„Die Bank von heute wird es in fünf Jahren nicht mehr geben“ ‒ Gespräch mit Ralf Flierl, Chefredakteur Smart Investor

Ralf Flierl ist Gründer und Geschäftsführer der Münchner Smart Investor Media GmbH sowie Chefredakteur des Smart Investor – Das Magazin für den kritischen Anleger. Die Publikation setzt sich in erster Linie mit den Börsen, andererseits aber auch mit dem grundlegenden Gerüst unseres Finanzsystems, mit dem Geld, auseinander. Die Leitideen dazu entstammen der Österreichischen Schule der Ökonomik. Er ist zudem verantwortlich für den frei zugänglichen wöchentlich erscheinenden Newsletter Smart Investor Weekly. Flierl prognostiziert für dieses Jahr eine Baisse und kritisiert die zügellose Gelddruckpolitik von Mario Draghi. Über die Hintergründe der europäischen Bankenlandschaft und Ihre Auswirkungen auf Deutschland berichtet er beim Hilton Talk.

MEDIEN-MONITOR: Die Europäische Zentralbank behält ihren Kurs bei: Sie belässt den Leitzins unverändert bei null Prozent und kauft unvermindert Anleihen in Milliardenhöhe. Viele kritisieren diese Nullzinspolitik angesichts der ansteigenden Inflation. Wie ist Ihre Bewertung? Wo sehen Sie die Hauptrisiken?

FLIERL: Es gibt verschiedene Risiken. Eines davon ist zum Beispiel, das total falsche Anreize geschaffen werden. Nehmen wir den Münchner Immobilienmarkt: Wenn Geld zu billig da ist, dann fühlen sich Leute bemüßigt jetzt auch noch eine Immobilie zu kaufen. Ich habe gerade einen Fall in meinem Bekanntenkreis wo jemand ein Erbe bekommen hat und jetzt unbedingt eine größere Wohnung kaufen will, mit einer minimalen Rendite. Das sind Geschichten, die dann dabei rauskommen. Ob sich derjenige das eigentlich leisten kann, von seinem Einkommen her, ist eine ganz andere Frage. Es geht darum, wenn ich immer hinter der Kurve bin als EZB, dann verursache ich Blasen. Ich beschreibe mal den Zyklus, um das aufzumachen: 1990 gab es in Japan eine Blase, die ist geplatzt. Daraufhin hat die japanische Zentralbank viel Geld reingepumpt in den Markt, um die Negativwirkung abzufangen. Dieses Geld ist nach Amerika abgeflossen und hat dort die nächste Blase, nämlich die High-Tech Blase verursacht. Die ist im Jahr 2000 geplatzt. Daraufhin ist die EZB auf die Idee gekommen, die Negativwirkung abzufangen und hat deswegen nochmal Geld rein gepumpt und die Zinsen gesenkt. Dadurch hat man 2008 die Immobilienblase in Amerika befeuert. Als die geplatzt ist, kamen die EZB und Federal Reserve auf die Idee, die Zinsen schon wieder zu senken und noch mehr Geld in die Märkte zu pumpen. Damit haben sie die gigantischste Blase aller Zeiten kreiert, die aktuelle Anleihenblase. Und da sind wir jetzt mitten drin.

MEDIEN-MONITOR: Wie steht´s um die europäischen Banken? Deutsche Bank und UniCredit haben gerade erfolgreich Milliardenschwere Kapitalerhöhungen vollzogen. Das Vertrauen in die Banken scheint ungebrochen…

