„China ist die größte Blase der Weltwirtschaftsgeschichte“ ‒ Gespräch mit Dirk Müller, Buchautor, Initiator eines eigenen Aktienfonds, Kolumnist

Dirk Müller ist Finanzexperte, mehrfacher Spiegel-Bestseller Autor, Politikberater und Vortragsredner. Er ist Gründer des Finanzinformationsdienstleisters Finanzethos GmbH mit dem Informationsportal „Cashkurs.com“. Er gilt als „Dolmetscher zwischen den Finanzmärkten und den Menschen außerhalb der Börse“. Sein Weg an der Börse begann 1992, wo er als amtlich vereidigter Kursmakler tätig war. Heute zählt er zu den bekanntesten Börsenexperten Deutschlands, woher auch sein von den Medien vergebener Spitzname „Mr. DAX“ rührt. Als Senator der Wirtschaft Deutschland und Chairman „FairFinance“ des Diplomatic Councils berät er in nationalen und internationalen politischen Angelegenheiten. Beim Hilton Talk spricht Dirk Müller über die Auswirkungen der französischen Parlamentswahlen auf das europäische Wirtschafts- und Finanzsystem und darüber, warum er ein globales Kriegsszenario in diesem Jahr für möglich hält.

MEDIEN-MONITOR: Wie stellt sich für Sie die gesamtpolitische Situation dar? Was sind für Sie die aktuellen Themen und Problemherde?

MÜLLER: Für Deutschland haben wir eine außergewöhnlich positive Situation momentan. Wir wissen nicht, wann es uns je so gut gegangen ist. Das ist sicherlich auch ein Problem der SPD momentan, denn mit Gerechtigkeitsthemen zu trumpfen, wenn alle einen Job haben momentan ist schwierig. Uns geht es gut, die Wirtschaft läuft klasse. Da spielen sehr viele Faktoren mit rein: Wir sparen Milliarde um Milliarde bei den Zinszahlungen des Staates. Die Schwäche unserer Nachbarn führt zu unserer Stärke. Der Euro ist viel zu schwach für unsere Wirtschaftsleistung. Die Zinsen müssten längst höher sein für uns, aber da wir ja nur eine Währung für ganz Europa haben geht das nicht. Was für die einen notwendig ist, ist für uns zu viel des Guten und deswegen haben wir diesbezüglich einen Rückenwind, sodass wir gar nicht wissen wohin mit unserem Glück. Auch die Arbeitslosenzahlen gehen ständig nach unten. Da wird zwar viel getrickst, aber für die Möglichkeiten die wir haben geht es uns richtig gut. Gerade sieht es auch nicht danach aus, als würde das kurzfristig kippen. Für die deutsche Konjunktur ist im Moment alles auf einem guten Weg – wenn es von außen her nicht so wahnsinnig viele Störfeuer gäbe. Ich bin sehr gespannt auf die Bundestagswahl. Julian Assange – der ja jahrelang in der Botschaft in London festsaß – hat sich geäußert, dass er in den nächsten Monaten belastendes Material zu Merkel veröffentlichen wird. Er möchte ganz aktiv in den Bundestagswahlkampf einsteigen. Ich glaube das wird sehr spannend.

In den letzten Jahrzehnten war das nicht anders. Wenn man mal zurückdenkt an die Zeit von Nixon zum Beispiel, wurde mit solchen Methoden schon immer gearbeitet. Es wird einfach nur perfider. Ich glaube, dass wir in Europa ein riesen Problem haben durch die Spaltung der Südstaaten und Deutschland mit den anderen starken Staaten. Ich sehe, dass wir mit der Zuwanderung unglaubliche Probleme haben, dass Europa auseinanderdriftet. Ich sehe eine Spaltung Europas. Etwas, das ich seit vielen Jahren befürchte. Europa ist für mich das wichtigste Friedensprojekt der letzten 100 Jahre. Ich bin bekennender Europäer aber ich glaube, wenn man mit den Leuten draußen spricht, egal wo man unterwegs ist, wollen die Menschen Europa. Sie wollen gemeinsam mit ihren Nachbarn dieses europäische Haus bestellen und mit ihnen friedlich und freundschaftlich zusammenarbeiten. Meine Sorge war immer das die amtierende Europapolitik genau das auseinandertreibt. Es geht nicht um falsche Agrarsubventionen oder Bananen-Regulierungen, sondern es geht um kerneuropapolitische Themen. Dazu zählen auch währungspolitische Themen die Europa in diese katastrophale Situation gebracht hat. Es geht um die falsche Politik der letzten Jahre und nicht um eine Europa-Müdigkeit der Bürger. Es war immer meine Sorge, dass die Politik dieses Europa auseinandertreibt und genau das beobachten wir momentan und ich befürchte, dass wir es auch nicht verhindern können. Ich glaube mit Trump ist sehr viel Unsicherheit in die Welt gekommen. Ich bin aber auch der Meinung, dass Trump kein Unfall war. Es war Roosevelt der mal sagte: „Wenn etwas von großer politischer Dimension geschieht, gehen sie davon aus, dass es genau so gewollt und geplant war“. Trump war gewollt. Wenn sie sich die Aktienkurse von Goldman Sax und JP Morgan anschauen, wie steil die durch die Decke gegangen sind unmittelbar nach dem Wahlsieg von Trump, da kann man nicht gerade sagen, dass die Wallstreet Angst vor Donald Trump hatte. Ganz im Gegenteil. Man freut sich über diesen Präsidenten, man kann mit ihm Dinge durchsetzen die mit anderen Präsidenten nicht ansatzweise möglich gewesen wären und das muss einem glaube ich Sorgen machen. Ich glaube es ist kaum noch jemand so naiv anzunehmen, dass wirklich diejenigen Macht haben, die gewählt werden. Mächtig sind die, die das Geld und den Einfluss haben. Und wenn die einen Präsident Trump da vorne haben wollen, dann muss man sich fragen warum.

