil: Es gibt heute viel bessere Möglichkeiten zu recherchieren, sich zu informieren. Auch als Schreibender, auch als Publizierender.

MEDIEN-MONITOR: Das Internet überschwemmt uns täglich mit einem Informations-Tsunami. Wir wissen gar nicht mehr, ob wir Herr der Informationsaufnahme sind. Wie filtern Sie die wichtigen Informationen heraus?

Dr. Dirk Ippen: Die Informationsflut ist gegeben, das ist unübersehbar. Aber ich frage Sie: Wie viele Internet-Adressen kennen Sie denn auswendig? Also ich kenne spiegel.de, bild.de, economist.com, vielleicht noch welt.de. Ich habe auf meinem Schreibtisch natürlich auch einen PC stehen, bin aber ganz froh, wenn ich mal nicht auf den Bildschirm blicken muss. Bevor ich aber abends nach Hause gehe, schaue ich kurz auf spiegel-online und gucke mir an, was an dem Tag passiert ist. Aber ich besuche nicht zehn oder 50 verschiedene Plattformen.

MEDIEN-MONITOR: Der Mittelstand in Deutschland – nicht die großen Dax-Unternehmen – geht noch ein wenig zaghaft mit den Themen Digitalisierung, E-Commerce und Vernetzung um. Denken Sie, dies wird sich ändern?

Dr. Dirk Ippen: Die Stärke der deutschen Wirtschaft ist unsere wunderbare Export-Maschine. Darum beneidet uns die ganze Welt. Diese Maschine wird ja primär nicht von den Dax-Unternehmen getragen. Die eigentliche Stärke der deutschen Wirtschaft sind die vielen großen, zum Teil sehr großen Mittelständler. Davon sitzen viele in Baden-Württemberg, aber nicht nur dort. Da gibt es ganz unauffällige Leute, die haben 2000 Mitarbeiter und verkaufen in die ganze Welt. Hierzu zitiere ich einen bekannten Spruch: Was ist ein schwäbischer Unternehmer? Das ist ein Mann, der ihnen den ganzen Abend erzählt, dass er kein Geld hat und beleidigt ist, wenn Sie es glauben. Die Mittelständler sind also die Stärke der deutschen Wirtschaft. Die sind hellwach und werden auch die Internet Möglichkeiten wie e-commerce usw. nicht verschlafen.

MEDIEN-MONITOR: Der US-amerikanische Star-Regisseur und Oscar-Preisträger Mike Nichols soll gesagt haben, ich zitiere: „Eine Handvoll Menschen kontrolliert die Medien der Welt. Derzeit sind es etwa noch sechs solcher Menschen, bald werden es nur noch vier sein. Und sie werden dann alles erfassen. Alle Zeitungen, alle Magazine, alle Filme, alles Fernsehen. Es gab einmal eine Zeit, da gab es verschiedene Meinungen, Haltungen in den Medien. Heute gibt es nur noch eine Meinung, die zu formen vier, fünf Tage dauert. Damit ist sie jedermanns Meinung.“ Teilen Sie diese Ansicht?

Dr. Dirk Ippen: Nein, das ist Quatsch. Dazu fällt mir nur ein erfundenes und nicht ganz ernst gemeintes Beispiel ein. Unterstellen wir mal, morgen würde die Welt untergehen wir würden dies heute erfahren und heute erschienen zum letzten Mal die Münchner Zeitungen. Dann würde jede Zeitung etwas anderes schreiben. Die Süddeutsche Zeitung würde titeln: „Weltuntergang: Ungeheure politische Fragen stellen sich.“ Der Münchner Merkur würde schreiben: „Weltuntergang: Auch Wolfratshausen betroffen. Kommt Stoiber wieder?“ Die tz würde schreiben: „Weltuntergang: Lesen Sie heute noch die Ergebnisse der letzten Fußballspiele des FC Bayern.“ Und die Abendzeitung würde schreiben: „Weltuntergang: Die Schickeria feiert weiter. Von Kitzbühel bis St. Moritz.“

MEDIEN-MONITOR: Herr Dr. Ippen, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 20. Mai 2010 in München.
(www.merkur-online.de)