FLIERL: Wenn man ganz plump die Schlagzeilen liest, vielleicht schon. Aber wenn man dazwischen schaut, dann schon nicht mehr. Schauen Sie sich mal an, zu welchen Preisen die Kapitalerhöhung bei Deutsche Bank, UniCredit usw. zustande kommen. Mit 33 Prozent Abschlag auf den damaligen Kurs. Das heißt im Umkehrschluss, für alle Altaktionäre bedeutet das: die haben eine Verwässerung um 1/3 hinnehmen müssen. Hatte ich also vorher 3 Prozent Anteil an der Deutschen Bank, hatte ich nach der Kapitalerhöhung nur noch 2 Prozent. Das sind absolut miserable Kurse und das kann man nur nachvollziehen, wenn ein schlechtes Standing gegeben ist. Genau das war bei der Deutschen Bank der Fall. Ich kenne Berichte von Managern und Angestellten der Deutschen Bank, die sagen, dass dort die Stimmung eine absolute Katastrophe ist. Jeder würde weggehen, wenn er nur könnte. Ich kenne Kunden der Deutschen Bank, die sagen: „Ihr könnt mich mal, ich gehe zu einer kleinen Bank“. Also weg von diesen Riesen, die den kleinen Kunden gar nicht mehr beachten. Ein weiterer Punkt ist das Derivatebuch der Deutschen Bank. Diese hat offene Positionen auf der Aktiv- und der Passivseite von 400 Milliarden Euro. Das Eigenkapital beträgt jedoch nur 65 Milliarden Euro. Das heißt, die haben etwa den sechsfachen Betrag an offenen Positionen im Derivatebereich. Was, wenn da mal was schief geht? Dann ist sehr schnell das Eigenkapital, welches sie gerade mühsam eingesammelt haben, wieder dahin. Und dazu noch ein Punkt: Die zwei Aktionäre, die gerade eingestiegen sind bei der Deutschen Bank – denen einen schlechten Ruf anzuheften, wäre da noch nett ausgedrückt. Da ist zum Beispiel eine chinesische Firma, die heißt HNE, eine frühere Provinzfluglinie, die jetzt wahrscheinlich das Geld aufgesammelt hat von chinesischen, alten Parteikadern und das jetzt nach Deutschland in die ehrwürdige Deutsche Bank reinpumpt. Also ich sehe da kein Vertrauen mehr in die Deutsche Bank.

MEDIEN-MONITOR: Man hat den Eindruck, dass es im Wahljahr den Deutschen so gut geht wie schon lange nicht mehr. Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 5,8 Prozent und das Beschäftigungswachstum hält an. Wo haben wir Probleme?

FLIERL: Deutschland ist bankrott. Die EU ist bankrott und das, was Merkel und alle in Brüssel betreiben, ist Insolvenzverschleppung. Das ist eigentlich ein Schwerverbrechen. Wir sind pleite. Die implizite Verschuldung übersteigt unser Bruttosozialprodukt um das Dreifache. Das Bruttosozialprodukt ist aber nicht das, woraus wir die Schulden abbezahlen, sondern eigentlich nur der Überschuss. Wir schaffen es ja nur, neue Schulden zu machen, aber nie welche zurückzuzahlen. Das ist das Grundübel unseres Geld- und Finanzsystems, was ich für diese ganzen Miseren auch für ursächlich halte.

MEDIEN-MONITOR: Banken geben Negativzinsen an Ihre Kunden weiter. Soll man als Sparer sein Geld wieder lieber zuhause haben als auf dem Bankkonto dafür zahlen zu müssen?

FLIERL: Die logische Konsequenz ist natürlich, dass ich das Geld mit nach Hause nehme. Und es gibt Leute, die all ihr Geld vom Sparbuch abheben und zum Beispiel 100.000 Euro nach Hause tragen, um es in den Safe zu legen. Oder sie tun es bei der Bank in den Safe. Die holen es quasi ab und geben es dann wieder in den Safe rein. Diese Entwicklung forciert man durch die Negativzinsen. Oder aber auch das Umschichten in Sachanlagen. Doch beim Bargeld kommt eine Neuentwicklung hinzu, die wir bei Smart Investor sehen, nämlich dass man diese Fluchttür zumachen will und die EU mit einer Art Bargeldverbot oder zumindest Bargeldeinschränkungen daherkommen will. Es gibt erste Anzeichen dafür, zum Beispiel die Abschaffung des 500 Euro Scheins. Jetzt wurden ja alle Scheine von unten her erneuert, wir sind jetzt gerade beim 50 Euro Schein, vielleicht kommt auch noch der 100 Euro Schein, aber den 200 Euro Schein können sie vergessen. Der wird nicht mehr erneuert, sondern der wird auch abgeschafft. Das heißt, man versucht nach und nach das Schlupfloch dicht zu machen, um die Flucht ins Bargeld zu verhindern. Es gibt Banken, die sollen in ihren Kellern Milliarden von Euros Bargeld horten, nur um diese Strafzinsen nicht zu zahlen, die sie eigentlich an die EZB zahlen müssten.