Ich glaube wir werden noch viele Themen in nächster Zeit haben, die darauf zurück­­­­­greifen. Trump wird uns sehr viel Unsicherheit bringen und möglicher­weise große Veränderungen. Mein größtes Sorgenkind wirtschafts­politisch ist China. China ist die größte Blase die die Weltwirtschaftsgeschichte jemals gesehen hat und steigende US-Zinsen werden sie zum platzen bringen. Das stammt nicht von mir, sondern von dem chinesischen Analysten Niu Dao und dessen Meinung teile ich voll und ganz.

MEDIEN-MONITOR: Warum halten Sie ein globales Kriegsszenario in diesem Jahr für möglich?

MÜLLER: Ich halte es nicht für wahrscheinlich, aber ich halte es für wahrscheinlicher als zuvor. Vor allem beschleunigt sich die Situation. Ich glaube auch gar nicht, dass es ein Kriegsszenario ist, das sich in erster Linie zwischen den USA, der NATO und Russland abspielen wird, auch wenn das der heiße Konflikt ist, den wir momentan an mehreren Nahtstellen haben, zum Beispiel im Syrien-Konflikt. Es gibt für mich noch zwei andere Brennpunkte die viel heißer sind. Das muss sich nicht unbedingt noch in diesem Jahr entscheiden, doch in den nächsten zwei oder drei Jahren kann das ein sehr heißes Thema werden. Da ist zum einen der Nordkorea-Konflikt. Hier passiert etwas ausgesprochen spannendes. Der Konflikt ist seit Jahrzehnten immanent. Das ist ein Konflikt der auch genau so gewollt war. Es gibt ein ausgezeichnetes Buch von einem der größten amerikanischen Geostrategen Zbigniew Brzeziński. Er hat den Kalten Krieg mitentworfen und mitgeführt. Er hat in den 90er-Jahren ein Buch geschrieben in dem er die Geostrategie Amerikas für den eurasischen Kontinent niederschreibt. Wie Amerika den eurasischen Kontinent sieht und welche Pläne sie für ihn haben. Detailliert wird auf jedes Konfliktfeld und jeden Staat eingegangen. Das Buch heißt „Die einzige Weltmacht“. Bereits in den 90er-Jahren ist da festgeschrieben worden wie die Nato-Osterweiterung aussieht und bis zu welchem Jahr Rumänien und Polen der Nato beigetreten sein werden. Das alles zu einer Zeit, wo das noch überhaupt kein Thema war. Und da steht auch: „Um das Jahr 2015 herum wird über einen Beitritt der Ukraine zur Nato und zur europäischen Union diskutiert werden. Die Russen werden bis dahin alles murrend akzeptieren. Die Ukraine ist der wichtigste Schlüsselstein auf dem eurasischen Schachbrett. Hier wird es zum großen Konflikt mit Russland kommen denn das wird Russland nicht akzeptieren. Es ist noch nicht klar, ob das am Ende ein wirtschaftlicher, ein politischer oder auch ein militärischer Konflikt sein wird.“ Alles wovon wir so überrascht sind, war lange ein Thema einer großangelegten Strategie, die amerikanische Geostrategen selbst niedergeschrieben haben. In diesem Buch wird auch über Nordkorea geschrieben, dass dieser Konflikt ein wunderbarer ist, der genau so erhalten werden muss. Die sind da für sich eingeigelt und die sind der Grund warum wir unsere Truppen noch in Südkorea haben. Eine der letzten Bastionen wo Amerika seine Truppen auf dem asiatischen Festland stationiert haben kann. Südkorea wäre wahrscheinlich durchaus bereit mit Nordkorea eine Wiedervereinigung anzustreben, das gilt es jedoch um jeden Preis zu verhindern, denn China würde das nur akzeptieren, wenn Amerika seine Truppen aus Südkorea abzieht. Deswegen muss dieser Konflikt auf unabsehbare Zeit eingefroren erhalten bleiben, um diese geostrategische Position zu gewährleisten. Denen war Süd- und Nordkorea vollkommen egal, es geht um die Positionierung vor der chinesischen Haustür. Auch jetzt, in der jüngsten Auseinandersetzung: Die Amerikaner haben das sofort genutzt um neue Raketenbasen auf Südkorea zu stationieren. Da geht es nicht um die Raketen, es geht um die Radarstationen, die über tausend Kilometer ins chinesische Festland hinein überwachen und Spionage betreiben können. Darum geht es. Und jetzt passiert das spannende: Dieser Konflikt hilft auch Kim Jong-un wunderbar, denn nur durch diesen Druck von außen kann er die Macht im Land aufrechterhalten und seine Herrschaft legitimieren. Der braucht diesen ständigen Konflikt um seine Macht im Land zu behalten. Amerika braucht diesen Konflikt um ihre Truppenbasen zu behalten. Doch plötzlich verändert sich etwas. Plötzlich geht Amerika weiter und eskaliert diesen Konflikt. Und spricht von Enthauptungsschlag von NordKorea, schickt weitere Truppenverbände, macht Provokationen die bisher nicht gemacht wurden. Es besteht jetzt die Gefahr, dass die Doktrinen der letzten 50 Jahre über den Haufen geworfen werden. Dass man jetzt Dinge anders angeht, als man es bisher tat. Und das würde bedeuten wir stehen vor großen Veränderungen. Auch in diesem Bereich, dass es möglicherweise tatsächlich dazu kommt das man sagt: Nordkorea wird zu gefährlich, die kommen jetzt mit Langstreckenraketen, können Atomraketen auch Richtung Amerika schicken. Wir werden ab einem gewissen Punkt nicht mehr in der Lage sein das zu unterbinden. Und was passiert, wenn es in den nächsten Jahren mit Nordkorea zu einem Konflikt kommt? Eine Revolution, ein Aufstand des Militärs und der Irre an der Spitze drückt in seiner Verzweiflung die Raketen ab. Das können wir uns jedoch nicht mehr erlauben. Bisher war das kontrollierbar, doch bevor es jetzt zu spät ist schlagen wir zu und machen einen Enthauptungsschlag. Das heißt möglicherweise kommt es jetzt zu einer militärischen Auseinandersetzung mit Nordkorea, was dramatische Konsequenzen hat. Stellen Sie sich eine atomare Auseinandersetzung mit Nordkorea vor. Wer dran Spaß hat, soll mal bitte auf die Landkarte schauen, wie weit die Hauptstadt Chinas – Peking – von Nordkorea entfernt ist und was das für die Immobilienpreise bedeuten würde. Das ist der eine militärische Aspekt der mir Sorgen macht, denn das könnte relativ kurzfristig eskalieren. Vielleicht beruhigt sich das aber auch alles wieder, so wie es sich die Jahrzehnte zuvor auch wieder beruhigt hat. Auf jeden Fall sehe ich momentan ein größeres Gefahrenpotential als jemals zuvor im Nordkoreakonflikt. Der zweite militärische Konflikt, den wir möglicherweise nur am Rande wahrnehmen ist der am Persischen Golf, zwischen dem Iran und Saudi-Arabien.