MEDIEN-MONITOR: Wie sieht die Zukunft der Banken aus? Funktioniert das Geschäftsmodell noch?

FLIERL: Aus meiner Sicht nicht mehr. Wenn Sie sich mal große Unternehmen anschauen, die eine gute Bonität haben, die haben es überhaupt nicht nötig zur Bank zu gehen und sich Geld zu leihen. Die gehen an den Kapitalmarkt und bekommen Kredit für 1% Zins. Kleine Unternehmen dagegen, die vielleicht nicht ganz so gut dastehen, die kriegen erst gar keinen Kredit, weil die Banken es sich aufgrund der Grundsätze, die sie zu beachten haben, gar nicht mehr erlauben können hochriskante Kredite zu vergeben. Das heißt: An wen sollen die eigentlich noch Geld verleihen? Sie merken ja bereits, dass sie viele Filialen zumachen, dass Online-Banken auftauchen, die viel billiger und effizienter anbieten können. Und noch dazu haben die klassischen Banken einen großen Berg Altlasten, also faule Kredite, die sie die ganze Zeit mit sich rumschleppen. Ich würde sagen, die Bank von heute, so wie wir sie jetzt noch kennen, wird es in fünf Jahren nicht mehr geben.

MEDIEN-MONITOR: Brauchen wir ein neues Geld- und Finanzsystem?

FLIERL: Theoretisch ja. Dieses Geldsystem hat abgewirtschaftet, es ist völlig außer Rand und Band geraten. Das hat damit zu tun, dass in unserem Geldsystem die Geldvermögensmenge unabhängig von der Realwirtschaft die ganze Zeit über die Maßen steigen kann. Das heißt, die beiden Kurven laufen auseinander. Daraus resultiert die Inflation und daraus resultieren alle Probleme, die wir die ganze Zeit über bejammern, vor allem die Schere zwischen Arm- und Reich. Das kommt genau aus diesem Inflationsaspekt. Ein Beispiel: Vor 20 Jahre hat jeder von uns weniger verdient als heute. Also heute verdient jeder mehr als damals, rein nominal. In Kaufkraft gemessen gilt das aber schon gar nicht mehr. Ich würde sagen 2/3 der unteren Ränge der Gesellschaft verdienen heute kaufkraftmäßig weniger. Das heißt, wenn früher ein Rentner noch bis zum 31. eines Monats ganz gut durchkommen konnte, hat er heute schon am 25. eines Monats ein Problem. Wo soll das hinführen? In fünf Jahren wird es vielleicht so sein, dass er nur noch bis zum 20. eines Monats ganz locker durchkommt und dann wird es schon brenzlig. Ein anderer wichtiger Punkt, der an diesem Geldsystem dranhängt ist die „Verbürokratisierung“, dass also der Staat immer mehr wuchert. Vor 100 Jahren lag die Staatquote zwischen fünf und zehn Prozent. Heute sind wir bei 50 Prozent. Jeder zweite Euro wandert irgendwie über den Staat. Das geht aber immer weiter und hier muss man bedenken, bei 100 Prozent ist Schluss. 100 Prozent ist Vollkommunismus. Das heißt wir sind auf dem besten Weg hin zum Kommunismus. In den Bereichen, wo sich der freie Markt noch tummeln kann, also zum Beispiel Facebook usw., da kommt dann der „Raubtierkapitalismus“ auf. Da wird dann noch richtig gefochten. Aber der Rest ist im Prinzip lahmgelegt.

MEDIEN-MONITOR: Sie sind ein Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomik. Wie sähe eine Welt aus, in welcher die Österreicher Ludwig von Mises oder Friedrich August von Hayek am Ruder wären?