MEDIEN-MONITOR: Wie ist Ihre Einschätzung dieses Konfliktherdes?

MÜLLER: Wir haben uns erst vor wenigen Jahren entschieden vom Öl wegzugehen. Das war bis dahin technologisch nicht möglich, deshalb haben die Amerikaner alles auf Öl gesetzt. Sie erinnern sich in den 40er-, 50er- und 70er- Jahren hieß es „drill baby, drill“. Die Amerikaner haben dann in den 70er-Jahren den Deal mit den Saudis gemacht. Amerika fördert kaum noch Öl, beziehungsweise exportiert keines mehr. Bis vor Kurzem gab es ein Ölexportverbot für amerikanisches Öl, weil man wusste das Öl ist geostrategisch elementar. Die Kriegsflotten laufen nur mit Öl – Öl entscheidet die Welt. Deshalb hat Amerika gesagt, wir fördern nichts, wir exportieren nichts, wir holen uns das Öl von anderen und wenn die keins mehr haben, dann sind wir die letzten und haben noch die Reserven. Man hat die eigenen Ressourcen geschont, hat mit den Saudis einen Deal gemacht und gesagt: Ihr fördert das Öl ausschließlich gegen US-Dollar, dafür sorgen wir für eure Sicherheit und versorgen euch mit Waffen. Die Amerikaner haben weltweit Kriege führen müssen für Öl, für Pipelines, für Versorgungssicherheit. Das hat unglaublich vielen amerikanischen Soldaten das Leben gekostet. Man musste wahnsinnige Absprachen treffen mit dem Königshaus der Saudis. Allein deren Moral- und Gesellschaftsvorstellungen: Frauenrechten, Demokratievorstellung etc., das absolute Gegenbeispiel was amerikanische Demokratie darunter versteht. Auspeitschungen und Steinigungen für Ehebruch. Jetzt versetzen Sie sich in das Selbstverständnis eines amerikanischen Politikers, mit dessen Weltbild, der sich neben den saudischen Peitscher stellen muss und mit dem Geschäfte machen muss, nur weil er ihn als Öllieferanten braucht. Was glauben Sie wie die Amis den Moment herbeigesehnt haben, dass nicht mehr zu brauchen, nicht mehr auf die Saudis Rücksicht nehmen zu müssen. In dem Moment, wo sie sichergestellt haben sich selbst versorgen zu können und nicht mehr von Saudis abhängig zu sein, dann werden sie so schnell wie möglich umswitchen.

Man weiß heute, dass man bis zum Jahr 2050 definitiv in der Lage sein wird auf Öl und Gas zu verzichten. Dann sind die Speichertechnologien definitiv so weit. Das bedeutet aber, wenn wir bis zum Jahr 2050 komplett weg sind von Öl und Gas, dann wollen das die Amerikaner, denn das ist ihre Unabhängigkeit für die Zukunft. Damit können sie in der Welt vollkommen frei agieren und müssen auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Das heißt doch, dass das was bis 2050 nicht mehr gefördert ist, als wertloser Dreck im Boden bleibt. Dieses Öl braucht keiner mehr. Die 20% die wir zum Beispiel noch für die chemische Industrie brauchen ist vernachlässigbar. Jeder weiß, was er jetzt nicht fördert und verkauft in diesen wenigen Jahren, mit dramatisch rückgehender Nachfrage, der lässt das Zeug im Boden. Und welches Geschäftsmodell haben die Saudis dann ab 2050? Gar keins. Und die werden bis dahin auch kein neues aufbauen. Die haben es bis heute nicht geschafft etwas Anderes aufzubauen als Dreck aus dem Boden zu holen und zu verkaufen und sie werden es auch nicht mehr hinkriegen. Genauso wie die Russen es nie geschafft haben, etwas Anderes aufzubauen. Es fehlt die Planungssicherheit für die Unternehmen, etwas Sinnvolles aufzubauen. Das heißt, die arabischen Länder kommen aus dem Sand, hatten einige Jahrzehnte Fata Morgana und gehen wieder in den Sand. In den Medien hören wir diesen Blödsinn, „das haben die Saudis extra gemacht, den Ölpreis so niedrig zu drücken, damit sich bei den Amerikanern das Fracking nicht rechnet“. Den Saudis gehen die Währungsreserven in den Keller. Die Saudis brauchen zwischen 80 und 100 Dollar pro Barrel für einen ausgeglichenen Haushalt, weil sie die komplette Bevölkerung durchfinanzieren. Der Saudi an sich – ich vereinfahe an dieser Stelle bewusst, der Klarheit wegen – muss nicht arbeiten, der wird durchfinanziert, das zahlt das Königshaus. Und dafür entscheiden die was passiert. Dafür bestimmen die, welche Religion ausgeübt wird usw. Wenn die nicht mehr zahlen, dann geht die Bevölkerung auf die Barrikaden und dann wollen die Frauen plötzlich selbst Auto fahren. Wenn den Saudis das Geld ausgeht, dann haben sie die Revolution auf der Straße. In einer Situation wo die Währungsreserven von Saudi-Arabien noch etwa 2,5 oder 3 Jahre reichen. Wer von uns würde in so einer Situation einen Preiskrieg mit den Amerikanern beginnen? Hier geht’s nicht mehr um Marktanteile, es geht darum wer die letzten Liter in den letzten Jahren noch verkaufen darf. Die Amerikaner haben das erkannt und deswegen auch ihre Exportschranken aufgehoben und sagen: „Okay das Zeug im Boden wird eh wertlos, Leute holt es raus aus dem Boden so schnell ihr könnt und so viel ihr könnt“. Raus damit, egal ob die Quelle nachhaltig ist oder nicht. Die Amerikaner fördern und reduzieren ihre Kosten. Wenn die Saudis ihre senken, dann kriegen sie noch weniger Einnahmen, das heißt ihre Währungsreserven sind noch schneller weg, aber der Ölpreis geht nicht runter, weil die Weltmärkte voll sind. Wir wissen gar nicht wohin mit dem ganzen Öl. Das heißt die Saudis sind in richtig großen Schwierig-keiten. Die Saudis werden wir auch künftig nicht mehr brauchen. Die Amerikaner fördern so viel Öl, dass sie es selbst exportieren. Wenn wir jetzt annehmen, dass den Amerikanern ein höherer Ölpreis gelegen käme, weil sich dann das Fracking besser rechnen würde, dann frage ich: Warum lassen die Amerikaner in dieser Situation den Iran von der Kette? Der Iran, den sie seit Jahrzehnten am Eisenband halten mit Sanktionen. Jetzt werden plötzlich zig Milliarden an eingefrorenen Geldern freigegeben. Der Iran investiert dieses Geld seit Monaten in zwei Dinge: Förderanlagen und Rüstung. Die kaufen Raketen, die kaufen Flugzeuge als gäbe es kein Morgen mehr und fördern immer mehr Öl. Das heißt, der Preis wird nicht mehr steigen. Der Iran ist der Erzfeind Saudi-Arabiens. Das eine sind Araber, das andere sind Perser, völlig andere Kulturen. Das eine sind Sunniten, das andere sind Wahabiten. In einer solchen Situation – in der es um die Verteilungskämpfe des letzten Öls geht – lassen die Amerikaner den Iran von der Kette. Und sofort kommt es zum Aufeinandertreffen von Iran und Saudi-Arabien. Seit zwölf Monaten massives Säbelrasseln. Vor wenigen Tagen hat der Iran gesagt: „Wir werden den Krieg in jede saudische Stadt tragen, außer in die heiligen Städte“. Und die Saudis antworten: „Wir werden nicht warten bis der Iran den Krieg in die arabischen Städte getragen hat, wir werden dafür sorgen, dass dieser Krieg im Iran ausgetragen wird“. Der Iran hat die Möglichkeit die Straße von Hormus zuzumachen. Das heißt Saudi-Arabiens Exporte über den Golf müssen komplett eingestellt werden. Iran selbst kann durch den direkten Zugang zum Meer auch weiterhin exportieren. Die Saudis wissen das seit langem. Die meisten Ölförderungsanlagen der Saudis liegen auch am Golf, sie haben aber große Pipelines rüber gezogen Richtung Rotes Meer, um dort zur Not rauszugehen. Jetzt versteht man auch warum sich Saudi-Arabien und der Iran momentan um den Jemen streiten. Wer den Jemen beherrscht, beherrscht die Meerenge „Tor der Tränen“, die das Rote Meer vom Golf von Aden trennt, und wenn es dem Iran gelingt hier zuzumachen, dann ist Saudi-Arabien aus dem Spiel. Kurzum: Jetzt hat Trump den Rüstungsdeal mit den Saudis gemacht, das heißt er sagt: Ich nehme euch das bisschen Geld das ihr habt gerne noch ab, liefere dafür Waffen und ich hetzte dann Iran und Saudi-Arabien aufeinander. Der Iran nimmt Saudi-Arabien – und damit den größten Ölförderer der Welt – aus dem Spiel. Der Ölpreis wäre tatsächlich wieder ganz woanders und Fracking würde sich wieder richtig lohnen. Das heißt im Augenblick ist alles angerührt für einen großen Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, mit allen Konsequenzen für den Ölpreis, für die weltwirtschaftliche Entwicklung usw. Im Moment ist nur die Frage wann beide Seiten genug aufgerüstet haben um den Konflikt zu beginnen. Die Saudis kaufen massiv ein bei den Amerikanern, die Iraner bei den Russen und Chinesen.