FLIERL: Wir haben mal eine ganze Ausgabe des Smart Investors darüber gemacht und ich bin dabei ein 200 Seiten Buch drüber zu schreiben. Ein wichtiger Punkt ist: der Staat wird in einer solchen Welt entmachtet. Fünf Prozent Staatsquote wäre ungefähr das, was ich mir vorstelle. Je mehr direkte Demokratie man hat, desto besser ist ein Staat aus meiner Sicht. Welcher Staat fällt uns da ein in Europa? Das ist die Schweiz zum Beispiel. Kennen Sie den Staatschef von der Schweiz? Die meisten hier kennen ihn sicher nicht. Warum? Weil in der Schweiz die Politik gar nicht die Bedeutung hat, weil sie zurecht beschnitten wird. Weil vor Ort vieles entschieden wird. Wobei es auch schon mal viel besser war in der Schweiz. Sie lässt sich sozusagen von der EU schleifen. Wichtig wäre dass die Zentralbanken – die wir heute für selbstverständlich ansehen – komplett platt gemacht werden. Man braucht ein Free-banking System. Das Geld muss frei bleiben und es darf keine Institution geben, die sich im Zweifel ihr Geld auch selbst drucken kann – was bei uns ja passiert. Und dann gewährleistet man, dass die Geld- und die Realwirtschaft nicht mehr auseinander laufen können. Dann habe ich das Problem der Inflation nicht und alles andere ergibt sich dann von selbst. Es wird zwar nach wie vor Arme und Reiche geben, nur die Reichen werden nicht noch ständig reicher. Worauf ich hinaus will: Eine „österreichische Welt“ wäre kein Paradies, aber es wäre eine nachhaltig gerechtere Welt. Gerecht heißt dabei nicht, dass es jedem gleich gut geht. Derjenige der mehr arbeitet, hätte eben auch mehr Geld zur Verfügung.

MEDIEN-MONITOR: Was ist Ihr Rat an die Anleger? Auf was sollen sie setzen?

FLIERL: Wir sind in einem verfahrenen System und wir werden auch in dieses gute Geld- und Wirtschaftssystem nicht einfach so reinschlittern. Das geht nicht, denn dazu gibt es viel zu viele Menschen, die an ihren Posten klammern: Politiker, die einen Teufel tun werden und sich entmachten lassen werden. Also läuft es so weiter. Das heißt der Crash ist unabwendbar. Aber als Schutzmechanismus: Raus aus den Geldwerten, rein in die Sachwerte! Geldwert ist eine Anleihe, ist Geld auf dem Konto oder in der Tasche, Pensionszusagen usw. Rein in die Sachwerte bedeutet: Aktien, Immobilien, Edelmetalle. Immobilien sind schon ein bisschen teuer, aber man könnte ja auch in Hof in Nordbayern was kaufen, da kriegt man das gleiche für 1/5 des Preises in München. Also alles, was mit der Inflation mitsteigt – und Geldwerte steigen eben nicht mit, die bleiben festgezurrt und verlieren dann an Kaufkraft.

MEDIEN-MONITOR: Sie sagen 2017 wird das Jahr der Abrechnung. Wann ist es denn so weit und was wird passieren?

FLIERL: Das ist nicht auf Deutschland allein bezogen und zweitens sage ich nicht, dass die Abrechnung nur in 2017 stattfindet, sondern sie beginnt jetzt und sie beginnt weltweit. Das Geldsystem, das wir haben, läuft seit mehr als einhundert Jahren. Das heißt, da wurde sehr viel Schaden angerichtet und die Schere zwischen Geld- und Realwirtschaft ist brutal weit auseinandergegangen. Jetzt versucht sich die Schere zu schließen und die Politik hält dagegen. In diesem Moment kommt plötzlich ein Brexit daher, was die meisten nicht auf der Agenda hatten und es kommt ein Trump daher, den auch keiner auf dem Plan hatte. Ich glaube Trump wird sozusagen die Abrissbirne für die Welt werden. Der Mann wird vieles durcheinander bringen und er hat mir mit seinem Angriff auf den Flughafen in Syrien gezeigt, dass er es nicht gut mit der Welt meint. Sonst hätte er das nicht getan. Er hat im Wahlkampf gesagt „America first“ – wir mischen uns quasi nicht mehr draußen ein. Und was tut er? Genau das. Und zwar dort, wo die Russen bereits sind, wo sie das Land schon mehr oder weniger befriedet haben. Wenn Putin da nicht so überlegt und schachspielerisch unterwegs wäre, dann hätte es da auch mal scheppern können zwischen zwei großen Atommächten USA und Russland.

MEDIEN-MONITOR: Herr Flierl, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Ralf Flierl führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 24. Mai 2017 in München.