MEDIEN-MONITOR: Wie sieht es denn mit dem NATO-Land Türkei aus? Da ist ja auch einiges im Argen – mit Recep Tayyip Erdoğan, der quasi wie ein Diktator herrscht. Der Beamte, Juristen, Anwälte, Ärzte und Journalisten ins Gefängnis steckt. Sehen Sie da nicht auch ein Bedrohungspotential?

MÜLLER: Ja, aber wenn man auf die großen Themen geht, wie interkontinentale Konflikte und deren Auswirkungen, ist das was in der Türkei passiert fast schon ein Nebenschauplatz. Auch hier beziehe ich mich auf Brzezinski, der sagt der eurasische Kontinent ist der wichtigste Kontinent der Welt. Zwischen Lissabon und Rostock – hier befinden sich 75 Prozent der Menschen der Welt. Hier liegen 75 Prozent Rohstoffe. Hier entscheidet sich das Schicksal der Welt. Es geht nicht um Südamerika, Australien oder Afrika, es geht um den eurasischen Kontinent – das ist die Welt. Und erstmals in der Geschichte ist es eine außereurasische Großmacht die hier dominiert, nämlich die USA. Und es geht jetzt darum die Vorherrschaft auf diesem eurasischen Kontinent zu entscheiden und hier bringt sich momentan jeder auf Position. Amerika versucht vom Westen her diesen Kontinent immer weiter zu dominieren. Die Chinesen ihrerseits versuchen vom Osten her über das neue große Projekt der chinesischen Seidenstraße Einfluss zu nehmen auf die Staaten Richtung Westen, sie wirtschaftlich und politisch reinzuziehen und damit einen chinesischen Kontinent zu machen. Die Russen sehen ihre Felle davon schwimmen und versuchen noch zu halten, was zu halten ist und wieder Einfluss zu nehmen auf Zentralasien. Versuchen alles zu halten, in der Ukraine, in Syrien, versuchen auch hier sich nicht zu sehr zurückdrängen zu lassen. Dann haben wir den Sultan vom Bosporus der davon träumt das osmanische Reich wieder erstehen zu lassen. Er versucht also auch seinen Machtbereich im eurasischen Bereich wieder zu sichern als eine Art Hub, eine Schaltstelle im Herzen des eurasischen Kontinents. Dieses Machtspiel auf dem eurasischen Kontinent ist momentan dominierend, alles andere sind nur Folgekonflikte.

MEDIEN-MONITOR: Wie sehen Sie die Auswirkungen der französischen Parlamentswahlen auf das europäische Wirtschafts- und Finanzsystem?

MÜLLER: Eher stabilisierend. Klar, mit Le Pen wäre die Richtung weitgehend vorgegeben gewesen. Man hätte zwar abwarten müssen, was sie davon am Ende tatsächlich umgesetzt hätte. Macron ist eine ausgesprochen spannende Personalie wie ich finde. Den kannte vor wenigen Jahren noch keiner, auch in Frankreich nicht. Der wurde praktisch aus dem Nichts heraus aufgebaut. Doch der Mann ist eine absolute Kreation der Eliten. Er war Partner bei der Rotschild Bank. Die Ausbildungswege die er gegangen ist, seine Vita, die Sponsoren der letzten Jahre, der Mann ist ganz gezielt aufgebaut worden um in dieses Amt zu kommen, um dort die Interessen der Machthabenden zu vertreten und genau das macht er auch durch eine Zusammenführung von Europa. Es soll ein Europa unter einer gemeinsamen Regierung, unter einer Schuldunion, einer Währung usw. werden. Ich denke, dass er eher stabilisierend wirkt. Er wird mit Deutschland sehr eng Harmonie schließen. Man wird Dinge vorantreiben die man bisher nicht vorantreiben konnte.

MEDIEN-MONITOR: Börsenfahrt rauf und runter. Wie sieht´s in den nächsten Jahren auf? Halten Sie einen Crash für möglich?

MÜLLER: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie für die Zukunft gelten sollen. An der Börse kann man nur Wahrscheinlichkeiten abschätzen. Ich bin seit 25 Jahren an der Börse und ich versuche möglichst viele Informationen zusammenzutragen. Und deshalb: Wenn ich jetzt gerade so viel über Geostrategien und Geopolitik gesprochen habe, da fragen mich manche warum ich mich für die Ukraine oder so interessiere. Die sagen, ich solle mich um meine Unternehmensanalyse und Aktieneinschätzungen kümmern. Dann sage ich: Genau das tue ich, weil alles zusammenhängt. Die Börse ist der große Schmelztiegel, wo alles was weltweit passiert, direkte Einwirkungen auf die Kurse hat. Auf Unternehmen, Branchen oder Indexmärkte. Ich muss versuchen so viel wie möglich von dem übergeordneten Bild zu verstehen. Wo die Reise hingeht, wo die Gefahren und die Chancen sind, denn es macht nur dann Sinn Unternehmen zu analysieren wenn ich weiß, dass diese Unternehmen nächstes Jahr überhaupt noch einen Markt haben. Wo wollen die hin, die Macht haben? Wir sind auf einem Pfad hin zu einer immer zentralistischeren Welt. Eine Welt die immer zentraler organisiert ist, die immer mehr große Konzerne hat die alles dominieren. Der Mittelstand wird immer mehr ausgedünnt. Doch das ist beabsichtigt. Dass wollen die Mächtigen großen Konzerne so. Deshalb ist auch Bürokratie für die etwas Tolles. Mittelständische Unternehmen können das kaum stemmen, aber ein großer Konzern macht das nebenbei mit. Also gehen die Konkurrenten langsam aus, verlieren langsam die Lust oder einfach die Möglichkeit das zu machen. Am Ende haben wir wenige Monopole. Wir haben zum Beispiel Amazon, während Einzelhändler ihre Läden zumachen. Wo geht die Reise für die Börse hin? Ich glaube wir sind in einer sehr gefährlichen Situation. Wir haben einen Aufschwung seit 2009. Der Aufschwung ist für Deutschland sehr gut gelaufen, doch für den Rest Europas sehr überschaubar. Amerika hatte letztes Jahr 1,6% Wachstum. Aber 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung an Staatsverschuldung dazu gepackt. Das heißt 5,4 Prozent reingepackt und 1,6 Prozent kamen raus. Das ist nicht wahnsinnig effizient. Das heißt hier wird mit unglaublich viel Aufwand wenig Aufschwung erzielt. Deswegen sind wir im Moment auch schon in einem reifen Stadium dieses Aufschwungs. Boom und Rezension sind vollkommen normal, wir leben von diesen Zyklen. Wir sehen wie katastrophal die Situation der südeuropäischen Banken ist. Die Verschuldung und faule Kredite stapeln sich bis zur Kinnlade. Wir können uns nur ungefähr vorstellen was bei der nächsten Rezension passiert. In China geht das Wachstum dramatisch nach unten. Die 6,5% die vermeldet werden sind das Papier nicht wert auf dem sie stehen. Die chinesischen Wirtschaftsdaten sind so belastbar wie die der Russen aus den 80er-Jahre. Da wird das vermeldet, was zum 5-Jahres-Plan passt, das hat alles nichts mit der Realität zu tun. Wo auch immer sie hier an der Fassade kratzen, sie werden feststellen, dass nichts stimmt. Das hat uns in den letzten Jahren nicht interessiert, weil sie einen zweistelligen Aufschwung hatten. Doch jetzt wo das ganze kippt, sollte uns schon interessieren, ob sie noch 6,5 Prozent haben oder ob es nur noch 3 Prozent sind, oder nur noch schlappe 1 Prozent. Man hat jetzt über 20 Jahre ein wunderbares Spiel gespielt. Man hat zweistellige Wachstumsraten in China gehabt und rund um den Globus haben Investoren Kredite aufgenommen. In Japan, USA und Europa in den jeweiligen Währungen für 2 Prozent oder 3 Prozent. Dieses Geld hat man nach China gebracht, bei der Zentralbank umgewechselt in heimisches Spielgeld, in Plastikchips wie in der Spielbank und ist spielen gegangen. Man hat Immobilien gekauft, Unternehmensbeteiligungen, Kredite vergeben und schon hatte man ein zweistelliges Wachstum. Ich habe 3 Prozent Zinsen gezahlt, ich habe zwischen 15 Prozent und 20 Prozent Wachstum gehabt und das ging über viele Jahre, seit den 90er-Jahren. Die haben sich dumm und duselig verdient und die Währungsreserven in China sind durch die Decke gegangen. Wenn immer neues Geld nachkommt, dann können sie als Unternehmer machen was sie wollen. Und das Spiel ist durch. Das Wachstum ist nicht mehr zweistellig. Nehmen wir mal an es wäre noch bei 6,5 Prozent, wenn ich Kredite aufnehmen will um da rein zu investieren dann zahle ich 3 Prozent, das macht nicht mehr so viel Spaß, wie wenn die 15 Prozent Wachstum habe, denn das Risiko muss ich ja auch bezahlen. Wenn ich sehe, dass das gar nicht mehr 6,5 Prozent sind, sondern nur noch 4 Prozent oder 3 Prozent, dann wird das ein Minusgeschäft. Das heißt ich sehe zu, dass ich mein Geld raushole. Ich verkaufe meine Investitionen in China, ich verkaufe meine Beteiligungen in China, tausche das Geld bei der Zentralbank wieder um und hole es nach Hause. Wenn das passiert, dann ist ein solcher Boom indem man jeden Blödsinn machen kann vorbei und dann zeigt sich was wirklich an Substanz da ist, wie profitabel die Unternehmen vor Ort wirklich sind. Genau das passiert momentan. Seit 2,5 Jahren haben wir das Geld aus China dramatisch abgezogen. Die Währungsreserven Chinas sind geschrumpft von vier auf unter drei Billionen innerhalb von 2,5 Jahren. Das heißt obwohl sie Handelsüberschüsse haben schätzt die Weltbank inzwischen, dass insgesamt 1,5 Billionen Dollar China fluchtartig verlassen haben, Tendenz steigend. Das heißt hier verlassen welche das sinkende Schiff. Die Chinesen kaufen momentan weltweit Unternehmen. Alles was nicht bei drei auf dem Baum ist, hat ein chinesisches Angebot auf dem Tisch liegen und das hat einen einzigen Grund: Sie wollen raus aus China. Die wollen ihr Geld aus dem Land bringen. Und der chinesische Unternehmer kann nicht einfach sein Geld überweisen, da gibt es Kapitalverkehrskontrollen. Wenn die aber sagen „Wir kaufen ein Unternehmen im Ausland“, dann dürfen die ihr Geld rausbringen. Deshalb geht auch der Bitcoin momentan durch die Decke auf ungefähr 2.000, denn das ist eine Möglichkeit wie Chinesen Geld außer Landes bringen können. 95% aller Bitcoin-Umsätze kommen aus China. Wir sehen momentan, dass der chinesische Riese wahnsinnig schwankt und wir haben dort die größte Blase der Weltwirtschaftsgeschichte aufgebaut. Es gibt dort Millionenstädte in denen niemand lebt, die nur gebaut wurden um zu bauen. Das nehmen wir lächelnd zu Kenntnis. Wir erzählen den Menschen seit Jahrzehnten, die Weltwirtschaft ist viel zu komplex als das man sie zentralistisch steuern könnte. Das haben wir ja in Russland mit dem Kommunismus gesehen oder in der DDR. Nur das freie Spiel der Marktkräfte ohne Einmischung des Staates hält die Balance aufrecht. Doch in China sind wir der Meinung, dass ein paar tausend alte Herren in einer 5-Jahres-Sitzung in Peking dieses riesen Reich zentralistisch steuern können. Und wir glauben diesen Blödsinn auch noch. Doch es ist nichts anders. Nur so lange in einem Schneeballsystem ständig frisches Geld nachschießt. Da können die in Peking entschließen was sie wollen, so viel Blödsinn können die gar nicht entscheiden, als dass es nicht funktionieren würde. Erst wenn dieser Zustrom von Geld endet und sich zeigt was wirklich funktioniert, dann zeigt sich was sie angerichtet haben. Und genau das passiert gerade. Dieser Strom endet und dreht um. Wenn das nicht endet und zwar schnell, dann fliegt uns China um die Ohren wie uns seit 100 Jahren nichts um die Ohren geflogen ist. Durch die Größe an Blase die wir angerichtet haben und die Gleichschaltung durch die Globalisierung wird ein Knall sein, der nichts mit 2000 oder 2008 zu tun hat. Wir haben in China Zombieunternehmen, die nur Verluste machen. Wenn Sie ein Unternehmen haben und Verluste machen, dann drehen Sie ihr Unternehmen auf links und sehen zu, dass Sie in die schwarzen Zahlen kommen. In China nicht nötig. Ihr Unternehmen wird immer wertvoller. Sie gehen einfach zur Bank und sagen „Gebt den nächsten Kredit rüber.“ Sie machen Verluste und produzieren weiter und bezahlen das Ganze mit neuen Krediten. Und das funktioniert, weil die chinesische Regierung das unterstützt, weil die sagen wir tun alles damit es keine Arbeitslosen gibt. Alles, nur kein Job-Abbau. Deshalb haben wir auch so einen Stahlüberschuss aus China und unsere europäischen und amerikanischen Stahlkonzerne wissen nicht wie sie sich dagegen wehren sollen, da die Chinesen das Zeug verschenken. Das gleiche mit Solarzellen und anderen Themen. Das sind Zombiefirmen, die nur Verluste machen, was aber durch den Staat gestützt wird. In dem Moment wo das Geld abfließt geht das nicht mehr und das passiert gerade und dann kommt all dieser Sumpf nach oben. Und wenn dieses Wasser abgeflossen ist, dann bleibt verdammt viel Schlamm übrig. Das hat bereits angefangen, das läuft in vollem Gange. Ich kann nicht sagen, dass das in den nächsten zwei oder drei Jahren zur Katastrophe führt. Den Chinesen kann es gelingen nochmal mit Vollgas All-In zu gehen. Momentan versuchen sie mit massiven Infrastrukturinvestitionen die Konjunktur wieder anzukurbeln, das Geld wieder nach China zurück zu locken und nochmal zehn Jahre draufzupacken. Das kann funktionieren, aber ich sehe es bisher nicht. Wenn es den Chinesen nochmal gelingt das Ding zu drehen, haben wir nochmal ein paar Jahre Ruhe, wenn es nicht gelingt werden wir in den nächsten Jahren sehr dramatische Entwicklungen haben.

MEDIEN-MONITOR: Das Wichtigste zum Schluss: Auf was sollten Anleger setzen und wie geht es Ihrem eigenen Fonds?

MÜLLER: Die Situation ist sehr spannend für Anleger und die Finanzmärkte, denn im Augenblick boomen die Märkte. Mit oder ohne Trump, egal was da gerade passiert, die Märkte gehen steil und ich kann nicht ausschließen, dass das erst mal so weitergeht. Wir sind in der letzten großen 5er-Welle, das ist meist auch die schärfste und aggressivste. Die kann sehr steil und auch lange ausladen, aber es ist eben die letzte bevor dann fünf Wellen nach unten kommen. Dieser steile Weg kann durchaus noch ein Jahr gehen und wir können auch den DAX bis 14.600 steigen sehen, alles denkbar. Aber in dem Moment wo es abbricht, wird es schnell und heftig werden. Möglichweise werden wir jetzt noch weitere tolle Eskapaden sehen, aber irgendwann kommt der heftige Schlag. Wann der kommt, kann niemand sagen und alles darauf zu wetten wäre ein großer Fehler. Meine Anlageempfehlung: Es bleibt nichts anderes übrig als in Sachwerte zu investieren. Anleihen sind ein Wahnsinn, die sind lächerlich hoch bewertet. Zinsen von 0 Prozent heißt, dass die Kurse lächerlich hoch sind. Wenn ich eine 10-jährige Bundesanleihe kaufe weiß ich jetzt schon, dass selbst wenn alles perfekt läuft, bekomme ich weniger raus als ich investiert habe. Wer macht so was? Entweder einer der glaubt, dass er morgen einen noch blöderen findet, der noch mehr dafür zahlt. Oder aber er muss es. Aber beides sind keine Argumente für einen Anleger sich da einzuklinken. Es bleiben am Ende nur Beteiligungen an Sachwerten, an guten Unternehmen. An Unternehmen die auch nach jeder Krise bestehen, weil sie seit Jahrzehnten bewiesen haben, dass sie es können. Aber auch die werden in einem Crash-Szenario unter die Räder kommen. Deshalb: Meine Strategie ist es in diese Unternehmen zu investieren, auch lange dort investiert zu bleiben, aber sich gegen mögliche Crashs abzusichern. Ich setze das genauso um. Wir sind im April 2015 gestartet, waren im ersten Jahr ausgezeichnet – bis zu 15 Prozent besser als der Gesamtmarkt – aber danach ging es in die andere Richtung und ich war zu konservativ. Ich habe im Vorfeld der amerikanischen und französischen Wahl gedacht das ist unkalkulierbar was hier passiert und wir haben es zu stark abgesichert. Das heißt wir haben Performance verloren und wir hängen momentan dem Markt noch deutlich hinterher. Das dreht sich sehr schnell, weil wir uns sehr vom Markt lösen und ich sage, ich möchte das Kapital sichern und vermeiden, dass die Depots der Anleger viel verlieren. Die Argumentation, dass es sich nach einem Crash innerhalb weniger Jahre wieder erholt ist nicht zwangsläufig. Ich bin momentan konservativer unterwegs und hänge mit meinem Fonds hinter der Kurve, weil ich diese Performance nach oben nicht ungebremst mitgehe und das wird mir momentan von den Medien um die Ohren gehauen. In den letzten 4 Monaten haben wir wieder massiv aufgeholt. Abgerechnet wird am Ende und das ist für mich ein Horizont von 10 Jahren.

MEDIEN-MONITOR: Herr Müller, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Dirk Müller führte Michael Märzheuser beim Hilton Talk am 24. Mai 2017 in München.